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Blick auf das Pfund und die Kreditausfallversicherungen Großbritannien: Die Schmerzgrenzen des Marktes – neue Interventionen möglich?

Nach der Notrettung der Bank of England am Anleihemarkt stehen weitere Schmerzgrenzen in Großbritannien an, zum Beispiel beim Pfund.

Westminster mit Big Ben als Symbol für Großbritannien

Am Mittwoch sah sich die Bank of England (BoE) genötigt außerplanmäßig eine Veröffentlichung zu machen. Man müsse die „Funktionsfähigkeit der Märkte wiederherstellen“. Renditen für britische Staatsanleihen (Gilts) stiegen sehr schnell, die Kurse fielen also stark. Die BoE verkündete kräftig zu kaufen um die Renditen wieder zu drücken. Hier dazu unser gestriger Bericht über die Vertrauenskrise und Finanzkrise durch die neue Premierministerin Liz Truss. Ist die „Beinahe-Finanzkrise“ in Großbritannien damit beendet? Denn auch das Pfund hat sich nach seinem Crash wieder erholt auf den Stand von Ende letzter Woche! Dem scheint nicht so zu sein. Ein Blick auf die Kreditausfallversicherungen für Großbritannien und andere Probleme gibt Aufschluss darüber, wie der Kapitalmarkt weiterhin sehr kritisch auf die gesamte Gemengelage in Großbritannien schaut.

Großbritannien: Nächste Schmerzgrenze bald erreicht?

Die Notmaßnahmen der Bank of England haben die Finanzmärkte des Vereinigten Königreichs wieder halbwegs in Ordnung gebracht, doch die nächste Schmerzgrenze könnte nicht mehr allzu weit entfernt sein, so berichtet es aktuell Bloomberg. Die Atempause durch die milliardenschweren Anleihekäufe der BoE in den vergangenen zwei Tagen hat sich bereits als etwas kurzlebig erwiesen. Staatsanleihen und das Pfund schwanken weiterhin zwischen Gewinnen und Verlusten, während die Kosten für die Versicherung gegen einen Zahlungsausfall von Großbritannien (Kreditausfallversicherungen) so hoch sind wie seit dem Brexit-Votum im Jahr 2016 nicht mehr.

Da die neue Premierministerin Liz Truss an ihren Plänen für kreditfinanzierte Steuersenkungen festhält, die in dieser Woche zu einem Rekordtief im Pfund und einem historischen Anstieg der Anleiherenditen geführt haben, haben sich die Banken an der Wall Street aufgereiht, um die Finanzen des Landes in Frage zu stellen und weitere politische Maßnahmen zu fordern. Hier ein Blick auf einige sich abzeichnende Marktniveaus, die eine weitere Reaktion der britischen Behörden auslösen könnten.

Pfund-Parität

Wenn das britische Pfund zum ersten Mal unter die Parität zum Dollar fällt, wäre das für Liz Truss sehr peinlich und ein deutliches Zeichen für das sinkende Ansehen des Vereinigten Königreichs. Die Zeitung Telegraph berichtet, dass sie sich bei einem solchen Wert (GBPUSD 1:1) einer Rebellion der Tory-Gesetzgeber gegen die Steuersenkungen ausgesetzt sähe.

Zwar hat sich das Pfund wieder erholt und wird um 1,10 $ gehandelt, doch zeigen die Bewegungen der letzten Tage, wie schnell es unter den falschen Bedingungen einbrechen kann. Die Chancen, dass die Währung bis zum Jahresende die Parität erreicht, stehen bei etwa 1:3, und der jüngste Anstieg könnte es für Händler sogar billiger machen, darauf zu wetten.

„Die Annäherung an die Parität ist eindeutig ein psychologisch wichtiger Punkt“, sagte Lyn Graham-Taylor, Strategin bei der Rabobank, und fügte hinzu, dass die Abwertung des Pfunds von der Bank of England berücksichtigt werden muss, da sie den Inflationsdruck verschärft. „Ich denke, der Markt wird die Bereitschaft der BoE, die Zinsen aggressiv anzuheben, testen.

Kursentwicklung im britischen Pfund

Der Gilt-Schmerz

Bei Staatsanleihen sind die Handelsbedingungen vielleicht noch wichtiger als die Höhe des Kurses. Antoine Bouvet, Stratege bei der ING Groep NV, stellte fest, dass sich die durchschnittlichen Geld-Brief-Spannen bei den meisten Staatsanleihen seit der Intervention der BoE verbessert haben, aber bei längeren Laufzeiten bleibt die Liquidität angespannt. Ein Liquiditätsindex für Staatsanleihen zeigt, dass die Handelsbedingungen so schlecht sind wie seit 2011 nicht mehr. Wenn die Bedingungen schlecht bleiben oder sich verschlechtern, sobald die BoE ihre Käufe einstellt, könnte dies der Notenbank einen Vorwand liefern, aus Gründen der Finanzstabilität weiterhin zu intervenieren.

Liquidität im Handel mit britischen Staatsanleihen

Auf längere Sicht könnte ein weiteres Druckventil getroffen werden, wenn die BoE ihre Pläne zum Abbau ihrer Anleihebestände mit Verzögerung vorantreibt. „Dass sie jetzt kaufen, zwei Wochen später wieder verkaufen und dann eine deutliche geldpolitische Zinserhöhung vornehmen, scheint ein schwieriges Unterfangen zu sein“, so Rohan Khanna, Zinsstratege bei der UBS Group AG.

Hypothekenkrise in Großbritannien

Die Renditen für zweijährige Zinsswaps, die von den Kreditgebern zur Preisgestaltung von Hypotheken verwendet werden, sind diese Woche inmitten der Marktvolatilität auf fast 6 % gestiegen. Die Kosten für die meisten zweijährigen britischen Hypotheken liegen immer noch deutlich unter diesem Niveau, je nach Kreditwürdigkeit des Kreditnehmers zwischen 3 und 5 %.

Der Abstand zwischen diesen beiden Werten kann nur so lange aufrechterhalten werden, bis die Kreditgeber ihre Absicherungen ausgeschöpft haben, woraufhin die Hypothekenzinsen drastisch ansteigen müssen, damit die Banken keine Kredite mit Verlust vergeben. Die Kosten für die Aufnahme eines Kredits zum Erwerb eines Eigenheims in Großbritannien haben bereits den höchsten Stand seit der Finanzkrise erreicht. Weitere Erhöhungen sind unvermeidlich, da die Zinssätze zur Bewältigung der Inflation steigen. Ein plötzlicher Anstieg würde jedoch das politische Kapital gefährden, das die konservative Partei in Wohneigentum und den Wohnungsmarkt investiert hat.

Swap-Raten

Kreditwarnungen

In der Welt der Sterling-Kredite haben die Alarmglocken bereits geläutet, denn die Refinanzierungskosten für auf Pfund lautende Investment-Grade-Anleihen sind so hoch wie nie zuvor. Doch selbst wenn die Renditen auf ihren größten monatlichen Anstieg in der Geschichte zusteuern, zeichnet sich ein weiterer, noch bedrohlicherer Meilenstein am Horizont ab. Mit 6,6 % ist die Rendite laut einem Bloomberg-Index etwa 260 Basispunkte von ihrem Allzeithoch von 9,23 % entfernt, das 2009 im Gefolge der weltweiten Finanzkrise erreicht wurde. Angesichts der jüngsten Marktbewegungen könnte dies innerhalb weniger Wochen der Fall sein.

Ein Anstieg über 10 % würde auf dem Markt Panik auslösen. Ein Anstieg in den zweistelligen Bereich, der eher mit Schwellenländern vergleichbar ist, wäre ein Schock für die Anleger, da der Index die sichersten auf Pfund Sterling lautenden Unternehmensanleihen abbildet, und es würde die Kreditnehmer in eine nie dagewesene Risikoposition bringen.

Anleiherenditen

FMW/Bloomberg



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1 Kommentar

  1. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Die Renditen sind zurückgekommen und der Dollar von 0,96 auf nur noch 0,89. Offensichtlich hat die Notenbank mit ihrer Intervention erfolgt.

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