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Türkei: Kein Bankenrettungsfonds, dafür schwächere Wachstumsaussichten und sparsames Haushalten

Ist Berat Albayrak, Präsident Erdogans Schwiegersohn und jüngst von ihm neu eingesetzter Finanzminister, für die Türkei ein kleiner Lichtblick in Sachen Vernunft und Seriosität? Das könnte man doch glatt annehmen, wenn man seine heutigen Aussagen hört. Da war nämlich nichts zu hören vom Vertrauen auf Allah, von großen Plänen oder von Verschwörungen des Auslands gegen die Türkei.

Aber zunächst einmal die schlechte Nachricht. Anders als in den letzten Tagen vermutet hat Albayrak heute keine staatlich inszenierte Bankenrettung verkündet. Konkrete Gerüchte lauteten so, dass der türkische Staat vorhabe über ein Sondervehikel (Bad Bank?) den einheimischen Banken faule Kredite abzunehmen, um so den Finanzsektor des Landes zu stabilisieren. Dazu hieß es heute nur, dass die türkischen Banken nun einem Stresstest unterzogen werden sollen (“Health Assessment Studies”), um die Qualität ihrer Vermögenswerte (der ausgegebenen Kredite) zu „identifizieren“. Nach diesem Test könne man als Staat weitere Schritte einleiten, falls notwendig, so die Worte von Albayrak. Also kann die Bad Bank durch den türkischen Staat immer noch kommen – aber kurzfristig wohl erst mal nicht.

Offenbar will Albayrak eine Strategie der Transparenz fahren und keine hochtrabenden unrealistischen Ziele hinaus posaunen. Nach einem Wirtschaftswachstum von 7,4% in der Türkei im letzten Jahr soll es laut seiner heutigen Aussage für 2018 nur ein Plus von 3,8% werden – das ist sehr wenig für die Türkei. 2019 soll es bei 2,3% liegen. Dann wäre man auf dem geringsten Wachstumswert seit 2010 angekommen. Viel nützen tut das Wachstum den meisten Menschen nicht, weil die Inflation von knapp 20% alles weg frisst, was an Einkommenszuwächsen dank BIP-Anstieg entsteht. Mit seiner aktuellen 3,8%-Prognose geht es drastisch nach unten nach vorigen Prognosen von 5,5% für 2018. Dass es ganz aktuell in der Türkei drastische Verwerfungen gibt, zeigen auch die Autoverkäufe. Die Neuzulassungen im August sind um 53% geringer ausgefallen als im August 2017.

Auch hat Albayrak heute die staatliche Ausgabensituation angesprochen. Man plane keine weiteren Ausgabenschübe, sondern wolle die staatlichen Ausgaben beschränken. Damit will man wohl auch die ökonomischen Wünsche ausländischer Beobachter befriedigen, wo man ausufernde Staatsschulden natürlich nicht gerne sieht. So will Albayrak noch nicht begonnene Leuchtturmprojekte nicht mehr realisieren. Sie galten in den letzten Jahren als große Wachstumstreiber der türkischen Binnenwirtschaft, wie der gigantische neue Großflughafen in Istanbul.

Das Inflationsziel der Türkei für das Gesamtjahr 2018 sei nun bei 20,8% (aktuell knapp unter 20%), und für 2019 sehe man sie bei 15,9%. Das klingt doch alles schon mal realistischer und seriöser als beim großen Vater Erdogan. Die Türkische Lira (im Chart Euro vs Lira seit 10. September) zeigt sich seit Tagen uneinheitlich. Der kleine positive Impuls für die Lira durch die Zinsanhebung vom 13. September war bereits verpufft. Jetzt ist wichtig, dass Erdogan mal eine lange Zeit gar nichts sagt, damit Ruhe einkehren kann.

Euro vs Lira

Berat Albayrak - Türkei Finanzminister
Berat Albayrak. Foto: President.az / Wikipedia (CC BY 4.0) – Ausschnitt aus Originalfoto



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