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Aktienmärkte: Die US-Wirtschaft wird 2021 heißlaufen, und dann?

Eine schwache Wirtschaft und ständig steigende Aktienmärkte – dann aber eine starke Wirtschaft und plötzlich fallende Aktienmärkte?

Die Wirtschaft läuft heiß – was machen dann die Aktienmärkte speziell in den USA?

Was für eine Überschrift – angesichts der Tatsache, dass Covid-19 noch so richtig wütet, in den USA große Not bei Arbeitslosen und Niedrigverdienern herrscht und in Europa ein Ende der Lockdown-Maßnahmen nicht unmittelbar bevorsteht. Aber die Aktienmärkte blicken auf die mittlere Zukunft und da gibt es gewaltige Signale, von zwei Faktoren, die auf ein konjunkturelles Strohfeuer hinweisen: Die größte Impfaktion in der Geschichte der Menschheit und eine Schwemme an Hilfsgeldern sowie von Konjunkturpaketen, wie es sie sonst nur nach großen Kriegen gegeben hat. Hier ein kleiner Überblick über die derzeitige Faktenlage.

Aktienmärkte und Konjunkturaussichten

Obwohl die Corona-Krise auch jahreszeitlich bedingt noch richtig wütet, stehen die Wirtschaftsindikatoren, die in den Sommer blicken, so wie die Einkaufsmanagerindizes, deutlich über der Wachstumschwelle: Der ISM Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe stand im Monat Januar bei 58,7 Punkten, das Pendant für den Dienstleistungssektor ist im letzten Monat sogar auf 58,7 Punkte gestiegen und dies trotz der eigentlich sehr ungünstigen Lage für diesen Wirtschaftssektor. Die Unternehmensdaten in der aktuellen Berichtssaison im S&P 500, der für drei Viertel der US-Börsen steht, überraschen in ihrer Summe positiv (> 80 Prozent ) und auch die Wachstumsaussichten für die US-Wirtschaft im Jahr 2021 werden sukzessive nach oben genommen – auf 4,5 Prozent (+).

Die großen Arbeitsmarktdaten enttäuschen in letzter Zeit etwas, aber das dürfte natürlich mit den gestiegenen Coronazahlen im Hochwinter zu tun haben. Aber vergessen wir nicht: Wie oft wurde bei Trumps Wirtschaftsbilanz moniert, dass die Daten ein „Lagging Indicator“, ein Blick in den Rückspiegel seien? In drei Wochen ist bereits meteorologischer Frühlingsanfang auf der Nordhalbkugel und die Amerikaner haben (trotz der Not im unteren Bevölkerungsdrittel) eine gewaltige dreistellige Milliardensumme gespart, die sie Corona-bedingt nicht ausgeben konnten. In Bälde werden die Außenanlagen von Freizeiteinrichtungen aber auch von Restaurants einen Ansturm von Besuchern erleben. Was wird das erst im Sommer werden, wenn das 100-Tage-Impfprogramm der Biden-Regierung umgesetzt werden kann? Dazu gleich mehr.

Die Rettungspakete im Vergleich zum Wirtschaftseinbruch

Wie es vor Kurzem amtlich bestätigt wurde:

Die US-Wirtschaft hat 2020 das schwärzeste Jahr seit 1946 erlebt (-11,6 Prozent damals) – selbst 2009 waren es auf das Jahr gerechnet nur minus 2,57 Prozent – und ist mit 3,5 Prozent geschrumpft. Mit einem wilden Auf und Ab im Jahresverlauf. Das Schlussquartal 2020 brachte trotz Corona aber immer noch vier Prozent Wachstum, auf Jahresbasis berechnet. Wie kann so etwas möglich sein, werden jetzt viele Skeptiker aufschreien?

Aber dieses Minus von 3,5 Prozent bedeutet bei einer 21-Billionen-Dollar-Wirtschaft eine Schrumpfung von unter einer Billion Dollar. Aber wie hoch ist das Volumen der Rettungspakete, die bisher geschnürt wurden und die sich in Planung befinden?

  • 2200 Milliarden Dollar im so genannten Care Act im März 2020
  • 2300 Milliarden Dollar im Dezember 2020, welches Ausgaben für das Militär sowie nationale Projekte beinhaltete (Schuldenobergrenze des Staates), darunter
  • 900 Milliarden Dollar, als Covid Relief Bill, mit den berühmten 600 Dollar-Schecks und aktuell
  • 1900 Milliarden Dollar, dem American Rescue Act von Joe Biden, um den gerade im Kongress so gerungen wird.

Man sieht, die in Kraft getretenen Stimuli (nicht eingerechnet die Maßnahmen auf Bundesstaatenebene) entsprechen einem Vielfachen dessen, was in der Wirtschaft an Leistung verloren wurde. Und vieles davon ist in die Aktienmärkte geflossen.

Aber hat die neue Regierung nicht sogar noch ein weiteres Billionen Dollar schweres Konjunkturpaket im Köcher, ein Klima- und Infrastrukturpaket?

Das Ganze muss zu einem wirtschaftlichen Sugar Rush führen, allerdings mit heftigen Nebenwirkungen. JP Morgan sprach schon davon, dass es, vorausgesetzt dieses letzte Vorhaben käme durch die Kammern, zu einem zweistelligen Wachstum in 2021 führen könnte. Kurzum: Die ganzen wohlgemeinten und auch fundierten Hinweise auf die hohe Bewertung der Aktienmärkte im historischen Kontext, mit Bewertungskennziffern wie Shiller-KGV oder Buffett-Indikator, brachten über Monate hinweg börsentechnisch nicht viel, weil es für die jetzige Phase an den Börsen keine Blaupause gibt.

Inflationsaussichten und Kapitalmarktzinsen

Die riesige Verschuldungsorgie kann eigentlich nur zu einer ansteigenden Inflation und zu steigenden Kapitalmarktzinsen führen – noch nicht zu Zinsanhebungen der Notenbanken. Wegen der vielzitierten Auswirkungen auf die Staatshaushalte. Die ersten Anzeichen für diese Entwicklung sind bereits erkennbar, die Aktienmärkte warten wie bei der Konjunktur nicht auf die Umsetzung, sondern versuchen es vorwegzunehmen (so wie es seltsamerweise immer wieder 2020 geschrieben wurde: Die Divergenz von Wirtschaftsdaten und Börsenkursen).

Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe als der zentralen Benchmark für den Kapitalmarkt ist von 0,5 auf 1,17 Prozent gestiegen, die aktuelle US-Inflation liegt bei 1,4 Prozent. Und die Projektionen für die Zukunft liegen schon deutlich höher. Auch hat sich der Abstand zwischen den zweijährigen und den zehnjährigen US-Staatsanleihen mittlerweile auf 110 Basispunkten erhöht, der größte Spread seit fast drei Jahren. Ein weiterer Indikator für eine nahende wirtschaftliche Erholung.

Was aber alles nicht für die Aktienmärkte in der mittleren Zukunft spricht, denn die Federal Reserve wird wohl keine Zinsanhebung vornehmen, aber wahrscheinlicher wäre in diesem Szenario eine deutliche Rückführung des Quantitative Easings mit den monatlichen Anleihekäufen. Gleichbedeutend mit einem geringeren Anstieg der Geldmenge, die bekanntermaßen mit dem Anstieg der Aktienmärkte korreliert, sowohl beim S&P 500, als auch beim MSCI World.

Impfungen, die USA auf dem Weg zur Immunisierung

Das Land mit dem unrühmlichen Titel eines Corona-Weltmeisters, scheint sich mit großen Schritten in Richtung Herdenimmunität zu bewegen. Da zählt man leider bereits 475.000 Coronatote, selbst bei einer hohen Mortalitätsrate von 0,5 Prozent hieße das, dass fast 100 Millionen Amerikaner mit den Virus schon infiziert (gewesen) sein müssen. Aber der Einsatz von Kapital bei der Beschaffung von Impfstoffen und dem Aufbau von unzähligen Impfstationen im ganzen Land, haben dafür gesorgt, dass im 332-Millionen-Staat mit Riesenschritten geimpft wird.

Am 22. Januar lag die Zahl der Impfungen in den USA bei 18,5 Millionen, zwei Wochen später schon bei 39 Millionen. Und die Zahl der täglich verabreichten Vakzine steigt weiter. Trotz aller Mutationssorgen, dies preisen die Aktienmärkte derzeit ein.

Fazit

Die Zeichen für Wirtschaft und Aktienmärkte stehen zweifelsohne auf Sturm. Eine stürmische Wirtschaftsentwicklung, die sich allein schon aus den riesigen Nachholeffekten einer lahmgelegten Gesellschaft ergibt, einer Flut an Geldern aus Rettungspaketen und Wiederaufbaufonds (EU), aber auch durch das Erwachen der Inflation, wie man es schon an den aktuellen Inflationszahlen(in Teilbereichen), aber auch an den Inflationserwartungen der Märkte sehen kann.

Aber was wird das an den Märkten auslösen? Zunächst sicherlich eine gewaltige Stütze für die Aktienmärkte trotz zwischenzeitlicher Korrekturen, die sich allein schon aus dem Ausmaß der Call-Spekulation und weiterer Spekulationsexzesse ergeben müssen. Aber was passiert, wenn die Kapitalmarktzinsen steigen (müssen) und die Aktienmärkte auf 2022 blicken? Die Eine-Million-Dollar-Frage, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sich ein weiteres Paradoxon zeigen wird, in reziproker Weise zu dem seit in Monaten angeprangerten: Eine schwache Wirtschaft und ständig steigende Aktienmärkte – dann aber eine starke Wirtschaft und plötzlich fallende Aktienmärkte?

Die Aktienmärkte steigen trotz schwacher Wirtschaft



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