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Saudi-Arabien im Abwärtsstrudel des niedrigen Ölpreises

FMW-Redaktion

Nicht nur die amerikanische Fracking-Industrie oder schwache Ölproduzenten wie Venezuela leiden unter dem niedrigen Ölpreis, auch Golfstaaten wie Saudi-Arabien spüren die Auswirkungen immer mehr. Noch jammert man dort auf hohem Niveau. Aber die strukturellen Probleme sind nicht übersehen und schlagen nun immer kräftiger zu.

Das Haushaltsdefizit in Saudi-Arabien ist gigantisch. In 2015 waren es 98 Milliarden Dollar (15% des BIP), die der Staat mehr ausgegeben als eingenommen hat. Für 2016 besagen Schätzungen von verschiedenen Seiten Summen zwischen 80-90 Milliarden Dollar, aber die Kriegskosten vor allem für den Jemen sollen dort nicht enthalten sein. Man versucht die Lücke zu schließen durch die teilweise Ausgabe von Anleihen und auch durch die Veräußerung von Vermögenswerten. So oder so, das effektive Staatsvermögen schmilzt in dramatischer Geschwindigkeit.

Auch wenn sich der Ölpreis etwas erholen sollte, ein enormes Haushaltsdefizit dürfte wohl auch in 2017 weiter bestehen bleiben. Die Andeutungen für die Einführung einer Mehrwertsteuer in Saudi-Arabien mehren sich. Unglaublich, aber bisher gibt es dort gar keine! Wie gesagt, Jammern auf hohem Niveau. Dennoch wäre das für die Volkswirtschaft ein Schock, da die Bevölkerung ja höhere Preise zahlen müsste für Gegenstände des alltäglichen Bedarfs. Im Gespräch ist eine Mehrwertsteuer von 5%.

Das Atlantic Council z.B. sieht es als sehr positiv an, dass Saudi-Arabien überhaupt endlich mal Steuern einführen will, da man sich als Staat dadurch unabhängiger von Öleinnahmen macht. Das klingt logisch, hat aber immer auch eine Kehrseite. Denn dieser Prozess geschieht ja (fast) über Nacht, der Konsument und Bürger kann diese Mehrbelastung nicht über Nacht durch höhere Löhne kompensieren. Auch streicht die Regierung in Riad Subventionen für Strom und auch Benzin (Preise gerade erst +60%), was die Haushalte noch mehr belastet. Neue Jobs oder Gehaltssteigerungen in der Ölindustrie sind vertändlicherweise nicht so schnell zu erwarten bei der derzeitigen Lage – de facto versucht man also ein gigantisches Haushaltsloch irgendwie auf das Volk abzuwälzen, zumindest teilweise. Steuern einzuführen in einer Gesellschaft, die noch nie Steuern gezahlt hat, wirkt sich sicherlich nicht besonders positiv auf die volkswirtschaftliche Leistung aus.

Der staatliche Ölkonzern Saudi-Aramco, wohl der größte und reichste Ölkonzern der Welt, der das Land quasi finanziert, soll zu gewissen Teilen versilbert werden – genaue Details stehen noch nicht fest. Wahrscheinlich verkauft man demnächst Teile des Unternehmens wie Raffinerien, oder kleine Aktienanteile. Erstens wird man das tun um Cash in die Kasse zu bekommen, und zweitens erhöht man durch eine mögliche internationale Börsennotierung die Transparenz der Firmenbilanz – so wird man wohl versuchen das Vertrauen internationaler Kapitalgeber für den heimischen Markt zu erhöhen.

Dass in Saudi-Arabien derzeit einiges durchgewirbelt wird durch den niedrigen Ölpreis, zeigt sich auch an anderen Stellen. Das Geldmengenwachstum, das bis Ende 2015 noch in normalen Bahnen verlief, ist in den letzten drei Monaten nicht nur abgestürzt, sondern inzwischen sogar leicht ins Negative gerutscht. Die Interbanken-Zinssätze, zu denen sich Banken in Saudi-Arabien untereinander Geld leihen, haben sich im letzten halben Jahr verdoppelt. Das Vertrauen zwischen den Banken sinkt also. Wer befürchtet bei kurzfristigen Krediten von z.B. 2 oder 3 Tagen sein Geld nicht zurückzubekommen, erhöht natürlich die Risikoprämie (Zinssatz), die man für sein Risiko erhalten möchte. Das sind womöglich Anzeichen dafür, dass im Land derzeit schon mehr Probleme bestehen als gedacht.



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