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Geldpolitik Türkei: Zentralbank senkt den Leitzins – trotz Inflation bei 80 Prozent

Soeben wurde der Leitzins für die Türkei überraschend von 14 auf 13 Prozent gesenkt- und das bei 80 Prozent Inflation.

Türkei-Fahne

Die Zentralbank der Türkei hat soeben verkündet, dass der Leitzins von 14 auf 13 Prozent gesenkt wird – und das trotz einer grassierenden Inflation von 79,6 Prozent im Juli. Die türkische Lira reagiert seit 13 Uhr schlagartig mit einer Abwertung gegenüber dem US-Dollar. USDTRY steigt aktuell von 17,96 auf 18,10. Seit Jahresende 2021 lag der Leitzins bei 14 Prozent – eigentlich müsste er (gemäß global anerkannter Vorgehensweise) drastisch erhöht werden um die Inflation zu bekämpfen. Aber Präsident Erdogan wünscht deutlich fallende Zinsen. Jetzt hat die Zentralbank diesem Wunsch offenbar ein wenig nachgegeben. Warum die Zentralbank so entschieden hat, wird im Begleittext zur Entscheidung erläutert.

Leitzinssenkung in der Türkei – Begründung der Zentralbank

Die Abschwächung der geopolitischen Risiken für die globale Wirtschaftstätigkeit nimmt laut aktueller Aussage der Zentralbank weiter zu. Die globalen Wachstumsprognosen für den kommenden Zeitraum werden nach unten korrigiert und eine Rezession wird zunehmend als unvermeidlicher Risikofaktor eingeschätzt. Während die negativen Folgen der Versorgungsengpässe in einigen Sektoren, insbesondere bei Grundnahrungsmitteln, durch die von der Türkei ermöglichten strategischen Lösungen gemildert wurden, hält der Aufwärtstrend der Erzeuger- und Verbraucherpreise laut Meinung der Zentralbank auf internationaler Ebene an. Die Auswirkungen der hohen weltweiten Inflation auf die Inflationserwartungen und die internationalen Finanzmärkte beobachte man genau.

Darüber hinaus würden die Zentralbanken in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften betonen, dass der Inflationsanstieg aufgrund der steigenden Energiepreise, der Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage und der Verkrustungen auf den Arbeitsmärkten länger anhalten könnte als bisher angenommen. Die Divergenz der geldpolitischen Schritte und Mitteilungen der Zentralbanken in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften setze sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Wirtschaftsaussichten fort. Es sei zu beobachten, dass die Zentralbanken ihre Bemühungen fortsetzen, neue unterstützende Maßnahmen und Instrumente zu entwickeln, um mit den zunehmenden Unsicherheiten auf den Finanzmärkten fertig zu werden.

Das robuste Wachstum in der Türkei zu Beginn des Jahres setzte sich laut Aussage der Zentralbank auch im zweiten Quartal fort, gestützt durch die Auslandsnachfrage. Im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften sei die Schaffung von Arbeitsplätzen stärker ausgefallen. Betrachtet man die Sektoren, die zum Beschäftigungsanstieg beitragen, so sei festzustellen, dass die Wachstumsdynamik durch strukturelle Gewinne unterstützt wird. Während der Anteil der nachhaltigen Komponenten des Wirtschaftswachstums steigt, bleibe der Beitrag der Tourismuseinnahmen zur Leistungsbilanz höher als erwartet.

Andererseits würden die Risiken für die Leistungsbilanz durch den hohen Anstieg der Energiepreise und die Wahrscheinlichkeit einer Rezession bei den wichtigsten Handelspartnern bestehen bleiben. Ein nachhaltiger Leistungsbilanzsaldo sei wichtig für die Preisstabilität in der Türkei. Die Kreditwachstumsrate und die Mittelverwendung für realwirtschaftliche Zwecke würden genau beobachtet. Darüber hinaus gehe man davon aus, dass die jüngste Vergrößerung der Spanne zwischen Leitzins und Kreditzins die Wirksamkeit der geldpolitischen Transmission verringert. In diesem Zusammenhang habe man beschlossen die makroprudenzielle Politik mit Instrumenten zur Unterstützung der Wirksamkeit des monetären Transmissionsmechanismus weiter zu stärken.

Der Anstieg der Inflation in der Türkei ist laut Aussage der Zentralbank auf die verzögerten und indirekten Auswirkungen der steigenden Energiekosten infolge geopolitischer Entwicklungen, auf die Auswirkungen von Preisbildungen, die nicht durch wirtschaftliche Fundamentaldaten gestützt werden, sowie auf starke negative Angebotsschocks infolge des Anstiegs der weltweiten Energie-, Lebensmittel- und Agrarrohstoffpreise zurückzuführen. Die Zentralbank geht davon aus, dass der Disinflationsprozess im Zuge der ergriffenen und entschlossen umgesetzten Maßnahmen zur Stärkung der nachhaltigen Preis- und Finanzstabilität sowie der Beilegung des anhaltenden regionalen Konflikts einsetzen wird.

Darüber hinaus deuten die Frühindikatoren für das dritte Quartal laut Aussage der Zentralbank darauf hin, dass die Wirtschaftstätigkeit etwas an Schwung verliert. Es sei wichtig, dass die finanziellen Bedingungen weiterhin unterstützend wirken, um die Wachstumsdynamik der Industrieproduktion und den positiven Trend bei der Beschäftigung in einer Zeit zunehmender Unsicherheiten in Bezug auf das globale Wachstum sowie eskalierender geopolitischer Risiken zu erhalten. Dementsprechend habe man beschlossen den Leitzins für die Türkei um 100 Basispunkte zu senken, und man sei zu der Einschätzung gelangt, dass das aktualisierte Niveau des Leitzinses angesichts der derzeitigen Aussichten angemessen ist.

Um eine institutionelle Grundlage für nachhaltige Preisstabilität zu schaffen, werde die umfassende Überprüfung des politischen Rahmens mit dem Ziel fortgesetzt, eine dauerhafte und verstärkte Liraisierung aller politischen Instrumente der Zentralbank zu fördern. Die kredit-, sicherheits- und liquiditätspolitischen Maßnahmen, deren Überprüfung abgeschlossen ist, würden weiterhin umgesetzt, um die Wirksamkeit des geldpolitischen Transmissionsmechanismus zu stärken.

Die Zentralbank wird im Rahmen der Liraisierungsstrategie laut aktueller Aussage weiterhin alle verfügbaren Instrumente entschlossen einsetzen, bis starke Indikatoren auf einen dauerhaften Rückgang der Inflation in der Türkei hindeuten und das mittelfristige Ziel von 5 Prozent erreicht ist, um das vorrangige Ziel der Preisstabilität zu erreichen. Ein stabiles allgemeines Preisniveau werde die makroökonomische Stabilität und die finanzielle Stabilität durch den Rückgang der Länderrisikoprämie, die Fortsetzung der Umkehr der Währungssubstitution und den Aufwärtstrend bei den Devisenreserven sowie den dauerhaften Rückgang der Finanzierungskosten fördern. Dies würde eine tragfähige Grundlage für ein weiteres gesundes und nachhaltiges Wachstum von Investitionen, Produktion und Beschäftigung schaffen.



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