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Die Folgen der Nullzinspolitik der EZB in Europa

EZB-Zentrale in Frankfurt - hier wird die Nullzinspolitik gesteuert

Es wird derzeit viel geschrieben und geschimpft über die Nullzinspolitik der EZB, insbesondere seit 2016. Staatsfinanzierung der südlichen EU-Staaten, lautet der allgemeine Tenor. Ganz so simpel ist die Rechnung aber nicht zu machen, wie eine aktuelle Studie der Allianz ergeben hat.

Das Ergebnis der Nullzinspolitik in Zahlen

Bei der Erhebung über die finanziellen Folgen der jahrelangen Nullzinspolitik unterschieden die Ökonomen des Instituts nach den Kategorien – Folgen für Staatseinnahmen, für Haushalte, für Unternehmen allgemein und für Unternehmen aus der Finanzbranche. Dabei kam man auf ein Gesamtergebnis, nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder der Eurozone. Zinseinnahmen wurden mit Zinsausgaben verrechnet und dies für den Zeitraum von 2008 bis 2018.

Für Deutschland bedeutete dies im Ergebnis, dass der große Nutznießer dieser Nullzinspolitik der Staat gewesen ist (wie geplant – finanzielle Repression) durch die Einsparung der Zinskosten in Höhe von 184 Milliarden Euro oder 6,0 Prozent vom BIP (hier ein Beispiel von lezter Woche), gefolgt von den nicht finanziellen Unternehmen, die fast immer Nettoschuldner sind und von den Niedrigzinsen mit 166 Milliarden Euro profitierten. Verlierer waren die Haushalte bei Verrechnung von Zinseinsparungen und -verlusten, umgerechnet in Höhe von 123 Milliarden Euro und den finanziellen Unternehmen (insbesondere den Banken) mit 114 Milliarden Euro. Insgesamt profitierte Deutschland nach dieser Studie auch mit 114 Milliarden Euro.

Der große Gewinner war also der deutsche Fiskus, gefolgt von Italien (99 Mrd.), Verlierer waren die Haushalte und dabei war Italien mit 241 Milliarden Euro sogar noch stärker betroffen als Deutschland. Spaniens Staatsfinanzen (- 138 Mrd. €) haben sich insgesamt verschlechtert, durch die Zunahme der Verschuldung des Staates, ebenso wie Portugal, erstaunlicherweise aber auch Finnland. Interessant auch die Auswertung für die Bankenbranche. Während es Deutschlands Institute ganz besonders stark trifft, konnten die Banken in Belgien und Holland sogar Überschüsse erzielen, weil es ihnen gelungen ist, das Kreditgeschäft auszuweiten. In der Gesamtbetrachtung der vier genannten Sektoren sieht die Studie als Gewinner Spanien, die Niederlande vor Portugal, Italien und Deutschland.

Deutschland wegen der großen Ersparnisse für den Staat und für verschuldete Unternehmen. Verlierer sind in unserem Lande natürlich die privaten Haushalte und die erwähnten Banken. Erstaunlich bei dieser Betrachtungsweise die Reihenfolge der Verlierer: Österreich vor Finnland, Belgien und Frankreich. Alles in allem sehr nüchterne Zahlen, die von den betroffenen Bürgern ganz anders wahrgenommen werden und da wiederum wäre auch wieder zu differenzieren zwischen Geldsparern und Immobilienkreditnehmern.

Das deutsche Geldvermögen

In puncto Entwicklung des deutschen Geldvermögens kam die Studie zu einem für viele überraschenden Ergebnis: Trotz Nullzinspolitik ist das deutsche Geldvermögen von 2011 bis 2019 um 40 Prozent gewachsen, auf zuletzt 6,236 Billionen Euro (Q2 – 2019). Nicht wegen der großen Zinseinnahmen, sondern deshalb, weil der sparsame Deutsche während des Booms am Arbeitsmarkt einfach mehr Geld zurückgelegt hat – ganz unamerikanisch. Der Aktienboom mit gerade mal 15 Prozent an Aktienbesitzern in Deutschland spielte da nicht die große Rolle, deshalb wird es im nächsten Crash diesbezüglich auch weniger deutsche Betroffene geben.

Fazit

Was lässt sich aus dieser Untersuchung der Allianz schlussfolgern? Ein Staat ist erst pleite, wenn er von seinen Bürgern nichts mehr holen kann und das ist bei einem Vermögen von über 6 Billionen Euro beileibe nicht der Fall. Was für die Inhaber von Geldvermögen auf Girokonten und Sparguthaben und dem mittelständischen Steuerzahler erst mal keine gute Nachricht ist. Auch bin mir nicht mehr so sicher, ob das Szenario des Zusammenbruchs der Eurozone in der Projektion von Dr. Markus Krall, Marc Friedrich und Co in so naher Zukunft schon Realität wird.

In díesem Zusammenhang muss ich noch ein paar Sätze zu den Crashbüchern schreiben, die derzeit groß in Mode sind und zum Kommentar des „Bullennörglers“ vom Dienstag zu diesem Thema. Ich denke, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschaft etwas die Relationen verloren haben. Ich bin in München groß geworden und habe erst vor Kurzem Bilder gesehen, wie es in dieser Stadt nach Ende des Zweiten Weltkriegs ausgesehen hat – Aufnahmen wie aus Aleppo, eine Metropole in Schutt und Asche. Alte Mitglieder (Handwerker) aus meinem Sportverein berichteten mir von den mühsamen Arbeiten überhaupt erst einmal das Dach über dem Kopf zu sanieren, damit es nicht in die Gebäude regnet.

In meinem Haus lebte eine Frau, deren Mann zu dieser Zeit Professor war, die davon erzählte, dass sie lange Zeit das Essen in Blechdosen kochen musste, weil man keine Töpfe hatte. Man trug Kleidung jahrelang auf, für einen Mantel müsste man monatelang sparen, heute gibt es beim Textildiscounter dieses Kleidungsstück schon für ein paar Stunden Arbeit. Was ich damit sagen will – die Buchtitel vom „größten Crash aller Zeiten“ sind schon ein starkes Stück verkaufspolitischer Panikmache, selbst bei einer Halbierung unserer Lebensweise wären wir nicht einmal in der Nähe der Lebensverhältnis unserer Großeltern zu diesen Zeiten. Und da gab es im letzten Jahrhundert auch noch zwei Mal einen kompletten Crash des Geldsystems.



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13 Kommentare

  1. @Wolfgang, guter und sehr interessanter Artikel! Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass es für die große Menge nicht sehr hilfreich ist, wenn der Staat und einige wenige Aktiengesellschaften und Konzerne zwar massiver Nutznieser sind, mit den Mehreinnahmen bzw. reduzierten Ausgaben aber viel Unfug machen und Verschwendung betreiben.

    Ein Staat ist erst pleite, wenn er von seinen Bürgern nichts mehr holen kann, passend dazu habe ich erst kürzlich folgendes gelesen: Die Steuerbelastung von Rentnern ist innerhalb von zehn Jahren teilweise um rund das Fünffache gewachsen. Das geht aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. So werden bei Neurentnern auf eine monatliche Bruttorente von 1500 Euro im 2. Halbjahr 2019 430 Euro Einkommensteuer fällig. 2010 waren es nur 79 Euro pro Jahr.

    Man sollte einfach nicht die schiere, absolute Anzahl von vielen zig Millionen an Bürgern außer Acht lassen, die zu den Verlierern dieser Zinspolitik zählen. Dabei spreche ich explizit nicht nur von den aktuellen Rentnern, sondern auch von jüngeren Generationen, die ja auch irgendwann in Rente gehen werden. Dennoch schön für eine Handvoll Politiker, Aktienkonzernen und deren notleidende Vorstände und Top-Manager ;)

    1. Ich korrigiere: eine Handvoll Politiker, Aktienkonzerne und deren notleidende Vorstände und Top-Manager muss korrekt lauten die Leistungsträger unserer Gesellschaft. ;)

    2. @Michael, da ist was dran. Der Hauptprofiteur hat es dennoch nicht geschafft, seinen bestehenden Schuldenberg signifikant abzubauen, Schulen, Verkehrsinfrastruktur, Breitband zu sanieren bzw. auszubauen, die unteren und mittleren Einkommensschichten steuerlich zu entlasten und das Problem der Altersarmut zu bekämpfen. Eher ist genau das Gegenteil der Fall.

      Im Segment des zweitgrößten Nutznießers fallen Phänomene wie Zombifizierung, Aktienrückkäufe, Rekordboni, fast eine Milliarde zumeist unbezahlter Überstunden im ersten Halbjahr 2019 und massiver Stellenabbau bei den ersten kleinen Anzeichen einer möglichen Rezession ins Auge.

      Der gesamtgesellschaftliche Nutzen dieser Zinspolitik, an dem ein überwiegender Anteil der volkswirtschaftlichen Teilnehmer partizipieren sollte, darf, nicht zuletzt aufgrund der langjährigen, generationenübergreifenden Zukunftsauswirkungen, doch mehr als bezweifelt werden.

      Es scheint, als hätten genau die falschen Spieler das beste Blatt erhalten.

  2. Auch heute muss man für einen Mantel monatelang sparen. Natürlich können Sie sich mit einer Plastiktüte(PolyXY) für wenig Geld bekleiden. Wenn Sie jedoch so einen Mantel aus Wolle wie Ihre Grosseltern haben wollen dann ist sparen angesagt.

  3. Im Sommer 1939 ging es den Leuten gut, man genoß sichtlich den Wohlstand. Abgesehen, daß einheimische Crashpropheten damals unliebsame Begegnungen mit Männern in Ledermänteln und Hut gemacht hätten, gab es sie auch damals. Sie schrieben keine Bücher, aber sie warnten und es waren nicht die Dümmsten.
    Wie damals gehören sie auch heute zur eher intelligenten Minderheit der Spezies Mensch. Den Kralls, Ottes, Stelters oder Dalios bei jeder Gelegenheit verkaufspolitische Panikmache zu unterstellen, ist in meinen Augen unfair und unklug. Gegen einen Krall intellektuell, wissensmäßig und rhetorisch zu bestehen, ist nicht leicht, ihn aber als verkaufsgeilen Crashpropheten abzutun, zeugt von Schwäche, Neid oder Ähnlichem.

    1. @Columbo. Hallo. Habe ich nicht schon oft von der Kompetenz der von Ihnen genannten Herren geschrieben? Diese verkörpern doch geradezu das austarierte Fachwissen auf ihrem Gebiet und beweisen in ihren Arbeiten, das sie mit vielem richtig liegen. Das sind keine typischen Vertreter der Crashindustrie, sondern Warnhinweisgeber für Fehlentwicklungen. Bei dem von mir sehr geachteten Dr. Krall habe ich beim Studium seiner Vorträge erkennen müssen, dass er seit seinem Einstieg im September 2019 als Vorstandsmitglied und Sprecher der Geschäftsführung der Degussa Goldhandel GmbH etwas aggressiver mit seinen Vorhersagen des großen Knalls geworden ist. Aber wer hat diesen Mann als verkaufsgeilen Crashpropheten abgetan? Das wäre eine Frechheit. Ich habe einmal Professor Otte etwas kritisiert, als er Anfang 2017 als Deutschamerikaner in einer Talkshow Präsident Trump mit seiner Politik verteidigt hat, was er mittlerweile geändert hat.
      Viele Grüße

    2. „Dear fellow German economists, if you are wondering what you can do for Europe: Please help to dispel the harmful & wrong narratives about the @ecb’s monetary policy, floating around in political and media circles. These threaten the euro more than many other things.„

      Isabel Schnabel
      Deutsches EZB-Direktoriumsmitglied

      1. @Lossless, es freut mich, dass Sie endlich wieder unter uns weilen. Willkommen zurück! Dasselbe gilt auch für @PK, der erst vorgestern aus der Versenkung wieder aufgetaucht ist. Ich hoffe, Sie bereichern diese Community nun wieder mit gewohnt konstruktiven und fundierten Inhalten. Ein gutes Zitat ist allemal ein guter Neubeginn.

        Helfen Sie uns, Skepsis, Sorgen und falsche, gefährliche Narrative zu zerstreuen, wie sie auf den Konten und in den Rentenbescheiden diverser Kreise derzeit kursieren.

        1. Nun, was könnte ich sagen, was nicht alle aufmerksamen Beobachter der Märkte nicht schon längst wissen. Es muss klar sein, die Geldpolitik der EZB ist völlig zu hinterfragen und auch dementsprechend zu kritisieren. Die EZB streut Monat für Monat Gift in die Märkte und fragt sich dann, warum die Märkte so überreagieren… ja regelrecht Vergiftungserscheinungen aufweisen.

          Logischer Weise, beschäftigt die EZB mittlerweile eine ganze Armee von Analysten, die Tag für Tag die Märkte beobachten und wenn es nötig ist „Whatever it takes“ auch einzugreifen. Glaubt hier irgendwer ernsthaft, an die Bücher die ihnen voraussagen was im Jahr 2020 geschehen soll? Mittlerweile hat man die Jahreszahl auf 2023 korrigiert. Im Jahr 2023 kommen dann neue Bücher, die dann schamlos den geneigten Leser in die Tasche greifen um am Ende die 2025 zu bevorzugen – wann es denn nun endlich passieren soll. Ich finde es stellenweise sehr amüsant. Nicht das wir uns falsch verstehen, ich halte Herrn Krall für einen exzellenten Analytiker und er ist einer der wenigen, der auch ansatzweise versteht was da draußen vor sich geht. Aber auch er unterschätzt die Entschlossenheit der EZB. Ray Dalio ist hier ebenfalls positiv zu erwähnen. Brillanter Kopf.

          Es ist anzunehmen, die EZB wird bis zum bitteren Ende versuchen, die Begrifflichkeit „Währungshüter“ zu dehnen, zu strecken und umzuformulieren. Danach kommt dann ein Schuldenschnitt oder eine Währungsreform.

          Natürlich werden wir Rücksetzer sehen und natürlich auch sehr tiefe Rücksetzer. Aber ist das langfristig betrachtet nicht egal? Hätten sie kurz vor der Lehman-Pleite ein Portfolio angelegt und gekauft, würden sie heute immer noch zu den Gewinnern gehören.

          Aber vielleicht werden Rücksetzer auch durch völlig andere Umstände ausgelöst, woran wir noch gar nicht denken wollen im Moment? Krieg, Umweltbelastungen, Klimaveränderungen, vielleicht sogar durch eine völlig neue politische Ausrichtung? Eine weltweite Rezession sollte hier auch in Betracht gezogen werden. Aber wie man den Medien entnehmen kann ist Deutschland, gerade so, einer Rezession entkommen. Hier muss man selbstverständlich auch die Frage stellen: Ist das wirklich so? War es nur eine technische Rezession oder sprechen die Zahlen eine andere Sprache?

          Schon der Römer Tacitus hat vor über 2000 Jahren gesagt: „Die Germanen sind sehr mutige Leute, haben aber eine ungewöhnliche Zukunftsangst.“

          1. Guten Morgen @Lossless, ich hoffe, Sie sind kein Buchautor geworden.
            Traden Sie immer noch?

  4. @ Columbo, gut gesprochen.Ohne die Zauberkünstler der Notenbanken hätten eben diese sogenannten Crash-Propheten schon lange Recht bekommen.Ich habe schon früher geschrieben dass die Vorsichtigen
    ( viele nennen sie Crash Propheten) für die Gesellschaft nützlich sind u.die Unerfahrenen vor Verlusten schützen. Nach der längsten, grössten u.künstlichen Hausse u.den Notenbanken-Puts sind jetzt die Kritiker der Warner drauf u.dran ewig steigende Börsen zu predigen. Einige werden sich eine goldene Nase verdienen u.die letzten beissen auch diesmal wieder die Hunde.Einige Dicke müssen auch diesmal wieder von den kleinen Dünnen mit Steuergeldern gerettet werden.

  5. Man kann es förmlich riechen
    Man kann es förmlich schmecken
    Bald wird man es auch sehen können….doch die Marktteilnehmer werden immer noch an die Allmacht der Zentralbanken glauben……

    The Repo Crisis has NOTHING to do with the Fed hiding some problem in the USA and the Fed is not monetizing the debt using Repo. We have a major crisis unfolding and neither the central banks nor the primary dealer banks will talk about what is taking place behind the curtain. This is a very MAJOR CRISIS, and it will get far worse. I am rushing to get this report out ASAP because this can be the MOTHER OF ALL FINANCIAL CRISIS that is over the heads of domestic analysis and mainstream press will NEVER report it unless it would impeach Trump.
    https://www.armstrongeconomics.com/world-news/banking-crisis/mother-of-all-financial-crises/

  6. Lieber @Revisor, entschuldigen Sie meine viel zu späte Antwort. Wo denken Sie hin – ein Buch? Einige Dinge sollte man doch lieber für sich behalten! Aber ein Kommentar ist manchmal angebracht.

    Wünsche Ihnen viel Erfolg und beste Grüße,
    Lossless

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