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Rentenversicherung: Auf dem Weg zur planwirtschaftlichen Gulaschkanone

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Beispielbild Rentner-Ehepaar - Rentenversicherung kaputt

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) spricht aktuell vom „Ende der ursprünglichen Sozialversicherungsidee“. Wir formulieren es etwas „volkstümlicher“. Die staatliche Rentenversicherung in Deutschland begibt sich immer mehr auf den Weg in Richtung einer planwirtschaftlichen Gulaschkanone. Gut, über Worte und Formulierungen lässt sich ja streiten. Aber zur Sache. Woran denkt man bei Gulasch? Alles reinschmeißen, kräftig umrühren, und irgendwas wird schon dabei rauskommen. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber bei der Rentenversicherung ist doch der grundsätzliche Gedanke, dass der Arbeitnehmer als Beitragszahler sein Leben lang etwas einzahlt, und entsprechend seiner Beiträge finanzmathematisch kalkuliert einen Anspruch erwirbt, den er/sie dann mit Renteneintritt auch ausgezahlt bekommt.

Rentenversicherung lebt dank Quersubvention

Nun ist es kein großes Geheimnis mehr, dass die aktuell in die Rentenkasse eingezahlten Beiträge nicht für den einzelnen Beitragszahler angespart werden, sondern sofort wieder an die aktuellen Rentner ausgeschüttet werden als Rentenzahlung. Also ist der Rentenspruch, den der aktuelle Beitragszahler erwirbt, schon aufgrund der Grundkonstruktion der Rentenversicherung eher eine Art virtueller Anspruch. Ob er dauerhaft überhaupt bezahlt werden kann, ist auf lange Sicht daher eher eine Frage für Philosophen. Dass das System der Deutschen Rentenversicherung, wie es aktuell existiert, in sich schon längst kaputt ist, haben wir schon mehrmals angesprochen und mit Zahlen belegt. Alleine letztes Jahr musste der Steuerhaushalt an die Rentenversicherung 68,5 Milliarden Euro überweisen – sonst hätte man den aktuell vorhandenen Rentenbeziehern ihre Renten dramatisch kürzen müssen. Und als wäre das nicht genug, sprach die Deutsche Rentenversicherung zuletzt offiziell von Überschüssen in der Rentenkasse – weil sie die Zuschüsse aus dem Steuerhaushalt offenkundig als normale Einnahmen mit in ihre Rechnung einbezieht. Grotesk!

Rentenversicherung wird immer mehr zur planwirtschaftlichen Versuchsanstalt

Wir schweifen ab. Kommen wir zur Aktualität. Gestern gab der neue SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans Aussagen zum Thema Rentenversicherung von sich. So soll die bisherige Deckelung der herangezogenen Gehälter bei Besserverdienern erhöht werden, damit mehr Rentenbeiträge von Besserverdienern in die Rentenkasse fließen können. Wie das IW anmerkt, würden die Besserverdiener damit später als Rentner ja auch höhere Rentenansprüche erwerben. Also eine Nullnummer für die Rentenversicherung, die nur optisch auf den ersten Blick gut aussieht? Dazu merkt das IW auch an:

Was bisher nicht explizit genannt wurde, aber in dem Vorschlag (des SPD-Chefs) mitschwingt: eine Kappung der Rentenansprüche für Besserverdiener. Damit ließe sich ein Anstieg der künftigen Rentenlast begrenzen.

Wir meinen: Käme es so, wäre für Besserverdiener das Grundprinzip der Rentenversicherung ja schon mal ausgehebelt. Man zahlt viel ein, bekäme aber nicht entsprechend seiner hohen Einzahlungen auch eine höhere Rente. Die „Zeit“ schreibt dazu aktuell sehr passend in einem aktuellen Artikel als Titel „Wenn Reiche die Rentenlücke füllen sollen“. Damit gäbe es eine Art staatliche Steuerung im Rentensystem, dass die Empfänger von Rentenleistungen nicht das bekommen, was sie eigentlich rechnerisch als Anspruch erworben haben. Dieses Prinzip gilt bereits am unteren Ende. Denn die Grundrente wurde ja schon beschlossen. Geringverdiener werden von der Rentenversicherung eine höhere Rentenzahlung bekommen, als es ihnen eigentlich zusteht. By the way… dies sei den Empfängern der Grundrente gegönnt, da man zum Beispiel bei lebenslangem Mindestlohn sicher keinen auskömmlichen Rentenanspruch erwerben kann. Aber von der systematischen Betrachtung her wird das Prinzip des Rentensystems auch hier ausgehebelt, dass man mit seinen Einzahlungen einen finanzmathematisch zu errechnenden Anspruch für sein Alter erwirbt. Der Staat entscheidet dann letztlich, dass der tatsächliche Rentenanspruch abzuweichen hat.

Einfach die ganze Rente über Steuerhaushalt laufen lassen?

Bei diesen Gedankengängen und den eh schon hohen Steuerzuschüssen wäre es doch gleich viel einfacher, den ganzen Laden namens Rentenversicherung dicht zu machen, und das ganze System in den Steuerhaushalt zu überführen. Der Rentenzahler zahlt seine Beiträge direkt in den Steuerhaushalt, und die Bundesregierung bestimmt in immer mehr Einzelfällen, dass die Empfänger abweichend zu ihren Einzahlungen ganz andere Auszahlungssummen erhalten. Das mag im Einzelfall alles sinnhaftig begründet sein, aber mit der Grundidee des Rentensystems hat das nicht mehr viel zu tun, was da jetzt schon abläuft. Und was der SPD-Chef vorschlägt, mag heute und morgen noch nicht umgesetzt werden. Aber die Grundtendenz geht ja immer mehr in diese Richtung.

Man muss halt am kaputten System immer mehr herum schrauben, um es am Leben zu erhalten. Eine große Rentenreform ist bei diesen politischen Konstellationen aus Großer Koalition oder zukünftig CDU mit Grünen wohl eh kaum vorstellbar. Dass die Politik die stetig steigenden Steuerzuschüsse zur Rentenversicherung schon als normalen Bestandteil des Rentensystems ansieht, erkennt man auch an den gestrigen Aussagen von Walter-Borjans. So müsse das Rentensystem wegen der älter werdenden Bevölkerung künftig stärker als bisher mit Steuermitteln gestützt werden. Noch stärker als bisher? Wie gesagt, letztes Jahr waren es schon 68,5 Milliarden Euro Zuschuss. Daran erkennt man, dass das bisherige Rentensystem eh keinen Sinn mehr macht. Eine ganz große Reform (welcher Art auch immer) müsste her. Zumindest müsste es erst einmal eine große gesellschaftliche Diskussion geben, wie ein ganz neues Rentensystem aussehen könnte. Aber die Politik werkelt lieber weiter am kaputten System herum. Zu den Vorschlägen von Walter-Borjans merkt das IW in seinem aktuellen Kommentar abschließend an (sehr guter Kommentar, damit schließen wir auch diesen Artikel ab), Zitat:

Die Finanzierung der gesetzlichen Rente würde damit einen zunehmend steuerähnlichen Charakter erhalten, die gesetzliche Rente im Zweifel zunehmend zu einer Fürsorgeleistung degenerieren. Welchen Sinn macht es aber, einen neuen Umverteilungsmechanismus im Rahmen der Alterssicherung zu schaffen, wenn dafür mit dem allgemeinen Steuer- und Transfersystem bereits ein funktionierendes System besteht?

9 Kommentare

9 Comments

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    Joachim kuttig

    8. Januar 2020 12:25 at 12:25

    Fangen wir doch einfach mal damit an,das nur der Geld aus der Rentenkasse bekommt, der auch eingezahlt hat. Zweiter Punkt, nicht Beamte bestimmen über die Rente.Punkt 3, alle versicherungsfremde Leistungen werden auf wirklich alle Steuerzahler verteilt. Wäre doch schon mal ein Anfang.

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    Zimmermann

    8. Januar 2020 13:00 at 13:00

    Na, ja. Solche Ideen kommen heraus, wenn man von Idioten regiert wird

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    Martin1

    8. Januar 2020 13:18 at 13:18

    Singapur und Malaysia haben Staatsfonds.
    Da gibt es 6 % Rendite jährlich.

    Warum man ein Volk der Dichter und Denker sowas nicht?

    • Avatar

      asisi1

      8. Januar 2020 14:39 at 14:39

      Dem Volk der Dichter und Denker, kann man ja auch erzählen sie bekommen nur noch 42% Rente! Selbst da wählen sie noch diejenigen die ihnen das kürzen! Völlig unverständlich! Es wird ihnen 50% weggenommen und sie sind noch dankbar.

  4. Pingback: Aktuelles vom 8. Januar 2020 | das-bewegt-die-welt.de

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    schwarze_pille

    8. Januar 2020 21:14 at 21:14

    Jeder, der nicht eingezahlt hat oder Auszahlungen überproportional zu seinen Einzahlungen erhält, bezieht keine Rente sondern Sozialhilfe. Die Politik möchte es nicht so nennen, weil es besser ist wenn die Menschen nicht wissen, wieviele bereits auf Kosten anderer leben und vom Staat abhängen. Es ist nur sinnvoll die Buchung der Einnahmen zu korrigieren, wenn die Ausgaben auch richtig verbucht werden. Das wird selbstverständlich nicht passieren. Die Diskussion simuliert die Einbindung der Öffentlichkeit in die Entscheidung, die Sozialabgaben zu erhöhen, was wegen der mangelnden Trennung der Haushalte effektiv eine Steuererhöhung ist. Das Geld reicht mal wieder nicht aus für die Einzahler, weil die Regierung sich wieder neuen Schwachsinn ausgedacht hat, der finanziert werden muss.

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    Facherfahrener

    9. Januar 2020 00:31 at 00:31

    Ich habe selten einen (der Autor mag verzeihen) dümmeren Beitrag gelesen.
    -„Die staatliche Rentenversicherung“ war unter LVA bekannt
    – Heute nur deutsche Rentenversicherung – aus Staatsrechtlichen Gründen
    – Die Rente aus Steuergeldern? ist im GG nicht vorgesehen und auch nicht machbar
    – Älter werdenden Bevölkerung? Diese Generation kommt nicht auf 45 Beitragsjahren
    – Die Aufbaugeneration ist längs von uns gegangen, und mit Ihnen seit den 70ern die vollen
    Rentenkassen.
    @Martin1 – STAATSRENTE gibt es nur in souv.-Ländern! In D nur eine Rentenversicherung!
    Das SYSTEM ist nicht schlecht, nur was Politiker wie Borjan daraus machen ist grotten schlecht.

    • Avatar

      BrettonWood

      9. Januar 2020 07:45 at 07:45

      Täusch dich mal nicht die Schweiz ist meines Wissens ein souveräner Staat und hat das ganze ebenfalls in einer Rentenkasse AHV, diese Finanzierung ist bis 2039 gesichert dann ist das aktuelle Vermögen von gut 60 Mrd (1 Jahresausgabe) verbraucht, und die Renten können nicht mehr finanziert werden, da steht man immer noch deutlich besser als die Deutsche Rentenversicherung da, die hat gerade Reserven für 1 Monat. Und Schlussendlich hilft auch Staatsrente nicht weiter den das Demograifische Problem ist dort genau das gleiche auch diese Renten werden aus Unlagebeiträgen finanziert, weniger Arbeitnehmer mehr Bezüger führt zum Problem…

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    Achim Wolfrum

    15. Januar 2020 16:33 at 16:33

    Die Rente ist sowieso nur eine Sozialhilfe, denn die Beiträge, die man eingezahlt hat, sind schon lange wieder ausgegeben. Man sollte die Rente sowieso an Hand der Kinder festmachen, die man gezeugt hat, denn das sind die Beitragszahler von morgen. Das würde die Geburtenquote enorm anheben.

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Geldvermögen der Deutschen +67 Milliarden Euro in 3 Monaten – Problem für Banken

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Das Geldvermögen der Deutschen wächst - Beispielfoto für 500 Euro-Scheine

Das Geldvermögen der deutschen Haushalte ist laut aktueller Veröffentlichung der Bundesbank zu Ende September 2019 um 67 Milliarden Euro auf 6,302 Billionen Euro angestiegen. Was für ein unglaublich großer Zuwachs, in nur drei Monaten so ein starker Anstieg! Wie schon in den letzten Jahren ist die Begründung klar. Die Beschäftigung ist hoch, und der Deutsche spart nun mal gerne viel. Je mehr Menschen in Arbeit sind, desto mehr kann gespart werden. Und trotz Industrie-Rezession bleibt die Lage am Arbeitsmarkt zumindest oberflächlich (siehe Kurzarbeit) weiter entspannt. Und man sieht immer das selbe Muster. Der Deutsche spart hauptsächlich in liquiden Sparanlagen, und eben nicht in Aktien. Damit wird die Lage für die Banken immer dramatischer. Sie müssen immer höhere Spareinlagen der Kunden verwalten, und damit immer höhere Strafzinsen an die Bundesbank/EZB abführen. Auch wenn sie teilweise entlastet werden bei Negativzins-Entrichtung an die EZB, so wächst das Problem des stetig wachsenden Einlagen-Überhangs immer weiter an. Zitat Bundesbank:

Wie in den vergangenen Quartalen erhöhten die privaten Haushalte insbesondere ihre Bestände an Bargeld und Einlagen sowie ihre Ansprüche gegenüber Versicherungen. Die Präferenz für liquide oder als risikoarm empfundene Anlageformen hielt damit weiter an. Auch Bewertungsgewinne trugen wieder zum Anstieg des Geldvermögens bei. Die Verbindlichkeiten privater Haushalte legten im dritten Quartal 2019 um 25 Mrd € und damit erneut relativ deutlich zu. Zusammen betrachtet stieg das Nettogeldvermögen um 41 Mrd € auf 4 441 Mrd €.

Zuwachs im Geldvermögen fließt weiter kräftig in Cash-Reserven

Bei einem Nettozuwachs im Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland von 58 Milliarden Euro im 3. Quartal flossen gerade mal 10 Milliarden Euro in Aktien und Fonds, und 26 Milliarden Euro in Bargeld und Sichteinlagen (Girokonto, Tagesgeldkonto etc). Also: Selbst bei Nullzinsen und einem nach Inflation ganz klarem Negativzins legt der deutsche Michel immer noch deutlich lieber sein Geld aufs Konto, als dass er das Risiko einer Aktieneinlage eingeht. Lieber ein sicherer geplanter Verlust im Geldvermögen, als ein Risiko auf Gewinne/Verluste am Aktienmarkt einzugehen. Hier weitere Detailaussagen der Bundesbank:

Im dritten Quartal 2019 betrug die Geldvermögensbildung der privaten Haushalte per saldo rund 58 Mrd € und lag damit ungefähr im Mittel der letzten drei Jahre. Getragen wurde der Anstieg insbesondere von einem Aufbau von Bargeld und Sichteinlagen in Höhe von 26 Mrd € sowie einem Zuwachs der Ansprüche gegenüber Versicherungen. Letzterer fiel mit 13 Mrd € etwas geringer aus als in den Vorquartalen. Der seit 2017 anhaltende Trend sinkender Zuwächse in diesem Instrument setzt sich somit fort. Ihre Anlagen in Sparbriefen und Spareinlagen reduzierten die Haushalte relativ kräftig um 4 Mrd €. Mit Blick auf die vergangenen Jahre ist ein derartiges Anlageverhalten jedoch nicht ungewöhnlich. Auf ein Nachlassen der bislang stark ausgeprägten Präferenz privater Haushalte für liquide und/oder risikoarme Anlageformen lässt sich daher nicht schließen. Das Kapitalmarktengagement der privaten Haushalte entwickelte sich weiterhin stabil: Wie schon in den beiden Vorquartalen betrugen die Nettoinvestitionen privater Haushalte in börsennotierte Aktien und Investmentfondsanteile im Berichtsquartal rund 10 Mrd €.

Verschuldung

Eine wichtige Kennziffer aus der heutigen Veröffentlichung des Bundesbank: Die Verschuldung der privaten Haushalte in Relation zum Bruttoinlandsprodukt liegt jetzt bei 54,6%. Vor zwanzig Jahren lag sie über 70%. Die Bundesbank im Wortlaut:

Der transaktionsbedingte Anstieg der Verschuldung der privaten Haushalte übertraf im dritten Quartal 2019 mit rund 25 Mrd € sogar noch den sehr kräftigen Zuwachs im zweiten Quartal. Der seit Mitte 2013 anhaltende Aufwärtstrend setzte sich damit weiter fort. Wichtigster Faktor für diese Zunahme war erneut, dass die Wohnungsbaukredite dynamisch ausgeweitet wurden.

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Brexit – warum Boris Johnson die „harte Tour“ haben will

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Brexit Symbolgrafik

Der britische Premierminister wird sein Wahlversprechen halten wollen, um den neu aufgestellten Tories und seiner konservativen Stammwählerschaft in Sachen Brexit gerecht zu werden. Außerdem winkt ein herausgehobener Platz in den Geschichtsbüchern.

Brexit – aus den Augen, aus dem Sinn

Der britische Premierminister Boris hat vor gut einem Monat bei den britischen Unterhauswahlen einen erdrutschartigen Wahlsieg errungen. Seine konservative Partei, die Tories, erreichten dadurch eine große parlamentarische Mehrheit von 80 Sitzen, die größte seit 1987. Vor allem die Frustration vieler Wähler, dass ihr Votum vom Juni 2016 die EU zu verlassen auch dreieinhalb Jahre später immer noch nicht umgesetzt wurde, trug zu diesem Wahlerfolg bei.

Zuvor konnte auch Boris Johnson trotz seiner Bemühungen seit der Übernahme des Amtes des Parteivorsitzenden von seiner glücklosen Vorgängerin, Theresa May, im Juli 2019 keinen Brexit-Vertrag durchs britische Unterhaus bringen. Nun hat er jedoch eine komfortable Mehrheit hinter sich und diese bereits dazu genutzt, per Gesetz eine bis Juli 2020 laufende Verlängerungsfrist der Verhandlungsdauer über einen Brexit-Vertrag mit der EU auszuschließen. Sodass die konkreten Austrittsmodalitäten und die Handelsvereinbarungen mit Europa bis spätestens Jahresultimo geklärt sein müssen.

Da derartige Verhandlungen aber sehr komplex und langwierig sind (im Durchschnitt dauern sie ca. 6 Jahre), droht Ende des Jahres erneut ein Brexit ohne Vertrag, also ein harter Brexit. Wer also glaubte, die Unsicherheit bei Unternehmen und Bürgern hätte sich erledigt, der ist gewaltig im Irrtum. Aktuell scheint das Thema niemanden mehr zu interessieren. Doch mit Fortschreiten dieses Jahres wird erneut die große Hektik in Brüssel ausbrechen – wie so oft zu spät und ohne Plan.

Brüssel hat sich gewaltig verzockt

Die Taktik der Bürokraten in Brüssel um den Brexit-Chefunterhändler und französischen Ex-Außenminister Michel Barnier ist bisher komplett gescheitert. Zunächst wollte man auf Zeit spielen und mit einer Backstop-Klausel und Ähnlichem die Regierung in London spalten und handlungsunfähig machen. So weit, so gut. Doch der dahinterstehende Plan, über Neuwahlen in Großbritannien ein zweites Referendum zu erzwingen, dass dann pro EU ausfällt, ist an dem unterschätzten Wahlkämpfer Boris Johnson gescheitert. Auch wurde in den Elfenbeintürmen Brüssels und den Hauptstädten auf dem Festland Europas die Stimmung in der Bevölkerung Großbritanniens unterschätzt.

Zudem wurde auch eine Besonderheit des britischen Wahlrechts unterschätzt. Bei den Wahlen zum Unterhaus gilt das sogenannte Mehrheitswahlrecht (first past the post). Dabei gewinnt der Kandidat eines Wahlbezirks, der die meisten Stimmen erhält. Bekommen also z. B. 9 Kandidaten des Bezirks jeweils 9 Prozent der Stimmen und ein Kandidat 19 Prozent, dann gewinnt Letzterer den gesamten Wahlkreis und einen Sitz im Unterhaus, obwohl 81 Prozent der Wähler gegen ihn votiert haben. Großbritannien besteht aus 650 solcher Wahlbezirke.

Durch geschickte Allianzen und die Deklassierung der Brexit-Partei von Nigel Farage gelang es Johnson, die für seine Zwecke maßgeschneiderten Wahlbezirke mehrheitlich für die Tories zu gewinnen, ohne das die Mehrheit der Stimmberechtigten seine Conservative and Unionist Party gewählt hat – es waren in Summe nur 43,6 Prozent. Trotzdem gewannen die Tories 365 der 650 Sitze im Unterhaus. Mit dieser komfortablen Mehrheit, die aus treuen Gefolgsleuten Johnsons und überzeugten Brexiteers besteht, kann er nun in Sachen Brexit durchregieren.

Ziel Johnsons ist es, maximalen Druck auf die Verhandlungspartner bei der EU aufzubauen und die Maximalforderungen Großbritanniens durchzudrücken. Doch auch mit einem harten Brexit hat Johnson kein Problem, was ihn verhandlungstaktisch überlegen macht. Gelingt ihm keine Einigung bis zum 31.12.2020, treten im schlimmsten Fall ab dem 1. Januar 2021 die Zoll-Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) in Kraft, die einen Großteil der grenzüberschreitenden Fertigung zwischen Europa und Großbritannien massiv beeinträchtigen würden (Thema Airbus oder BMW/ Mini).

Johnson handelt aus patriotischer Überzeugung

Viele Beobachter und Politologen sind überrascht, dass Johnson seinen harten Kurs in Sachen Brexit nach der Wahl fortsetzt, gilt er vielen doch als ausgewiesener Opportunist. Johnsons Schritt, einen Verlängerungsantrag für die Verhandlungsphase bei der EU gesetzlich zu verbieten, überraschte viele politische Beobachter, die überzeugt waren, dass er seine Position lockern könnte, weil er kein Ideologe sei, sondern ein aalglatter Politiker, der den Brexit während der Referendumskampagne und dem Wahlkampf nur im Interesse seiner eigenen Karriere befürwortete, um seinen Weg Richtung 10 Downing Street zu bahnen.

Doch Johnson möchte als Patriot in die Annalen der Politikgeschichte eingehen, der eisern und erfolgreich an seinem Versprechen festhielt, Großbritannien aus der EU zu führen, aus Gründen, die langfristig im Interesse seines Landes und der britischen Eliten sein könnten, wie ich in dem Artikel „Brexit – diese Wahrheit wird Ihnen verschwiegen“ bereits erläutert hatte. Die Skeptiker aus seiner alten Fraktion hat Johnson sorgsam aussortiert und so haben wir es nun mit dem europaskeptischsten Parlament zu tun, das jemals gewählt wurde, und Johnson ist ihr Wortführer. Außerdem ist er nun ausschließlich von Adjutanten umgeben, die harte Brexiteers sind, die keine Kompromisse mehr zulassen wollen.

Fazit

Boris Johnson ist mit dem Versprechen eines schnellen und kompromisslosen Brexits gewählt worden. Er ist nach den Parlamentswahlen im Dezember auf dem Zenit seiner Karriere angelangt und sitzt so fest im Sattel wie selten zuvor ein Premier in der Geschichte Großbritanniens. Dem Ziel, das Vereinigte Königreich unabhängiger von Europa zu machen und das Commonwealth of Nations zu stärken, ist die britische Elite damit nähergekommen. Die Geschichte wird zeigen, ob die Geschwindigkeit und die Konsequenz mit der Johnson den Brexit durchziehen möchte richtig war oder nicht. Scheitert die EU als Wirtschaftsunion und Währungsraum in den kommenden zehn Jahren, dann hat Großbritannien mit dem Brexit alles richtig gemacht.

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Schweiz auf US-Manipulations-Watchlist – darum verkommen die USA zur Lachnummer

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Flagge der Schweiz vor Bergpanorama

Am Dienstag setzten die USA die Schweiz auf die Watchlist für Staaten, die aus Sicht der USA ihre eigene Währung manipulieren, um im internationalen Handel Vorteile zu erlangen. Im gleichen Schritt wurde China von der Liste gestrichen, womit sich die USA abermals zur Lachnummer machen. Denn damit bewiesen sie zum wiederholten Male, dass solche Aktionen nur durchgeführt werden, um selbst Vorteile in zum Beispiel Handelsgesprächen zu erlangen.

China wird als Währungsmanipulator gestrichen, die Schweiz aufgenommen

Was hat es mit dieser Watchlist auf sich? Zweimal jährlich gibt das Finanzministerium den Report „Macroeconomic and Foreign Exchange Policies of Major Trading Partners of the United States“ heraus. Auf gut vier Dutzend Seiten schildert das Ministerium seine Sicht auf die eigene und die Weltwirtschaft. In einem eigenen Kapital werden einzelne Handelspartner genauer unter die Lupe genommen. Dieser Teil ist umfangreicher als der Teil, in dem über die eigene und die weltweite ökonomische Lage referiert wird. Und es ist auch der Teil, der als Währungsmanipulations-Watchlist angesehen wird.

Dass die USA ihre Handelspartner im Blick behalten und Währungsmanipulationen anprangern, ist nicht verwerflich. Im Gegenteil! Damit der Welthandel unter fairen Bedingungen stattfindet, sollte jede Form der Währungsmanipulation unterbleiben. Das Problem beim jüngsten Report ist jedoch, dass China explizit von der Watchlist gestrichen wird. Und das nicht, weil Chinas Währung auf einmal frei handelbar ist und unbeeiflußt von der chinesischen Zentralbank ein fairer Kurs in freiem Austausch gefunden wird. Nein, China wurde von der Liste gestrichen, weil der Renminbi seit Oktober um ganze 3,5% aufwerten durfte. OK, das ist etwas übertrieben. Als zusätzlicher Grund für die Streichung wurde das Phase-1-Handelsabkommen genannt, in dem sich China bereiterklärt, von Währungsmanipulationen abzusehen. Aufgrund eines noch nicht umgesetzten Versprechens wird also der vielleicht größte Währungsmanipulator der Welt vom Haken gelassen. Gleichzeitig setzten die USA die Schweiz auf die Liste.

Darum sind schwache Wechselkurse unfair gegenüber Handelspartnern

Bewohner von Ländern mit schwacher Währung wünschen sich in der Regel eine starke Währung. Gleichzeitig versuchen auffällig viele Staaten mit starker Währung, ihre eigene Währung zu schwächen. Dabei erhoffen sich diese Staaten Vorteile auf dem Weltmarkt. Lassen Sie mich Ihnen ein simples Beispiel geben. Wenn Sie als Deutscher ein Tesla Model 3 kaufen, muss Tesla dieses Fahrzeug nach Europa bringen. Sie bezahlen Tesla in Euro, Tesla transferiert das Geld in die USA und tauscht es dort in US-Dollar um. Das Model 3 Performance kostet in den USA netto 56.990 US-Dollar. Inklusive 10% Importzoll und 19% Umsatzsteuer entspricht das beim aktuellen Wechselkurs von 1,11 67.210 Euro. Da das Auto zu dem Preis in Deutschland unverkäuflich wäre, bietet es Tesla aber für 60.390 Euro an und verdient somit pro in Deutschland verkauftem Auto knappe 7.000 Euro weniger als in den USA.

Bitte klicken Sie hier um Teil 2 des Artikels zu lesen
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