Folgen Sie uns

Allgemein

May´s krachende Brexit-Niederlage: So reagiert Juncker, und so merkwürdig reagiert das Pfund

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Wie erwartet, oder sogar noch schlimmer als erwartet, wurde der Brexit-Deal von Theresa May gestern Abend im britischen Parlament abgelehnt. Damit ist die Lage unklarer und verworrener denn je. Das Bizarre an der Situation ist: Nun hoffen Parlamentarier, britische Öffentlichkeit und der Devisenmarkt in London gemeinsam darauf, dass Theresa May sich bewegen wird, und einen noch viel besseren Deal für Großbritannien herausschlagen wird. Und irgendwie könne ja nun alles besser werden. So möchten wir beispielsweise eine wichtige Publikation zitieren, die sich mit dem britischen Devisenmarkt beschäftigt. Zitat:

„May’s initial statement after the defeat was more conciliatory than we expected and implies that perhaps she will change direction to try and find a resolution that Parliament supports,“ says Paul Dales, Chief UK Economist with Capital Economics. „If tonight’s catastrophic defeat for the government leads to a consensus in Parliament, then it could actually mark the start of an upturn for the economy and the Pound.“

Alles klar? Häähhhhhh? Wie soll das gehen? Die EU wird höchstens kosmetische Nachbesserungen anbieten können, wenn sie nicht ihr Gesicht verlieren will. Tja, der Devisenmarkt ist wohl „bester Hoffnung“. Im folgenden Chart haben wir seit gestern früh den Verlauf von Pfund vs US-Dollar in schwarz dargestellt, und den Verlauf von Euro vs Pfund in orange. Man sieht, dass das Pfund gewonnen hat nach der krachenden Ablehnung im Parlament gestern Abend.

Die Lage ist unklarer denn je

Nochmal: Hähhhh? Also, wird nun alles besser? Wir meinen, wie schon in den letzten Tagen: Die Lage ist unklarer denn je, eine Lösung ist weiter entfernt denn je, und der harte Brexit rückt immer näher. Die Signale aus London zeigen eindeutig, dass die eigenen Reihen heute das angesetzte Misstrauensvotum der Opposition gegen Theresa May abblocken werden. Sie bleibt also im Amt. Und sie hat klar gemacht, dass es mit ihr kein neues Brexit-Referendum für die Bevölkerung geben wird.

Macht sie nun das, was offenbar die Devisenhändler von ihr erwarten? Versucht sie (wie auch immer) einen besseren Deal für UK rauszuholen? Gelingt ihr das (wie auch immer), werden noch mehr Brexit-Hardliner um Boris Johnson gegen diesen Deal stimmen bei der nächsten Abstimmung. Denn sie wollen ja raus aus der EU, mit einer klaren Trennung! Also, bitte schön, warum sehen die Devisenhändler diese aktuelle Situation derart optimistisch? Wir wollen an dieser Stelle nicht dazu raten das Pfund zu shorten. Aber dennoch wollen wir darauf hinweisen, dass der aktuelle Pfund-Kurs doch womöglich deutlich zu hoch angesetzt ist bei dem Chaos, dass offenbar am Devisenmarkt in London kaum einer sehen will.

Gibt es doch ein zweites Referendum? Stürzt May heute doch? Oder macht die EU überraschend Zugeständnisse? Möglich ist alles, aber doch äußerst unwahrscheinlich nach aktueller Faktenlage. Trader sollten das Pfund im Auge behalten.

Brexit Pfund

EU bereitet sich auf harten Brexit vor, und hofft weiterhin das Beste

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat nach dem Scheitern des Brexit-Deals im britischen Parlament diese offizielle Erklärung verkünden lassen. Man geht stramm auf einen harten Brexit zu, auch wenn das in London noch niemand so wirklich wahrhaben will. Zitat:

Brüssel, 15. Januar 2019

Ich nehme das Ergebnis der Abstimmung heute Abend im britischen Unterhaus mit Bedauern zur Kenntnis.

Aufseiten der EU wird der Prozess zur Ratifizierung des Austrittsabkommens fortgesetzt.

