Folgen Sie uns

Allgemein

Altersarmut nur eine gefühlte Einbildung? Dann lesen Sie mal diese Zahl

Avatar

Veröffentlicht

am

Die Altersarmut, das ist doch nur ein Märchen von Populisten, um dem schlecht informierten Bürger Angst zu machen, nicht wahr? Unterstützen tun diese Sichtweise aktuelle Presseartikel bei Welt und SZ, die nahe legen, dass es um die Renten gar nicht so schlecht bestellt ist. Und vor allem zeigen sie auf, dass die Politik just in diesen Monaten daran arbeitet das Rentenniveau zu stabilisieren, und dafür zu sorgen, dass es ein Mindestrentenniveau geben wird. Also ist doch alles gut, stimmt´s? Also ist die Altersarmut nur eine gefühlte Einbildung verursacht durch Angstmacherei?

Offenbar doch nicht. Denn wie laut „HAZ“ das Bundesarbeitsministerium auf Anfrage den Linken mitgeteilt hat, liegt aktuell fast jede zweite Altersrente (48%) in Deutschland bei weniger als 800 Euro pro Monat. Und das ist die Zahl nach Sozialversicherungsbeiträgen, aber noch vor dem Abzug von Steuern! Wir möchten erwähnen, dass es eigentlich eine Lachnummer beziehungsweise ein Skandal ist, dass Renten noch versteuert werden müssen, wo doch das einst erwirtschaftete Einkommen eh schon versteuert wurde. Aber egal. Diese Zahl von weniger als 800 Euro betrifft 8,6 Millionen Menschen und bezieht sich auf den Stand von Ende 2016. Neuere Daten gab es noch nicht.

Das Bundesarbeitsministerium legt Wert darauf, dass in dieser Zahl von weniger als 800 Euro Zusatzeinnahmen nicht berücksichtigt seien. Ach so. Der Niedrigstlohnempfänger wird es also geschafft haben nebenbei noch Immobilien, Goldbarren und Häuser anzuschaffen für das Alter? Wir meinen: Da muss man sich mal überlegen, wie die Situation in 10 oder 20 Jahren aussieht, wenn die Lage schon heute so dramatisch ist! Die Altersarmut rollt nicht nur mit voller Wucht an, sie ist schon längst vorhanden!

Die Politik bemüht sich derzeit wie gesagt um eine Mindestrente. Das ist zunächst einmal natürlich löblich. Denn Geld herbeizaubern kann man nicht, es sei denn man ist die EZB. Laut Bundesarbeitsminister Heil will man erreichen, dass wer mindestens 35 Beitragsjahre oder Zeiten der Pflege und Kindererziehung erreicht hat, und dennoch auf Grundsicherung im Alter angewiesen ist, eine Aufstockung seiner Rente um 10% erhalten soll.

Wie gesagt: Das klingt besser als nichts, wäre aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Altersarmut bleibt Altersarmut, auch wenn noch ein paar Krümel an Euros oben drauf kommen werden. Man bastelt also offenbar ein Konstrukt, damit zukünftige Rentner gerade so leicht über dem Hartz 4-Satz liegen werden. Dann kann die Politik nämlich zukünftig sagen: Schaut her, ihr Rentner erhaltet doch mehr Geld als Hartz 4-Empfänger. Was wäre die Lösung? Bevor man eine Lösung sucht, sollte man der Bevölkerung erstmal klar machen, dass es massive Altersarmut für breite Bevölkerungsschichten geben wird. Erst wenn diese Erkenntnis vorhanden ist, kann man mal langsam anfangen grundsätzlich über Änderungen nachzudenken. Andere Rentensysteme gibt es ja (Skandinavien, Österreich etc).

Altersarmut
Foto: Candida Performa – It’s all about love (CC BY 2.0)

11 Kommentare

11 Comments

  1. Avatar

    Gixxer

    12. Juli 2018 16:01 at 16:01

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Es scheint sogar schlimmer zu sein als ich die ganze Zeit gedacht habe.

  2. Avatar

    Blacky

    12. Juli 2018 17:20 at 17:20

    Es gibt noch ein anderes Rentensysyem, in Italien, dort betraegt die Durchschnittsrente 2.400,- Euro.
    Also es geht doch!!!

    • Avatar

      Columbo

      12. Juli 2018 18:01 at 18:01

      @Blacky
      Da würden die Italiener aber jubeln, stimmt aber leider nicht.
      Die Durchnittsrente in Italien beträgt 1039 Euro im Monat.

  3. Avatar

    oscar

    12. Juli 2018 22:13 at 22:13

    NUn denn, deshalb machen sich doch hereingelenkt und hergebetene millionen Fachkräfte auf den Weg, um unsere Renten noch sicherer als die Norbet Blühmsche zu machen …jau, dafür nimmts dann kräftig aus der Rentenkasse als Versicherungsfremde Leistung, das, was der devote Michel gern als Steuer vorsorglich spendet, und legts gestohlen mal schnell in fremde Hände. Klar nur vorübergehend. Das kommt zwanzigfach zurück. Polit Ehrenwort ! Mal keinen rechten populismus hier ja! War eigentlich mal Volksvermögen. Aber ein Volk solls ja nicht mehr geben. öhm warum? ah ja…, naja hauptsache gut sein.. Was sagen ehrliche Ökonomen z.b. Prof. Dr. Sinn…465,000,- € kostet ein Bereicherer im Lauf des Lebens den deutschen Staat..ähm das ist übrigens der Steuerzahler. Niemand anderes. Usw und sofort.

  4. Avatar

    Thomas Mitters

    14. Juli 2018 14:30 at 14:30

    Leider ist die Politik zum grossen Teil von Pensionsempfängern durchsetzt. Denen ist das egal. Ein normaler Lehrer Besoldungsgruppe A14 erhält 4000 Euro Pension. Da gibt es keine Gefahr der Altersarmut.

  5. Avatar

    Stefan Gunkel

    27. Juli 2018 01:05 at 01:05

    Ja wirklich beeindruckend wie die Beamtenpensionen tot geschwiegen werden. 73% vom Besoldungsniveau. Der Angestellte und Arbeiter soll sich mit seinen 45% mal nicht so haben. Und die Zweiklassenmedizin sei ja auch nur ein Märchen… Ganz offen gesagt, ich fürchte das wird Republik in naher Zukunft durch Unruhen zerreißen, denn die kritische Masse der Betroffenen steigt von Tag zu Tat an.

    • Avatar

      Beamter

      27. Juli 2018 13:37 at 13:37

      Sehr geehrter Kommentator,

      Ihre Art der Darstellung was Beamtenpensionen betrifft ist meiner Ansicht nach eine billige Art des Sozialneides, dessen Schürung tatsächlich, wie Sie es ausführen, geeignet ist, eines Tages Unruhen zu provozieren. Vielleicht sollten Sie sich mal zuerst mit der Materie vertraut machen. Die Masse der Beamten bezieht Gehälter, die deutlich unter denen von Arbeitern und Angestellten liegen, zumindest im Westteil der Republik, politische Beamte und die verhältniswenigen Beamten der oberen Gehaltsstufen ausgenommen, und dies bei kaum vorhandenen Arbeitnehmerrechten (z.B. Arbeitskampf). Darüberhinaus bleiben Beamte auch über die Zeit ihrer Pensionierung hinaus ihrem Dienstherr verpflichtet, was sogar soweit gehen kann, dass sie wieder in den Dienst berufen werden können (was im Zuge der Flüchtlingswelle z.B. auch praktiziert wurde und im Krisenfall praktiziert werden wird). Im Falle eines finanziellen Staatskrise werden Beamte diejenigen sein, denen man zuerst die Gehälter kürzt, die aber trotzdem ihrer Pflicht nachkommen müssen. Das Beamtenwesen hat sich über die Jahrzehnte bewährt, ist es doch daseinzige, worauf sich der Staat in kleinen und großen Krisen verlassen kann. Diese „Leibeigenschaft“?? wird durch eine beachtliche Pension im Alter alimentiert, und das zurecht, wie ich finde.

      Falls sie jetzt argumentieren, die Beamten hätten sich das ja selbst ausgesucht, halte ich dagegen, dass Sie, geehrter Kommentator, wie jeder andere auch nach seiner Befähigung ja hätten Beamter werden können.

      Ich stelle hier ausdrücklich nicht in Abrede, dass hinsichtlich der Höhe der Rentenabsicherung und überhaupt der „sozialen“ Systeme der Bundesrepublik einiges im argen liegt, was schnellstmöglich korregiert gehört.
      Die Beamten, und übrigens auch andere Bevölkerungsgruppen, zu Sündenböcken für Altersarmut der Arbeiter und Angestellten machen zu wollen, ist aber Stammtischgeschwätz.

      • Avatar

        numbcold

        26. August 2018 17:09 at 17:09

        Leistungsbezogen vergütet, müsste man die Gehälter von Beamten um mindestens 25-30% kürzen – vor allem in den oberen Gehaltsklassen.

        Ein Abzug von mindestens dieser Größenordnung müsste auch an den Pensionen vorgenommen werden, aus demselben Grund.

        Wenn man die Leistung von Beamten nach einer „Jammerquote“ berechnen würde, würden Sie allerdings noch deutlich besser wegkommen als heutzutage.

        Übrigens: Welche Befähigung? Jene in ineffizientem Denken, Planen und Handeln?

        Ausnahmen bestätigen die Regel! Aber: Warum sich anstrengen, wenn es doch gar nicht nötig ist. Dienst nach Vorschrift reicht völlig. Und wenn das auch zu viel ist reißt man eben ein paar Blaue. Who the f..k cares?

      • Avatar

        Michael

        27. August 2018 22:52 at 22:52

        @Beamter, Die Masse der Beamten bezieht Gehälter, die deutlich unter denen von Arbeitern und Angestellten liegen, zumindest im Westteil der Republik, politische Beamte und die verhältniswenigen Beamten der oberen Gehaltsstufen ausgenommen…
        Woher beziehen Sie denn diese Weisheit? Und welche Gehaltsstufen vergleichen Sie mit was bei den Arbeitern und Angestellten? Mit den „offiziellen“ Traum-Tariflöhnen bei unseren paar DAX-Konzernen oder mit der massenhaften Realität am Rande der Mindestlöhne?

        Darüberhinaus bleiben Beamte auch über die Zeit ihrer Pensionierung hinaus ihrem Dienstherr verpflichtet, was sogar soweit gehen kann, dass sie wieder in den Dienst berufen werden können…
        Das klingt nach Reservist und potenziell statistisch denkbaren Szenarien zu Zeiten, die jedoch noch nie seit etwa 70 Jahren über einen ansatzweise nennenswerten Zeitraum praktiziert wurden. Und schon gar nicht bei einer irgendwie nennenswerten Anzahl von Beamten…

        Das Beamtenwesen hat sich über die Jahrzehnte bewährt, ist es doch daseinzige, worauf sich der Staat in kleinen und großen Krisen verlassen kann.
        Für wen hat es sich bewährt? Der Staat (= Beamtenwesen + Politiker + mächtige Lobby – andere Bürger) kann sich natürlich darauf verlassen, die „normalen“ Menschen leiden ständig darunter, im Großen wie im Kleinen, ob Krise oder nicht. Eine Krise, in der sich das Beamtenwesen als brauchbar etablieren konnte, gab es seit dem 2. Weltkrieg noch nicht.

        Ihr gesamter Kommentar ist ein theoretisches Manifest, das seit etwa 70 Jahren keiner empirischen Validation unterzogen worden musste und wurde.

  6. Avatar

    Unfriedens– Forscher

    27. Juli 2018 07:43 at 07:43

    Das Auseinanderdriften der Schere wird zu sozialen Spannungen u.Unruhen führen.Die Gutmenschen, die Vielen etwas geben u.Vielen viel wegnehmen was sie erarbeitet haben ,werden die Schuldigen sein.
    Der letzte Schub soeben in den USA mit den Steuersenkungen.Gemäss eines Berichts geht der grösste Teil nicht in Investitionen u.Arbeitsplätze ,sondern kommt in Form von Aktienrückkäufen u.Dividenden direkt den oberen 10– 15% zugute. Zudem drücken dort vor allem die grossen Superstar Firmen die Löne der Mittel u.Unterschicht.
    Einer hat es gesagt, dank der Angst vor dem Atomkrieg wird es eher keinen Weltkrieg mehr geben, aber es wird Bürgerkriege geben. Wenn die Politk u. die dominierenden Grossfirmen nicht bald reagieren ,
    wird es ungemütlich.

    • Avatar

      Finanza

      28. August 2018 10:37 at 10:37

      Bis dorthin dürfte es aber noch eine Weile sein, zum Glück für dieses Problem gibt es andere Prioritäten, die einen Konflikt auslösen können oder dies ja auch schon machen. Ich sehe das Potenzial ja auch durchaus gegeben und schließe mich da der Meinung an, das Problem hat aber nicht die höchste Priorität zurzeit. Sollte das erste Problem gelöst sein oder verschwinden dann ist durchaus dieses Problem an der Reihe. Mal schauen wie lange es dauert.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

Geldvermögen der Deutschen +67 Milliarden Euro in 3 Monaten – Problem für Banken

Avatar

Veröffentlicht

am

Das Geldvermögen der Deutschen wächst - Beispielfoto für 500 Euro-Scheine

Das Geldvermögen der deutschen Haushalte ist laut aktueller Veröffentlichung der Bundesbank zu Ende September 2019 um 67 Milliarden Euro auf 6,302 Billionen Euro angestiegen. Was für ein unglaublich großer Zuwachs, in nur drei Monaten so ein starker Anstieg! Wie schon in den letzten Jahren ist die Begründung klar. Die Beschäftigung ist hoch, und der Deutsche spart nun mal gerne viel. Je mehr Menschen in Arbeit sind, desto mehr kann gespart werden. Und trotz Industrie-Rezession bleibt die Lage am Arbeitsmarkt zumindest oberflächlich (siehe Kurzarbeit) weiter entspannt. Und man sieht immer das selbe Muster. Der Deutsche spart hauptsächlich in liquiden Sparanlagen, und eben nicht in Aktien. Damit wird die Lage für die Banken immer dramatischer. Sie müssen immer höhere Spareinlagen der Kunden verwalten, und damit immer höhere Strafzinsen an die Bundesbank/EZB abführen. Auch wenn sie teilweise entlastet werden bei Negativzins-Entrichtung an die EZB, so wächst das Problem des stetig wachsenden Einlagen-Überhangs immer weiter an. Zitat Bundesbank:

Wie in den vergangenen Quartalen erhöhten die privaten Haushalte insbesondere ihre Bestände an Bargeld und Einlagen sowie ihre Ansprüche gegenüber Versicherungen. Die Präferenz für liquide oder als risikoarm empfundene Anlageformen hielt damit weiter an. Auch Bewertungsgewinne trugen wieder zum Anstieg des Geldvermögens bei. Die Verbindlichkeiten privater Haushalte legten im dritten Quartal 2019 um 25 Mrd € und damit erneut relativ deutlich zu. Zusammen betrachtet stieg das Nettogeldvermögen um 41 Mrd € auf 4 441 Mrd €.

Zuwachs im Geldvermögen fließt weiter kräftig in Cash-Reserven

Bei einem Nettozuwachs im Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland von 58 Milliarden Euro im 3. Quartal flossen gerade mal 10 Milliarden Euro in Aktien und Fonds, und 26 Milliarden Euro in Bargeld und Sichteinlagen (Girokonto, Tagesgeldkonto etc). Also: Selbst bei Nullzinsen und einem nach Inflation ganz klarem Negativzins legt der deutsche Michel immer noch deutlich lieber sein Geld aufs Konto, als dass er das Risiko einer Aktieneinlage eingeht. Lieber ein sicherer geplanter Verlust im Geldvermögen, als ein Risiko auf Gewinne/Verluste am Aktienmarkt einzugehen. Hier weitere Detailaussagen der Bundesbank:

Im dritten Quartal 2019 betrug die Geldvermögensbildung der privaten Haushalte per saldo rund 58 Mrd € und lag damit ungefähr im Mittel der letzten drei Jahre. Getragen wurde der Anstieg insbesondere von einem Aufbau von Bargeld und Sichteinlagen in Höhe von 26 Mrd € sowie einem Zuwachs der Ansprüche gegenüber Versicherungen. Letzterer fiel mit 13 Mrd € etwas geringer aus als in den Vorquartalen. Der seit 2017 anhaltende Trend sinkender Zuwächse in diesem Instrument setzt sich somit fort. Ihre Anlagen in Sparbriefen und Spareinlagen reduzierten die Haushalte relativ kräftig um 4 Mrd €. Mit Blick auf die vergangenen Jahre ist ein derartiges Anlageverhalten jedoch nicht ungewöhnlich. Auf ein Nachlassen der bislang stark ausgeprägten Präferenz privater Haushalte für liquide und/oder risikoarme Anlageformen lässt sich daher nicht schließen. Das Kapitalmarktengagement der privaten Haushalte entwickelte sich weiterhin stabil: Wie schon in den beiden Vorquartalen betrugen die Nettoinvestitionen privater Haushalte in börsennotierte Aktien und Investmentfondsanteile im Berichtsquartal rund 10 Mrd €.

Verschuldung

Eine wichtige Kennziffer aus der heutigen Veröffentlichung des Bundesbank: Die Verschuldung der privaten Haushalte in Relation zum Bruttoinlandsprodukt liegt jetzt bei 54,6%. Vor zwanzig Jahren lag sie über 70%. Die Bundesbank im Wortlaut:

Der transaktionsbedingte Anstieg der Verschuldung der privaten Haushalte übertraf im dritten Quartal 2019 mit rund 25 Mrd € sogar noch den sehr kräftigen Zuwachs im zweiten Quartal. Der seit Mitte 2013 anhaltende Aufwärtstrend setzte sich damit weiter fort. Wichtigster Faktor für diese Zunahme war erneut, dass die Wohnungsbaukredite dynamisch ausgeweitet wurden.

weiterlesen

Allgemein

Brexit – warum Boris Johnson die „harte Tour“ haben will

Avatar

Veröffentlicht

am

Brexit Symbolgrafik

Der britische Premierminister wird sein Wahlversprechen halten wollen, um den neu aufgestellten Tories und seiner konservativen Stammwählerschaft in Sachen Brexit gerecht zu werden. Außerdem winkt ein herausgehobener Platz in den Geschichtsbüchern.

Brexit – aus den Augen, aus dem Sinn

Der britische Premierminister Boris hat vor gut einem Monat bei den britischen Unterhauswahlen einen erdrutschartigen Wahlsieg errungen. Seine konservative Partei, die Tories, erreichten dadurch eine große parlamentarische Mehrheit von 80 Sitzen, die größte seit 1987. Vor allem die Frustration vieler Wähler, dass ihr Votum vom Juni 2016 die EU zu verlassen auch dreieinhalb Jahre später immer noch nicht umgesetzt wurde, trug zu diesem Wahlerfolg bei.

Zuvor konnte auch Boris Johnson trotz seiner Bemühungen seit der Übernahme des Amtes des Parteivorsitzenden von seiner glücklosen Vorgängerin, Theresa May, im Juli 2019 keinen Brexit-Vertrag durchs britische Unterhaus bringen. Nun hat er jedoch eine komfortable Mehrheit hinter sich und diese bereits dazu genutzt, per Gesetz eine bis Juli 2020 laufende Verlängerungsfrist der Verhandlungsdauer über einen Brexit-Vertrag mit der EU auszuschließen. Sodass die konkreten Austrittsmodalitäten und die Handelsvereinbarungen mit Europa bis spätestens Jahresultimo geklärt sein müssen.

Da derartige Verhandlungen aber sehr komplex und langwierig sind (im Durchschnitt dauern sie ca. 6 Jahre), droht Ende des Jahres erneut ein Brexit ohne Vertrag, also ein harter Brexit. Wer also glaubte, die Unsicherheit bei Unternehmen und Bürgern hätte sich erledigt, der ist gewaltig im Irrtum. Aktuell scheint das Thema niemanden mehr zu interessieren. Doch mit Fortschreiten dieses Jahres wird erneut die große Hektik in Brüssel ausbrechen – wie so oft zu spät und ohne Plan.

Brüssel hat sich gewaltig verzockt

Die Taktik der Bürokraten in Brüssel um den Brexit-Chefunterhändler und französischen Ex-Außenminister Michel Barnier ist bisher komplett gescheitert. Zunächst wollte man auf Zeit spielen und mit einer Backstop-Klausel und Ähnlichem die Regierung in London spalten und handlungsunfähig machen. So weit, so gut. Doch der dahinterstehende Plan, über Neuwahlen in Großbritannien ein zweites Referendum zu erzwingen, dass dann pro EU ausfällt, ist an dem unterschätzten Wahlkämpfer Boris Johnson gescheitert. Auch wurde in den Elfenbeintürmen Brüssels und den Hauptstädten auf dem Festland Europas die Stimmung in der Bevölkerung Großbritanniens unterschätzt.

Zudem wurde auch eine Besonderheit des britischen Wahlrechts unterschätzt. Bei den Wahlen zum Unterhaus gilt das sogenannte Mehrheitswahlrecht (first past the post). Dabei gewinnt der Kandidat eines Wahlbezirks, der die meisten Stimmen erhält. Bekommen also z. B. 9 Kandidaten des Bezirks jeweils 9 Prozent der Stimmen und ein Kandidat 19 Prozent, dann gewinnt Letzterer den gesamten Wahlkreis und einen Sitz im Unterhaus, obwohl 81 Prozent der Wähler gegen ihn votiert haben. Großbritannien besteht aus 650 solcher Wahlbezirke.

Durch geschickte Allianzen und die Deklassierung der Brexit-Partei von Nigel Farage gelang es Johnson, die für seine Zwecke maßgeschneiderten Wahlbezirke mehrheitlich für die Tories zu gewinnen, ohne das die Mehrheit der Stimmberechtigten seine Conservative and Unionist Party gewählt hat – es waren in Summe nur 43,6 Prozent. Trotzdem gewannen die Tories 365 der 650 Sitze im Unterhaus. Mit dieser komfortablen Mehrheit, die aus treuen Gefolgsleuten Johnsons und überzeugten Brexiteers besteht, kann er nun in Sachen Brexit durchregieren.

Ziel Johnsons ist es, maximalen Druck auf die Verhandlungspartner bei der EU aufzubauen und die Maximalforderungen Großbritanniens durchzudrücken. Doch auch mit einem harten Brexit hat Johnson kein Problem, was ihn verhandlungstaktisch überlegen macht. Gelingt ihm keine Einigung bis zum 31.12.2020, treten im schlimmsten Fall ab dem 1. Januar 2021 die Zoll-Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) in Kraft, die einen Großteil der grenzüberschreitenden Fertigung zwischen Europa und Großbritannien massiv beeinträchtigen würden (Thema Airbus oder BMW/ Mini).

Johnson handelt aus patriotischer Überzeugung

Viele Beobachter und Politologen sind überrascht, dass Johnson seinen harten Kurs in Sachen Brexit nach der Wahl fortsetzt, gilt er vielen doch als ausgewiesener Opportunist. Johnsons Schritt, einen Verlängerungsantrag für die Verhandlungsphase bei der EU gesetzlich zu verbieten, überraschte viele politische Beobachter, die überzeugt waren, dass er seine Position lockern könnte, weil er kein Ideologe sei, sondern ein aalglatter Politiker, der den Brexit während der Referendumskampagne und dem Wahlkampf nur im Interesse seiner eigenen Karriere befürwortete, um seinen Weg Richtung 10 Downing Street zu bahnen.

Doch Johnson möchte als Patriot in die Annalen der Politikgeschichte eingehen, der eisern und erfolgreich an seinem Versprechen festhielt, Großbritannien aus der EU zu führen, aus Gründen, die langfristig im Interesse seines Landes und der britischen Eliten sein könnten, wie ich in dem Artikel „Brexit – diese Wahrheit wird Ihnen verschwiegen“ bereits erläutert hatte. Die Skeptiker aus seiner alten Fraktion hat Johnson sorgsam aussortiert und so haben wir es nun mit dem europaskeptischsten Parlament zu tun, das jemals gewählt wurde, und Johnson ist ihr Wortführer. Außerdem ist er nun ausschließlich von Adjutanten umgeben, die harte Brexiteers sind, die keine Kompromisse mehr zulassen wollen.

Fazit

Boris Johnson ist mit dem Versprechen eines schnellen und kompromisslosen Brexits gewählt worden. Er ist nach den Parlamentswahlen im Dezember auf dem Zenit seiner Karriere angelangt und sitzt so fest im Sattel wie selten zuvor ein Premier in der Geschichte Großbritanniens. Dem Ziel, das Vereinigte Königreich unabhängiger von Europa zu machen und das Commonwealth of Nations zu stärken, ist die britische Elite damit nähergekommen. Die Geschichte wird zeigen, ob die Geschwindigkeit und die Konsequenz mit der Johnson den Brexit durchziehen möchte richtig war oder nicht. Scheitert die EU als Wirtschaftsunion und Währungsraum in den kommenden zehn Jahren, dann hat Großbritannien mit dem Brexit alles richtig gemacht.

weiterlesen

Allgemein

Schweiz auf US-Manipulations-Watchlist – darum verkommen die USA zur Lachnummer

Avatar

Veröffentlicht

am

Flagge der Schweiz vor Bergpanorama

Am Dienstag setzten die USA die Schweiz auf die Watchlist für Staaten, die aus Sicht der USA ihre eigene Währung manipulieren, um im internationalen Handel Vorteile zu erlangen. Im gleichen Schritt wurde China von der Liste gestrichen, womit sich die USA abermals zur Lachnummer machen. Denn damit bewiesen sie zum wiederholten Male, dass solche Aktionen nur durchgeführt werden, um selbst Vorteile in zum Beispiel Handelsgesprächen zu erlangen.

China wird als Währungsmanipulator gestrichen, die Schweiz aufgenommen

Was hat es mit dieser Watchlist auf sich? Zweimal jährlich gibt das Finanzministerium den Report „Macroeconomic and Foreign Exchange Policies of Major Trading Partners of the United States“ heraus. Auf gut vier Dutzend Seiten schildert das Ministerium seine Sicht auf die eigene und die Weltwirtschaft. In einem eigenen Kapital werden einzelne Handelspartner genauer unter die Lupe genommen. Dieser Teil ist umfangreicher als der Teil, in dem über die eigene und die weltweite ökonomische Lage referiert wird. Und es ist auch der Teil, der als Währungsmanipulations-Watchlist angesehen wird.

Dass die USA ihre Handelspartner im Blick behalten und Währungsmanipulationen anprangern, ist nicht verwerflich. Im Gegenteil! Damit der Welthandel unter fairen Bedingungen stattfindet, sollte jede Form der Währungsmanipulation unterbleiben. Das Problem beim jüngsten Report ist jedoch, dass China explizit von der Watchlist gestrichen wird. Und das nicht, weil Chinas Währung auf einmal frei handelbar ist und unbeeiflußt von der chinesischen Zentralbank ein fairer Kurs in freiem Austausch gefunden wird. Nein, China wurde von der Liste gestrichen, weil der Renminbi seit Oktober um ganze 3,5% aufwerten durfte. OK, das ist etwas übertrieben. Als zusätzlicher Grund für die Streichung wurde das Phase-1-Handelsabkommen genannt, in dem sich China bereiterklärt, von Währungsmanipulationen abzusehen. Aufgrund eines noch nicht umgesetzten Versprechens wird also der vielleicht größte Währungsmanipulator der Welt vom Haken gelassen. Gleichzeitig setzten die USA die Schweiz auf die Liste.

Darum sind schwache Wechselkurse unfair gegenüber Handelspartnern

Bewohner von Ländern mit schwacher Währung wünschen sich in der Regel eine starke Währung. Gleichzeitig versuchen auffällig viele Staaten mit starker Währung, ihre eigene Währung zu schwächen. Dabei erhoffen sich diese Staaten Vorteile auf dem Weltmarkt. Lassen Sie mich Ihnen ein simples Beispiel geben. Wenn Sie als Deutscher ein Tesla Model 3 kaufen, muss Tesla dieses Fahrzeug nach Europa bringen. Sie bezahlen Tesla in Euro, Tesla transferiert das Geld in die USA und tauscht es dort in US-Dollar um. Das Model 3 Performance kostet in den USA netto 56.990 US-Dollar. Inklusive 10% Importzoll und 19% Umsatzsteuer entspricht das beim aktuellen Wechselkurs von 1,11 67.210 Euro. Da das Auto zu dem Preis in Deutschland unverkäuflich wäre, bietet es Tesla aber für 60.390 Euro an und verdient somit pro in Deutschland verkauftem Auto knappe 7.000 Euro weniger als in den USA.

Bitte klicken Sie hier um Teil 2 des Artikels zu lesen
weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 30 Tage

Wenn Sie diese Webseite weiter verwenden, stimmen Sie automatisch der Verwendung von Cookies zu. Zur Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen