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Wirecard: Exzesse bringen oft eine Wende am Markt! Erinnerungen

Wer glaubt, dass die Bilanztricksereien von Wirecard etwas Neues seien oder speziell ein deutsches Phänomen, der hat einige Vorkommnisse seit der Jahrtausendwende übersehen oder schlichtweg vergessen.

Lange vor Wirecard: Deutschlands Neuer Markt, ein System von Luftbuchungen

Die Älteren werden sich an die Geschichte des Nemax, des Index für junge aufstrebende Werte erinnern. 1997 gestartet, stieg er von Anfang 1998 mit 1000 Punkten bis zum März 2000 explosionsartig auf 9666 Punkte, um dann um 96 Prozent einzubrechen und im Jahre 2003 eingestellt zu werden. Unter den im Höhepunkt 366 gelisteten Unternehmen waren Raketen in der Bewertung hinsichtlich Umsatz und Marktkapitalisierung und Firmen mit Bilanzen, die reine Luftbuchungen waren.

Da gab es die Insolvenz der Infomatec AG im Mai 2001, ein Software und EDV-Dienstleister, der zuvor reihenweise betrügerische Ad-Hoc-Meldungen publiziert hatte. Dann den spektakulären Betrugsfall des Telematik-Anbieters ComROAD, der nahezu ausschließlich Scheingeschäfte mit sich selbst abgewickelte. 95 Prozent der Umsätze waren frei erfunden und Firmengründer Bodo Schnabel wanderte für 7 Jahre hinter Gittern.

Der wohl schillerndste Fall war wohl die Geschichte der beiden Haffa-Brüder und EM.TV. Der Fernsehrechtehändler wollte sich mit Disney messen und die Aktie des Medienkonzerns schoss durch glamouröse Marketingarbeit von 1997 von umgerechnet 0,35 Euro in drei Jahren bis auf 120 Euro. Die Firma schaffte es ohne echte Firmenbilanz und mit nur wenigen Hunderten Mitarbeitern auf einen höheren Börsenwert als die Lufthansa.

Der Fall beschäftigte jahrelang die Straf- und Zivilgerichte. Es kam zu Verurteilungen wegen Insiderhandels und Kursbetrugs. Wiederholt sich mit Wirecard jetzt die Geschichte?

Was stellte man fest? Wie schlampig, ja geradezu fahrlässig Banken, Börsenaufsicht, Wirtschaftsprüfer und Analysten die Börsendebütanten damals geprüft haben. Ist das eine Parallele zu dem Skandal um Wirecard?

An eine Geschichte erinnere ich mich auch noch nach 20 Jahren. Der Student B. hatte von seiner Oma umgerechnet 10.000 Euro erhalten, um am Neuen Markt anzulegen. Er investierte alles in EM.TV und erreichte tatsächlich nach drei Jahren die Millionengrenze. Dann kam der Einbruch, er wollte ihn wegen der guten Aussagen des Vorstandes aussitzen – bis er beim Einstandsbetrag von 10.000 Euro ausstieg. Fast noch ein Happy End im Vergleich zu vielen anderen.

Nicht viel anders die USA

Natürlich ist das Thema der Bilanzmanipulation kein besonderes Problem des deutschen Aktienmarktes. Wie immer sind die Dimensionen in den USA noch etwas größer. Der Energiehändler Enron ging im Jahre 2000 pleite, nachdem herauskam, dass der Konzern über Jahre Scheinumsätze bilanziert hatte. In einem Geflecht von 2000 Firmen machte man Geschäfte nur mit sich selbst.

Auch dort war den Aufsichtsbehörden jahrelang nichts aufgefallen, man wollte die Wachstumsstory nicht beeinträchtigen. Ergebnis: Aktionäre, Banken und Pensionsfonds verloren 60 Milliarden Dollar, 21.000 Mitarbeiter ihre Jobs und viele davon ihre Altersvorsorge.

Wenig später der nächste Fall hemmungslosen Bilanzbetrugs. Das Telekommunikationsunternehmen Worldcom musste nach Überprüfungen eingestehen, seine Gewinne um 3,8 Milliarden Dollar aufgebläht zu haben.

Später wurden sogar 7 Milliarden Dollar daraus. Den Wirtschaftsprüfern von Andersen war es nicht aufgefallen. Die Firma war damals der zweitgrößte Telekomkonzern über dessen Leitungen die Hälfte des Internetverkehrs liefen.

Dann kam noch Tyco, ein Alarmanlagenhersteller, dessen Chef Dennis Kozlowski Bilanzmanipulation betrieb und 600 Millionen Dollar in die eigene Tasche umleitete.

Kein Wunder, dass der S&P 500 in den Jahren bis 2003 um 50 Prozent korrigierte.

Der Fall Madoff

Wenn man heute, mit Recht, über manche Schludrigkeit bei der Prüfung der Geschäfte und Bilanzen von Unternehmen durch Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsprüfer schimpft, was hatten denn dann die US-Behörden erst im Fall des Milliardenbetrügers Bernie Madoff getan? Der Mann hatte jahrelang ein reines Schneeballsystem aufrechterhalten, indem er ein Renditeversprechen zweistelliger Jahresrenditen gab und die Auszahlungen mit immer neuen Kundengeldern finanzierte.

Ein Mann, Harry Markopolos, machte schon im Jahre 1992 und danach mehrfach die US-Finanzmarktaufsicht SEC auf das Unternehmen aufmerksam.

Es erfolgten zwar mehrere Kontrollen, aber alle verliefen im Sande.

In der Finanzkrise 2008 kam der Schwindel auf, als die Anleger an ihr Kapital wollten. Der anfängliche Schaden betrug 65 Milliarden Dollar und Maddoff wurde (Jahrgang 1938) zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.

Wirecard – Exzesse bringen oft eine Wende am Markt

Es ist nicht verwunderlich, dass gerade die ganz große Gewinnversprechen an den Börsen oft eine Wende einläuten.

Desto schneller die Aktienkurse steigen, desto leichtsinniger werden die Anleger, desto höher die Hebel auch per Kredit und umso geringer die Absicherung am Terminmarkt – die Zutaten für große oder ganz große Aktienmarktkorrekturen. Sind wir in so einer Situation, sichtbar im Fall von Wirecard? Noch existiert der große Wal, die Notenbanken, die mit ihren Bazookas ein Netz gespannt und den Anlagezins pulverisiert haben.

Fazit

Was die Zukunft bezüglich Finanzmarktregulation betrifft, so sollte man sich keinen zu großen Hoffnungen hingeben. In Zeiten der Digitalisierung könnte sich das Übel Finanzbetrug sogar noch verstärken. Schließlich lassen sich physische Waren nicht so leicht verschieben, wie ein digitales Konto – per Mausklick. Jedenfalls zeigt sich ein Grundschema: Desto schneller Unternehmen wachsen, desto dringender wird das Bedürfnis der daran Partizipierenden ein großes Stück davon abzubekommen. Man sollte auch nicht glauben, dass dies ein Zeichen unserer Zeit wäre. Selbst die Jüngeren dürften den 1987-Klassiker aus Hollywood mit Gordon Gekkos „Gier ist gut“-Motto kennen. Wie lautet ein Spruch eines Börsenurgesteins Gesteins? „Die Gier (Vieler) an der Börse ist wie der Sexualtrieb – unausrottbar.“

Ist Wirecard ein Symptom, das die Wende an den Aktienmärkten einläutet?



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2 Kommentare

  1. Wirecard soll hier eine Menge realer Kunden haben, bloß die Gewinne wurden mit Partnern in Dubai, Singapur oder Philippinen und nicht in der EU erwirtschaftet. Wird aber geschaut, ob es dieses Partner Geschäft überhaupt gab, oder ob damit nur Gewinne vorgetäuscht wurden. Die Schulden von Wirecard sollen ab dem 2. Halbjahr 2019 sehr stark gestiegen sein. Können auch Schulden der Partner sein, die sichtbar wurden. Keiner weiß von nix und die Kunden wollen weg.

  2. Bringen die Excesse oft die Wende am Markt? Es ist eher so dass ein schwacher Markt‘ ( Rezession oder
    Corona u.s.w) die excessiven Firmen aufdeckt u.nachher zu einer Kettenreaktion führt u.die Märkte schwächt.
    Was war zuerst ,das Huhn oder das Ei? All diese Beispiele wären gute Bettlektüre für Sven, vielleicht würde er am Morgen als Neubär erwachen.

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