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Hintergrund

„Wir müssen den Staaten in die Parade fahren“

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Die Plünderung der Welt

Michael Maier ist ein namhafter Publizist: ehemals Chefredakteur des „Stern“ und der „Berliner Zeitung“, ist er heute Herausgeber unter anderem der „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“. Sein Buch „Die Plünderung der Welt“ ist ein Plädoyer gegen die Konzentration des Kapitals in den Händen einiger weniger Superreicher. Wir können, so Maier, das Unheil noch aufhalten.

7 Fragen an Michael Maier zu seinem Buch „Die Plünderung der Welt“:

(Zum Bestellen des Buches bitte auf das Bild klicken)

1. finanzmarktwelt.de: Herr Maier, Sie proklamieren eine Zeitenwende: immer weniger Menschen besitzen immer mehr. Sie berufen sich aber auch auf einen schweizer Physiker, der ausgerechnet hat, dass 0,123% der Bevölkerung 80% der
internationalen Konzerne besitzen. Wie haben Sie diesen Physiker entdeckt?

Michael Maier: Glattfelder hatte seinerzeit mit Stefano Battiston erste Netzwerk-Analysen im Zuge der Banken-Rettungen gemacht. Ich habe dann nach einer umfassenden Darstellung des Problems gesucht und seine Dissertation in der
Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin gefunden. Danach habe
ich ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt, in dem er mir seinen Ansatz
erklärt hat. Die Recherche hat mich vor allem deshalb überzeugt, weil sie
das Problem als ein strukturtheoretisches Phänomen beschreibt, in der
Tradition von Albert-László Barabásis „The Structure and Dynamics of
Networks“. Ich hatte zu diesem Thema vor einigen Jahren in Harvard die
Thesen von Yochai Benkler studiert („The Wealth of Networks“). Benkler
liefert eher die soziologische Erklärung. Mit Glattfelder hatte ich den
fehlenden Puzzlestein für die Frage, warum sich die Entwicklung so
beschleunigt hat.

 

2. finanzmarktwelt.de: Selbst wenn es stimmt, dass immer weniger Menschen mehr besitzen, so ist es doch eine Tatsache, dass die Eurozone 7% der Weltbevölkerung umfaßt, 25% der globalen Wertschöpfung generiert – aber 50% aller Sozialleistungen weltweit ausschüttet. Leben die westlichen Gesellschaften nicht insgesamt über ihre Verhältnisse und auf Kosten der „Restwelt“ – jenseits der
Konzentration des Kapitals bei den Superreichen? In Deutschland etwa
begannen wohl nicht zufällig die ersten Ansätze eines Sozialstaats
gleichzeitig mit dem imperialistischen Ausgreifen unter Bismarck..

Michael Maier: Das ist absolut richtig. Deshalb habe ich meinem Buch auch Wert darauf gelegt, das Problem nicht bloß als ein Problem der Euro-Zone, sondern als ein globales Problem beschrieben. Das Problem besteht darin, dass wir uns
nach dem Fall der Mauer von den Ideen einer fairen Entwicklungshilfe
verabschiedet haben, etwas dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Anstelle
einer partnerschaftlichen, balancierten Sicht der Welt ist eine Art der
Ausbeutung getreten, wie sie Goethe in seinem Faust im Grunde vorhergesehen
hat. Ich glaube jedoch nicht, dass man den westlichen Gesellschaften
pauschal die Schuld geben kann. Die Schuld, auch im Sinne von bewusster
Herbeiführung von Elend für Millionen Menschen, liegt bei den politischen
Eliten. Sie haben erkannt, dass man sich auf nationalem Level an der Macht
halten kann, wenn man die Welt ausbeutet. Dazu gehört auch die Dominanz des
Dollars, mittels welcher es möglich ist, eine Inflation zu exportieren.
Davor warnt Marc Faber seit Jahren. Und das ist wirtschaftlich gefährlich
und moralisch inakzeptabel.

 

3. finanzmarktwelt.de: Sie beklagen den Moralverlust, der vor allem mit der derzeitigen Geldpolitik einhergeht. Könnte es sein, dass – jenseits einer moralischen Fragestellung – die ultralaxe Geldpolitik etwa der EZB der (unausgesprochene) Versuch ist, den absehbaren Niedergang eines alternden, hoch verschuldeten Kontinents so lange wie möglich hinauszuzögern?

Michael Maier: Eines der Probleme, das ich in meinem Buch nicht im Detail ausgeführt habe, ist das demografische Problem im Westen. Zusammen mit den neuen Technologien, die zwar die Produktivität steigern, jedoch keine neuen Arbeitsplätze mehr schaffen, führt die Überalterung des Westens (und übrigens auch Chinas, wegen der Ein-Kind-Politik) dazu, dass die Geldpolitik für die größte Wählergruppe gemacht wird, nämlich für die Rentner. Man glaubt in der Tat, das Problem noch lange hinausschieben zu können. Und tatsächlich kann ja niemand sagen, wie lange das gutgeht. Dass die Rentner trotzdem betrogen werden, wird öffentlich unter den Tisch gekehrt: Denn sie sind meistens auch die Sparer, die wegen der niedrigen Zinsen enteignet werden.

 

4. finanzmarktwelt.de: Sie vermuten wohl zurecht, dass die Staaten zur Entschuldung das Vermögen ihrer Bürger konfiszieren werden. Aber wie sollte es anders gehen? Schließlich sind in den westlichen Ländern die Staaten verschuldet, die
Bürger aber überwiegend nicht – während etwa in Ermerging Markets wie der
Türkei die Staaten kaum verschuldet, aber die Bürger stark auf Pump leben.
Irgendwer muß ja schließlich zahlen – oder wie sehen Sie eine Lösung des
Verschuldungsproblems?

Michael Maier: Ich stelle die finanzielle Repression in meinem Buch als unvermeidlich dar. Es wird die Bürger treffen. Allerdings haben wir auch bei den Hauhalten in einigen Ländern viel zu hohe Schulden, etwa in den Niederlanden. Auch die
Unternehmen sind überschuldet. Mein Plädoyer geht dahin, dass wir den
Staaten und den supranationalen Institutionen in die Parade fahren müssen,
nicht noch weitere Schulden zu machen. Der aktuelle Trend in der Euro-Zone,
inklusive dem Schwenk von Draghi, geht dahin, alle Defizit-Grenzen wieder
aufzuheben. Zugleich erleben wir massive Steuerverschwendung und zu allem
Überfluss noch einen Bürgerkrieg in der Ukraine, den auch die europäischen
Steuerzahler zu finanzieren haben. Der entscheidende Hebel scheint mir der
Rückzug des Staates aus der Schulden-Orgie zu sein. Das wird schmerzhafte
Einschnitte zwar nicht verhindern. Aber die Dimension der Enteignung kann
geringer ausfallen.

 

5. finanzmarktwelt.de: Derzeit sieht es so aus, als würde die EZB an die Stelle der Fed treten – und so der neue Spender der Liquidität werden. In Ihrem Buch „Die Plünderung der Welt“ sehen Sie aber in der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, der Zentralbank der Zentralbanken, einen der Haupttreiber für die
Ungleichverteilung von Vermögen. Aber diese warnt immer wieder vor einem
Crash durch die ultralaxe Geldpolitik, während der IWF permanent von der EZB
neue Staatsanleihekäufe fordert. Ist nicht der IWF der eigentliche
„Übeltäter“?

Michael Maier: Es ist schwer zu sagen, wer genau die meiste Schuld hat. Ich versuche jedoch herauszuarbeiten, dass das globale Zusammenspiel von undemokratischen Finanz-Organisationen verheerende Folgen hat – weil nämlich jegliche
Transparenz und Kontrolle und damit die Möglichkeit zur Korrektur fehlen.
Die BIZ ist ein weiterer zentralistischer Ansatz, der nicht funktionieren
kann: Die Idee, man könne mit möglichst vielen Vorschriften die Banken
regulieren, ist planwirtschaftlich. In einem globalen System gibt es immer
mehr Schlupflöcher als Regeln. Mir wäre lieber, die Bank-Manager würden mit
ihrem Vermögen haften, als dass ich mich auf eine viel zu komplexe Aufsicht
wie das Basel-System verlassen möchte. Der IWF ist als US-dominiertes
Vehikel sicher ein besonders unerfreulicher Player – vor allem deshalb, weil
er sich viel mehr anmaßt, als er wirklich leisten kann.

 

6. finanzmarktwelt.de: Sie appellieren an Ihre Leser, der Konzentration des Kapitals entgegenzutreten. Aber die Bürger haben wohl kaum die Macht – und das know how – die aktuellen Verhältnisse zu ändern. Bedarf es eines gigantischen Crashs, um einen Neustart zu ermöglichen, wie etwa die Autoren Marc
Friedrich und Matthias Weik in ihrem Buch „Der Crash ist die Lösung“ meinen?

Michael Maier: Der große Crash ist vom Schreibtisch her immer eine verlockende Lösung. Tatsächlich wird er, sollte es tatsächlich dazu kommen, nicht die Schuldigen bestrafen, sondern die normalen Bürger und Sparer. Er wird außerdem den
sozialen Frieden zerstören, mit einer Radikalisierung in der Politik, deren
erste Vorboten wir heute schon weltweit erleben. Ich erwarte keinen großen
Crash, sondern eine Folge vieler kleiner, repressiver Sequenzen: Die Troika,
Zypern, Sparbuchsteuer in Spanien – das alles sind erste Vorboten. Die
Arbeitslosigkeit ist in Europa anhaltend hoch – und das, obwohl die jungen
Leute viel besser ausgebildet sind als früher. Am Ende sehe ich ein
schleichendes Feudal-System, in welchem die bürgerlichen Freiheiten auf der
Strecke bleiben. Ein solches System – noch dazu weltweit – können wir den
kommenden Generationen nicht zumuten. Wer dagegen nicht rechtzeitig
Widerstand leistet, macht sich mit schuldig.

 

7. finanzmarktwelt.de: Ihr Buch „Die Plünderung der Welt“ hat eine ähnliche Tendenz wie das Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty – die Konzentration des Kapitals in der Hand einiger weniger. Haben Sie eine Erklärung für die Tatsache, dass etwas Ähnliches bisher noch nie von einem amerikanischen Autor erschienen ist? Sind Sie und Thomas Piketty eine Form des europäischen
„Kulturpessimismus“, während die Amerikaner naiv an das Funktionieren des
Kapitalismus glauben?

Michael Maier: Ich habe ja gerade durch die Heranziehung von Glattfelder und den Netzwerk-Ökonomen versucht zu zeigen, dass es sich nicht um eine
ideologische Frage handelt. Daher sehe ich das Thema nicht
kulturpessimistisch, sondern ziemlich nüchtern. Ich habe in meinem Buch
ausführlich die soziale Zerstörung im US-Sozialstaat beschrieben – der
übrigens als Folge der Entwicklung heute genau dem entspricht, was Sie
vorhin mit Bismarck angesprochen haben: Die Amerikaner leben millionenfach
von Lebensmittelkarten, während die Rüstungsindustrie mehr oder weniger
wahllos Regionen der Erde in Schutt und Asche legt. Das ist für mich jedoch
kein Kapitalismus, sondern ein ziemlich primitives Hegemonie-Streben. Meine
Erfahrung aus den USA ist, dass der unternehmerische Geist, den Schumpeter
als kraftvoll-zerstörerisch beschrieben hat, von einer Hype-Kultur abgelöst
wurde. Es gibt deshalb in Amerika durchaus Stimmen, wie etwa jene von Chris
Martenson, Dani Rodrik oder Steven Zarlenga, die das Unheil kommen sehen.
Ich glaube, dass es eher daran liegt, dass die Amerikaner nicht so stark an
Ideen glauben wie die Europäer. Ihr Optimismus gründet in Taten. Meine
Beobachtung ist jedoch, dass der Optimismus deutlich nachgelassen hat, weil
alle Player in den vergangenen Jahren so unverschämt und auch so unbeirrt
gegen das alte US-Prinzip der Fairness verstoßen haben.

 

7 Kommentare

7 Comments

  1. Avatar

    Thomas r.

    27. August 2014 08:19 at 08:19

    Unbedingtes lesen empfohlen:

    http://www.format.at/articles/1435/581/377627/der-crash-wirtschaftssystems

    Was hier schon lange geschrieben wird, kommt nun in der Presse an.

  2. Avatar

    GoldMurksDe/bgm

    27. August 2014 09:18 at 09:18

    Im Rahmen der „Eurorettung“ hat Deutschland Recht auf ratierliche Verteilung, wie das BVerfG auch gedeutet hat, somit mehr als vier Tausenden Milliarden, zum Ausgleich der Entwertung, gegen die schleichende Enteignung die Maier erwaehnt. Auch mehr als tausend Mitgliedern der Landestagen Faxberichte geschickt aber keiner hat Interesse. Merkwuerdig ? Auch het keiner der FDP und AfD Interesse hinsichtlich den ausgedehnten Begruendungen hinischtlich der Nichtigkeit der verfassungswidrigen Sperrklausel. Sogar absolut keiner hat Empfang meines Berichtes bestaetigt.

  3. Avatar

    Wolfgang R. Grunwald

    27. August 2014 09:50 at 09:50

    „Ich stelle die finanzielle Repression in meinem Buch als unvermeidlich dar. Es wird die Bürger treffen.“

    Und warum nicht die Finanz-Oligarchie – und das politische System?
    Hat diese nicht ihre politischen Westlichen-Werte-Demokratien den Nationen mit Gewalt aufs Auge gedrückt – mit ihren demokratischen Statthaltern? Z.B. Deutschland 1945.

    Und was hindert uns daran, die politisch-wirtschaftliche Systemfrage stellen!
    Transparenz in der Finanz-Oligarchie schaffen – und enteignen!
    Was Du schon immer über die Westliche-Werte-Demokratie wissen wolltest – bisher aber nicht zu fragen wagtest…
    „Die erfolgreichsten Gehirnwäsche-Techniken. Der Globalisierungs-Fanatiker. Ein Psychogramm der Westlichen-Werte-Demokratie“.
    http://www.gehirnwaesche.info

  4. Avatar

    Christina

    15. September 2014 06:10 at 06:10

    Was kann der Einzelne Bürger tun um etwas zu verändern?

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By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

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Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

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Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

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