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Insolvenzverwalter informieren, warum aktuell keine Welle an Insolvenzen ansteht

Claudio Kummerfeld

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am

Lawine an Insolvenzen steht an?

Gerade erst heute früh berichteten wir über die eindeutigen Zahlen zum Thema Insolvenzen im September. Um 34,5 Prozent sind sie im Jahresvergleich rückläufig, und das in der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten. Der Grund ist klar. Bis Ende September war seit März die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt, als Hilfe für betroffene Unternehmen in der Coronakrise. Aber jetzt seit 1. Oktober gilt diese Pflicht wieder. Wir brachten vor Kurzem das Interview eines Experten, mit der Aussage, dass nun eine sehr große Insolvenzwelle anstehe, weil 90 Prozent aller Pleiteunternehmen zahlungsunfähig sind. Und genau diese zahlungsunfähigen Unternehmen müssen ab 1. Oktober Insolvenz anmelden.

Keine Lawine an Insolvenzen im Oktober?

Die noch zahlungsfähigen, aber überschuldeten Unternehmen stehen erst ab 1. Januar 2021 wieder in der Pflicht Insolvenz anmelden zu müssen. Man erwartet jetzt für Oktober eine große Pleitewelle, nämlich von dem angestauten Berg an Pleitefirmen, die in den letzten Monaten keine Insolvenz anmeldeten, aber de facto schon am Ende waren. Und nun bekommen wir zum Thema Insolvenzen ganz frisch eine Stellungnahme auf den Tisch vom „Verband Insolvenzverwalter Deutschlands“. Auch hier sind die ganz aktuellen und stark rückläufigen Daten zu Insolvenzen in Deutschland Thema. Und vor allem wird auch hier thematisiert, ob nun im Oktober die große Pleitewelle über Deutschland hereinbricht. Und siehe da. Die Insolvenzverwalter sehen das ziemlich gelassen. Im Wortlaut:

In über 90 % aller Fälle tritt die Insolvenz aufgrund der Zahlungsunfähigkeit ein. Ab dem 1. Oktober müssen deshalb die Mehrzahl der insolventen Unternehmen wieder Insolvenz anmelden. Anzeichen für eine deutlich erhöhte Zahl an Anträgen sieht der Berufsverband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) bisher aber nicht. Wir rechnen nicht unmittelbar mit einem starken Anstieg der Insolvenzzahlen. Viele Unternehmer warten ab und hoffen noch auf weitere Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung. Einen deutlichen Anstieg der Insolvenzzahlen werden wir wohl erst zum Jahresbeginn sehen.

Hoffnung auf Rettung?

Kann das wirklich sein? Schließlich werden sich zahlreiche Geschäftsführer von Unternehmen absichern wollen, weil sie Angst vor dem Straftatbestand der Insolvenzverschleppung haben dürften, der ja nun wieder gilt. Wird wirklich die große Mehrheit der anmeldepflichtigen Unternehmen derzeit noch hoffen, dass der Bund neue Rettungsmaßnahmen auf den Weg bringt? Oder hofft man auf eine rückwirkend in Kraft tretende Reform des Insolvenzrechts? Hier der Verband im Wortlaut:

Der Gesetzgeber arbeitet derzeit mit Hochdruck an zwei Reformvorhaben, die zum einen bei Privatpersonen die Dauer des Insolvenzverfahrens auf drei Jahre reduzieren und bei Unternehmen durch ein Restrukturierungsverfahren Insolvenzen gänzlich vermeiden sollen. Grundsätzlich sind die Reformvorhaben zu begrüßen und zum Teil auch längst überfällig. Aber sie werden in ihrer jetzigen Form weder mittelständischen Unternehmen noch Selbständigen und Freiberuflern bei der Überwindung ihrer Krise weiterhelfen. Das ist außerordentlich bedauerlich.

Gucken die Gläubiger zukünftig kräftig in die Röhre?

