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Argentinien de facto pleite – IWF fordert radikalen Schuldenschnitt

Hannes Zipfel

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Argentinien geht mit großen Schritten dem erneuten Staatsbankrott entgegen. In der Nacht zum Donnerstag erklärte der Internationale Währungsfonds IWF die Schulden des Landes für untragbar. Ein bedeutender Verzicht der Gläubiger sei zwingend notwendig. Ohne Schuldenschnitt steht das Land vor dem Kollaps.

Argentinien kann weder Zins noch Tilgung zahlen

Die nun offizielle Zahlungsunfähigkeit Argentiniens hatte sich bereits in den letzten Monaten abgezeichnet. Ende August letzten Jahres hatte der damalige Finanzminister Hernán Lacunza fällige Zins- und Tilgungszahlungen ausgesetzt und die internationalen Gläubiger zu Verhandlungen über eine „Restrukturierung“ der US-Dollar-Schulden aufgerufen. Am 1. September wurden dann Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, die die Lage noch verschlimmerten. Viele Argentinier hatten damals in Panik begonnen, ihr Geld außer Landes zu bringen. Innerhalb von nur 48 Stunden verließen weitere drei Mrd. US-Dollar das Land. Um den Totalabsturz der Landeswährung zu verhindern, limitierte der damalige Präsident Mauricio Macri das Umtauschvolumen von Argentinischen Pesos auf 10.000 US-Dollar pro Kopf und Monat. Die Abwertung des Peso setzte sich dennoch, wenn auch mit geringerem Tempo weiter fort. Aktuell erreicht der Wechselkurs mit 0,0158 ARS zu 1 US-Dollar einen neuen Tiefstand.

Die seit Januar geführten Verhandlungen zwischen der Ende Oktober neu gewählten Regierung in Buenos Aires und den Vertretern der größten Gläubiger waren jedoch geprägt von Misstrauen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Aktuell geht es um eine Summe von 113 Mrd. US-Dollar, die das südamerikanische Land seinen internationalen Gläubigern nicht zurückbezahlen möchte. Insgesamt hat Argentinien Außenstände in Höhe von 285 Mrd. US-Dollar. Die Pleite konnte trotz des größten Hilfskredits der Geschichte des IWF in Höhe von 57 Mrd. US-Dollar nicht abgewendet werden.

Der IWF gesteht nun ein, dass Argentinien seine Schulden aus eigener Kraft nicht mehr reduzieren kann – die Schuldenlast explodiert hingegen immer weiter. Bedingt auch durch den weiteren Verfall der Landeswährung gegenüber dem US-Dollar.

Die wirtschaftliche Krise des Landes, zurückzuführen auf jahrzehntelange Misswirtschaft, hatte im Spätsommer zu massiven sozialen Unruhen und schließlich zu Neuwahlen geführt. Als Sieger ging die Mitte-Links Koalition Frente de Todos hervor. Der peronistische Oppositionskandidat Alberto Fernández wurde neuer Präsident. Kritiker fürchten jedoch, dass in Wahrheit die ehemalige Präsidentin und jetzige Vizepräsidentin Argentiniens, Cristina Fernández de Kirchner, die wahre Machthaberin ist. Die Linksnationalistin hegt extreme Abneigungen gegenüber den „Heuschrecken“-Gläubigern, speziell aus den USA. Die Forderungen des IWF nach drastischen Budgetkürzungen im Sozialbereich sowie eine Privatisierungswelle lehnt die neue Regierung ebenfalls ab. Kirchner ist die Witwe des ehemaligen argentinischen Präsidenten und ersten Generalsekretärs der Union Südamerikanischer Nationen Néstor Carlos Kirchner.

Die Peronisten und die Imperialisten

Eine wesentliche Grundidee des Peronismus ist der „Justicialismo“, ein Konzept, das sich an dem europäischen Faschismus orientiert und einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus in einem national orientierten Staat, geprägt von sozialer Gerechtigkeit präferiert (justicia social). Dabei wird eine fortschreitende Industrialisierung, die gleichmäßige und gerechte Verteilung der Einkommen sowie der Aufbau eines Wohlfahrtsstaats angestrebt. Diese Ideologie ist nach Ansicht der Peronisten unvereinbar mit den Zielen des US-amerikanischen Imperialismus und den Auflagen des IWF. Peronisten sind Anhänger des ehemaligen argentinischen Generals Juan Perón, der durch einen Militärputsch am 4. Juni 1943 an die Macht kam und zweimal Präsident des Landes war.

So ist es kaum verwunderlich, dass die linksnationalen Peronisten unter dem neuen Präsidenten Alberto Ángel Fernández selbst die Rückzahlung des IWF-Kredites neu verhandeln wollen. Dies ist eigentlich ein Tabu, da ein Forderungsverzicht des IWF generell nicht vorgesehen ist. Maximal sei eine Prolongierung des Darlehens möglich. Dies ist auch der Grund dafür, warum der supranationale Fonds auf einen radikalen Schuldenschnitt zu Lasten der privaten Gläubiger drängt. Nur so besteht überhaupt eine Chance darauf, dass der IWF sein Geld, also das Geld der Geberländer, jemals zurückerhält. Für den IWF steht damit auch seine eigene Reputation auf dem Spiel.

Nach 2001 und 2014 ist dies bereits der dritte Staatsbankrott Argentiniens seit dem Jahr 2000. Insgesamt wird es der zehnte Staatsbankrott des Landes sein. Die betroffenen Schulden in Höhe von 113 Mrd. US-Dollar rangieren im Vergleich zu früheren Schuldenschnitten ganz oben auf der Rangliste. Lediglich Griechenland brachte es im Jahr 2012 auf einen noch höheren Schuldenschnitt in Höhe von 138 Mrd. US-Dollar.

Fazit und Ausblick

Wie ich bereits gestern in dem Artikel „Wie das Coronavirus wirtschaftliche Wunden wieder aufreißt„ ausführte, besteht im Zusammenhang mit dem aktuellen China-Schock die Gefahr, dass weitere „Schwarze Schwäne“ auftauchen und die Unsicherheit an den internationalen Kapitalmärkten verstärken. Dies wiederum zwing die Notenbanken zu noch aggressiverer Geldpolitik. Da nicht zuletzt die Aufwertung des US-Dollars Mitauslöser für das Schuldendilemma Argentiniens und anderer Staaten (Brasilien, Türkei, Chile etc.) ist, wird auch die US-Notenbank nicht umhinkommen, die Dollar-Zinsen zu senken und somit die Aufwertung der Schuldenwährung Nummer eins zu stoppen. Andernfalls droht ein Dominoeffekt der Staatsbankrotte.

Argentinien steht unmittelbar vor dem nächsten Bankrott

8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    Übelkeit

    20. Februar 2020 11:41 at 11:41

    billige Dollar in die Welt spülen. Geldmenge reduzieren und Zinsen anheben. „Der Dollar ist unsere Währung, aber Euer Problem“. Es kann so einfach sein.

  2. Avatar

    Columbo

    20. Februar 2020 11:45 at 11:45

    So traurig es für die Bürger Argentiniens ist, aber man sollte den Ablauf des Staatsbankrotts genau verfolgen. Was passiert mit den Bankkonten, mit dem Gold in den Schließfächern? Wird der Handel verboten?(das letzte Mal geschah gar nichts, die Goldbesitzer freuten sich). Was geschieht mit Immobilien(das letzte Mal erlitten sie einen Wertverlust), was mit den Aktien?
    Eine Blaupause für Europa?
    Vielleicht kann FMW darüber berichten…

  3. Avatar

    Pleitegeier

    20. Februar 2020 12:26 at 12:26

    In Argentinien funktioniert der Markt anscheinend noch, die gehen so ca. alle 6 Jahre pleite. Haben die keine Notenbank u.Gelddruckmaschinen? Die Frage geht an Robert Halver u.an Sven.

  4. Avatar

    Marcus

    20. Februar 2020 13:16 at 13:16

    Der IWF pokert jetzt erstmal weil er natürlich nicht als erster die berühmte Karte ziehen will. Außerdem müsste man ja dann den Geberländern des IWF erklären, das man knapp 60 Mrd. Dollar vorsätzlich versenkt hat, weil ja absehbar war das Argentinien nie wird zurückzahlen können. Zudem hat man sich verpokert, weil man darauf gesetzt hat das Macri im Amt bleibt.

    Die Geldpolitik tut ihr übriges das solche Länder wie Argentinien überhaupt von irgend jemandem Kredit bekommen.

  5. Avatar

    Thomas

    20. Februar 2020 14:05 at 14:05

    In Argentinien:
    1 Unze Gold am 20.02.2006 -> 1.712,67 ARS
    1 Unze Gold am 20.02.2020 -> 99.681,38 ARS
    In Euroland
    1 Unze Gold am 20.02.2006 -> 465,40 €
    1 Unze Gold am 20.02.2020 -> 1.616 €

    Preis hat sich aufgrund der Währungsabwertung in Euro verdreifacht (3,22 genau)
    Preis hat sich in Argentinien auf Grund der Währungskrise fast versechzigfacht (58,2 genau)

  6. Avatar

    Thomas

    20. Februar 2020 14:16 at 14:16

    Sorry kleiner Fehler:
    1 Unze Gold in Euro ist 1.500 € und nicht 1.616, das war der $-Kurs von heute

  7. Avatar

    Lausi

    20. Februar 2020 16:27 at 16:27

    Hauptsache der Wein fließt noch in Strömen! :-)

  8. Avatar

    Jan

    21. Februar 2020 20:42 at 20:42

    Gab es da nicht schon ungefähr 314 Staatspleiten früher den IWF-Schlager „Don’t cry (out) for me Argentina“? 😩 😢

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

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Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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