Gas

Große Veränderungen Richtung Asien Gazprom in Turbulenzen – Bilanz für Russland im Kriegsjahr 2022

Förderung und Export von Gas aus Russland sind deutlich gesunken. Hier ein Blick auf die Daten von Gazprom, und ein Blick nach Asien.

Gas-Pipeline von Russland nach Deutschland

Hat Konzernchef Alexej Miller zum Jahresauftakt über Rekordergebnisse in 2021 gesprochen, erklärte er nun den Absturz der Förderung und der Exporte von Gas in diesem Jahr. Dagegen nahm sich das Corona-Jahr 2020 wie ein kleiner Dämpfer aus. Doch der Einmarsch der russischen Truppen am 24. Februar in die Ukraine änderte die Lage auch für Russlands Gaskonzern Gazprom radikal.

Gazprom förderte über 100 Milliarden Kubikmeter Gas weniger

2021 nannte Miller ein Rekordjahr. Die Gasförderung lag bei 514,8 Milliarden Kubikmeter. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Zuwachs von 62,2 Kubikmeter Gas. „Das ist das beste Ergebnis der letzten 13 Jahre“, unterstrich Miller. In diesem Jahr stürzte die Gasförderung um über 100 Milliarden Kubikmeter auf 412,6 Milliarden Kubikmeter Gas ab. Der Zuwachs von 2021 gegenüber dem Coronajahr wurde jetzt in negativer Richtung mehr als getoppt. Gleich zu Beginn seiner Jahresansprache stellte der Gazprom-Chef hierzu voran: „Ich möchte gleich anmerken, dass sich 2022 natürlich als sehr, sehr schwierig herausgestellt hat. Es gab buchstäblich totale Veränderungen auf den Energiemärkten. Und wenn wir diese Veränderungen früher Supervolatilität nannten, begannen wir Ende des Jahres zu sagen, dass dies bereits einfach Turbulenzen waren. Aber bei alle dem hat Gazprom zuverlässig, souverän und sehr gut koordiniert weitergearbeitet. So wie es in unserem Unternehmen sein sollte.“

Exporte von Gas aus Russland haben sich halbiert

Anfang Januar war die Welt für Gazprom noch in Ordnung. Die Gasleitung Nord Stream 2 sei vollständig betriebsbereit, verkündete Miller. Die Gasexporte nach Europa und in die Türkei hätten 2021 gegenüber 2020 um fast sechs auf 185,1 Milliarden Kubikmeter zugelegt. Das sei das viertbeste Ergebnis unter den historischen Rekorden des Unternehmens. 15 Länder, darunter die größten Verbraucher mit den höchsten Zuwächsen, hätten den Bezug von russischem Pipelinegas erhöht. So habe etwa Deutschland 10,5 %, die Türkei 63 % und Italien 20,3 % mehr Gas abgenommen. Lediglich die Türkei ist in diesem Jahr als Großkunde mit zweistelligen Milliardenabnahmeumfängen übrig geblieben. Erhält Italien noch Restmengen über die Ukraine, ist Deutschland als Großabnehmer Geschichte.

In Summe exportierte Gazprom in diesem Jahr nach Europa und in die Türkei nur noch 100,9 Milliarden Kubikmeter Gas. „Nach vorläufigen Schätzungen beträgt der Rückgang der weltweiten Nachfrage, wie Sie wissen, 65 Milliarden Kubikmeter Gas. Und es sollte beachtet werden, dass 55 Milliarden Kubikmeter dieser 65 Milliarden auf 27 europäische Länder entfallen. Das spricht Bände“, sagte Miller zur diesjährigen Exportbilanz. Gemessen an früheren Rekordergebnissen von rund 200 Milliarden Kubikmeter Gas hat sich der Export nach Europa und in die Türkei halbiert, auch wenn diese ihren Import aus Russland über die Schwarzmeergasleitungen Turkish und Blue Stream unvermindert fortsetzt.

Wende nach China beschleunigen

Sowie der Verlust der europäischen Großkunden, allen voran Deutschland mit einer Abnahme von rund 50 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr eine unverrückbare Tatsache ist, setzt Gazprom alles daran, dieses Volumen schnellstmöglich in China umzusetzen. Nach Lesart von Präsident Wladimir Putin soll das zusammen mit Gaslieferungen von der Pazifikinsel Sakhalin bis 2025 geschafft sein. Sein Petersburger Weggefährte Miller ist beauftragt, dafür zu sorgen. Seit 2019 transportiert die Gasleitung Kraft Sibiriens vom Tschajandinskoje Vorkommen in Jakutien Gas über 2200 Kilometer weit an die ostchinesische Grenze. Im letzten Jahr sind auf diesem Weg knapp 8 Milliarden Kubikmeter zusammengekommen. Für dieses Jahr sind 15 Milliarden Kubikmeter geplant. Je nachdem, wie die täglichen Lieferrekorde sich auf die Jahresbilanz auswirken, könnte es mehr sein. Um die vereinbarten 38 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr dem neuen Großkunden im Osten technisch liefern zu können, waren Ausbauarbeiten an der Pipeline-Trasse mit neuen Kompressorstationen erforderlich. Auch die gut 800 Kilometer lange Trasse zum Gasfeld Kowykta war noch zu verlegen.

Am 21. Dezember erfolgte der feierliche Anschluss des ostsibirischen Kowyktinskoje Vorkommens an „Kraft Sibirien“. „Auf der Landkarte erscheint ein neues Gasförderzentrum in Irkutsk. Wir eröffnen das einzigartige Kowykta-Gaskondensatfeld, das größte in Ostsibirien. Seine förderbaren Reserven betragen 1.800 Milliarden Kubikmeter Gas“, sagte der russische Präsident Wladimir Putin am 21. Dezember zur Inbetriebnahme per Video-Schalte. Die Vorräte der Gasfelder Kowykta und Tschajanda umfassen zusammen laut Gazprom 3.000 Milliarden Kubikmeter Gas. „Jetzt liefern beide mächtigen Gasförderzentren – Irkutsk und Jakutsk – Gas für Kraft Sibiriens. Die Autobahn ging auf ihrer gesamten Länge in Betrieb – auf mehr als 3.000 Kilometer“, so Miller. Damit könnten die Versorgung der Bevölkerung und Exportverpflichtungen sichergestellt werden.

Putin macht Pläne bis 2030

„Die Umsetzung von Projekten wie dem Kowyktinskoje-Vorkommen, Kraft Sibiriens 2 und der fernöstlichen Transportroute wird es ermöglichen, die Gaslieferungen nach China bis 2025 auf 48 Mrd. m3 und bis 2030 auf 88 Mrd. m3 zu erhöhen“, erklärte Putin in einer Sitzung des Rates über strategische Entwicklung und nationale Projekte Mitte Dezember. Damit eröffnete er, wann die Gasleitung Kraft Sibiriers 2 von westsibirischen Gasfeldern und der Jamal-Halbinsel Gas über die Mongolei nach China liefern soll. Auch wenn dadurch ein Gros der Exporte nach Europa aufgefangen wird, bleibt neben dem großen Zeithorizont noch eine Lücke, für die Putin neue Projekte zur Produktion von verflüssigtem Erdgas LNG auf Jamal ins Feld schicken will. Demnach soll sich die LNG-Produktion bis 2030 um 70 Milliarden Kubikmeter steigern, „was auch dazu beitragen wird, die Geografie der Exporte zu erweitern.“ Beim LNG hat der zweitgrößte Gasproduzent Nowatek gegenüber Gazprom die Nase vorn und wird demnächst Gasverflüssigungstechnik aus China installieren.

Gazprom zahlt hohen Preis

Ob ein Strang der betriebsbereiten Gasleitung Nord Stream 2 noch intakt ist, darüber schwappen die Wellen der Ostsee, so wie ungeklärt ist, wer die Sprengungen an den beiden Nord Stream-Gasleitungen vorgenommen hat. Deutschland lässt sich aus Russland aktuell nur über schwimmende Importterminals mit verflüssigtem Erdgas (LNG) erreichen. Das Pipeline-Geschäft ist tot. Die Gasleitung Jamal-Europa ist mit russischen und polnischen Sanktionen belegt. Der Weg über die Schwarzmeergasleitung ist weiter und mit vielen Unwägbarkeiten gepflastert. Ob China für zwei weitere Stränge im Schwarzen Meer Verlegeschiffe bereitstellen kann, ist eher unwahrscheinlich. Für sämtliche Verlegearbeiten in der Tiefsee nutzte Gazprom bis auf die letzten Kilometer bei Nord Stream 2 westliche Spezialschiffe.

Außerdem ist Chinas Zahlungsbereitschaft begrenzt. Das macht ein Blick auf den Gasliefervertrag, den Gazprom mit Chinas Nationaler Ölgesellschaft CNOC im Mai 2014 schloss, deutlich. Der Vertrag ist auf 30 Jahre Laufzeit ausgelegt und sieht Jahreslieferungen von 38 Milliarden Kubikmeter Gas vor. Den Vertragswert bezifferte Gazprom-Vorstandschef Alexej Miller seinerzeit am 27. Juni 2014 auf 400 Milliarden Dollar. Rechnerisch ergibt sich aus dem Vertragsvolumen, dass China im Schnitt 350 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter Gas zahlt. Zum damaligen Zeitpunkt war das für Gazprom lukrativ. Die Hochpreis-Rallye in diesem Jahr zeichnet ein anderes Bild. Konnte Gazprom im ersten Halbjahr davon profitieren und einen Rekordgewinn einfahren, sind die Aussichten für 2023 düster. Die Sanktionen wirken.



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

6 Kommentare

  1. Wäre doch mal interessant zu erfahren, wie hoch Gasverkäufe 2022 in der Summe waren.
    Wenn jetzt die EU für Milliarden an Flüssiggas in Russland kauft…

    Milliarden-Importe: EU kauft große Mengen von russischem Flüssiggas

    https://www.merkur.de/wirtschaft/lngterminal-lng-import-ukraine-krieg-aktuell-energiekrise-embargo-news-russland-gas-eu-zr-91962114.html

    1. Hallo Helmut
      Die Regierung verkauft doch Humbug an die Bürger, die tricksen mit doppeltem Boden. Grünenlike eben.
      Polen hat doch die Abnahme russ. Gases über Jamal schon vor einem Jahr gestoppt.
      Und jetzt macht Russland trotzdem – anders funktioniert es nicht – mit dem Verkauf von LNG Geschäft. Vor Jamal wird die erste schwimmende Verflüssigungsanlage im großen Stil gebaut. Und fast alles mit eigener Technik und Produktion. Natürlich wird Russland erst mal weniger einnehmen, aber die starten voll durch. Machen immer mehr selbst um vom Westen unabhängig zu werden.
      Hier zur persönlichen Erbauung über den Zustand in deutschen Parlamenten, von Antonin Brousek (60), gebürtiger Tscheche, seit 2021 Sitz als Abgeordneter der AfD. Er ist Volljurist, war Richter am Amtsgericht Berlin und Ausbilder am Kammergericht. Gibt´s solche Zustände in Spanien auch ?
      https://www.youtube.com/watch?v=8CDD9UNL_8E&t=8s

      1. Hallo Ottonorma,
        natürlich werden wir in Spanien auch nicht von gottähnlichen Wesen regiert, die keine Fehler machen.
        Aber wenn sie Fehler machen, dann werden diese, wie der Lockdown 2020, vom Verfassungsgericht für illegal erklärt, und alle erhobenen Bußgelder wurden zurückgezahlt.
        Kannst Du Dir das in Deutschland vorstellen?
        Der Vergleich mit Kindern ist bei den Grünen gut gewählt.
        Sie bauen sich Sandkastenspiele auf.
        Nur, es betrifft keine Sandburgen, sondern die Energieversorgung von Deutschland.
        Es sollen einfach mehr Windräder und Solar gebaut werden, und dann klappt es mit der Energieversorgung von Deutschland.
        Umgerechnet auf die Bevölkerungsdichte hat Spanien 14 Atomkraftwerke, 12 LNG Terminals (4 weitere sind im Bau) der Strom kostet 22 Cent/KW und der Gaspreis ist gedeckelt. Selbst das Gas aus Gasflaschen kostet nur etwa 12 Cent/ KW, Diesel 140,9.
        Deutschland macht einen „Doppekwumms“ für über 200 Milliarden(!?)
        Sind das hier Dummköpfe in der Regierung?
        Während in Deutschland die Grundsicherung 2022 um 0,67% erhöht wurde, wurden die Sozialrenten hier um 15 % erhöht; normale Renten werden am 1.1.23 um 8,5 % erhöht.
        Ich bin ja mal gespannt wie Deutschland in 3 Jahren aussieht, wenn diese grüne Sekte so weiter macht.
        Werden für die dann drei abgeschalteten AKW mind. 10 weitere alte Kohlekraftwerke. wieder in Betrieb genommen?
        Oder wird dann in etwa 10 weiteren Gaskraftwerken Gas verbrannt?

        Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  2. der in sich durchdringende . Punkt, wandelt Schwarz auf weisesten Grund.
    Hoppla, der Kommentar war für ein neues Gemälde von Lassly Lugowechz bestimmt.
    Sein neues Werk, nach weißen Punkt auf weißen Grund.
    na dann einen guten Rutsch ins neue Jahr 2023.

  3. Mich würde interessieren, welche Verluste macht Deutschland, im Jahr 2022?! Und wer hat die Interesse gehabt, an Sabotage, an Nordstream Pipelines Oder dürfen sie es nicht schreiben?

  4. Pingback: das-bewegt-die-welt.de

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage