Asien

China stimuliert seine Wirtschaft sieben Mal stärker als USA

Von Claus-Peter Sesin

Während die Finanzwelt gebannt auf das Mega-Stimulanzprogramm in USA starrt, pumpte China in den letzten vier Jahren mit 15,4 Billionen Dollar rund sieben Mal mehr Geld in die heimische Wirtschaft.

Das Anleihenaufkaufprogramm QE der US-Notenbank beherrscht zurzeit die Märkte – zumal es sich, wie Fed-Chef Bernanke im Mai vorankündigte, demnächst seinem Ende zuneigen soll. Jeden Kommentar eines Fed-Vertreters, der eine Reduzierung dieser Aufkäufe (Tapering) in Aussicht stellt, quittieren die Börsen mit zumindest kurzfristigen Abverkäufen. Umgekehrt reagierten sie kürzlich auf die Nominierung von Janet Yellen als Bernanke-Nachfolgerin mit euphorischen Anstiegen, weil Yellen als Garantin für eine Fortsetzung der Politik des billigen Zentralbank-Geldes gilt.

Die Finanzmärkte haben in ihrer Fixierung auf das Geschehen in USA allerdings bislang übersehen, dass China in den letzten vier Jahren ein noch weit monströseres Stimulationsprogramm angeschoben hat. Chinas „Wirtschaftswunder“ verdankt sich einer geradezu gigantischen Ausweitung der chinesischen Bank-Bilanzen, die noch viel ausgeprägter ausgefallen ist als in USA: Die Total Bank Assets sind in China im Vergleich rund sieben Mal stärker angeschwollen. Allein in den zwölf Monaten bis Ende September 2013 stiegen sie um 3,6 Billionen Dollar – was knapp der gesamten Bilanzsumme der Fed entspricht.

Die US-Notenbank pumpte in den letzten vier Jahren rund 2,5 Billionen frisch gedruckte Dollar in das US-Bankensystem. Dies hob die Total Bank Assets der US-Banken um 2,1 Billionen Dollar (die Differenz versackte infolge von Deleveraging nach dem Lehman-Kollaps). Die People’s Bank of China (PBoC) hingegen spendierte den chinesischen Banken im selben Zeitraum die gigantische Summe von 15,4 Billionen Dollar (siehe Chart). Dies entspricht knapp dem aktuellen US-BIP oder dem zweieinhalbfachen des chinesischen BIP.

Diese enormen Geldmengen investierten die überwiegend staatseigenen chinesischen Banken oft in wenig produktive Anlagen. Da bei Staatsbanken die Gemeinschaft haftet, müssen sie sich bei der Verwendung der Gelder keine allzu großen Gedanken um Zahlungsausfälle machen. So entstand zwar das viel bestaunte, von der PBoC gepumpte chinesische „Wirtschaftswunder“ samt achtspurigen Straßen und „Skylines“ ähnlich denen in USA, die den Eindruck erwecken, China würde sich vom Schwellenland zur führenden Industrienation entwickeln. Doch bei Investitionen kommt es nicht nur auf die Höhe der aufgewandten Summen an. Viel wichtiger noch sind die damit erwirtschafteten Erträge – sprich: die Rentabilität.

Bei planwirtschaftlich getätigten Investitionen wie in China besteht eine erhöhte Gefahr von Kapital-Fehlallokationen. Die fünfzehn bislang weitgehend leer stehenden chinesischen Geisterstädte, die auf den Reißbrettern der Parteibüros entstanden, legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Gleichwohl löste die üppige Kreditvergabe der PBoC in den letzten Jahren einen gigantischen Bau- und Rohstoffimport-Boom aus, der entscheidend mit dazu beitrug, Chinas  BIP-Wachstum Jahr für Jahr auf die von der Regierung anvisierte „Sollmarke“ von rund 7,5 % zu heben. Hinzu kamen hohe Investitionen aus dem chinesischen Schattenbanken-System, das sich nach Aussagen des chinesischen Ökonomen Andy Xie aus meist illegal aus dem Ausland eingeführtem Kapital speist – und dessen Gelder meist in hoch spekulative Anlagen (darunter überteuerte Immobilien) fließen.

Wenn die Kredite, insbesondere aus dem heiß gelaufenen chinesischen Immobilienmarkt, faul werden – was angesichts der Tatsache, dass Eigentumswohnungen in Chinas Großstädten bereits teils das 40-fache des durchschnittlichen Jahreseinkommens kosten, nur noch eine Frage der Zeit ist – , könnten gemäß Andy Xie Fehlbeträge in der Größenordnung von drei Billionen Dollar anfallen. China droht dann mit Pech ein Niedergang wie Japan nach 1990 – mit einer hartnäckigen Deflation, der niemand mehr Herr werden und die die globale Ökonomie mit in den Abgrund ziehen könnte.

Die Zentralbanken in USA, China und Japan pumpen derzeit jährlich gemeinsam den Gegenwert von fünf Billionen Dollar in die Finanzmärkte, um die Weltwirtschaft vor einem Absacken in die Deflation zu bewahren. Wie wenig den Märkten die Aussicht auf eine auch nur geringe Reduzierung dieser Geldströme behagt, zeigt deren Reaktion auf Bernankes Tapering-Vorankündigung im Mai, obwohl es dabei nur um vergleichsweise geringfügige Kürzungen um monatlich 10 bis 20 Milliarden geht. Die jüngste Aktienrallye verdankt sich fast ausschließlich der Erwartung, dass Bernankes designierte Nachfolgerin Janet Yellen die QE-Kürzungen noch weiter aufschiebt – womöglich „endlos“.

Tatsächlich indes wäre Tapering zum Vermeiden einer weiteren Assetblase, die nach einem „Fahnenstangen-Anstieg“ ähnlich wie in 2008 in sich zusammen zu fallen droht, nach Meinung von Laurence Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, bereits jetzt dringend angezeigt: Die Rücknahme der Wertpapieraufkäufe der Fed kann für Fink „gar nicht schnell genug“ erfolgen: „Wir haben einen riesigen Anstieg am Aktienmarkt erlebt. Wir haben gesehen, dass sich die Spreads von Unternehmensanleihen dramatisch einengen.“ Nun sei es an der Zeit, dass die Fed Bernanke „mit einem Kuss verabschiede“ und ab Dezember mit dem Tapering beginne.

Die Chinesen plagen unterdessen andere Sorgen. Sie wissen sehr wohl, dass ihre Mega-Kreditsause die Hauptquelle der weltweiten Hyperliquidität ist, die wiederum global die Aktienmärkte beflügelt hat. Doch die daraus resultierenden Risiken bleiben einseitig am Reich der Mitte hängen. Nicht zuletzt wegen dieser Asymmetrie bemüht sich die PBoC in letzter Zeit, die Banken an weiterer Kreditvergabe zu hindern und die ausufernde Liquidität zurückzufahren.

Außerdem sind Chinas Bondrenditen in den letzten Tagen auf den höchsten Stand seit neun Jahren gestiegen. Viele Marktkommentatoren bewerten dies als Signal wirtschaftlicher Überhitzung. Es könnte aber auch Ausdruck wachsender Risikoaversion sein – wie 2012 die Bondschwäche in den Euro-Peripheriestaaten.

Wie auch immer – die Reduzierung der Liquidität in China dürfte sich wegen der riesigen Summen noch weit stärker auf die globalen Märkte auswirken als ein etwaiges Tapering der Fed. Höchste Zeit also, dass sich die „Marktbeobachter“ von ihrer aktuellen USA-Fixierung lösen und ihre Aufmerksamkeit stärker auf China richten.



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