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Geldmenge als Antreiber der Inflation ignoriert? Top-Experte warnt

EZB-Zentrale in Frankfurt

Die Geldmenge wird seit Jahren in einem dramatischem Ausmaß ausgeweitet, aber die Inflation war im selben Zeitraum jahrelang überhaupt nicht angestiegen. Von daher geriet diese Kennzahl als Gradmesser beziehungsweise Frühindikator für eine herannahende Inflation in den letzten Jahren quasi in Vergessenheit. Bezüglich der in den letzten Monaten stark ansteigenden Inflation (aktuell 4,9 Prozent in der Eurozone) sieht man derzeit vor allem die Coronakrise und ihre Folgen als Auslöser. Aber von der Geldmenge redet niemand.

Dr. Jörg Krämer ist als Chefvolkswirt der Commerzbank ein Top-Experte, und bespricht regelmäßig wichtige ökonomische Themen. Heute hat er sich in einer Veröffentlichung der Geldmenge gewidmet. Er ist der Meinung, dass sie als Kennzahl zu Unrecht aus der Wahrnehmung der meisten Volkswirte verschwunden ist, wenn es um eine Vorausschau auf eine höhere Inflation geht. Die meisten Volkswirte haben seiner Aussage nach schon vor Jahren die Geldmenge aus ihren Modellen verbannt. Vermutlich sei diese Ignoranz zu radikal. Denn diese Kennzahl sei viel besser als ihr Ruf.

Geldmenge noch immer ein Inflationsindikator

Zwar weisen die Kritiker der Geldmenge laut Dr. Jörg Krämer zu Recht darauf hin, dass Geld nicht nur für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen verwendet wird, sondern auch auf Konten gehortet wird. Dazu komme es gerade in Krisenzeiten, weshalb das Geld dann langsamer in der Wirtschaft zirkuliert und ein kurzfristiger Anstieg der Geldmenge nicht zu mehr Inflation führt. Aber steigt sie über längere Phasen zu stark, sei das noch immer inflationär. Destilliert man aus der Geldmenge M3 einen Trend heraus, sage er nach wie vor viel über die Grundrichtung der Inflation aus. Mit umgekehrtem Vorzeichen habe man dies in den Jahren vor der Pandemie gesehen. Weil die Geldmenge im Durchschnitt lange Zeit nur um knapp fünf Prozent gewachsen war, erreichte die EZB nicht ihr Ziel einer Inflationsrate von 2 Prozent.

EZB kann Geldmenge ausreichend beeinflussen

Weiter wird laut Dr. Jörg Krämer gegen die Geldmenge eingewendet, dass eine Zentralbank wie die EZB sie nicht steuern könne. Das stimmt seiner Aussage nach teilweise, weil ja zunächst die Banken darüber entscheiden würden, wie viele Kredite sie gewähren und entsprechend neues Geld auf den Girokonten ihrer Kunden gutschreiben. Aber die EZB könne mit ihrem Leitzins maßgeblich für angemessene Kreditzinsen sorgen. Bankkunden fragen dann nicht zu viel Kredite nach und es entsteht nicht zu viel neues Geld. Die EZB könne die Geldmenge auf die lange Sicht ausreichend beeinflussen. Manchmal steuere sie sie sogar direkt – wenn sie nämlich wie seit Beginn der Pandemie die gesamten Haushaltsdefizite im Euroraum durch den Kauf von Staatsanleihen finanziert (das PEPP-Programm), gelange dieses zusätzliche Geld eins zu eins auf die Konten der Finanzminister, die es ausgeben und so in Umlauf bringen.

Warnung vor Ignoranz

Beim Urteil über die Geldmenge sei auch die Alternative zu betrachten, nämlich die Geldpolitik direkt am Endziel einer niedrigen Inflation auszurichten und die Geldmenge als Zwischenziel zu ignorieren. Aber solch eine direkte Inflationssteuerung ist laut Aussage von Dr. Jörg Krämer ebenfalls mit Risiken verbunden. So sei die US-Inflation nach Ausbruch von Corona zunächst gefallen und gab dann Entwarnung. Aber die massiv gestiegene Geldmenge habe schon früh signalisiert, dass Donald Trump flankiert durch die Anleihekäufe der US-Notenbank viel zu üppige Finanzhilfen gewährte. Die so aufgeblähte Nachfrage stieß auf ein Corona bedingt gesunkenes Angebot und ließ die Inflation in die Höhe schießen. Letztlich habe sowohl die Ausrichtung der Geldpolitik an der Geldmenge als auch an Inflationsprognosen Stärken und Schwächen. Aber diese Kennzahl zu ignorieren, sei radikal und könne sich schon bald als Fehler erweisen.

Langfrist-Grafik über Geldmenge und Inflation



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