Folgen Sie uns

Allgemein

Coronavirus: Peak Corona in Asien – bald bei uns auch?

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Nicht wenige Menschen werden täglich die Entwicklung der Infektionszahlen des Coronavirus beobachten, veröffentlicht von der John-Hopkins-Universität in Baltimore und dabei einige Entwicklungen bestaunen. Zum Beispiel die Wende in China und Südkorea, die extrem niedrigen Zahlen aus Hongkong und Taiwan, aber auch die immer schneller ansteigenden Zahlen aus Europa und bald in Übersee. Dabei stellen sich einige Fragen.

Cornavirus: Die Infektionszahlen aus Fernost

Der tägliche Blick nach China, speziell in die Region Hubei, dem Ausgangsgebiet des Virus, zeigt die Folgen einer konsequenten und teilweise brutalen Vermeidung sozialer Kontakte. Am 23. Januar wurde die Abregelung der Stadt Wuhan beschlossen. Bis dahin war die Zahl der Infizierung in der Region Hubei tageang gestiegen. Bis über 60.000 aktiver Fälle (so die sicherlich geschönte offizielle Version). Seit Ende Februar sind diese stark rückläufig mit einem aktuellen Stand chinaweit von „nur“ noch 8043 „Active Cases“.

Im Vergleich dazu Italien mit über 26.000 aktuellen Fällen und einer Anzahl Verstorbener, die mit über 2500 extrem hoch ist, im Vergleich zu den 3237 Toten im Riesenland China.

Absolut extrem erscheinen auch die Zahlen für die chinesischen Regionen Hongkong und Taiwan, mit 168 und 77 Infektionsfällen in Staaten, mit 7 beziehungsweise 23 Millionen Bürgern, die nicht nur im regen Austausch mit dem Festland standen, sondern auch noch die Region Hubei aufgesucht hatten. Dann auch die relativ niedrige Anzahl an Infizierten in Japan (882) mit seinen über 120 Millionen Bewohnern, wenn man die Fälle des Kreuzfahrtschiffes Diamond Princess einmal außen vor lässt, von den aber bereits ein Großteil bereits wieder gesundet ist.

Ein großes Interesse des Westens liegt auf der Entwicklung des Coronavirus in Südkorea, mit seinen noch 6789 Fällen. Es ist die Region mit dem vormals stärksten Ausbruch außerhalb Chinas mit dem Superspreader aus der christlichen Sekte in Daegu, einer Frau, die mindesten 1000 andere Personen angesteckt hatte. In Südkorea wurde auch anscheinend der Höhepunkt überschritten, die Anzahl der als gesund Entlassenen ist deutlich höher als die der Neuinfizierten.

Gibt es Gründe für die scheinbare Eindämmung der Virusinfektion in diesen Ländern?

Coronavirus: Die Erfahrungen von Sars und Mers

Verantwortlich für das Zurückdrängen der Virusinfektionen sind Maßnahmen, die jetzt auch im Westen durchgeführt werden.

Beispiel Taiwan: Es herrscht ein reger Austausch zwischen Taiwan und dem 180 Kilometer entfernten Festland. Fast eine Million Taiwaner leben auf dem Festland, 3 Millionen Chinesen verreisen auf die Insel. Taiwan reagierte bereits im Dezember, als Meldungen über die ersten Fälle einer neuartigen Infektionskrankheit auftauchten. Ein riesiges Krisenprogramm kam zur Anwendung, denn man hatte seine Leeren aus der Sars-Epidemie 2002/03 gezogen. Ein Vorteil ist auch, dass Vizepräsidentin Chen Chien-jen eine Epidemiologin ist, die sofort massenhafte Coronavirus-Tests durchführen ließ. Kontrollen in Flugzeugen, Analyse von Reisebewegungen, Abgleich von Datensätzen von Zoll und Einwanderungsbehörden, Überprüfung des Gesundheitszustandes online und sofortige Quarantänemaßnahmen nach Einreise aus dem Ausland sind nur ein Teil der umfangreichen Präventionsmaßnahmen. Anschließend Überwachung der Bewegung von Infizierten per Smartphone, in Summa alles Maßnahmen, die in Deutschland zumeist nur im Notstandsfällen zur Anwendung kommen können. Auch wurde rasch ein Verbot des Verkaufs von Atemmasken angeordnet.

Das Ergebnis ist die Verhinderung der Infektion von Hunderttausenden potentieller Virusempfänger.

Das Land Südkorea war lange Zeit eine Schreckensvision für andere Staaten. Denn eine Masseninfektion in der Stadt Daegu in einer Sekte durch einen so genannten Superspreader hatte allein in der Millionenstadt für 4000 Coronafälle gesorgt.

Die Folge waren Massentests zur Eindämmung von bis zu 20.000 pro Tag, bereits beginnend am 11. Januar. Während anfangs die Zahlen in die Höhe schossen, ist die Zahl der Neuinfektionen inzwischen auf etwa 100 pro Tag gesunken, während täglich mehrere Hundert Personen als geheilt aus den Krankenhäusern entlassen werden. Auch hier wurden Hotlines und Drive-through-Testzentren für Autofahrer eingerichtet.

Man veröffentlichte Bewegungsprofile von Infizierten und gab Hinweise über mögliche Krisenherde. Dazu natürlich die üblichen Fiebermessungen und das massenhafte Zurverfügungstellen von Desinfektionsmitteln an öffentlichen Orten. Was für unsere Gesundheitsbehörden sehr bedeutsam ist, ist die Tatsache, dass es In kaum einem anderen Land Statistiken mit einer so hohen Genauigkeit gibt.

Fazit

Sind diese Zahlen belastbar und ein Vorbild für den Westen? Wenn ja, wäre das ein Indiz dafür, dass die extremen Maßnahmen in Europa mit dem Ziel des „Social Distancing“ die richtigen sind. Bereits in den nächsten Tagen könnten wir Hinweise dafür bekommen, ob die genannten Annahmen valide sind, schließlich laufen die Quarantänemaßnahmen in der Region Mailand schon über zwei Wochen und müssten sich in den Zahlen bald bemerkbar machen. Was manchmal befremdlich erscheint, ist der Aktionismus der Politiker, auch in der Wortwahl zur Beschreibung der Krise und zur Rechtfertigung der Maßnahmen. Hat nicht der französische Regierungschef Macron von einem Krieg gesprochen, in dem sich sein Land befinde? Dahinter stecken vermutlich zwei Intentionen: Zum einen bringt man mit dieser Panik das eigene Volk dazu, die strengen Maßnahmen zu akzeptieren und zum anderen lenkt dies von eigenen politischen Versäumnissen ab, die man eventuell unter dem Deckmantel des Coronavirus kaschieren kann. Ein anderes Beispiel ist die 180-Grad-Wende von US-Präsident Trump in gleicher Sache.

Jedenfalls werden sich trotz der Ausbreitung der Virusinfektion, allein schon durch das Hochfahren der Testungen, vermutlich bald Hinweise auf die Effizienz der Maßnahmen aus den Regionen ergeben, die schon mehrere Wochen die beschriebenen Maßnahmen praktizieren. Das menschliche Immunsystem eliminiert in wenigen Wochen den Erreger, schließlich handelt es um Viren, von denen wir sonst auch umgeben sind. Es gibt die Virenpartikel mathematisch ausgedrückt in einer Zahl von 10 hoch 33 auf diesem Planeten (Professor Karin Moelling, Virologin Schweiz).
Das Coronavirus und die Erfahrungen in Asien

8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    Hinterfrager

    18. März 2020 12:15 at 12:15

    Nun, es liegt vor allem an der jeweils zugrundeliegenden Gesamtzahl der Infizierten, ob sie nun entdeckt / behandelt wurden oder unentdeckt blieben. Aufschlussreiches zu den Dunkelziffern:

    https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-auf-jeden-bestaetigten-fall-kommen-bis-zu-zehn-unentdeckte-a-dd82ea01-30f3-4be7-b1ba-39648713bafc

  2. Avatar

    Sven

    18. März 2020 12:29 at 12:29

    Als gutes Gegenbeispiel kann man Thailand anführen. Dort wurden nie die Grenzen für Chinesen oder Koreaner oder sonst irgend jemand geschlossen und Thailand war extrem frequentiert von chinesischen Touristen.
    In Thailand wurde und wird kaum getestet. Die Dunkelziffer von Infizierten dürfte wohl in die x-tausend gehen aber von einer erhöhten Sterblichkeit in Thailand habe ich nichts gehört. Wie geht so etwas bei den Panikmeldungen zusammen?

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      18. März 2020 12:41 at 12:41

      @Sven, ein guter Freund von mir (Deutscher) ist gestern mit seiner Freundin aus Thailand zurückgekehrt – dort tragen alle Schutzvorrichtungen und werden staatlich dazu aufgefordert, das zu tun. Bei einem Zwischenstopp des Flugzeugs (ich meine es war Abu Dhabi) wurden alle Passagiere auf Fieber gemessen – als er in Frankfurt dann landete, konnte man einfach „durchspazieren“ ohne jede Probleme. Er ging dann mit seiner Freundin bei Lidl einkaufen – mit Atemmasken – und meinte, die Leute hätten die beide sie angeschaut, als kamen sie von Mars..

      • Avatar

        Marvin Lester

        18. März 2020 13:17 at 13:17

        Ich lebe auf den Philippinen Provinz Cavite.Hier bei uns sind Maßnahmen wie Keine Schule kein Sport oder sonstige Veranstaltungen schon seit einiger Zeit die Regel.Seit letzter Woche kann man kein Gebäude betreten ohne Maske und das nicht bei jedem Fieber gemessen wird.Es fährt kein Bus,Jeepney.Trycicle mehr.Ausgangssperre 8 abends-5 morgens. Mc Donald,Pizza Hut und alle anderen alle zu.Street Food nur zum mitnehmen keine Tische keine Stühle mehr.In den großen Shopping Malls SM oder Robinson bis auf Lebensmittel und Apotheken und Ärzte alles zu bis erstmal zu.Das läuft bis 15. April.Das drastische Einschränkungen aber die überlebt was man bei einer Ansteckung nicht weiß.Gruß Marvin Lester

        • Avatar

          Wellmann Dirk

          22. März 2020 10:55 at 10:55

          Dank Marvin,
          trotzdem hoffen wir das beste, dass wir bald in Cavite wieder „frei“ sind.

  3. Avatar

    Sven

    18. März 2020 12:58 at 12:58

    @Fugi
    Die Wirkung von Schutzmasken (zumindest die, die man als Privatmann kaufen kann) ist recht umstritten. Klar ist man in Europa zu lässig mit dem Thema umgegangen aber jetzt überdreht man einfach nur noch.
    Das RKI hat heute von 10 Mio. Infizierten in Deutschland in 100 Tagen gesprochen. Bei 10 Mio Infizierten würde die staatliche Ordnung noch früher zusammenbrechen und nur noch das Faustrecht gelten.
    Die Menschen sind wie die Märkte. Wenn beide in Panik geraten ist der Schaden durch die Panik weit größer als die eigentliche Ursache

    • Avatar

      Lausi

      18. März 2020 20:10 at 20:10

      @Sven, was ist aus Ihrer Fahnenstange geworden? Sollte man jetzt nicht den Dip kaufen? Die Chancen auf bald steigende Kurse stehen doch nicht schlecht, oder?

      • Avatar

        Thomas Reinsch

        25. März 2020 12:45 at 12:45

        Wir befinden uns in einem Bärenmarkt – also schnell hoch aber auch wieder schnell runter – siehe 1929 – 1932
        Mal sehen, ich bleibe bei Gold und Silber, die allerdings auch schön volatil sind.

        Aktien nur zum Zocken ohne Langfrist Gedanken :-)

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

Aussicht für deutsche Exporte verfinstern sich spürbar

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Über den Hamburger Hafen laufen viele Exporte Richtung Übersee

Die Stimmung der deutschen Industrie für ihre Exporte in den nächsten Monaten verfinstert sich gerade spürbar. Denn laut aktueller Veröffentlichung des ifo-Instituts hat sich die Stimmung unter den deutschen Exporteuren merklich verschlechtert. Die ifo Exporterwartungen der Industrie sind im November von plus 7,0 auf minus 2,1 Punkte gefallen. Der Chart zeigt nach der Erholung aus dem „Corona-Tal“ den Absturz bei den Erwartungen an die Exporte. Erstmals seit Juni ist der Erwartungsindex wieder negativ.

Insbesondere die Heftigkeit der zweiten Corona-Welle in vielen europäischen Ländern belastet laut ifo-Institut die Exporte. Einen deutlichen Dämpfer beim künftigen Auslandsgeschäft musste die Automobilbranche verkraften. Der Optimismus der vergangenen Monate ist verflogen. Mit deutlichen Rückgängen beim Export rechnet die Nahrungsmittelindustrie. Der Maschinenbau geht eher von einer konstanten Entwicklung bei den Exportumsätzen aus. Gleiches gilt für die Metallbranche. Weitere Zuwächse erwarten hingegen die Chemische Industrie und die Elektrobranche.

Der Chart vom ifo-Institut zeigt Erwartungen für die deutschen Exporte

weiterlesen

Allgemein

EZB warnt wieder vor Risiken, die sie selbst geschaffen hat!

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

In ihrem heute veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht warnt die EZB wieder einmal vor Risiken und dem Platzen einer Blase, die sie letztlich selbst geschaffen hat!

Die EZB zur permanenten Intervention verdammt

So beklagt Europas Notenbank etwa die „Konzentration von Risiken“ in einigen Bereichen – und man sollte doch die Frage stellen, warum es diese Konzentration von Risiken wohl gibt! Die Antwort ist fast schon unterkomplex: wegen der finanziellen Repression, die durch die EZB ausgeübt wird. Wie ließe sich etwa sonst erklären, dass griechische Staatsanleihen mit Laufzeit bis vier Jahren negative Renditen aufweisen  – Anleger also bereits sind, einem de facto bankrotten Staat für den Kauf von Schuldpapieren sogar noch Geld zu bezahlen?

Dazu kommt: die Notenbank beklagt die schwache Profitabilität der Banken der Eurozone,  die ja eben aufgrund der Zinspolitik der EZB mit Negativzinsen schlicht kaum profitabel arbeiten können.

Mit anderen Worten: die EZB betreibt eine massive Manipulation nicht nur der Märkte für Staatsanleihen, sondern zerstört im Grunde die Existenzgrundlage europäischer Banken, die nicht zufällig deutlich schlechter dastehen als die amerikanische Konkurrenz. So entsteht eine Situation, die immer neue Eingriffe verlangt, um die weitgehend selbst verursachten Schieflagen zu korrigieren. Wer die Büchse der Pandora öffent, sollte sich eben nicht wundern, dass ungeahnte Konsequenzen entstehen. Die EZB hat den Limes überschritten – und ist damit zur permanenten Manipulation verdammt, weil die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft, aber die Illusion des ewigen Wohlstands aufrecht erhalten weredn muß! Die Notenbank ist gewissermaßen die Kraft, die stets das Gute will – und das Böse schafft.

Nun hat die Coronakrise letztlich auch die Staaten gezwungen, immer stärker in die Wirtschaft einzugreifen und zu retten. Ein Risiko sieht die europäische Notenbank nun darin, dass diese eigentlich als einmalige Maßnahme gedachten Eingriffe zu früh enden könnten. Die Coronakrise scheint sich als „door opener“ für den staatlich gelenkten Kapitalismus zu erweisen, der Weg zu MMT ist wohl endgültig geebnet!

Für Schmerzbefreite hier die Kurzfassung des Berichts der EZB zur Finanzstabilität im Wortlaut:

 

  • Dispersed economic and financial market impact on countries and sectors could lead to concentration of risks in some areas
  • Policy measures have addressed liquidity challenges but risks can arise from premature or delayed withdrawal of fiscal support
  • Bank profitability prospects remain weak with losses potentially materialising with a lag relative to the recover

Vulnerabilities in the corporate sector are increasing as the pandemic evolves and their unearthing could test the resilience of euro area banks in the future, the European Central Bank (ECB) says in its latest Financial Stability Review (FSR). Current extensive policy support is helping euro area corporates and households to cope with the fallout of the pandemic, but risks can arise either from a premature end to measures or from prolonged support. Premature withdrawal of fiscal support – including government loan guarantees and statutory loan moratoria – could set back the economic recovery, transforming the corporate liquidity challenges observed at the outset of the pandemic turn into solvency issues. The sharp rise in corporate and sovereign indebtedness increases the risks to financial stability from an emerging sovereign-corporate bank nexus in the medium-term, as banks and sovereigns alike are exposed to pandemic-induced risk faced by euro area firms.

“Bank profitability is expected to remain weak. Provisions have increased but look optimistic in some cases, while guarantees and moratoria may have lengthened the time it takes for weak economic performance to translate into loan losses,” said Luis de Guindos, Vice-President of the ECB. “Government support schemes are essential currently but should remain targeted towards pandemic-related economic support and avoid giving rise to debt sustainability concerns in the medium term,” he added.

For euro area banks, which entered the pandemic with stronger balance sheets than at the time of the global financial crisis, a premature end of government guarantees and moratoria could lead to an additional wave of losses. They are also expected to face continued pressures on profitability, including from a weaker outlook for lending and continued structural challenges. Banks’ capital buffers remain comfortable and should remain available to absorb losses and support lending for an extended period. Authorities need to monitor the effectiveness of policies to support buffer use and avert deleveraging. Looking beyond the pandemic, it is important for banks, together with the rest of the financial system, to manage the financial stability risks posed by climate change and support the transition to a greener economy.

A return to risk-taking by non-banks, including investment funds, also increases their vulnerability to outflows and losses should corporate credit risks rise materially. These risks are accentuated by continued gaps in the macroprudential framework for non-bank financial institutions.

Die EZB ist die Kraft, die stets das Gute will - und das Böse schafft

weiterlesen

Allgemein

EZB soll Make-Up-Strategie umsetzen

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

am

Die Zentrale der EZB in Frankfurt

Es ist schon ein makaberes Wortspiel in Zeiten zwangsgeschlossener Kosmetikstudios sowie arbeitsloser Maskenbildner und Visagisten, dessen sich der finnische Zentralbank-Gouverneur und Ratsmitglied der EZB, Olli Rehn, bedient. Auf einer Konferenz in Helsinki forderte Rehn am Dienstag neben einem symmetrischen Inflationsziel die Umsetzung einer Make-Up-Strategie. Was konkret ist damit gemeint und was kommt als Nächstes?

EZB braucht Make-Up

Ohne die Europäische Zentralbank hätte sich das Thema Eurozone längst erledigt. Das will aber die Masse nicht hören und die Zentralbanker nicht sagen. Also werden seit dem Beginn der Weltfinanzkrise und der Eurokrise alle unkonventionellen Maßnahmen mit dem nicht Erreichen des Inflationsziel der Europäischen Zentralbank begründet, da dieses den Kern des EZB-Mandats darstellt.

Da aber mittlerweile jedem Geld- und einigen Fiskalpolitikern dämmert, dass bei einer Gesamtverschuldung der Industrieländer laut Institute for International Finance von knapp 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dieses Mandat nicht mehr ausreicht, wird es nun angepasst. Dazu gehört auch, dass man das Inflationsziel von zwei Prozent p. a. (Konsumententeuerung) irgendwie umgehen muss. Denn selbst wenn die jetzige Ausnahmerezession vorüber ist, bleiben die hohen und weiter steigenden Schulden. Die EZB kauft einen Großteil davon auf und hält die Zinsen nominal bei null und real im negativen Bereich, um den Schuldendienst erträglich zu machen.

Am Beispiel der USA, wo die US-Notenbank Fed mit dem Versuch in den Boom nach Trumps Steuerreform hinein die Zinsen zu normalisieren, scheiterte, will man bei der EZB nun vorsorgen. Sollte es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen und die Inflation (Konsumententeuerung) über zwei Prozent hinausschießen, will und kann man wegen der extrem hohen privaten und öffentlichen Verbindlichkeiten die Zinsen dennoch unten halten. Ein eventuelles Überschießen des Inflationsziels soll daher via Make-Up überdeckt werden.

Dazu fordert unter anderem und erneut Olli Rehn die Einführung eines flexiblen Inflationsziels. Die Präsidentin der EZB, Madame Lagarde, spricht sich neben anderen Rats-Mitgliedern ebenfalls dafür aus. Um ein Überschießen der Inflation zu überdecken, soll statt des bisherigen asymmetrischen Inflationsziel ein symmetrisches Inflationsziels eingeführt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass die Notenbanker statt eines festen Wertes einfach einen Durchschnittswert eines bestimmten Zeitraums der Vergangenheit ausrechnen. Solange dieser Wert sich nicht allzu lange und allzu massiv über zwei Prozent befindet, muss die EZB nicht inflationsbekämpfend eingreifen. Angepeilt wird ein Zeitraum der letzten fünf Jahre zur Durchschnittsbildung der Inflationsrate.

Im Falle der Eurozone bedeutet dies eine durchschnittliche Inflationsrate seit Oktober 2015 in Höhe von knapp einem Prozent p. a. Durch Überdeckung einer zukünftigen höheren Inflation mit statistischem Make-Up könnte die Teuerungsrate für eine lange Zeit über zwei Prozent liegen, ohne dass das symmetrische Inflationsziel der EZB übertroffen wird. Die für die Errechnung des symmetrischen Inflationsziels relevanten Parameter (betrachteter Zeitraum etc.) sollen flexibel gehalten werden. Somit ist gewährleistet, dass selbst bei steigender Konsumententeuerung die EZB ihre ultralaxe Geldpolitik gemäß ihrem Kernmandat der statistischen Preisstabilität (ohne Vermögenspreise) beibehalten kann.

Welche Ziele hat die Zentralbank laut EU-Vertrag?

Doch auch der u. a. von Rehn sowie Lagarde und seit dem virtuellen Notenbanker Treffen in Jackson Hole sogar vom Präsidenten der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, geforderte „Monetary Shift“ könnte nicht ausreichen, um die explodierende Gesamtverschuldung durch das symmetrische Inflationsziel zu managen. Daher gräbt man nun bei der EZB im EU-Vertrag nach weiteren Möglichkeiten des geldpolitischen Make-Ups. Und siehe da, man wurde fündig: Ebenso wie bei der US-Fed gestattet der EU-Vertrag auch zwei Nebenmandate, wie Olli Rehn in Helsinki am Dienstag klarstellte: „Wenn wir unser gesetzliches Mandat respektieren, müssen wir danach streben, Vollbeschäftigung, ausgewogenes Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen“. Das symmetrische Inflationsziel wurde zwar im Nebensatz noch mit erwähnt, aber es wird immer deutlicher, dass die EZB nach einer Legitimation ihrer dauerhaften Krisenpolitik sucht.

Wie weit kann die EZB ihr Mandat auslegen?

Schon seit Längerem hat die EZB das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt und möchte verstärkt Unternehmen Kredite durch den Ankauf von Firmenanleihen zu sehr vorteilhaften Konditionen (für die Schuldner) vornehmen. Mit Nachhaltigkeit ist dabei gleichwohl nicht die geldpolitische Nachhaltigkeit oder gar die Schuldentragfähigkeit gemeint, sondern der Klimawandel. Die EZB trägt daher bei einigen Ökonomen schon scherzhaft den Beinamen „Grüne EZB“. Anders als Lagardes Vorgänger Draghi, für den der Klimawandel kaum ein Thema war, ist dies ein Lieblingsthema der jetzigen EZB-Chefin Lagarde. Mit dem neuen deutschen EZB-Ratsmitglied Elisabeth Schnabel hat sie eine Gleichgesinnte gefunden, die ebenfalls durch Billigkredite aus der digitalen Notenpresse den Wandel der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität unterstützen möchte.

Das gibt der EZB weiteren Spielraum, denn bislang befinden sich Unternehmensanleihen in Höhe von einer viertel Billion Euro im Portfolio der EZB, von denen laut Greenpeace gemäß einer aktuellen Studie vom 3. November 63 Prozent von klimaschädlichen Unternehmen stammen. Um diese Zahl prozentual kosmetisch zu relativieren, könnte man das Portfolio einfach umschichten und mehr „Grüne-Anleihen“ kaufen. Doch das wäre der Todesstoß für unzählige Unternehmen und Arbeitsplätze, was wiederum die anderen Mandate der EZB untergraben würde.

Also geht man den anderen Weg und kauft noch mehr Unternehmensanleihen (vornehmlich Grüne), um die Anzahl der Klimaschädlinge im eigenen Anleiheportfolio zu relativieren. Auch die Mandate Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum geben der EZB praktisch einen Freibrief für die Beibehaltung ihrer ultralaxen Geldpolitik.

Fazit und Ausblick

Die Umstellung von einem asymmetrischen auf ein symmetrisches Inflationsziel ist eine weitere „unkonventionelle“ geldpolitische Maßnahme, um die Notfallgeldpolitik zu prolongieren. Richtig spannend wird es am 10. Dezember, wenn die nächste EZB-Ratssitzung mit anschließender Pressekonferenz stattfindet, auf der neue Maßnahmen bekannt gegeben werden sollen – auch kosmetische. Noch spannender wird es dann im Januar 2021, wenn das Thema „Worldwide-Reset“ von den wichtigsten Notenbankern und anderen supranationalen Institutionen erneut besprochen wird. Höflich ausgedrückt ist ein Reset ein Neustart. In der Praxis geht es aber um einen globalen Schuldenschnitt inkl. Währungsreform, also einen Neustart mit Enteignung breiter Bevölkerungsschichten und Sparer.

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage