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Argentinien de facto pleite – IWF fordert radikalen Schuldenschnitt

Hannes Zipfel

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Argentinien geht mit großen Schritten dem erneuten Staatsbankrott entgegen. In der Nacht zum Donnerstag erklärte der Internationale Währungsfonds IWF die Schulden des Landes für untragbar. Ein bedeutender Verzicht der Gläubiger sei zwingend notwendig. Ohne Schuldenschnitt steht das Land vor dem Kollaps.

Argentinien kann weder Zins noch Tilgung zahlen

Die nun offizielle Zahlungsunfähigkeit Argentiniens hatte sich bereits in den letzten Monaten abgezeichnet. Ende August letzten Jahres hatte der damalige Finanzminister Hernán Lacunza fällige Zins- und Tilgungszahlungen ausgesetzt und die internationalen Gläubiger zu Verhandlungen über eine „Restrukturierung“ der US-Dollar-Schulden aufgerufen. Am 1. September wurden dann Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, die die Lage noch verschlimmerten. Viele Argentinier hatten damals in Panik begonnen, ihr Geld außer Landes zu bringen. Innerhalb von nur 48 Stunden verließen weitere drei Mrd. US-Dollar das Land. Um den Totalabsturz der Landeswährung zu verhindern, limitierte der damalige Präsident Mauricio Macri das Umtauschvolumen von Argentinischen Pesos auf 10.000 US-Dollar pro Kopf und Monat. Die Abwertung des Peso setzte sich dennoch, wenn auch mit geringerem Tempo weiter fort. Aktuell erreicht der Wechselkurs mit 0,0158 ARS zu 1 US-Dollar einen neuen Tiefstand.

Die seit Januar geführten Verhandlungen zwischen der Ende Oktober neu gewählten Regierung in Buenos Aires und den Vertretern der größten Gläubiger waren jedoch geprägt von Misstrauen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Aktuell geht es um eine Summe von 113 Mrd. US-Dollar, die das südamerikanische Land seinen internationalen Gläubigern nicht zurückbezahlen möchte. Insgesamt hat Argentinien Außenstände in Höhe von 285 Mrd. US-Dollar. Die Pleite konnte trotz des größten Hilfskredits der Geschichte des IWF in Höhe von 57 Mrd. US-Dollar nicht abgewendet werden.

Der IWF gesteht nun ein, dass Argentinien seine Schulden aus eigener Kraft nicht mehr reduzieren kann – die Schuldenlast explodiert hingegen immer weiter. Bedingt auch durch den weiteren Verfall der Landeswährung gegenüber dem US-Dollar.

Die wirtschaftliche Krise des Landes, zurückzuführen auf jahrzehntelange Misswirtschaft, hatte im Spätsommer zu massiven sozialen Unruhen und schließlich zu Neuwahlen geführt. Als Sieger ging die Mitte-Links Koalition Frente de Todos hervor. Der peronistische Oppositionskandidat Alberto Fernández wurde neuer Präsident. Kritiker fürchten jedoch, dass in Wahrheit die ehemalige Präsidentin und jetzige Vizepräsidentin Argentiniens, Cristina Fernández de Kirchner, die wahre Machthaberin ist. Die Linksnationalistin hegt extreme Abneigungen gegenüber den „Heuschrecken“-Gläubigern, speziell aus den USA. Die Forderungen des IWF nach drastischen Budgetkürzungen im Sozialbereich sowie eine Privatisierungswelle lehnt die neue Regierung ebenfalls ab. Kirchner ist die Witwe des ehemaligen argentinischen Präsidenten und ersten Generalsekretärs der Union Südamerikanischer Nationen Néstor Carlos Kirchner.

Die Peronisten und die Imperialisten

Eine wesentliche Grundidee des Peronismus ist der „Justicialismo“, ein Konzept, das sich an dem europäischen Faschismus orientiert und einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus in einem national orientierten Staat, geprägt von sozialer Gerechtigkeit präferiert (justicia social). Dabei wird eine fortschreitende Industrialisierung, die gleichmäßige und gerechte Verteilung der Einkommen sowie der Aufbau eines Wohlfahrtsstaats angestrebt. Diese Ideologie ist nach Ansicht der Peronisten unvereinbar mit den Zielen des US-amerikanischen Imperialismus und den Auflagen des IWF. Peronisten sind Anhänger des ehemaligen argentinischen Generals Juan Perón, der durch einen Militärputsch am 4. Juni 1943 an die Macht kam und zweimal Präsident des Landes war.

So ist es kaum verwunderlich, dass die linksnationalen Peronisten unter dem neuen Präsidenten Alberto Ángel Fernández selbst die Rückzahlung des IWF-Kredites neu verhandeln wollen. Dies ist eigentlich ein Tabu, da ein Forderungsverzicht des IWF generell nicht vorgesehen ist. Maximal sei eine Prolongierung des Darlehens möglich. Dies ist auch der Grund dafür, warum der supranationale Fonds auf einen radikalen Schuldenschnitt zu Lasten der privaten Gläubiger drängt. Nur so besteht überhaupt eine Chance darauf, dass der IWF sein Geld, also das Geld der Geberländer, jemals zurückerhält. Für den IWF steht damit auch seine eigene Reputation auf dem Spiel.

Nach 2001 und 2014 ist dies bereits der dritte Staatsbankrott Argentiniens seit dem Jahr 2000. Insgesamt wird es der zehnte Staatsbankrott des Landes sein. Die betroffenen Schulden in Höhe von 113 Mrd. US-Dollar rangieren im Vergleich zu früheren Schuldenschnitten ganz oben auf der Rangliste. Lediglich Griechenland brachte es im Jahr 2012 auf einen noch höheren Schuldenschnitt in Höhe von 138 Mrd. US-Dollar.

Fazit und Ausblick

Wie ich bereits gestern in dem Artikel „Wie das Coronavirus wirtschaftliche Wunden wieder aufreißt„ ausführte, besteht im Zusammenhang mit dem aktuellen China-Schock die Gefahr, dass weitere „Schwarze Schwäne“ auftauchen und die Unsicherheit an den internationalen Kapitalmärkten verstärken. Dies wiederum zwing die Notenbanken zu noch aggressiverer Geldpolitik. Da nicht zuletzt die Aufwertung des US-Dollars Mitauslöser für das Schuldendilemma Argentiniens und anderer Staaten (Brasilien, Türkei, Chile etc.) ist, wird auch die US-Notenbank nicht umhinkommen, die Dollar-Zinsen zu senken und somit die Aufwertung der Schuldenwährung Nummer eins zu stoppen. Andernfalls droht ein Dominoeffekt der Staatsbankrotte.

Argentinien steht unmittelbar vor dem nächsten Bankrott

8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    Übelkeit

    20. Februar 2020 11:41 at 11:41

    billige Dollar in die Welt spülen. Geldmenge reduzieren und Zinsen anheben. „Der Dollar ist unsere Währung, aber Euer Problem“. Es kann so einfach sein.

  2. Avatar

    Columbo

    20. Februar 2020 11:45 at 11:45

    So traurig es für die Bürger Argentiniens ist, aber man sollte den Ablauf des Staatsbankrotts genau verfolgen. Was passiert mit den Bankkonten, mit dem Gold in den Schließfächern? Wird der Handel verboten?(das letzte Mal geschah gar nichts, die Goldbesitzer freuten sich). Was geschieht mit Immobilien(das letzte Mal erlitten sie einen Wertverlust), was mit den Aktien?
    Eine Blaupause für Europa?
    Vielleicht kann FMW darüber berichten…

  3. Avatar

    Pleitegeier

    20. Februar 2020 12:26 at 12:26

    In Argentinien funktioniert der Markt anscheinend noch, die gehen so ca. alle 6 Jahre pleite. Haben die keine Notenbank u.Gelddruckmaschinen? Die Frage geht an Robert Halver u.an Sven.

  4. Avatar

    Marcus

    20. Februar 2020 13:16 at 13:16

    Der IWF pokert jetzt erstmal weil er natürlich nicht als erster die berühmte Karte ziehen will. Außerdem müsste man ja dann den Geberländern des IWF erklären, das man knapp 60 Mrd. Dollar vorsätzlich versenkt hat, weil ja absehbar war das Argentinien nie wird zurückzahlen können. Zudem hat man sich verpokert, weil man darauf gesetzt hat das Macri im Amt bleibt.

    Die Geldpolitik tut ihr übriges das solche Länder wie Argentinien überhaupt von irgend jemandem Kredit bekommen.

  5. Avatar

    Thomas

    20. Februar 2020 14:05 at 14:05

    In Argentinien:
    1 Unze Gold am 20.02.2006 -> 1.712,67 ARS
    1 Unze Gold am 20.02.2020 -> 99.681,38 ARS
    In Euroland
    1 Unze Gold am 20.02.2006 -> 465,40 €
    1 Unze Gold am 20.02.2020 -> 1.616 €

    Preis hat sich aufgrund der Währungsabwertung in Euro verdreifacht (3,22 genau)
    Preis hat sich in Argentinien auf Grund der Währungskrise fast versechzigfacht (58,2 genau)

  6. Avatar

    Thomas

    20. Februar 2020 14:16 at 14:16

    Sorry kleiner Fehler:
    1 Unze Gold in Euro ist 1.500 € und nicht 1.616, das war der $-Kurs von heute

  7. Avatar

    Lausi

    20. Februar 2020 16:27 at 16:27

    Hauptsache der Wein fließt noch in Strömen! :-)

  8. Avatar

    Jan

    21. Februar 2020 20:42 at 20:42

    Gab es da nicht schon ungefähr 314 Staatspleiten früher den IWF-Schlager „Don’t cry (out) for me Argentina“? 😩 😢

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Hans-Werner Sinn: Warum die Inflation ausbleibt, und wann sie kommt

Claudio Kummerfeld

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Der ehemalige Chef des ifo-Instituts, hoch angesehene und bekannteste Ökonom Deutschlands Hans-Werner Sinn (hier jüngst im Gespräch mit Marc Friedrich) hat aktuell der Mission Money ein ausführliches Interview gegeben. Ein echter zweiter Lockdown müsse in Deutschland vermieden werden, so der Appell von ihm.

Die deutsche Wirtschaft wird laut Hans-Werner Sinn die zweite Corona-Welle überleben. Aber es werde eine große Pleitewelle geben. In einem ersten Schritt würden zahlreiche Unternehmen in die Insolvenz gehen, die bis jetzt dank ausgesetzter Insolvenzpflichten viel neue Schulden angehäuft hätten. Und erst in einem zweiten Schritt würde es dann die Banken hart treffen, weil die ja in Folge der Insolvenzen die Kreditausfälle zu verkraften hätten.

Hans-Werner Sinn mit Schwerpunktthema Inflation

Ein zentral wichtiges Thema im folgenden ausführlichen Interview ist die möglicherweise anstehende Inflation in Europa und Deutschland. Hans-Werner Sinn äußert sich hierzu ausführlich. Vor Corona habe die Geldmenge der EZB 3,2 Billionen Euro betragen, seitdem sei bis heute 1 Billion Euro dazugekommen. Bis Sommer 2021 werde die Summe auf 5,4 Billionen Euro anwachsen. Es entstehe ein gigantischer Geldüberhang.

Hans-Werner Sinn erklärt ausführlich seine große Sorge vor der anstehenden Inflation. Zunächst erklärt er ausführlich, warum es bislang trotz Geldschwemme keine Inflation in Form von Preisexplosionen gebe (ab Minute 23 im Video). Seine Ausführungen dazu sind hochinteressant. Das zusätzlich geschaffene oder besser gesagt in den letzten Monaten nicht ausgegebene Geld sei nicht aktiv, weil es herumliege. Bei den Bürgern auf den Sparkonten oder im Tresor. Bei den Banken liege es laut Hans-Werner Sinn herum zum Beispiel auf deren Zentralbankkonten. Es werde nicht vollständig als Kredit an Wirtschaft oder Verbraucher herausgereicht. Daher wirke die gestiegene Geldmenge nicht inflationär. Denn in Krisenzeiten würden sich die Menschen nicht trauen Geld auszugeben.

Aber nach der Krise, wenn es zum Beispiel einen Impfstoff gegen Corona gebe und die Wirtschaft wieder boomt, dann steige auch wieder der Optimismus bei den Menschen. Gewerkschaften würden höhere Löhne verlangen, die Unternehmen würden die Preise anheben usw. Die Inflation könne dann sehr leicht über das 2 Prozent-Ziel der EZB ansteigen. Dann müsse die EZB die Zügel anziehen. Aber dann stehe man vor einem gewaltigen Problem. Hierzu wollen wir die wirklich sehr interessanten und aufschlussreichen Ausführungen von Hans-Werner Sinn nicht vorwegnehmen. Schauen Sie bitte das Video! Nur so viel. Er erläutert auch dann möglicherweise anstehende Folgeeffekte wie dann platzende Luftbuchungen und ein Bankensterben.

Hans-Werner Sinn
Hans-Werner Sinn. Foto: https://www.hanswernersinn.de/de/Bildarchiv

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Lockdown: Was läuft falsch bei den Corona-Maßnahmen?

Markus Fugmann

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Heute dürften in Deutschland und Frankreich neue Beschränkungen und Corona-Maßnahmen bis hin zum Lockdown verkündet werden. Im Grunde reagieren die durch die starken Anstiege alarmierten Regierungen in Europa alle ähnlich. Nach Informationen des Informations-Mediums für Intellektuelle, also bild.de, dürfen ab 04.November in Deutschland sich maxiximal zehn Menschen treffen, die wiederum maximal aus zwei Haushalten stammen dürfen.

Lockdown, Corona-Maßnahmen und Anreizkonflikte

Viele Menschen gehen davon aus, dass die Corona-Maßnahmen schon gerechtfertigt seien – auf der anderen Seite gibt es jene, die das Coronavirus und die damit verbundenen Maßnahmen latent verharmlosen – und nicht selten eine Verschwörung der Eliten vermuten zur Entmündigung der Bürger. Symbol dafür ist ihnen der Lockdown.

Nun müssen die Regierungen die Bevölkerung schützen – aber sind die getroffenen Maßnahmen gerechtfertigt? Professor Christian Rieck macht auf zwei zentrale Probleme der Maßnahmen deutlich, die häufig entweder zu „Überreaktionen“ oder zu „Unterreaktionen führen.  Es gebe viele „Anreizkonflikte“, die zu problematischen Reaktionen der Betroffenen führen, so Rieck.

In folgendem Video erklärt er, was er damit meint:

 

Lockdown und Corona-Maßnahmen - sind sie gerechtfertigt?

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Daniel Stelter: Die Zeitbombe tickt für Deutschland! Was jetzt passieren muß

Markus Fugmann

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Daniel Stelter zählt fraglos zu den besten Köpfen in Deutschland: Er zeigt immer wieder, dass das scheinbar so reiche Land in Wirklichkeit gar nicht so reich ist – und vor allem ab dem Jahr 2030, wenn die Babybommer in Rente gehen, die demografischen Probleme faktisch zu einer Unfinanzierbarkeit der Rentenversprechen führen.

Daniel Stelter über die tickende Zeitbombe Deutschlands

Was also tun? Als Pionier das Klima retten, wie Bundesregierung und EU propgaieren durch eine „Klimaplanwirtschaft„? Überall mehr Staat angesichts der massiven Einbrüche der Wirtschaft in der Coronakrise? Daniel Stelter plädiert für das Gegenteil: für einen funktionierenden Kapitalismus – denn die weiter ausgreifenden Versuche des Staates, die Wirtschaft zu lenken, wird die Wirtschaftstätigkeit bremsen statt zu beschleunigen.

Kürzlich hat Thorsten Polleit in seinem Buch  „Der Antikapitalist: Ein Weltverbesserer der keiner ist“ genau darauf aufmerksam gemacht: der Kapitalismus ist nicht unser Problem, sondern die Lösung – wenn man ihn denn funktionieren lassen würde. Aber der Ruf nach staatlicher Lenkung wird gerade in der Coronakrise immer lauter, immer tiefer mischt sich die „Obrigkeit“ in die Wirtschaft ein (etwa indem man die Insolvantragspflicht aussetzt und damit Zombie-Firmen weiter durchschleppt). Man kauft Zeit durch staatliche Rettungsmaßnahmen, ohne diese Zeit für Reformen zu nutzen. Alle reden „vom Verteilen und Besteuern“, statt die Wohlstandmehrung im Fokus zu haben – so formuliert es Daniel Stelter.

Fakt ist: „Die Lasten steigen, während unsere Wirtschaftskraft sinkt“, so der Ökonom. Also müsste die Struktur geändert werden – etwa bei der tickende Zeitbombe, der Rente. Hier schlägt Daniel Stelter einen Staatsfonds im Stile Norwegens vor, bei dem der Staat jedem Bürger unter 65 Jahren 25.000 Euro schenkt, die dann in die Finanzmärkte investiert werden. Auch in der EU müsste sich einiges ändern – und hier hat Stelter einen ungewöhnlichen Vorschlag: Deutschland und die andere Euro-Länder sollten sich auf Kosten der EZB entschulden können!

In folgendem Video fasst Stelter das zusammen, was für Deutschland und die Lösung seiner Probleme jetzt zwingend notwendig wäre:

 

Daniel Stelter über die tickende Zeitbombe in Deutschland

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