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Aktienrückkäufe – dieses Mal nicht der große Kurstreiber

Wieviel Berichte wurden schon publiziert über die Bedeutung der Aktienrückkäufe für die Aufwärtsbewegung des S&P 500 in der letzten Dekade. Jetzt kam Corona – und trotzdem stiegen die Kurse. Ein Dilemma des Financial Engineering.

Die Börsenhausse ohne das Wundermittel Aktienrückkäufe

In meinem heutigen Artikel über die sechs Monate der Superlative an den Börsen habe ich die Entwicklung des S&P 500 aus einem Bären- in einen Bullenmarkt schon dargestellt. Noch nicht angesprochen habe ich dabei, dass diese Hausse mit einem deutlich verminderten Aufputschmittel – Aktienrückkäufe, oder Buybacks, wie es im Land des Financial Engineering heißt – zustande kam. So stieg der US-Leitindex im zweiten Quartal 2020 um 26 Prozent, während die Aktienrückkäufe um 46 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal oder um 90 Milliarden Dollar zurückgefahren werden (mussten), der niedrigste Stand seit acht Jahren. Dabei war diese Methode der Reduktion des Free Floats einer der ganz großen Treiber des gigantischen Anstiegs des S&P 500 in der letzten Dekade.

Zur Erinnerung: Die Aktienrückkäufe der großen US-Unternehmen betrugen in den Jahren 2010 bis 2019 – 4,3 Billionen Dollar allein beim S&P 500 – und waren damit zweifelsohne maßgeblich verantwortlich für die Aktienhausse von über 350 Prozent bis zum 19. Februar 2020.

Dabei stellte die teuerste Aktie der Welt alle Unternehmen in den Schatten. Die 2-Billionen-Dollar Firma Apple hat in den vergangenen 10 Jahren nicht weniger als 327 Milliarden Dollar für den Rückkauf eigener Aktien eingesetzt, allerdings ohne Inanspruchnahme von Schulden, einfach aus den Cashrückstellungen. Und sitzt, ganz nebenbei bemerkt, noch immer auf einem Cash-Bestand von 200 Milliarden Dollar, weil man derzeit eine andere Methode der Finanzierung benutzt, nämlich der Emission von Firmenanleihen zu superniedrigen Zinsen. Wer diese wohl mit aufkauft?

Aktienrückkäufe, das zyklische Geschäft

Wenn man zu den 4,3 Billionen Dollar noch die 3,3 Billionen Dollar hinzufügt, die man bis Ende 2019 an Dividenden ausgeschüttet hat, so kommt man auf eine Summe, die sogar höher ist als die aktuell explodierte Fed-Bilanz oder weit mehr als die vier Rettungspakete der US-Regierung bisher zur Bewältigung von Corona zusammen. Ich habe in einem Artikel schon auf das eigentlich bilanz- und unternehmensstrategisch unheilvolle Verfahren hingewiesen, dass die US-Firmen teilweise erheblich höhere Beträge in Aktienrückkäufe gesteckt haben, als man Gewinne erwirtschaftet hat. Beispiele von 2009 bis 2018: General Electric 227 Prozent, Boeing 121 Prozent, IBM 109 Prozent.

Laut einer Studie von JP Morgan haben US-Unternehmen die Aktienrückkäufe in dieser Zeit bis zu 30 Prozent mit Anleihen, also mit neuen Schulden finanziert. Diese Verfahrensweise ist zu Zeiten der Pandemie vorbei. Man muss das Geld zusammenhalten und wird staatlicherseits auch von Rückkäufen abgehalten. Die Not ist groß, zum Beispiel bei Fluggesellschaften oder bei Ölkonzernen, die in den vergangenen Jahren als Rückkäufer so richtig geglänzt haben.

Bei der Betrachtung der letzten Börsendekade fällt zudem eines auf: Die US-Unternehmen handeln in Sachen Aktienrückkäufe stark prozyklisch. Man kauft zu immer höheren Kursen und setzt die Kaufprogramme aus, wenn die Aktien preiswerter wären. Aus kaufmännischer Sicht ziemlich unsinnig.

Über die Ursachen wurde auch schon viel geschrieben – Stichwort Optionsprogramme. Auf der anderen Seite ist das Verfahren auch systemimmanent, will sagen: Wenn die Kurse billig werden, haben die Unternehmen kein Geld mehr für Aktienrückkäufe und müssen alle Mittel zum Beispiel zur Umstrukturierung einsetzen. Nichtsdestotrotz:

Jetzt geht das Aktienrückkaufprogramm aber so langsam wieder los, wie es bei Intel (Ankündigung von Buybacks in Höhe von 10 Milliarden Dollar) der Fall ist. Dabei steht aber eine Frage im Raum, die schon in nächster Zeit auf der Agenda stehen könnte: Wird es bei einem Regierungswechsel hin zu den Demokraten dieses Aktienkurs-Doping weiterhin so geben – oder wird man dann einen gesetzlichen Riegel davorschieben?

Fazit

Wie oft wurde Im Frühjahr geunkt, dass die Börsen dauerhaft einbrechen würden, weil die Unternehmen als große Aktienkäufer wegfallen? Diese Prognose ging kurzfristig schon einmal daneben.

Für mich ist dies wiederum ein Beispiel dafür, was ich in den letzten Jahren schon in manchem Kommentar geäußert habe. Der monetäre Faktor ist der stärkste an der Börse, weit vor Faktoren wie Fundamentalbewertungen wie KGV und Ähnlichem. An zweiter Stelle steht allerdings das Zinsniveau als Konkurrenz für die Dividendentitel, aber das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis..

Die Rally der Aktienmärkte - diesmal nicht getrieben durch Aktienrückkäufe



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