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BaFin erklärt Anlegern, warum Zertifikate und Optionsscheine nicht so schlimm sind

Redaktion

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Gleich mal vorweg: Die BaFin weist in einem aktuellen Erklärtext für Anleger darauf hin, dass man als Anleger (Selbstentscheider) die Risiken bei hochriskanten Hebelprodukten kennen sollte. So weit, so gut! Aber mehr als umfangreich hat die BaFin einen Text veröffentlicht, der die ganze Industrie rund um Optionsscheine und Zertifikate (Banken als Emittenten) in einem doch recht guten Licht erscheinen lässt. So spricht die BaFin zwar in ihrer Headline-Aussage von offenbar zahlreichen Verbraucherbeschwerden. Zitat:

Market Making: „Klarer Betrug! Ich bitte um Prüfung!“ – Wenn sich Anleger bei der BaFin über die Feststellung von Preisen beschweren Bei der Preisfeststellung und dem Handel mit Anlagezertifikaten und Hebelprodukten wittern Anleger mitunter Betrug oder Manipulation auf Seiten des Emittenten. Das zeigt sich bei Beschwerden, die bei der BaFin eingehen, und im direkten Austausch mit Anlegern auf Börsentagen und Messen.

Aber letztlich, so sagt die BaFin es auch:

Meist geht es dabei um die Höhe der gestellten Kurse oder um temporäre Kursaussetzungen. In der Regel hat aber gar kein Betrug stattgefunden. Grund sind die Besonderheiten des Market Makings.

Wo ist das Grundproblem? Bei der gigantischen Anzahl der Produkte kann unmöglich ein normaler Preis durch Angebot und Nachfrage an der Börse hergestellt werden. Also müssen Market Maker künstlich Angebot oder Nachfrage bereit stellen, damit Anleger jederzeit diese Produkte kaufen oder verkaufen können. Diesen „Service“ möchte man sich als Market Maker natürlich honorieren lassen. Also kann es natürlich sein (freundlich formuliert), dass die Spannen zwischen An- und Verkaufskursen recht groß ausfallen, oder dass Anleger Ausführungskurse erhalten, die sie als unfair empfinden (schon wieder, freundlich formuliert).

Die BaFin erhält vermutlich derart viele Verbraucherbeschwerden, dass sie mit einem eigenen Erklärartikel den Anlegern aufzeigen möchte, dass diese ganze Sache rund um Optionsscheine und Zertifikate doch im Grunde genommen in Ordnung ist. Frage unsererseits mal ganz nebenbei: In Sachen Hebel-Begrenzung, warum wurden da eigentlich nur CFD-Anbieter zurecht gestutzt, die in der Regel keine Banken sind und nicht in Deutschland sitzen? Warum wurden nicht die Hebel für Zertifikate und Optionsscheine ebenso begrenzt? Hat die Bankenlobby in Deutschland einfach einen gigantisch größeren Einfluss in Berlin als ein paar „relativ“ kleine CFD-Broker mit Sitz zum Beispiel in London?

Aber das ist selbstverständlich (!) reine Verschwörungstheorie. Sicher wird es einen guten Grund geben, warum Zertifikate und Optionsscheine, die von Banken in Deutschland begeben werden, so gut wegkommen bei der Aufsicht? Hier einige Original-Textpassagen von der BaFin:

Warum Market Maker erforderlich sind

Der Preis für ein Wertpapier kann sich nur über Angebot und Nachfrage bilden, wenn eine ausreichende Liquidität bzw. Marktbreite vorliegt. Wenn keine ausreichende Zahl an Kauf- und Verkaufsaufträgen vorliegt, was bei Anlagezertifikaten und Hebelprodukten in der Regel der Fall ist, kann über Angebot und Nachfrage kein verlässlicher Preis ermittelt werden. In solchen Fällen wird auf Market Maker zurückgegriffen, welche die Liquidität im Markt bzw. in Bezug auf ein bestimmtes Finanzinstrument steigern und somit einen Handel sicherstellen. Wenn die Preisbildung über Angebot und Nachfrage nicht verlässlich möglich ist, kann mit Hilfe des Market Makers auch für wenig liquide Wertpapiere wie Anlagezertifikate und Hebelprodukte ein Preis am Sekundärmarkt gestellt werden.

Die Notwendigkeit eines Market Makers ergibt sich bereits mit Blick auf die Produktzahl: An der Frankfurter Wertpapierbörse werden zum Beispiel insgesamt etwa 11.200 Aktien und im Freiverkehr etwa 1.700.000 Zertifikate gehandelt. Nicht für alle diese Zertifikate besteht eine ausreichende Liquidität, die eine dauerhafte Handelbarkeit sicherstellen würde. Aus diesem Grund agieren bei den betreffenden Produkten meist die Emittenten selbst als Market Maker und stellen Preise. Dadurch wird den Anlegern ermöglicht, ein Zertifikat während der Laufzeit über einen Handelsplatz zu veräußern oder eines nach der Zeichnungsphase zu erwerben. Darüber hinaus kann der gestellte Preis auch als Wertindikator für die Anleger dienen.

Verfügbarkeit von Preisen

Grundsätzlich verpflichten sich die Emittenten von Zertifikaten und Optionsscheinen nicht zu einer fortlaufenden indikativen, also unverbindlichen Bereitstellung von An- und Verkaufskursen. Dies wird in den Basisprospekten auch beschrieben. So besteht selbst unter gewöhnlichen Marktbedingungen keine rechtliche Verpflichtung, Preise zu stellen. Darüber hinaus verpflichten sich Emittenten auch nicht, über die gesamte Laufzeit des Wertpapiers das Market Making aufrecht zu halten. Da aber auch die Emittenten selbst nur verdienen, wenn ein Handel stattfindet, haben sie ein großes Interesse daran, dass möglichst alle Produkte handelbar sind.

Zwar werden die Market Maker zum Beispiel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Börsen mitunter verpflichtet, fortlaufend unverbindliche Kauf- und Verkaufskurse bereitzustellen. Diese Pflicht besteht jedoch nur gegenüber der jeweiligen Börse und nicht gegenüber den Haltern der Wertpapiere. Auch müssten die Anleger zunächst prüfen, wo das Wertpapier gehandelt wird und welche rechtlichen Bestimmungen für diesen Handelsplatz gelten, wenn sie sich auf eine fortlaufende Preisfeststellung durch den Market Maker verlassen wollen.

Hinzu kommt: Auch in den entsprechende AGB-Regelungen sind Ausnahmen von dieser Pflicht formuliert: So müssen bei Marktstörungen oder außergewöhnlichen Umständen keine Kurse gestellt werden. Bei volatilen Märkten, außerordentlichen Bewegungen des Basiswertes, technischen Störungen und besonderen Vorkommnissen in der Preisermittlung kann der Market Maker die Preisfeststellung aussetzen (siehe „Beispiel für eine Aussetzung der Preisfeststellung“). In der Regel wird der Handel nach Behebung der Marktstörung wieder fortgesetzt. Dabei können jedoch auch Kurssprünge entstehen.

Neben der Entwicklung des Basiswertes können noch weitere Faktoren den vom Market Maker gestellten Preis beeinflussen. Der Market Maker bzw. Emittent kann unter anderem die Kosten für die Risikoabsicherung (Hedging-Kosten), die Marge sowie die Kosten für die Strukturierung und den Vertrieb der Wertpapiere einpreisen. In der täglichen Berechnung des Strategie-Indexes, der dem Faktor-Zertifikat zugrunde liegt, wird beispielsweise eine Indexgebühr für die Berechnung dieses Indexes eingerechnet. Diese Gebühr mindert den Preis des Faktor-Zertifikats.

Aus diesen Gründen kann der vom Emittenten errechnete Preis auch vom finanzmathematischen Wert des Wertpapiers abweichen. Der finanzmathematische Wert beschreibt den wirtschaftlich zu erwartenden Wert als Zusammenwirken des inneren Wertes eines Wertpapiers, der die Entwicklung des Basiswertes abbildet, und dem Zeitwert, der von Faktoren wie Volatilität, Zinssatz, Bonität des Emittenten und – bei Aktien als Basiswert – der Dividendenerwartung beeinflusst wird.

Teilweise gehen die Anleger von einer linearen Abbildung des Basiswertes durch den Optionsschein bzw. das Zertifikat aus. So nehmen Beschwerdeführer an, dass zum Beispiel eine Kurssteigerung des Basiswertes bei einem Call-Optionsschein automatisch eine Kurssteigerung des Derivats in gleicher Höhe zur Folge hat.

Insbesondere bei Optionsscheinen kann es jedoch bei der Preisstellung speziell bei kurzlaufenden Optionsscheinen neben der Einpreisung der genannten Faktoren zu einem Zeitwertverlust kommen. Der finanzmathematische Wert eines Optionsscheins setzt sich zusammen aus dem inneren Wert, der sich wiederum aus der Differenz zwischen Basispreis und dem aktuellen Kurs des Basiswertes ergibt, und dem Zeitwert. Als weitere Preiskomponenten reflektiert der Zeitwert die Ungewissheit der Entwicklung des Basiswerts in der Restlaufzeit sowie die Volatilität des Basiswertes. Zum Ende der Laufzeit eines Optionsscheines läuft auch der Zeitwert gegen null, da die Wahrscheinlichkeit etwa bei einem Call-Optionsschein, dass der Kurs des Basiswertes zum Laufzeitende über dem Basispreis notiert, mit jedem Tag kleiner wird. Unabhängig von der Entwicklung des Basiswertes verliert der Optionsschein somit zum Ende der Laufzeit durch den Zeitwertverlust an Wert.

Zusammengefasst kann somit der finanzmathematische Wert eines Zertifikats bzw. Optionsscheins von der Entwicklung des Basiswertes abweichen. Darüber hinaus kann sich der Preis des Wertpapiers auch von diesem finanzmathematischen Wert unterscheiden, weil der Emittent bzw. Market Maker verschiedene Faktoren wie Margen, Kosten und Volatilität eingepreist hat.

Verdient der Emittent an den Verlusten der Anleger?

In den Beschwerden zur Kursstellung bei Zertifikaten und Optionsscheinen äußern Anleger häufig den Verdacht, dass der Emittent von den Verlusten der Anleger profitiere oder die Verluste der Anleger zugleich der Gewinn des Emittenten seien. Nach Angaben des Deutschen Derivate Verbands auf dessen Homepage versuchen Emittenten bei jedem Geschäft, eine risikoneutrale Position gegenüber den Anlegern einzunehmen. Sie führten zu diesem Zweck Absicherungsgeschäfte (Hedge-Geschäfte) durch. Eine Möglichkeit sei es, die Basiswerte zu erwerben. So könnte ein Emittent zum Beispiel als Absicherung einer offenen Position aus einem Optionsschein die zugrunde liegende Aktie, den Basiswert, kaufen. Verlöre der Optionsschein an Wert, verlöre auch der vom Emittenten gehaltene Basiswert an Wert. Der Emittent stünde dann sowohl Kursgewinnen als auch Kursverlusten der Anleger risikoneutral gegenüber.

Jedoch ist zu beachten, dass Emittenten nicht gesetzlich dazu verpflichtet sind, sich gegenüber jeder offenen Position abzusichern. Darüber hinaus verpflichten sich die Emittenten auch nicht selbst zu solchen Absicherungsgeschäften. Sie sind nicht auf Erträge aus offenen Positionen gegenüber den Anlegern angewiesen, da sie andere Ertragsquellen haben, wie etwa die eingepreisten Gebühren, die Emittenten-Marge und den Spread beim Market Making. Darüber hinaus ist die Emission von Wertpapieren für den Emittenten auch aufgrund des Funding-Effekts vorteilhaft.

Zusammenfassung: Anleger sollten sich der Risiken bewusst sein!

Anleger sollten sich bewusst machen, dass die Preise von Zertifikaten und Optionsscheinen in der Regel nicht über das Orderbuch festgelegt werden, dass sie also nicht auf Angebot und Nachfrage basieren. Diese Finanzinstrumente können entweder außerbörslich direkt mit dem Emittenten oder über einen Handelsplatz mit einem Market Maker gehandelt werden. In beiden Fällen legen die Emittenten selbst den Preis des Finanzinstruments im eigenen Ermessen fest. In diesen Preis können auch Margen oder Kosten für den Vertrieb bzw. Kosten der Risikoabsicherung eingepreist werden. Die Emittenten sind auch nicht zur fortlaufenden Kursstellung verpflichtet. Sie können – etwa bei außergewöhnlichen Marktereignissen und hoher Volatilität – die Preisfeststellung aussetzen oder beenden.

Des Weiteren sollten die Anleger bedenken, dass der Preis für diese Wertpapiere nicht ausschließlich von der Kursentwicklung des zugrundeliegenden Basiswerts abhängt. Zwar basieren diese Instrumente auf der Entwicklung des Basiswertes. Aufgrund der inhärenten Produktstruktur kann es aber zu Abweichungen in der Preisentwicklung kommen. Neben der Basiswertentwicklung können weitere Faktoren den Preis beeinflussen. Die Anleger sollten daher wissen, dass der Preis des Wertpapiers erheblich von seinem finanzmathematischen Wert abweichen kann.

Darüber hinaus ist empfehlenswert, bei einer Anlage in solche Produkte die Risikowarnungen der Emittenten in den Basisprospekten zu beachten. In diesen wird unter anderem darauf hingewiesen, dass die vom Market Maker gestellten Preise vom finanzmathematischen Wert der Wertpapiere abweichen können und keine Verpflichtung zur Kursstellung besteht. Daher ist es ratsam, sich intensiv mit den jeweiligen Emissionsbedingungen auseinanderzusetzen. Anleger sollten selbst einschätzen, ob sie die Funktionsweise der Produkte verstanden haben und bereit sind, die Risiken zu tragen.

BaFin über Market Making bei Zertifikaten und Optionsscheinen
Die BaFin-Zentrale in Frankfurt. Foto: © Kai Hartmann Photography / Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Rusty

    23. Januar 2019 13:23 at 13:23

    Ja da ist die BaFin den Banken gehörig in den Allerwertesten gestiegen. ?

    Ich bin enttäuscht, zu wissen dass ersten keiner der grossen Broker oder trader gegen die BaFin rechtlich. Al durchgreift und zweitens das solch eine Mega Korruption öffentlich in Deutschland immer noch möglich ist. ?

    Das zeigt wie immer, Deutschland ist nicht besser als ??. ?

    Enttäuschend zu auch zu wissen, dass die BaFin ein Sumpf der lügt und betrügt.

    CFDs waren genug eingeschränkt. Diese Ungerechtigkeit gegenüber der CFD Anleger muss aufhören. Man könnte auch glatt meinen, die BaFin handelt im Auftrag der Banken, so sollen Kunden von CFD wieder zurück kommen und die Lust auf CFD verlieren.

    Ich mit Sicherheit nicht! Ich bin bereits bei australischen Brokern. ?

    • Avatar

      Bernd Schneider

      23. Januar 2019 14:24 at 14:24

      Und welcher australische Broker ist das ? Pepperstone?

  2. Avatar

    Kenguru

    23. Januar 2019 15:48 at 15:48

    Die Bezeichnung „Finanzaufsichtsbehörde“ suggeriert eigentlich eine autonome, wertneutrale Institution, die dem Anleger eine gewisse Transparenz und Fairness im Umgang mit Finanzprodukten ermöglichen sollte.
    Das funktionierte bei den grösseren Betrugsfällen der letzten Jahre, beispielsweise dem bis zuletzt BaFin reguliertem Anbieter 24 Options, nun ja, sagen wir mal suboptimal.
    Skandalös wird es wenn derartige Aufsichtsbehörden oder wie im Falle ESMA ein zwielichtiges Beraterkomitee, massive Lobbyarbeit zu Gunsten jener Finanzinstitute leisten, deren Gebahren sie eigentlich überwachen sollten.

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Aktien

Experte Andre Stagge über die Tech-Zahlen, US-Wahl und EZB

Claudio Kummerfeld

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Der Tradingexperte Andre Stagge (hier mehr zu seiner Person) bespricht im folgenden Video mehrere aktuelle Börsenthemen. Vermutlich wird die EZB ab Dezember aktiver werden in Sachen Rettungsmaßnahmen. Gestern Abend haben die vier großen Tech-Konzerne Apple, Google, Amazon und Facebook ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Andre Stagge weist darauf hin, dass alle vier zwar die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn übertroffen haben – und er geht auf die Gründe ein, warum die Aktien nachbörslich nicht entsprechend positiv reagierten. Auch wirft Andre Stagge einen Blick auf die große Wahrscheinlichkeit, dass Joe Biden die US-Wahl nächste Woche gewinnen könnte.

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Aktienmärkte und Wirtschaft 2020: Ein Jahr der Extreme

Wer es geschafft hat, die wirtschaftliche Entwicklung des Jahres 2020 oder die der Aktienmärkte auch nur ein paar Wochen vorherzusagen, sollte Lotto spielen

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Wer es geschafft hat, die wirtschaftliche Entwicklung des Jahres 2020 oder die der Aktienmärkte auch nur ein paar Wochen vorherzusagen, sollte mal Lotto spielen, bei diesem Glück. Denn das Coronajahr wird in die Geschichte eingehen mit all seinen Anomalien, die es gewiss noch nicht allzu häufig in dieser Form gegeben hat. Wirtschaft, Finanzen und Aktienmärkte lieferten (und liefern?) Ausschläge ungeahnten Ausmaßes.

Aktienmärkte: Die saisonalen Muster – Fehlanzeige

Viele Börsianer versuchen aus den statistisch gehäuften, jahreszeitlich bedingten Mustern, Profit zu erzielen. Aber 2020?

Das Jahr begann relativ stabil, am Ende des Januars hatten sich S&P 500 und Dax kaum bewegt, was nach der Statistik auf einen ruhigen Jahresverlauf hindeuten würde. Bis Ende Februar ging es aufwärts, dann kam Corona. Nach der fulminanten Aufholjagd von Ende März und durch den April hinweg hätte man doch erwarten können, dass ein „Sell in May, but remember to come back in September“ funktioniert, nur erreichten die US-Indizes just am 2. September ein Allzeithoch, um praktisch den ganzen Monat hindurch zu korrigieren. Im Wahljahr sollte es einen schwachen Monat Oktober geben, bis zur letzten Woche, in der eine Wahlrally einsetzt. Doch was haben wir in den letzten Tagen erlebt? Einen Einbruch des Dow Jones von 2000 Punkten und beim Dax von über 1000 Zählern. Nun steht nur noch die Jahresendrally im Schlussquartal, als eiegntlich sehr sicheres saisonales Muster der Aktienmärkte, zur Disposition.

Der Konjunkturverlauf – ohne historisches Vorbild

Die Pandemie um Covid-19 führte zu einem bisherigen Konjunkturverlauf, den wohl kein Ökonom auf der Rechnung hatte. Chinas Konjunktur stürzte im ersten Quartal um 6,8 Prozent in die Tiefe und erholte sich in Q2 bereits schon wieder um 4,9 Prozent. Im Westen erwischte es im zweiten Quartal Großbritannien am stärksten mit minus 20,4 Prozent, gefolgt von Spanien mit minus 18,5 Prozent, Deutschland kam mit minus 9,7 Prozent noch relativ glimpflich davon, so wie die USA mit minus 9,5 Prozent auf Quartalsbasis. Auf Jahressicht allerdings mit erschreckenden 31,4 Prozent und gestern kam die erste Schätzung für das dritte Quartal in den Staaten: Plus 33,1 Prozent im Jahresvergleich, was auf den ersten Blick wie nach einer totalen Erholung aussieht, aber es hätten über 45 Prozent Anstieg sein müssen, um diesen Quartalseinbruch zu egalisieren.

Im europäischen Verfahren gerechnet: Nach minus 9,5 Prozent (Q2), jetzt plus 7,4 Prozent.

Auf alle Fälle brachte 2020 bisher die schnellste und tiefste Kurzrezession aller Zeiten, mit einem Wirtschaftseinbruch, der fast überall einem unvollständigen V gleicht, eher einem spiegelverkehrten Wurzelzeichen, das eine Erholung um etwa 90 Prozent anzeigt. Jetzt erleben wir die zweite Coronawelle, die in manchen Ländern vermutlich eine Double-Dip-Recession im vierten Quartal des Jahres zur Folge haben wird. Wie reagiren nun die Aktienmärkte?

Die Entwicklungen der Aktienmärkte

Wenn es bisher eine so genannte V-förmige Erholung geben sollte, dann haben dies die Aktienmärkte vollzogen. Nach einem Absturz der Märkte ab dem 20. Februar, wie man ihn noch nie in einer solchen Geschwindigkeit beobachtet hat – es brauchte nur 16 Tage vom Allzeithoch bis in einen Bärenmarkt – stürzten S&P 500 und Dax innerhalb von nur 34 Tagen um 33,9 beziehungsweise 39,6 Prozent in die Tiefe: Beim US-Leitindex auf 2206 und beim Dax auf 8255 Punkte. Aber es folgte eine ebenso spektakulären Erholung innerhalb nur eines halben Jahres.

Der Dax brauchte nur gut zwei Monate, um bis Anfang Juni um 57 Prozent auf 12913 Punkte zu steigen und nur ein halbes Jahr um mit 13460 Punkten fast sein Allzeithoch von Ende Februar zu erreichen (13788 Punkte).

Was dem US-Leitindex S&P 500 am 2. September mit 3580 Punkten gelungen ist (Februar-ATH 3386 Punkte): Rekorde der Aktienmärkte inmitten des größten Wirtschaftseinbruchs seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie konnte so etwas zustande kommen?

Notenbankbilanzen und Zinsniveau

Wer geglaubt hatte, dass das Jahr 2019 mit seinen über 100 Zinssenkungen durch die Notenbanken dieser Welt der Höhepunkt gewesen sein müsste, den belehrte spätestens der März 2020 eines Besseren. Die Federal Reserve folgte vielen westlichen Notenbanken und senkte die US-Leitzinsen auf 0 bis 0,25 Prozent. Begleitet von Anleihekäufen, die die Fed-Bilanz innerhalb von wenigen Monaten von vier auf 7,18 Billionen Dollar explodieren ließ. Die Europäische Zentralbank war vor Kurzem bei 6,74 Billionen Euro angelangt, zusammen mit der Bank of Japan erreicht man bereits über 20 Billionen Dollar. Die Bilanzsummen der Notenbanken marschieren in ungeahnte Höhen: In Japan auf 136 Prozent zum BIP, in Europa auf 66 Prozent und in den USA auf 37 Prozent.

Dies hat laut JP Morgan folgendes zur Folge (Stand Mitte Oktober):

Weltweit gibt es 17 Billionen Dollar an Anleihen, die keine oder sogar Minuszinsen abwerfen. Berücksichtigt man die jeweiligen Inflationsraten, so beträgt die Summe der Anleihen, die eine negative Realrendite abwerfen 32 Billionen Dollar, oder 76 Prozent aller Staatsanleihen von Industrieländern. Der Anlagenotstand für Kapitalsammelstellen (wie Staats- und Pensionsfonds) hat im Herbst des Jahres 2020 eine bisher noch nicht gesehene Dimension erreicht – und das erklärt die Kurse der Aktienmärkte.

Jetzt stehen die US-Wahlen an und der Sieger muss aus faktischen Gründen angesichts von über 11 Millionen Arbeitslosen und 50 Millionen Lebensmittelmarkenbeziehern in den USA zwangsläufig ein fünftes Rettungspaket auflegen. Außerdem ergab eine Umfrage im Sommer, dass 40 Prozent der Amerikaner keine 400 Dollar an Reserven besitzen, um sich zum Beispiel ein defektes Haushaltsgerät ersetzen zu können. Man kann sich immer nur wundern, wie die US-Regierung hier das Bild einer gesunden US-Wirtschaft zeichnen kann.

Bei einer weiteren Verschuldung stellt sich irgendwann die Frage: Wann wird sich dies bei den Kapitalmarktzinsen bemerkbar machen? In jeder Volkswirtschaft gibt es das Phänomen des Bruchs mit der Linearität, plötzliche Ausbrüche aus einer stabilen Entwicklung, davor sind auch die Vereinigten Staaten nicht gefeit.

Die Forschung für einen Impfstoff

Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde mit solcher Intensität an einem Impfstoff gegen ein Virus geforscht – Sars-CoV-2. 160 bis 200 Projekte gibt es derzeit weltweit, einige Vakzine befinden sich bereits in der klinischen Phase 3 und die großen Staaten haben vorsorglich schon drei Milliarden Impfdosen bestellt, ohne zu wissen, welches Mittel sich überhaupt durchsetzen und welchen Effekt es überhaupt haben wird. Die Aktien von Moderna, CureVac oder Biontech explodieren an den Börsen um mehrere 100 Prozent, weil viele Investoren einen Milliardenmarkt wittern. Viele Projekte werden im Sande verkaufen, viele Millionen versickern, weil keiner weiß, was sich durchsetzt – und vor allen Dingen wann?

Die Entwicklung der Pandemie

Viele führende Virologen warnen, dass die Welt noch bis Ende des Jahres 2021 mit dem Virus leben müsse oder vielleicht sogar auf Dauer. Was bedeutet dies konkret? Derzeit gibt es weltweit über 45 Millionen bestätigte Infektionen, was angesichts von 7,6 Milliarden Menschen nur ein gutes halbes Prozent der Weltbevölkerung ausmachen würde. Aber sind das überhaupt realistische Zahlen? Wurden aus bestimmten Metropolen der Welt – New York, Neu-Dehli, Sao Paulo, Mexiko City – nicht schon Antikörpertests ausgewertet, die auf eine 20 bis 50 prozentige Durchseuchung von Teilen der Bevölkerung hinweisen?

In Ländern wie den USA, Brasilien, Spanien, Belgien u.a. werden offiziell Infektionsraten von 2,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung gemeldet, aber der Chef der US-Seuchenbehörde CDC der USA, Redfield, hat sich in diesem Jahr geäußert, dass man mit einer Dunkelziffer von Faktor 10 bei den Infektionen rechnen könne. Die USA haben bereits über neun Millionen Coronainfizierte bei einer Bevölkerung von gut 330 Millionen. Wie viele Menschen werden bis Ende 2021 schon mit dem Virus infiziert worden sein? Selbst der deutsche Virologe, Professor Streeck, rechnet mit einer gewaltigen Durchseuchung bis dahin. Es sei auch bis jetzt nicht klar, welche Immunität ein Impfstoff zur Folge haben wird? Wie viele Menschen werden sich überhaupt impfen lassen (müssen)? Fragen über Fragen.

Aber bei Fortführung der Gedankengänge über die Infektion der Menschheit mit Covid-19 schleicht sich ein unangenehmes Gefühl ein: Deutschland hat im Vergleich zur Bevölkerungszahl eine sehr niedrige Infektionsrate (0.59 Prozent), auch wenn man eine Dunkelziffer mit einbezieht, die aber aufgrund unserer Maßnahmen nicht allzu hoch sein dürfte. Was aber nicht anderes heißt, dass für unser Land noch ein weiter Weg in Sachen Corona bevorsteht – außer der Impfstoff kommt rechtzeitig und mit hoher Wirksamkeit.

Ausblick

Doch zurück zur Wirtschaft und zur Börse. Was bedeutet die aktuelle Gemengelage für das Jahresende der Aktienmärkte? Der Ausgang der Wahlen, die Börsenentwicklung, die Pandemie? In Summa „not predictable“. Doch wird auf eines Verlass sein: Das Gelddrucken geht weiter – so hat Madame Lagarde erst gestern die weiteren Notenbankkäufe der EZB bestätigt: bis mindestens Mitte 2021 wolle man alles tun und den ganzen Instrumentenkasten nutzen, um die Erholung der Wirtschaft zu fördern.

Auch die Bundesregierung hat eine große Summe an Ausfallszahlungen für den Monat des Lockdowns, November, angekündigt, um die wirtschaftlichen Folgen des verordneten Stillstands (Lockdown light) abzumildern.

Die Geldflut wird nicht verebben. Und wenn man den Chart zwischen Notenbankbilanz und Entwicklung der Aktienmärkte (S&P 500) betrachtet, so könnte man eigentlich auf eine bestimmte Jahresendprognose kommen.

Und was die Pandemie und die mögliche Wirkung der gerade angekündigten Lockdown-Maßnahmen betrifft, so empfiehlt sich ein Blick auf Israels Infektionszahlen, dem Land, welches bereits vor einigen Wochen solche verhängt hat..

Aktienmärkte und Wirtschaft im Coronajahr 2020

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Aktien

Dax mit Crash? Mögliche Ausweitung der EZB-Maßnahmen, Ideen zu SAP und Allianz

Redaktion

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Gibt es im Dax einen neuen Crash? Diese Frage bespricht Manuel Koch im folgenden Video mit einer Expertin. Auch Thema seines Videos sind die ganz frisch verkündeten neuen Rettungsgelder für die Wirtschaft, damit der anstehende kleine Lockdown im November verkraftet werden kann. Wichtig ist auch die heute angedeutete Ausweitung der EZB-Maßnahmen im Dezember.

Manuel Koch bespricht im Video auch zwei Handelsempfehlungen der trading house-Börsenakademie. Die Aktien der Allianz seien eine Short-Chance per Stop-Sell-Order. Die Aktien von SAP seien ein Kauf per Stop-Buy-Order. Beide Ideen werden ausführlich begründet.

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