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Kräftige Zinswende der Fed- was Experten dazu sagen

Beispielfoto einer Tagung der Fed

Die Fed hat gestern Abend die Zinsen um 25 Basispunkte angehoben (wie erwartet) auf einen Zielkorridor von 0,25 bis 0,50 Prozent. 6 bis 7 Zinsanhebungen stehen noch dieses Jahr an, wo eher 5 bis 6 erwartet wurden. Was sagen Experten dazu? Hier die Aussagen verschiedener Analysten.

XTB sieht Fed-Hinweis auf starke US-Wirtschaft als Push für die Aktienkurse

Max Wienke vom Broker XTB Deutschland wies heute früh in seiner Videoanalyse darauf hin, dass die Fed erwähnte, wie stark doch die US-Wirtschaft sei, und dass sie höhere Zinsen verkraften könne – auch bestehe kein erhöhtes Rezessionsrisiko. Deswegen seien die Aktienkurse nach 19 Uhr gestern Abend unterm Strich gestiegen, so Max Wienke.

Degussa verweist auf Gold

Degussa-Chefvolkswirt Thorsten Polleit erwähnt zur Zinsanhebung der Fed, dass sie ihren Leitzins im Verlauf des Jahres nicht nur drei, sondern sechs Mal anheben will – so dass der Leitzins Ende 2022 bei 1,9 Prozent anstatt bis 0,9 Prozent liegen werde. Die jahresdurchschnittliche Inflation (gemessen anhand der „PCE inflation“) werde im laufenden Jahr auf 4,3 Prozent geschätzt nach 2,6 Prozent gemäß der Schätzung im Dezember 2021. Gleichzeitig habe die Fed ihre Wachstumsprognose reduziert. In 2022 werde die US-Wirtschaft nicht (wie im noch im Dezember 2021 geschätzt) um 4,0 Prozent, sondern nur noch um 2,8 Prozent wachsen. Dabei betont die Fed die „große Unsicherheit“, die für die Wirtschaft aus dem Ukraine-Konflikt erwächst – und die die Inflation weiter antreiben und das Wachstum verringern kann.

Wie ist der Zinsschritt zu beurteilen? Ohne Frage sind Zinsanhebungen laut Thorsten Polleit längst überfällig. Man bedenke laut seinen Worten nur einmal, dass die Inflation der US-Konsumgüterpreise im Februar 2022 bei 7,9 Prozent lag – ein 40-Jahreshoch. Ein großer Zinsschritt von, sagen wir, 0,50 Prozentpunkten, wäre seiner Meinung nach angemessener gewesen. So gesehen falle der jüngste 0,25-Prozentanstieg in der Tat sehr zögerlich aus, denn er leiste nur sehr wenig, um den realen (also inflationsbereinigten) US-Zins aus den Tiefen des Negativbereiches heraufzubefördern und dadurch seinen inflationären Impuls zu verringern.

Die Fed scheut sich laut Thorsten Polleit ganz offensichtlich beherzt gegen die hohe Inflation vorzugehen. Stattdessen würden die Zentralbankräte vermutlich kalkulieren, dass die aktuelle Inflationswelle im Laufe des Jahres nachlässt, und dass sich die derzeitigen sehr hohen Inflationsraten zurückbilden, ohne dass dafür der Leitzins weiter stark angehoben werden müsste und die Wirtschaft in eine Rezession verfällt. Doch der nach wie vor hohe „Geldmengenüberhang“ in der US-Wirtschaft (eine Folge der geldpolitischen Reaktion auf die Lockdown-Krise) lasse erwarten, dass die Inflation weiter stark erhöht bleiben wird, auch wenn die Energie- und Rohstoffkostenexplosion etwas nachlassen sollte – denn das US-Kredit- und Geldmengenwachstum sei nach wie vor sehr hoch, und es sei fraglich, ob es durch zaghafte Zinsanhebungen tatsächlich abgeschwächt werden kann.

Zusammengefasst kann man laut Thorsten Polleit daher zum Schluss gelangen: Die Zinserhöhung der Fed sowie die weiteren in Aussicht gestellten Straffungsschritte können das Inflationsproblem nicht überzeugend vertreiben. Wenn es also zu keiner beschleunigten Straffung kommt in den nächsten Monaten, sei vielmehr damit zu rechnen, dass die US-Inflation deutlich höher für länger bleiben wird – und dass dadurch letztlich auch die Inflation in anderen Währungsräumen – wie insbesondere dem Euroraum – hochgetrieben wird. Aus Sicht der Degussa gebe es so gesehen nach wie vor gute Gründe für Anleger, in einer anhaltend hohen Inflation eine der zentralen Herausforderungen bei der Kapitalanlage zu erblicken. Für langfristig orientierte Anleger bleibe das Halten von physischem Gold und Silber eine attraktive Option, um dem Kaufkraftverlust des Geldes heute und in den kommenden Jahren zu entgehen. (FMW: Da kommt wohl das Eigeninteresse der Degussa ein klein wenig zur Geltung?)

Commerzbank mit Analyse

Die Experten der Commerzbank (CoBa) sagen zur Zinsanhebung der Fed, dass die Notenbank davon ausgeht, dass „fortlaufende Erhöhungen“ des Leitzinses nötig sein werden. Die Fed erwarte, auf einer der kommenden Sitzungen mit dem Abbau ihres Wertpapierbestandes zu beginnen (die Nettokäufe von Anleihen wurden erst Anfang März beendet). Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine seien sehr unsicher, dürften kurzfristig aber zu zusätzlichem Inflationsdruck und einer Belastung des Wachstums führen, so die Fed.

Die Fed hat die aktualisierten Projektionen ihres Führungspersonals veröffentlicht. Für 2022 erwartet man jetzt (so die Aussage der Commerzbank) ein merklich geringeres Wirtschaftswachstum, aber eine deutlich höhere Inflation. Deutlich geändert habe sich auch die Einschätzung des angemessenen Leitzinses. Per Ende 2022 wird jetzt ein Leitzins von 1,9 Prozent erwartet, volle 100 Basispunkte mehr als bei der letzten Projektion im Dezember. Dies wäre – einschließlich der heutigen Sitzung – laut CoBa mit 7 Schritten zu je 25 Bp im Jahr 2022 zu erreichen, was auf einen Zinsschritt auf jeder Sitzung hinausliefe. Für 2023 werden weitere Zinserhöhungen um insgesamt 100 Basispunkte erwartet. Dies entspreche insgesamt fast genau der Prognose der Commerzbank.

Pressekonferenz: Wirtschaft stark genug für restriktivere Geldpolitik

Die Experten der Commerzbank sagen, dass Fed-Chef Powell in der PK mehrfach erwähnte, wie eng der US-Arbeitsmarkt sei. Das Verhältnis von offenen Jobs zu Arbeitslosen (zuletzt entfielen auf jeden Arbeitslosen rechnerisch mehr als 1,7 offene Stellen) sei geradezu ungesund hoch. Zudem dürfte es länger dauern, bis die Inflation deutlich fällt als man das zunächst erwartet habe. Es sei daher an der Zeit, die Leitzinsen zu erhöhen und das Wertpapierportfolio zu reduzieren. Die US-Wirtschaft sei stark genug, dieses Anziehen der geldpolitischen Zügel wegzustecken. Powells Meinung nach sei das Risiko einer Rezession innerhalb eines Jahres nicht sonderlich erhöht. Preisstabilität sei die Voraussetzung für einen fortgesetzten Aufschwung und daher auch für einen stabilen Arbeitsmarkt. Powell habe unterstrichen, dass man die Instrumente der Fed einsetzen werde, um zu verhindern, dass sich Inflation auf einem überhöhten Niveau festsetzen werde. Sollte dazu ein höheres Tempo nötig sein, werde man entsprechend handeln.

Die Fed hat laut CoBa die Vorbereitungen für die Reduzierung ihres Anleihebestandes nahezu abgeschlossen; Einzelheiten dürften bereits mit dem Protokoll der heutigen Sitzung in drei Wochen veröffentlich werden. Dieser Prozess werde zwar rascher ablaufen als bei der Bilanznormalisierung im letzten Zyklus, ansonsten aber diesem Vorbild folgen.

Swissquote

Ipek Ozkardeskaya, Senior Analyst beim Broker Swissquote, sagt zur Zinsanhebung: Noch wichtiger als der Zinsschritt selber sei die Aussage der Fed, dass die Zinserhöhungen weiterhin die Inflation zähmen werden, da die US-Wirtschaft stark genug erscheine, um eine rasche Normalisierung zu verkraften, damit die Fed nicht in ein dunkleres Stagflationsumfeld gerät. Es ist laut Ipek Ozkardeskaya nun klar, dass die oberste Priorität der Fed und Joe Bidens nun die Preisstabilität ist, und es werde in den nächsten sechs Sitzungen mindestens eine Anhebung um 25 Basispunkte geben. Das berühmte Dotplot zeige, dass der Leitzins zum Jahresende bei etwa 1,90 Prozent liegen und im nächsten Jahr auf etwa 2,8 Prozent steigen könnte, wobei die Punkte für dieses Jahr über 3 Prozent und für das nächste Jahr über 3,50 Prozent liegen. Dies zeige, dass es einigen Mitgliedern wirklich ernst damit sei die Inflation auf das 2 Prozent-Ziel zu bringen! Swaps, die an die nächsten Fed-Termine gekoppelt sind, würden darauf hindeuten, dass wir in den nächsten beiden Sitzungen eine Anhebung um 75 Basispunkte erleben werden, was bedeute, dass wir in einer der Sitzungen eine Anhebung um 50 Basispunkte erleben könnten.

Und nicht zuletzt wird die Fed laut Ipek Ozkardeskaya bei der kommenden Sitzung auch mit der Schrumpfung ihrer Bilanz von fast 9 Billionen Dollar beginnen, was ein großes Potenzial für den Abbau von Liquidität darstellt. Natürlich hänge alles, was im Moment geplant ist, davon ab, wie sich die Lage in der Ukraine entwickelt – und nicht mehr von der Pandemie, da Covid in der Erklärung nicht erwähnt wurde, abgesehen von einem Hinweis auf die Auswirkungen der Pandemie auf die Inflation. Und die Unwägbarkeiten, die mit dem Ukraine-Krieg einhergehen, würden bedeuten, dass im Moment nichts sicher sei, abgesehen von der Bereitschaft der Fed, die Kontrolle über die steigende Inflation zu übernehmen, um sich einen gewissen Spielraum für ihre Politik in der Zukunft zu verschaffen.



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1 Kommentar

  1. Das Geld muss irgendwo hin. Dax neues ATH, wenn die Ukraine endlich verhandeln darf. Spannend ob China sich in die Bücher schauen lässt heute.

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