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Von Fußballkriegen und Finanzdiktaturen

Von Kilian Kimmel

Ich wünsche mir als Endspiel in der Fußballweltmeisterschaft entweder Brasilien gegen Argentinien oder Deutschland gegen Holland. Neben der hohen Qualität, die solche Spiele versprechen, erreichen auch die Emotionen zwischen den Beteiligten einen hohen Grad. Emotionen funktionieren am besten, wenn sie auf unhaltbaren Vorurteilen beruhen und können im Falle des Kontrollverlustes sogar in einen Fußballkrieg münden. So geschehen im ersten Fußballkrieg der Weltgeschichte im Jahre 1969 zwischen El Salvador und Honduras. Hier lautete das Vorurteil, dass Wirtschaftsflüchtlinge aus El Salvador die Ursache für wirtschaftliche Probleme in Honduras wären. El Salvador schickte zum Schutz seiner Emigranten Panzer und forderte ein Bleiberecht in Honduras ein. Der Krieg dauerte 100 Stunden und kostete 3000 Menschen das Leben.

Ein Fußballkrieg zwischen Deutschland und Holland wäre am wahrscheinlichsten, weil wir Deutschen das beste Vorurteil der Welt haben: Die Holländer machen mit ihren Wohnwagen unsere Autobahnen kaputt. Ein zweiter Fußballkrieg würde auch gut in unsere Zeit passen, wo sich ein sinnloser Krieg an den nächsten reiht: Separatistenkrieg in der Ukraine, Gotteskriege im Irak und Nigeria, Konflikt zwischen China und Vietnam um ölverschmierte Felsen im Meer.

Frieden und Harmonie gibt’s zur Zeit nur an der Börse. Ein Krieg an der Börse, also ein Börsencrash, ist nicht mehr möglich, weil es dazu freier Marktkräfte bedarf. Diese freien Marktkräfte wurden aber durch die Zentralbanken sauber ausgehebelt – sie haben die Börse in einen Laufstall gesperrt und die Börsenlandschaft in ein Sparbuchidyll verwandelt. Alle verfügbaren Angstbarometer, wie z. B. der VIX, bewegen sich um ihre historischen Tiefststände. Irgendwelche unverbesserlichen Nostalgiker, die noch die guten alten Baisse-Zeiten kennen, haben eine Millionen-Dollar-Wette auf den VIX abgeschlossen: Bis August soll der VIX um 50 Prozentpunkte steigen, so glauben sie.

Dieser Frieden ist umso erstaunlicher, wenn man weiß, dass die systemrelevante Deutsche Bank faktisch Pleite ist. Sie hat in ihren Büchern ein Risiko aus dem Derivategeschäft von ca. 50 Milliarden Euro. Im Notfall hilft da kein Eigenkapital und auch kein Rettungsschirm. Aber diese Risiken tauchen in den Bilanzen nur zu einem Bruchteil auf, der größte Teil schlummert außerhalb in Zweckgesellschaften. Andernfalls würden die Deutschbänker auch den kommenden Bankenstresstest nicht mal ansatzweise überstehen.

Ganz dick im Geschäft ist die Deutsche Bank im CDS-Markt, den berühmten und gefürchteten Kreditausfallversicherungen. Die Bank von England hat nun vorgeschlagen, im Falle eines Kreditausfalls den Inhabern dieser Papiere ihr Recht auf Zahlung aus dieser Versicherungspolice per Gesetz zu verbieten, falls sie nicht freiwillig verzichten. Das heißt, die Zentralbanken sind im Notfall auch bereit den Rechtsstaat zu opfern, bevor ein Börsencrash das Finanzsystem ernsthaft bedroht.
Willkommen in der Finanzdiktatur.



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