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Hyperinflation: In Venezuela kostet ein Liter Milch 6,7 Millionen Bolívar

Venezuela Flagge

Seit acht Jahren herrscht in Venezuela Hyperinflation. Fast 20 Prozent der Bevölkerung haben dem Land bereits den Rücken gekehrt. Die aktuelle Inflationsrate liegt bei 2.720 Prozent. Ab Oktober werden sechs Nullen von den Geldscheinen gestrichen und eine digitale Währung eingeführt. Den Venezolanern wird beides wenig helfen.

Hyperinflation trotz Rohstoffreichtum

Es ist paradox: Venezuela verfügt mit 303,3 Milliarden Barrel über die größten Erdölreserven der Welt (17,5 Prozent). Doch im Gegensatz zu dem wohlhabenden Wüstenstaat Saudi-Arabien, dem Land mit den zweitgrößten Ölreserven, ist Venezuela offiziell bankrott. Zumindest wenn man den Ratings der drei großen amerikanisch/britischen Agenturen Standard & Poor´s, Fitch und Moody´s glaubt.

Die Kombination aus verfehlter Wirtschaftspolitik, umfangreicher Sanktionen und massiver Korruption berauben das Land jeglicher Perspektive. Zwar unterstützen China und Russland die Ölindustrie des Landes mit Know-how, Personal, Investitionen und Lieferverträgen, aber die hausgemachten Probleme, der Druck aus dem Westen sowie die Folgen der Pandemie machen diese Bemühungen wieder zunichte. Daran kann auch der gestiegene Ölpreis nichts ändern. Seit im Jahr 2007 die Ölindustrie verstaatlicht wurde und alle ausländischen Ölgesellschaften ihre Anteile an Ölfeldern an den Staatskonzern Petróleos de Venezuela verkaufen mussten, bricht die Fördermenge immer mehr ein.

Grafik zeigt Daten zur Ölproduktion in Venezuela

Die Währungsreserven in Venezuela schmelzen ebenfalls wie Butter in der Sonne: Von den 43,1 Milliarden US-Dollar im Dezember 2008 sind im Juni dieses Jahres noch knapp 6,2 Milliarden US-Dollar übrig. Das entspricht einem Rückgang um 85,7 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass Großbritannien die Herausgabe von Vermögenswerten der Zentralbank von Venezuela (BCV) in Höhe von rund zwei Milliarden US-Dollar verweigert. Darunter venezolanische Goldreserven im Wert von knapp einer Milliarde US-Dollar. Seit drei Jahren untersagt die Bank of England (BoE) der BCV den Zugriff auf die Goldreserven und lehnt die beantragte Rückführung in die Tresore nach Caracas ab. Der Westen erkennt Nicolás Maduro als Staatsoberhaupt nicht an und verweigert jegliche Zusammenarbeit mit der offiziellen Regierung Venezuelas.

Die venezolanische Opposition wirft dem ehemaligen Staatsoberhaupt Hugo Chávez und seinem Nachfolger Maduro vor, zwischen 1999 und 2020 Einnahmen von 992 Milliarden US-Dollar aus Ölexporten veruntreut zu haben. Gleichzeitig verdreifachten sich die Schulden des Landes im gleichen Zeitraum von 35 Milliarden US-Dollar auf 112 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020.

Im Rausch der Inflationsgeschwindigkeit

Neben den Ölreserven führt Venezuela eine weitere Statistik an: die weltweite Inflationsstatistik.

Grafik zeigt die zehn Länder mit der weltweit höchsten Inflation

Für die unterschiedlichen Inflationsgeschwindigkeiten gibt es zwar keine einheitlichen Abgrenzungen und Definitionen, aber als Orientierungshilfe hier eine Auflistung nach aufsteigender Geschwindigkeit:

1. Schleichende Inflation: Inflationsrate von unter 2 Prozent pro Jahr. Sie wird von den Wirtschaftssubjekten im Alltag kaum wahrgenommen.

2. Trabende Inflation: Inflationsraten zwischen 2 und 10 Prozent pro Jahr. Dieses Niveau haben wir mittlerweile auch in den meisten Industriestaaten erreicht.

3. Galoppierende Inflation: Inflationsrate bis zu 50 Prozent pro Jahr. An diesem Punkt beginnen die Notenbanken die Kontrolle und das Vertrauen der Bevölkerung endgültig zu verlieren.

4. Hyperinflation: Inflationsrate über 50 Prozent pro Jahr. Die Folge sind Währungsschnitte und wirtschaftliche Depression.

In Venezuela herrscht seit acht Jahren Hyperinflation und seit sechsten Jahren offiziell Rezession. Millionen Venezolaner leben in Armut und leiden unter Mangelernährung. Lebensmittel, Hygieneartikel und Medikamente werden hauptsächlich gegen US-Dollar zu hohen Preisen verkauft. Ein Liter Milch kostet 1,67 US$ (6,7 Mio. Bolívar), 500g Weißbrot fast 2 US$ (8 Mio. Bolívar) und ein Kilo Äpfel fast 5 US$ (20 Mio. Bolívar). Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten betragen für eine vierköpfige Familie ca. 1.900 US-Dollar pro Monat. Das Durchschnittseinkommen lag 2020 umgerechnet aber lediglich bei 2.000 US-Dollar – pro Jahr (8 Milliarden Bolívar). Damit ist der Großteil der Bevölkerung zwar Einkommens-Milliardär in Bolívar, gleichzeitig entspricht das aktuelle verfügbare Einkommen in US-Dollar einem 70-Jahrestief. Der 1-Millionen-Bolívar-Schein ist derzeit der höchste Nennwert, aber er ist knapp. Mehr als acht dieser Scheine werden benötigt, um ein Brot zu kaufen.

Geldscheine aus Venezuela

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1 Kommentar

  1. Selbst noch im 20-ten Jahrhundert wäre Venezuela ein Land gewesen, reif für eine feindliche Übernahme. Es hätte einen neuen Herren bekommen, das Volk wäre, wie unter jedem Feudalregime, arm geblieben, aber nur Abgaben, Seuchen und Hungersnöte hätten ihm ernsthaft zugesetzt. So war es Jahrtausende lang, so wäre es immer noch. Nun aber hatte das Land das Pech sich die Fortschrittsfreunde einzufangen, die ja auch nicht einfach regieren können wie die alten Familiendynastien, z.B. die Sauds und sie halten sich hartnäckig wie die Krätze.

    Mitfühlende Kapitalisten drücken sich jetzt eine Träne aus dem Gesicht: ach die armen Menschen, man hätte so viel aus dem Land machen können, all das Öl und dann der Tourismus… aber die woken Kapitalisten sind eben auch ganz und gar Geschöpfe des 21-ten Jahrhunderts. Sie sind aufgewachsen in der Marktwirtschaft, die dereinst in grauseligen Zeiten entstanden war, als noch Menschen aus ihren Ländern entführt und verkauft wurden. Für das, was vor 10 Generationen war, schämen sie sich jetzt ganz dolle, aber nun sind sie endlich gut, sie beugen das Knie und wenn sie sich öffentlich noch mehr schämen und Tränen wegdrücken, werden sie noch besser. Das ist nicht einfach ihre Freiheit, das ist ihre Etikette – man fühlt sozialistisch-fortschrittlich und zeigt das auch.

    Nun bröckeln auch ihre eigenen Länder, die des real existierenden Fortschritts und es mehren sich die Zeichen von Dekadenz, von Anarchie und Tyrannei die stets gemeinsam auftreten. Sie verlieren das Mandat des Himmels, aber die Mongolen reiten noch in der Steppe, die Crashpropheten irren sich einfach immer und man kann den Verfall strecken, wie eine Schuldentransformation. So schnell wird das Erbe aus den Zeiten in denen man noch grausam war gegen sich, die Natur und alle, schon nicht verprasst werden. Sollte der Himmel fallen so sind wir alt und das Leben war gut.

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