Tja, was wäre denn, wenn es in Zukunft in Deutschland gar keine richtigen Insolvenzen mehr gäbe, wie in der Aussage im vorigen Absatz angedeutet? Im Sinne der optischen Rettung von Unternehmen und Arbeitsplätzen wäre das natürlich erst einmal eine gute Sache. Aber in Sachen Innovation, Rentabilität und Produktivität einer Volkswirtschaft wäre das natürlich eine Katastrophe, weil dann Zombieunternehmen regelmäßig den Bach runtergehen, und dann nach einer „Restrukturierung“ einfach weitermachen. Noch tragischer wäre es für die Gläubiger, die nach so einer Reform wohl komplett in die Röhre gucken dürften, also ohnehin schon bei Insolvenzen. Die Folge: Gläubiger und Lieferanten dürften die Voraussetzung für Kredite und Lieferungen gegenüber kapitalschwachen Unternehmen deutlich verschärfen, wenn die Insolvenz kräftig zu Lasten der Gläubigerseite aufgeweicht werden würde – so meine Meinung. Hier dazu im Wortlaut das Statement vom Verband der Insolvenzverwalter:

Der kürzlich vorgelegte Referentenentwurf eines Restrukturierungsverfahrens (Sanierungsrechtsfortentwicklungsgesetz (SanInsFoG)), wird derzeit intensiv diskutiert. In ersten Reaktionen von Wirtschaftsverbänden und der Fachöffentlichkeit wird der Entwurf zwar grundsätzlich begrüßt, aber vor allem der Eingriff in die Rechte der Gläubiger sehr kritisch hinterfragt. Insbesondere wird die Möglichkeit kritisiert, im Rahmen des geplanten Restrukturierungsverfahrens, Verträge künftig auch gegen den Willen des Vertragspartners zu beenden. Damit könnte das Vertragsrisiko der betroffenen Gläubiger (z.B. Vermieter, Maschinenbauer, Lieferanten), erheblich zunehmen bis zu einem Punkt, an dem sie selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.

6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    Peter

    8. Oktober 2020 23:39 at 23:39

    Beim ersten Lesen fand ich dieses (bald) Gesetz gut, will ich doch meinen aktuellen Vermieter los werden. Doch ich bin auch nachdenklich geworden, ich kann nun erhebliche Risiken eingehen – Verträge verlieren an Brisanz. Letztlich führt dies zu einem erheblichen Vertrauensverlust. Langfrige Bindungen wird es nicht mehr, bzw. man kann sich nicht mehr darauf verlassen. Kleine Unternehmen werden wohl kaum noch wachsen können oder wachsen wollen. Grosse Unternehmen werden sich aufspalten, um durch einen Verlust z.
    B. Eines Grossauftrages nicht gänzlich in Schieflage zu geraten.
    Kaufmannstugenden werden gänzlich verschwinden. Gleiches gilt für Privatinsolvenzen: drei Jahre sind für eine 30- oder 20 jährige einen Klacks.
    Verantwortung und Moral werden sinken….

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    tinkSelf

    9. Oktober 2020 08:24 at 08:24

    Aus umfangreicher Erfahrung kann ich sagen das die meisten Geschäftsführer kleinerer bis mittlerer Unternehmen gar nicht merken das sie insolvent sind.
    In den letzten Monaten dürften sich viele von denen auch eines Eingehungsbetrugs schuldig gemacht haben, ohne das zu merken.

    Gerade bei inhabergeführten Betrieben kommt noch ein psychologsicher Effekt dazu. Das ist halt das eigene Baby in das man nicht nur Arbeit sondern auch ganz viel Herzblut reingesteckt hat. Und anstatt die Situation emotionslos zu betrachten und das Unternehmen vielleicht schon dicht zu machen, bevor es überhaupt zur Insolvenz kommt, werden vorher alle eigenen Reserven aufgebraucht und so lange weiter gemacht bis die Lieferanten den Gerichtsvollzieher vorbeischicken um die Rechnungen einzutreiben.

    Und so ein Spiel kann man viel länger treiben, als die meisten glauben. Das maximiert dann zwar für alle Seiten den Schaden, aber dagegen wird dann die sinnlose Hoffnung auf Besserung gesetzt. Ich kenn Buden, die schaffen es über mehr als 10 Jahre immer wieder irgendwo Kohle locker zu machen.

    Der größte Teil der Insolvenzen kommt auch nie bei einem Insolvenzverwalter an, da er mangels Masse abgelehnt wird. Und auch als Gläubiger macht es in den meisten Fällen keinen Sinn den Forderungen nachzugehen, da Aufwand und möglicher Ertrag oft nicht mal die Meldung beim Insolvenzverwalter rechtfertigen. In allen mir bekannten Fällen wurden auf Gläubigerseite die Forderungen einfach ausgebucht.

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    dontspeak

    9. Oktober 2020 09:20 at 09:20

    „Und bei Unternehmen durch ein Restrukturierungsverfahren Insolvenzen gänzlich vermeiden sollen.“

    Sagt mal, bin ich der einzige, der bei diesem Satz fast vom Stuhl gefallen ist? Ist so eine Aussage für die Mehrzahl der Menschen mittlerweile normal? Die inkompetenten und gestrigen Unternehmen machen einfach immer weiter, und sei es mit der Produktion von Gummistiefeln?

    Das Insolvenzrecht ist das Immunsystem der freien Marktwirtschaft, wenn dieses nicht mehr existiert, landen wir zwingend im Kollaps. Der vielleicht erst in 30 Jahren kommt, aber er kommt. Es gibt nur noch gigantische Arbeitsbeschaffungs-Staatsunternehmen, jegliche Klein- und Mittelständische Betriebe sind vernichtet. Kaputte Unternehmen verhindern das Entstehen von neuen, und zerstören durch Vertragsbruch dann auch noch die verbleibenden bisher gesunden Unternehmen.

    Das ist Irrsinn!

    • Avatar

      sabine

      9. Oktober 2020 11:54 at 11:54

      Es ist der neue Kommunismus durch die Hintertür. So eine Situation gibt es ja nur, wenn der Staat alles übernimmt. Und dann haben wirs endlich, die Planwirtschaft. Daß das so ausgeht, wie der Berliner Flughafen, oder der Mietendeckel in Berlin*, Trabbi-Wirtschaft, dazu ist 70% von Germany zu blöd, es zu verstehen. Es wird also kommen. (Siehe Kommunal-Wahl in NRW!)

      *Statt den Wohnungsbau zu fördern hat man zum grün-sozialistischem Werkzeug des Verbots von Mieterhöhungen gegriffen. Statt die Mieten also durch erhöhtes Wohnungsangebot zu senken, hat man die Wohnungsnot kräftig erhöht bei gleichbleibenden Mieten. Jubel? Jetzt legt ja jeder Vermieter drauf, der vermietet. Und so etwas machen nicht mal HartzIV-Empfänger. Jetzt müssen die Grün-Sozialisten den Vermietern noch verbieten, nicht zu vermieten. Zwangsvermietung. Und dann einen Stacheldraht um Berlin. Wer aus dem sozialistischen Paradies abhaut, wird erschossen. Irgendwann gibts dann als Weihnachtsgeschenk wieder Bananen und Orangen.

  4. Avatar

    Mike Lohmann

    11. Oktober 2020 15:24 at 15:24

    Hallo ich möchte gerne an die Spitze und verspreche euch, dass ihr alle Schulden mir zur Erledigung melden könnt. Ich garantiere euch auch, dass ihr nichts ändern müsst. Für Betriebe mit CO2-Problematik auf dem internationalen Markt, werde ich euch hohen Rabatt gewähren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das hat sich ja bisher auch bei allen grünen Projekten bisher bewährt. Wir verfügen über eine Bevölkerung, die all das gerne bezahlt, sofern die Rückzahlung erst in der nächsten Generation fällig wird.

    • Avatar

      Michael

      11. Oktober 2020 19:06 at 19:06

      @Mike Lohmann, da haben Sie sich wohl verschrieben oder Sie sind farbenblind. Oder Sie stehen derart im (ver)blendendem Blaulicht, dass Ihre Farbrezeptoren nur mehr grün wahrnehmen. Hohe Rabatte für CO2-Sorgenkinder gibt es bisher nur bei schwarzen Projekten. Mit freundlicher Unterstützung von Willl-auch-dabeisein-Rot. Die nächste Generation darf zum Glück bei den nächsten Wahlen ihre Stimme abgeben. Und die bezahlt all das sicher nicht gerne und wird ihr Kreuz auf Zukunft setzen. Und die ist nicht schwarz, rot oder blau. Wie Sie selbst langsam zu begreifen scheinen, trotz Ihrer Farbenblindheit.

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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am

Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

am

Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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