Das Austrittsabkommen ist ein fairer Kompromiss und stellt den bestmöglichen Deal dar. Es begrenzt den Schaden, der für Bürgerinnen und Bürger sowie für Unternehmen in ganz Europa aufgrund des Brexit entsteht. Das Abkommen ist der einzige Weg, um einen geordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union zu gewährleisten.

Die Europäische Kommission und insbesondere unser Chefunterhändler Michel Barnier haben sehr viel Zeit und Mühe in das Aushandeln des Austrittsabkommens investiert. Wir haben während des gesamten Prozesses mit viel Kreativität und Flexibilität nach Lösungen gesucht. Präsident Tusk und ich selbst haben Anfang dieser Woche erneut unseren guten Willen unter Beweis gestellt, indem wir Premierministerin Theresa May in einem Schriftwechsel weitere Klarstellungen und Zusicherungen angeboten haben.

Die Gefahr eines ungeordneten Austritts des Vereinigten Königreichs ist durch die Abstimmung heute Abend gestiegen. Auch wenn wir eine solche Situation nicht wünschen, wird die Europäische Kommission weiterhin an Maßnahmen für den Ernstfall arbeiten, um dafür zu sorgen, dass die EU vollständig vorbereitet ist.

Ich rufe das Vereinigte Königreich dringend auf, uns seine Vorstellungen über das weitere Vorgehen so rasch wie möglich mitzuteilen.

Die Zeit ist fast abgelaufen.

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    Hans im Glück

    16. Januar 2019 12:03 at 12:03

    Wie jetzt Häähhhh? Da läuft das erwartete Drehbuch ab und das soll jetzt zur Verwirrung führen? May ist Teil der Krake und spielt ihre Rolle, am Ende ihres Auftritts auf der politischen Bühne hat ein neues Referendum zu stehen, das war von Anfang an klar. Jetzt stellt sich nur die Frage, ob es dieses mit vorherigem Chaos, oder ohne gibt. Bevorzugt wurde sicherlich eines mit kurzzeitigem Chaos, dann hätte man das abschreckende Beispiel für die Populisten und einen krachenden Sieg für die Befürworter des Verbleibs in der EU. Nun gibt es aber das Problem der steigenden Fragilität im globalen Wirtschaftssystem, bei gleichzeitigem Verlust des Pulvers um Probleme in die Zukunft zu verschieben. Die Hypotheken auf die Zukunft, die dummdreist 50 Jahre aufgenommen wurden, werden fällig.
    Zockt die Krake, oder bekommt sie kalte Füße? Also, Referendum mit kurzzeitigem harten Brexit, oder ohne?

    • Avatar

      leftutti

      16. Januar 2019 15:44 at 15:44

      @Hans im Glück, Referendum mit kurzzeitigem harten Brexit, oder ohne?
      Und nochmal Häähhhhhh? Was soll das denn für ein Szenario sein? Referendum mit kurzzeitigem harten Brexit? Erst vollchaotisch und ohne Kompromissbereitschaft austreten, dann neu abstimmen und wieder eintreten? Die EU mag ja vieles sein, aber doch kein Jo-Jo! :)
      Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union sieht dazu folgendes vor: Ein Staat, der aus der Union ausgetreten ist und erneut Mitglied werden möchte, muss dies nach dem Verfahren des Artikels 49 beantragen.
      Artikel 49 sieht unter anderem vor: Das Abkommen bedarf der Ratifikation durch alle Vertragsstaaten gemäß ihren verfassungsrechtlichen Vorschriften.

      Und Sie glauben jetzt im Ernst, dass nach einem harten Brexit mal so eben alle Mitgliedsstaaten (es darf nicht ein einziger dagegen sein) ganz locker und fluffig diese separatistischen Chaoten mit offenen Armen empfangen würde? Erinnert mich an die nette Geschichte mit dem verlorenen Sohn (oder war es ein Schaf?).
      Was hätte das weltweit für eine Wirkung in der Außendarstellung? Was würde das für das innere Gefüge der EU bedeuten? Da kann mal eben jeder rechtsnationalistische Separatistenschwachkopf das Volk aufhetzen, nach dem Referendum untertauchen und von der politischen Bühne verschwinden, weil er der nachfolgenden Verantwortung und den Konsequenzen nicht gewachsen ist. Nach der großen Siegesfeier versinkt man dann für zwei Jahre in Chaos und Unfähigkeit, tritt schnell aus, um dann reumütig in die offenen Arme der (doch nicht so bösen) EU zurückzukehren.

      Häähhhhhh?

  2. Avatar

    Michael

    16. Januar 2019 12:55 at 12:55

    Die Börsen und Märkte haben da einfach eine eigene Logik, die man nicht wirklich verstehen muss. Heute habe ich folgende scharfsinnige Aussage eines brillanten Analysten gelesen: Im Gegensatz zu dem, was alle erwartet haben, ist das Pfund gestiegen, was beweist, dass die Märkte bereits damit gerechnet hatten. AHA!!!
    Hatten nun die Märkte mit dem Abstimmungsergebnis gerechnet oder mit einem steigenden Pfund? Oder vielleicht mit einem fallenden Pfund (da dies ja schließlich „alle“ und somit logischerweise auch die Märkte erwartet haben)??
    Wenn alle ein fallendes Pfund erwartet haben, außer die Märkte, kann man dann noch von alle sprechen?
    Sind nicht im Gegenteil gerade die Märkte „alle“, wenn es um Währungen geht? Die durchschnittliche Hausfrau hat sicher kein fallendes Pfund erwartet.
    Wie gesagt, man muss das nicht verstehen und sollte sich von dieser seltsamen Währung fernhalten, wie ich es nach einigen schlechten Erfahrungen und historisch niedriger Trefferquote seit einigen Jahren mache. Oder man handelt Cable entgegen allen Überzeugungen und sonstigen Strategien genau gegenteilig, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob das nicht eigentlich widersinnig ist ;)

    • Avatar

      Bundesfinanzminister

      16. Januar 2019 13:31 at 13:31

      Ihr letzter Satz zum Thema Widersinn ist nicht von der Hand zu weisen. Jeder an der Börse kennt den Spruch „Buy the rumor, sell the fact (bzw. news)“. Auch ich habe heute von einem „brillanten Analysten“ eine interessante Formulierung zum Thema steigendes Pfund gelesen. Dieser gab tatsächlich zum Besten: „Erinnern Sie sich an den Spruch „verkaufen Sie das Gerücht und kaufen Sie die Nachricht“.
      Sine commentario!

    • Avatar

      leftutti

      16. Januar 2019 14:15 at 14:15

      Gerade weil fast alle auf ein fallendes GBP gesetzt haben, möchte ich an dieser Stelle nicht kategorisch ausschließen, dass sich mal wieder ein paar Fatfingers und Großzocker auf Kosten der großen Masse bereichert haben.
      Zumindest ist dieser Ansatz auch nicht schlechter als die paar wenigen skurrilen Erklärungsversuche, die man derzeit finden kann.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

Negativzinsen und Druckerpresse: Auswirkungen auf Menschen und Schrottunternehmen

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Negativzinsen helfen Schrottfirmen und schaden den Sparern

Die Druckerpressen von EZB, Federal Reserve und Co laufen auf Hochtouren. Und dank dem neuem US-Präsidenten Joe Biden (Vereidigung am 20. Januar) dürfte das Tempo an neu geschaffenem Geld und neuer Staatsverschuldung nochmal Fahrt aufnehmen. Auch die Eurozone steht dem mit der EZB in Nichts nach. Die Null- und Negativzinsen bleiben weiter dort wo sie sind, und das auf lange Zeit. Das haben die Notenbanker auf beiden Seiten des Atlantiks klar gemacht. Was passiert, wenn Negativzinsen und Druckerpresse auf Menschen und Schrottunternehmen treffen? Hier kurz und knapp zwei Beispiele.

Die Schrottunternehmen werden auch gerne als Zombieunternehmen bezeichnet. Dies sind Unternehmen, die zum Beispiel noch nicht mal genug Geld verdienen um ihre Zinslast auf Kredite bedienen zu können. Oder sie überleben nur noch dank Staatshilfen, aber nicht aus strukturell echten Einnahmen. Wer Schrott ist, muss am Kapitalmarkt für Schulden eine höhere Risikoprämie zahlen. Denn der potenzielle Käufer von Schrottanleihen will sich das höhere Risiko einer Nicht-Zurückzahlung der Anleihe natürlich honorieren lassen. Von daher notieren die Renditen von Junk Bonds (Anleihen begeben von Unternehmen mit zweifelhafter Bonität) immer deutlich höher als die von gut angesehenen Unternehmen.

Derzeit aber, wo die Notenbanken alles mit frisch gedrucktem Geld überschwemmen und wo die Negativzinsen alles runterdrücken, da profitieren auch die Zombieunternehmen von immer weiter fallenden Renditen für ihre Schulden. Wie der folgende zehn Jahre zurückreichende Chart zeigt, ist die durchschnittliche Rendite für Junk Bonds in den USA auf ein neues Rekordtief von 4,45 Prozent gesunken, mehr als zwei Prozentpunkte unter dem Zehnjahresdurchschnitt. Die Zombies freuen sich also über immer geringere Kosten für ihre Schulden.

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen

Der Spar-Michel zahlt die Zeche

Man erinnere sich noch zurück, als hier und da die aller erste Sparkasse oder Volksbank Negativzinsen für Kontoguthaben einführte. Was gab das für einen Aufschrei. Heute ist das Alltag. Und die Lawine rollt immer weiter. Die ganz frische Veröffentlichung des Portals Biallo zeigt, dass auch die Direktbanken immer stärker auf den Zug aufspringen. 240 Banken insgesamt kassieren mittlerweile Negativzinsen im Privatkundenbereich, bei Firmenkunden sind es 317 Geldhäuser. Beim sogenannten Verwahrentgelt gelten in der Regel bestimmte Freibeträge, die von 5.000 Euro bis zu Millionenbeträgen reichen. Elf Geldhäuser langen bereits ab dem ersten Euro zu. Die DKB folgt aktuell der ING und führt ab sofort einen Negativzins in Höhe von minus 0,5 Prozent ein – für Einlagen ab 100.000 Euro auf dem Tagesgeld- und Girokonto. Wie bei der ING sollen Bestandskunden erst mal nicht betroffen sein.

Damit dürfte die Negativzins-Welle, die derzeit auf Sparer zurollt, noch mal deutlich an Fahrt gewinnen. Denn laut jüngsten Recherchen von Biallo haben auch große Regionalbanken in Hamburg, München und Köln zuletzt einen Strafzins für private Einlagen eingeführt. Erst gar keine Negativzinsen, jetzt gibt es immer mehr, aber mit Freibeträgen. Da das Umfeld aus Null- und Negativzinsen noch jahrelang anhalten wird, und da die Banken margentechnisch unter immer größerem Druck stehen, darf man annehmen, dass diese Freibeträge in Zukunft stetig verringert werden, und dass auch immer öfter von Bestandskunden Negativzinsen kassiert werden, und nicht nur von Neukunden.

weiterlesen

Allgemein

US-Arbeitsmarktdaten im Detail: Extrem schwach! Der Amazon-Effekt in brutaler Klarheit

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

USA Flagge und Adler

Die US-Arbeitsmarktdaten wurden um 14:30 Uhr veröffentlicht mit einem Zuwachs von 245.000 Stellen für November, was deutlich schlechter war als erwartet (Prognose 470.000). Bezüglich der Gesamtzahl von 245.000 neuen Stellen gab es einen Abbau von 99.000 Stellen beim Staat. Somit gibt es im November 344.000 neu geschaffene Stellen im Privatsektor. Im Verarbeitenden Gewerbe gab es insgesamt einen Zuwachs von nur 55.000 Stellen. Im Untersektor Bergbau lag die Veränderung bei +1.000. Auf dem Bau waren es +27.000 Stellen, und in der Industrie +27.000. Die folgende Grafik zeigt die gesamten Daten für das Verarbeitende Gewerbe im November.

Zum Vergrößern bitte die Grafiken anklicken.

Grafik zeigt US-Arbeitsmarktdaten für November im Detail

Verbleibt bei den neu geschaffenen Stellen im November noch ein Plus von 289.000 Stellen im US-Dienstleistungssektor. Ein sehr schwacher Wert nach +783.000 im Oktober. Der Einzelhandel baute 34.700 Stellen ab. Das ist dramatisch, wo der Sektor doch als einer der Jobmaschinen gilt. Elektronikgeschäfte bauten netto 11.300 Stellen ab, Sport- und Buchgeschäfte 12.100 Stellen, und Kaufhäuser sowie große Supercenter (Walmart etc) verloren netto 20.800 Stellen. Gleichzeitig explodieren die Neueinstellungen bei Amazon und Co (also vor allem Amazon). Alleine im November wurden netto 81.900 neue Kurierfahrer eingestellt, und 36.800 Mitarbeiter in Warenlagern.

Grafik zeigt Details zu Job-Änderungen im US-Einzelhandel

Der Sektor „Professional and Business Services“ konnte 60.000 Stellen hinzugewinnen (sehr schwach), wobei hier alleine fast 70.000 neue Jobs bei Zeitarbeit und Hilfsarbeit entstanden. Andere Teilsegmente in dem Bereich bauten also eher Stellen ab. Der Bereich „Pflege und Bildung“ ist mit nur +54.000 Stellen auch sehr schwach dabei. Wobei der Bereich Bildung 5.700 Stellen abgebaut hat. Die Pflege schuf 59.600 neue Stellen. Der mit Abstand größte Einzelposten, wenn es um das schnelle Schaffen neuer Jobs in den USA geht, ist in der Regel der Bereich „Freizeit und Bewirtung“, also Restaurants, Freizeitparks etc.  Hier ist die Schaffung neuer Stellen im November extrem schwach ausgefallen mit gerade mal +31.000. Innerhalb dieses Segments wurden bei Restaurants und Bars sogar 17.400 Stellen abgebaut. Die zweite Corona-Welle lässt grüßen.

Grafik zeigt Details zu verschiedenen US-Jobdaten

weiterlesen

Allgemein

Coronavirus: Herdenimmunität, ein Geduldsweg, vor allem in Deutschland

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Die Impfung gegen das Coronavirus nimmt immer mehr Gestalt an, nicht nur in China, in Russland, in der Türkei, ab Montag in Großbritannien, aber bald auch in Deutschland. Endlich die Plage loswerden, immun werden, so die berechtigte Hoffnung Vieler. Eines aber spricht gegen eine rasche Herdenimmunität, auch in Deutschland – die Bereitschaft zur Impfung.

Coronavirus: Aktuelle und künftig Immunisierte

Betrachtet man sich die aktuellen Infektionszahlen, so erkennt man große Unterschiede bei den offiziell registrierten Infizierten mit dem Coronavirus. In den USA ist bereits jeder 23. Bewohner positiv auf Covid-19 getestet worden, in Frankreich jeder 29., in Spanien jeder 27., in Belgien und Tschechien jeder 20. – und in Deutschland? Jeder 76. Einwohner, bei einer Dunkelziffer von vielleicht Faktor drei bis vier, nach Einschätzungen von Virologen. Bleiben also noch über 78 Millionen, die es geschafft haben, sich vor dem Coronavirus zu schützen. Aber was ist mit den USA, wo selbst der Leiter der nationalen Seuchenschutzbehörde von einer Dunkelziffer mit unglaublichem Faktor 10 sprach? Wenn dies zuträfe, hätten schon unglaublich viele Amerikaner die Sache bereits überstanden. Worüber das deutsche Gesundheitswesen eigentlich sehr stolz sein kann, bringt aus jetziger Sicht einen zusätzlichen Nachteil bei der Herdenimmunität.

Die derzeitige Abneigung der Bundesbürger gegen die Impfung

Auch wenn es bereits einen gewaltigen Aufbau für die über 400 Impfzentren in Deutschland gibt, von denen kürzlich die Rede war und die ab 15. Dezember funktionsfähig sein sollen, wird das Thema Massenimpfung eine große Aufgabe werden. Es leben bereits über 83 Millionen Menschen in diesem Lande und bis die so oft zitierte 60 Prozent-Rate erreicht ist, könnte es doch eine Zeit dauern. Zumal mit der Entwicklung der Impfstoffe die Zahl der Impfwilligen sogar abgenommen hat. Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass derzeit nur 53 Prozent der Bundesbürger zu einer Impfung gegen das Coronavirus bereit sind.

Man bräuchte aber selbst bei einem 100-prozentigen Schutz 60 Prozent der Bevölkerung, die bei der Impfung mitmachen. Bei der bisher verkündeten Wirksamkeit von 95 Prozent sogar noch einige Prozent mehr.

Sicherlich gibt es viele Skeptiker, die sich berechtigt Sorgen um die Nebenwirkungen machen, die man derzeit bei der geringen Probandenzahl gewiss noch nicht ausschließen kann. Die Anzahl sollte aber abnehmen, wenn die Impfungen gut funktionieren. Ein paar Sonderfälle aber, in den Medien verbreitet, schon könnte die Bereitschaft abnehmen. Aber es gibt auch die radikalen Impfgegner, auch Gentechnikgegner, die bis zu einer Herdenimmunität immer noch eine Gefahr darstellen, als mögliche Spreader des Coronavirus.

Die Impfung ist ein gewaltiger Schritt – aber kein Wundermittel, welches in kurzer Zeit die Normalität versprechen kann. Man weiß heute noch nicht, wie lange ein Schutz wirksam sein wird und ob man als Geimpfter nicht doch noch als Virenspreader in Frage kommt. Es wird bei aller Freude über die Impfung noch einiges an Geduld brauchen, denn es werden bestimmt in kurzer Zeit Meldungen entstehen, die contra Impfung verwendet werden können. Zum Beispiel von Menschen, die plötzlich nach der Impfung schwer erkranken, weil sie vor der Impfung noch keine Symptome verspürt haben. Das allgemeine Gesundheitsrisiko bleibt, ebenso das „Fake News-Risiko“ in den sozialen Medien.

Die kommende natürliche Spaltung der Gesellschaft

Es ist sicherlich nicht an der Zeit, um sich allzu viel Gedanken über ein mögliches Zukunftsproblem im Zusammenhang mit der Bewältigung der Corona-Krise zu machen. Aber die Fragestellungen könnten schneller kommen, als man jetzt glaubt. Was passiert mit den Millionen, die es bald geben wird, die geimpft sind und immunisiert: sollen diese weiter Maske tragen und die vielen Sonderregeln beachten? Wird anfangs sicherlich aus Solidarität funktionieren, aber es werden ja täglich mehr. Gar nicht zu reden von den vielen Branchen, die von dem Zusammentreffen vieler Menschen profitieren, wie Tourismus, Kultur, Festveranstalter, diese werden sicherlich die Rückkehr zur Normalität fordern. Es werden sich Gruppen bilden, aber was passiert mit den Verweigerern einer Impfung?

Viele Fragen, nicht nur für den Ethikrat.

Fazit

Die letzten Monate haben gezeigt, wie lange es dauern würde, bis eine natürliche Herdenimmunisierung dem Coronavirus den Garaus machen könnte. Vor allem in Deutschland. Selbst bei 10.000 kontrollierten Fällen pro Tag (3,6 Mio/Jahr) wären es viele Jahre, bis man eine Herdenimmunität erreicht hätte. Ein Kollaps nicht nur für die Wirtschaft und viele Branchen, sondern auch eine unerträgliche Lage für die Menschen und dem Leben in ständiger Angst.

Es geht nicht um die Jugend – in Deutschland gibt es bereits über 21 Millionen Rentner und viele Risikogruppen unterhalb dieser Altersgruppe. Klar gibt es die berechtigten Bedenken über Nebenwirkungen, aber bei einer Impfquote von gut 50 Prozent würde man in Deutschland noch sehr lange mit SARS-CoV-2 leben müssen. Ohne wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus hätte aber gerade Deutschland ein längeres Problem. Es sollte sich eigentlich jeder über den medizinischen Fortschritt freuen, auf die Wirksamkeit der Impfung hoffen und sich auf eine baldige Rückkehr zu sozialen Gewohnheiten des Miteinanders innerlich einstellen. Es dürfte allerdings noch ein gerüttelt Maß an Geduld erfordern.

Über das Coronavirus und Herdenimmunität

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage