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Die Folgen der Nullzinspolitik der EZB in Europa

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

EZB-Zentrale in Frankfurt - hier wird die Nullzinspolitik gesteuert

Es wird derzeit viel geschrieben und geschimpft über die Nullzinspolitik der EZB, insbesondere seit 2016. Staatsfinanzierung der südlichen EU-Staaten, lautet der allgemeine Tenor. Ganz so simpel ist die Rechnung aber nicht zu machen, wie eine aktuelle Studie der Allianz ergeben hat.

Das Ergebnis der Nullzinspolitik in Zahlen

Bei der Erhebung über die finanziellen Folgen der jahrelangen Nullzinspolitik unterschieden die Ökonomen des Instituts nach den Kategorien – Folgen für Staatseinnahmen, für Haushalte, für Unternehmen allgemein und für Unternehmen aus der Finanzbranche. Dabei kam man auf ein Gesamtergebnis, nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder der Eurozone. Zinseinnahmen wurden mit Zinsausgaben verrechnet und dies für den Zeitraum von 2008 bis 2018.

Für Deutschland bedeutete dies im Ergebnis, dass der große Nutznießer dieser Nullzinspolitik der Staat gewesen ist (wie geplant – finanzielle Repression) durch die Einsparung der Zinskosten in Höhe von 184 Milliarden Euro oder 6,0 Prozent vom BIP (hier ein Beispiel von lezter Woche), gefolgt von den nicht finanziellen Unternehmen, die fast immer Nettoschuldner sind und von den Niedrigzinsen mit 166 Milliarden Euro profitierten. Verlierer waren die Haushalte bei Verrechnung von Zinseinsparungen und -verlusten, umgerechnet in Höhe von 123 Milliarden Euro und den finanziellen Unternehmen (insbesondere den Banken) mit 114 Milliarden Euro. Insgesamt profitierte Deutschland nach dieser Studie auch mit 114 Milliarden Euro.

Der große Gewinner war also der deutsche Fiskus, gefolgt von Italien (99 Mrd.), Verlierer waren die Haushalte und dabei war Italien mit 241 Milliarden Euro sogar noch stärker betroffen als Deutschland. Spaniens Staatsfinanzen (- 138 Mrd. €) haben sich insgesamt verschlechtert, durch die Zunahme der Verschuldung des Staates, ebenso wie Portugal, erstaunlicherweise aber auch Finnland. Interessant auch die Auswertung für die Bankenbranche. Während es Deutschlands Institute ganz besonders stark trifft, konnten die Banken in Belgien und Holland sogar Überschüsse erzielen, weil es ihnen gelungen ist, das Kreditgeschäft auszuweiten. In der Gesamtbetrachtung der vier genannten Sektoren sieht die Studie als Gewinner Spanien, die Niederlande vor Portugal, Italien und Deutschland.

Deutschland wegen der großen Ersparnisse für den Staat und für verschuldete Unternehmen. Verlierer sind in unserem Lande natürlich die privaten Haushalte und die erwähnten Banken. Erstaunlich bei dieser Betrachtungsweise die Reihenfolge der Verlierer: Österreich vor Finnland, Belgien und Frankreich. Alles in allem sehr nüchterne Zahlen, die von den betroffenen Bürgern ganz anders wahrgenommen werden und da wiederum wäre auch wieder zu differenzieren zwischen Geldsparern und Immobilienkreditnehmern.

Das deutsche Geldvermögen

In puncto Entwicklung des deutschen Geldvermögens kam die Studie zu einem für viele überraschenden Ergebnis: Trotz Nullzinspolitik ist das deutsche Geldvermögen von 2011 bis 2019 um 40 Prozent gewachsen, auf zuletzt 6,236 Billionen Euro (Q2 – 2019). Nicht wegen der großen Zinseinnahmen, sondern deshalb, weil der sparsame Deutsche während des Booms am Arbeitsmarkt einfach mehr Geld zurückgelegt hat – ganz unamerikanisch. Der Aktienboom mit gerade mal 15 Prozent an Aktienbesitzern in Deutschland spielte da nicht die große Rolle, deshalb wird es im nächsten Crash diesbezüglich auch weniger deutsche Betroffene geben.

Fazit

Was lässt sich aus dieser Untersuchung der Allianz schlussfolgern? Ein Staat ist erst pleite, wenn er von seinen Bürgern nichts mehr holen kann und das ist bei einem Vermögen von über 6 Billionen Euro beileibe nicht der Fall. Was für die Inhaber von Geldvermögen auf Girokonten und Sparguthaben und dem mittelständischen Steuerzahler erst mal keine gute Nachricht ist. Auch bin mir nicht mehr so sicher, ob das Szenario des Zusammenbruchs der Eurozone in der Projektion von Dr. Markus Krall, Marc Friedrich und Co in so naher Zukunft schon Realität wird.

In díesem Zusammenhang muss ich noch ein paar Sätze zu den Crashbüchern schreiben, die derzeit groß in Mode sind und zum Kommentar des „Bullennörglers“ vom Dienstag zu diesem Thema. Ich denke, dass wir in unserer Wohlstandsgesellschaft etwas die Relationen verloren haben. Ich bin in München groß geworden und habe erst vor Kurzem Bilder gesehen, wie es in dieser Stadt nach Ende des Zweiten Weltkriegs ausgesehen hat – Aufnahmen wie aus Aleppo, eine Metropole in Schutt und Asche. Alte Mitglieder (Handwerker) aus meinem Sportverein berichteten mir von den mühsamen Arbeiten überhaupt erst einmal das Dach über dem Kopf zu sanieren, damit es nicht in die Gebäude regnet.

In meinem Haus lebte eine Frau, deren Mann zu dieser Zeit Professor war, die davon erzählte, dass sie lange Zeit das Essen in Blechdosen kochen musste, weil man keine Töpfe hatte. Man trug Kleidung jahrelang auf, für einen Mantel müsste man monatelang sparen, heute gibt es beim Textildiscounter dieses Kleidungsstück schon für ein paar Stunden Arbeit. Was ich damit sagen will – die Buchtitel vom „größten Crash aller Zeiten“ sind schon ein starkes Stück verkaufspolitischer Panikmache, selbst bei einer Halbierung unserer Lebensweise wären wir nicht einmal in der Nähe der Lebensverhältnis unserer Großeltern zu diesen Zeiten. Und da gab es im letzten Jahrhundert auch noch zwei Mal einen kompletten Crash des Geldsystems.

13 Kommentare

13 Comments

  1. Avatar

    Michael

    20. November 2019 14:20 at 14:20

    @Wolfgang, guter und sehr interessanter Artikel! Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass es für die große Menge nicht sehr hilfreich ist, wenn der Staat und einige wenige Aktiengesellschaften und Konzerne zwar massiver Nutznieser sind, mit den Mehreinnahmen bzw. reduzierten Ausgaben aber viel Unfug machen und Verschwendung betreiben.

    Ein Staat ist erst pleite, wenn er von seinen Bürgern nichts mehr holen kann, passend dazu habe ich erst kürzlich folgendes gelesen: Die Steuerbelastung von Rentnern ist innerhalb von zehn Jahren teilweise um rund das Fünffache gewachsen. Das geht aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. So werden bei Neurentnern auf eine monatliche Bruttorente von 1500 Euro im 2. Halbjahr 2019 430 Euro Einkommensteuer fällig. 2010 waren es nur 79 Euro pro Jahr.

    Man sollte einfach nicht die schiere, absolute Anzahl von vielen zig Millionen an Bürgern außer Acht lassen, die zu den Verlierern dieser Zinspolitik zählen. Dabei spreche ich explizit nicht nur von den aktuellen Rentnern, sondern auch von jüngeren Generationen, die ja auch irgendwann in Rente gehen werden. Dennoch schön für eine Handvoll Politiker, Aktienkonzernen und deren notleidende Vorstände und Top-Manager ;)

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      Michael

      20. November 2019 14:54 at 14:54

      Ich korrigiere: eine Handvoll Politiker, Aktienkonzerne und deren notleidende Vorstände und Top-Manager muss korrekt lauten die Leistungsträger unserer Gesellschaft. ;)

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      leftutti

      20. November 2019 17:23 at 17:23

      @Michael, da ist was dran. Der Hauptprofiteur hat es dennoch nicht geschafft, seinen bestehenden Schuldenberg signifikant abzubauen, Schulen, Verkehrsinfrastruktur, Breitband zu sanieren bzw. auszubauen, die unteren und mittleren Einkommensschichten steuerlich zu entlasten und das Problem der Altersarmut zu bekämpfen. Eher ist genau das Gegenteil der Fall.

      Im Segment des zweitgrößten Nutznießers fallen Phänomene wie Zombifizierung, Aktienrückkäufe, Rekordboni, fast eine Milliarde zumeist unbezahlter Überstunden im ersten Halbjahr 2019 und massiver Stellenabbau bei den ersten kleinen Anzeichen einer möglichen Rezession ins Auge.

      Der gesamtgesellschaftliche Nutzen dieser Zinspolitik, an dem ein überwiegender Anteil der volkswirtschaftlichen Teilnehmer partizipieren sollte, darf, nicht zuletzt aufgrund der langjährigen, generationenübergreifenden Zukunftsauswirkungen, doch mehr als bezweifelt werden.

      Es scheint, als hätten genau die falschen Spieler das beste Blatt erhalten.

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    Andre

    20. November 2019 17:04 at 17:04

    Auch heute muss man für einen Mantel monatelang sparen. Natürlich können Sie sich mit einer Plastiktüte(PolyXY) für wenig Geld bekleiden. Wenn Sie jedoch so einen Mantel aus Wolle wie Ihre Grosseltern haben wollen dann ist sparen angesagt.

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    Columbo

    20. November 2019 17:47 at 17:47

    Im Sommer 1939 ging es den Leuten gut, man genoß sichtlich den Wohlstand. Abgesehen, daß einheimische Crashpropheten damals unliebsame Begegnungen mit Männern in Ledermänteln und Hut gemacht hätten, gab es sie auch damals. Sie schrieben keine Bücher, aber sie warnten und es waren nicht die Dümmsten.
    Wie damals gehören sie auch heute zur eher intelligenten Minderheit der Spezies Mensch. Den Kralls, Ottes, Stelters oder Dalios bei jeder Gelegenheit verkaufspolitische Panikmache zu unterstellen, ist in meinen Augen unfair und unklug. Gegen einen Krall intellektuell, wissensmäßig und rhetorisch zu bestehen, ist nicht leicht, ihn aber als verkaufsgeilen Crashpropheten abzutun, zeugt von Schwäche, Neid oder Ähnlichem.

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      Wolfgang M.

      20. November 2019 18:49 at 18:49

      @Columbo. Hallo. Habe ich nicht schon oft von der Kompetenz der von Ihnen genannten Herren geschrieben? Diese verkörpern doch geradezu das austarierte Fachwissen auf ihrem Gebiet und beweisen in ihren Arbeiten, das sie mit vielem richtig liegen. Das sind keine typischen Vertreter der Crashindustrie, sondern Warnhinweisgeber für Fehlentwicklungen. Bei dem von mir sehr geachteten Dr. Krall habe ich beim Studium seiner Vorträge erkennen müssen, dass er seit seinem Einstieg im September 2019 als Vorstandsmitglied und Sprecher der Geschäftsführung der Degussa Goldhandel GmbH etwas aggressiver mit seinen Vorhersagen des großen Knalls geworden ist. Aber wer hat diesen Mann als verkaufsgeilen Crashpropheten abgetan? Das wäre eine Frechheit. Ich habe einmal Professor Otte etwas kritisiert, als er Anfang 2017 als Deutschamerikaner in einer Talkshow Präsident Trump mit seiner Politik verteidigt hat, was er mittlerweile geändert hat.
      Viele Grüße

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      Lossless

      20. November 2019 22:39 at 22:39

      „Dear fellow German economists, if you are wondering what you can do for Europe: Please help to dispel the harmful & wrong narratives about the @ecb’s monetary policy, floating around in political and media circles. These threaten the euro more than many other things.„

      Isabel Schnabel
      Deutsches EZB-Direktoriumsmitglied

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        Michael

        21. November 2019 00:31 at 00:31

        @Lossless, es freut mich, dass Sie endlich wieder unter uns weilen. Willkommen zurück! Dasselbe gilt auch für @PK, der erst vorgestern aus der Versenkung wieder aufgetaucht ist. Ich hoffe, Sie bereichern diese Community nun wieder mit gewohnt konstruktiven und fundierten Inhalten. Ein gutes Zitat ist allemal ein guter Neubeginn.

        Helfen Sie uns, Skepsis, Sorgen und falsche, gefährliche Narrative zu zerstreuen, wie sie auf den Konten und in den Rentenbescheiden diverser Kreise derzeit kursieren.

        • Avatar

          Lossless

          21. November 2019 21:50 at 21:50

          Nun, was könnte ich sagen, was nicht alle aufmerksamen Beobachter der Märkte nicht schon längst wissen. Es muss klar sein, die Geldpolitik der EZB ist völlig zu hinterfragen und auch dementsprechend zu kritisieren. Die EZB streut Monat für Monat Gift in die Märkte und fragt sich dann, warum die Märkte so überreagieren… ja regelrecht Vergiftungserscheinungen aufweisen.

          Logischer Weise, beschäftigt die EZB mittlerweile eine ganze Armee von Analysten, die Tag für Tag die Märkte beobachten und wenn es nötig ist „Whatever it takes“ auch einzugreifen. Glaubt hier irgendwer ernsthaft, an die Bücher die ihnen voraussagen was im Jahr 2020 geschehen soll? Mittlerweile hat man die Jahreszahl auf 2023 korrigiert. Im Jahr 2023 kommen dann neue Bücher, die dann schamlos den geneigten Leser in die Tasche greifen um am Ende die 2025 zu bevorzugen – wann es denn nun endlich passieren soll. Ich finde es stellenweise sehr amüsant. Nicht das wir uns falsch verstehen, ich halte Herrn Krall für einen exzellenten Analytiker und er ist einer der wenigen, der auch ansatzweise versteht was da draußen vor sich geht. Aber auch er unterschätzt die Entschlossenheit der EZB. Ray Dalio ist hier ebenfalls positiv zu erwähnen. Brillanter Kopf.

          Es ist anzunehmen, die EZB wird bis zum bitteren Ende versuchen, die Begrifflichkeit „Währungshüter“ zu dehnen, zu strecken und umzuformulieren. Danach kommt dann ein Schuldenschnitt oder eine Währungsreform.

          Natürlich werden wir Rücksetzer sehen und natürlich auch sehr tiefe Rücksetzer. Aber ist das langfristig betrachtet nicht egal? Hätten sie kurz vor der Lehman-Pleite ein Portfolio angelegt und gekauft, würden sie heute immer noch zu den Gewinnern gehören.

          Aber vielleicht werden Rücksetzer auch durch völlig andere Umstände ausgelöst, woran wir noch gar nicht denken wollen im Moment? Krieg, Umweltbelastungen, Klimaveränderungen, vielleicht sogar durch eine völlig neue politische Ausrichtung? Eine weltweite Rezession sollte hier auch in Betracht gezogen werden. Aber wie man den Medien entnehmen kann ist Deutschland, gerade so, einer Rezession entkommen. Hier muss man selbstverständlich auch die Frage stellen: Ist das wirklich so? War es nur eine technische Rezession oder sprechen die Zahlen eine andere Sprache?

          Schon der Römer Tacitus hat vor über 2000 Jahren gesagt: „Die Germanen sind sehr mutige Leute, haben aber eine ungewöhnliche Zukunftsangst.“

          • Avatar

            Revisor

            22. November 2019 08:55 at 08:55

            Guten Morgen @Lossless, ich hoffe, Sie sind kein Buchautor geworden.
            Traden Sie immer noch?

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    Altbär

    20. November 2019 18:30 at 18:30

    @ Columbo, gut gesprochen.Ohne die Zauberkünstler der Notenbanken hätten eben diese sogenannten Crash-Propheten schon lange Recht bekommen.Ich habe schon früher geschrieben dass die Vorsichtigen
    ( viele nennen sie Crash Propheten) für die Gesellschaft nützlich sind u.die Unerfahrenen vor Verlusten schützen. Nach der längsten, grössten u.künstlichen Hausse u.den Notenbanken-Puts sind jetzt die Kritiker der Warner drauf u.dran ewig steigende Börsen zu predigen. Einige werden sich eine goldene Nase verdienen u.die letzten beissen auch diesmal wieder die Hunde.Einige Dicke müssen auch diesmal wieder von den kleinen Dünnen mit Steuergeldern gerettet werden.

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    Quintus

    20. November 2019 20:04 at 20:04

    Man kann es förmlich riechen
    Man kann es förmlich schmecken
    Bald wird man es auch sehen können….doch die Marktteilnehmer werden immer noch an die Allmacht der Zentralbanken glauben……

    The Repo Crisis has NOTHING to do with the Fed hiding some problem in the USA and the Fed is not monetizing the debt using Repo. We have a major crisis unfolding and neither the central banks nor the primary dealer banks will talk about what is taking place behind the curtain. This is a very MAJOR CRISIS, and it will get far worse. I am rushing to get this report out ASAP because this can be the MOTHER OF ALL FINANCIAL CRISIS that is over the heads of domestic analysis and mainstream press will NEVER report it unless it would impeach Trump.
    https://www.armstrongeconomics.com/world-news/banking-crisis/mother-of-all-financial-crises/

  6. Avatar

    Lossless

    25. November 2019 19:36 at 19:36

    Lieber @Revisor, entschuldigen Sie meine viel zu späte Antwort. Wo denken Sie hin – ein Buch? Einige Dinge sollte man doch lieber für sich behalten! Aber ein Kommentar ist manchmal angebracht.

    Wünsche Ihnen viel Erfolg und beste Grüße,
    Lossless

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Immobilien: Der Boom läuft immer weiter – aktuelle Daten

Claudio Kummerfeld

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am

Innenansicht eines Einfamilienhauses

Es ist wirklich erstaunlich. Auch wir bei FMW hatten zu Ausbruch der Coronakrise und im brutalen wirtschaftlichen Absturz im Frühjahr erwartet, dass auch der Markt für Immobilien beeinträchtigt sein wird. Schließlich haben derzeit ja zahlreiche Menschen massive Existenzängste, leben dank Kurzarbeitergeld auf Kante, oder haben als Selbständige ihre Existenz gleich ganz verloren. Da müssten die Preise für Immobilien doch eigentlich einbrechen? Die Nachfrageseite für Häuser und Eigentumswohnungen müsste so schwach sein, dass man spürbare Rückgänge bei den Preisen sehen müsste?

Nichts da. Offenbar bringt die große Gelddruck-Orgie der Notenbanken und die Alternativlosigkeit zu Aktien und Immobilien immer noch genug Anleger und Kaufwillige dazu, die Preise für Immobilien immer weiter klettern zu lassen. Und die Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung sind wohl derart umfangreich, dass genug Menschen in prekären Situationen (Arbeiter in der Autoindustrie etc) noch nicht ihre Häuser verlieren, welche auf dem Markt folglich auch nicht für ein Überangebot an Häusern und Eigentumswohnungen sorgen können.

Preise für Immobilien weiter am Steigen

Aktuelle Zahlen der Anbieter F+B sowie Dr. Klein zeigen weiter steigende Preise für Immobilien. Der F+B-Wohn-Index Deutschland als Durchschnitt der Preis- und Mietentwicklung von Wohnimmobilien für alle Gemeinden in Deutschland stieg im 3. Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 5,6 Prozent. Wie gesagt, diese Steigerung von +5,6 Prozent kommt zustande, weil ich auch Mieten enthalten sind. Und die sind dank Corona doch tatsächlich leicht rückläufig mit -0,9 Prozent im Quartalsvergleich (und noch +0,1 Prozent im Jahresvergleich).

Mieten bremsen nur den Gesamtschnitt aus Immobilienpreisen + Mieten

Im Bundesdurchschnitt gehören damit exorbitante Mietensteigerungen laut F+B endgültig der Vergangenheit an. Auch die Betrachtung der Top 50-Standorte in Deutschland mit dem höchsten Mietenniveau lege eine ähnliche Interpretation für diesen Trend nahe. So seien im Vergleich zum Vorquartal in 28 der 50 teuersten Städte Deutschlands die Mieten bei der Neuvermietung gesunken (im Vergleich der Quartale Q2/2020 zu Q1/2020 betraf dies 18 Städte). Im Vergleich zum Vorjahresquartal 2019 gab es reale Mietpreisrückgänge in 10 der teuersten 50 Städte. Nach Beobachtungen von F+B hätten die Corona-bedingten wirtschaftlichen Verwerfungen als Nachwirkungen des ersten Lockdowns vom Frühjahr 2020 zu noch stärkeren Rückgängen bei den Mieten geführt, wenn es die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen nicht gegeben hätte. Wir möchten ergänzen: Hunderttausende Wohnungen in Berlin sind vom dortigen Mietendeckel betroffen, was die Mietpreisentwicklung bundesweit ebenfalls beeinflusst. F+B bespricht dieses Thema in seiner Veröffentlichung ebenfalls.

Nachfrageschub

Im Vergleich zum dritten Quartal 2019 liegen die Preissteigerungen bei Eigentumswohnungen laut F+B mit 5,5 Prozent weiterhin deutlich hinter den Ein- und Zweifamilienhäusern mit 8,6 Prozent. Eigenheime dominieren damit endgültig die Gesamtperformance des Wohn-Index von F+B. Man sei der Auffassung, dass die Corona-Pandemie hier einen zusätzlichen und offenbar auch nachhaltigen Nachfrageschub – bei gleichzeitig beschränktem Angebot – erzeugt hat, so F+B. Im Chart sehen wir seit dem Jahr 2004 die Preisentwicklung verschiedener Arten von Immobilien seit dem Jahr 2004. Eigentumswohnungen liegen langfristig klar in Führung.

Entwicklung der Preise für Immobilien seit dem Jahr 2004

Preise in Nordrhein-Westfalen steigen weiter

Der Anbieter Dr. Klein berichtete erst vor wenigen Tagen, dass das Volumen pro Immobilienkredit neue Rekordhochs erreicht hat (hier die Details). Heute berichtet Dr. Klein über die neuesten Preisentwicklungen für Immobilien in Nordrhein-Westfahen. Der bis 2015 zurückreichende Chart zeigt auch jetzt keinen Abknick bei der Preisentwicklung. Im mondänen Düsseldorf dürfe es gerne ein bisschen mehr sein – auch bei den eigenen vier Wänden: Der Trend gehe hin zu mehr Exklusivität und Geräumigkeit. Köln und Dortmund vermelden indessen neue Rekorde bei den Immobilienpreisen. Die Details finden Sie beim Klick an dieser Stelle.

Preise für Immobilien in Nordrhein-Westfalen

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BioNTech, Pfizer und Moderna, erfüllen sich die Impfstoff-Erwartungen?

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

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Erfüllen sich die hohen Erwartungen an die Impfstoffe von BioNTech und Pfizer sowie Moderna? Die Börsen sind im Jahresendspurt: Immer wieder werden derzeit die aktuellen Wirtschaftsdaten als Indikatoren herangezogen, verbunden mit dem großen Optimismus vieler Investoren, die nach Korrektur schreien. Aber dies ist neben dem monetären Faktor nicht der entscheidende Treiber für Börsenkurse. Es zählt die mittelfristige Aussicht, auch wenn man in einer Rezession oder in einem Lockdown etwas anderes verspürt. Was die Märkte antizipieren, sind die Fortschritte in der Impfstoffentwicklung und deren Anwendung. Dies kann man auch aus einem Interview schlussfolgern, welches eine Reporterin der Welt am Sonntag aktuell mit dem Chef von Moderna, Stéphane Bancel, geführt hat.

BioNTech & Co: Die große Wende bis zum Sommer 2021

Bei aller Skepsis über die Geschwindigkeit und Validität der Entwicklung eines Impfstoffes ist es nicht zu übersehen: Die Nachrichten über den Fortgang des Kampfes gegen Covid-19 überschlagen sich, Unternehmen für Unternehmen berichtet von den Ergebnissen aus der klinischen Studie-3 und der baldigen Beantragung für eine Zulassung des eigenen Vakzins. Es ist daher sicher interessant, was der langjährige Chef eines der Unternehmen an vorderster Front dazu zu sagen hat, auch unter Berücksichtigung der subjektiven Darstellung des eigenen Unternehmens. Hier die Kernaussagen des CEOs von Moderna:

Der Chef von Moderna fühlt sich von der Erstmeldung von BioNTech und Pfizer nicht überfahren. Man bräuchte mindestens vier oder fünf Unternehmen, um die Welt mit 7,6 Milliarden Menschen impfen zu können.

Bemerkung: Fraglich, ob es zur Impfung von so vielen Menschen durch westliche Impfstofffirmen kommt. China impft sich selbst (1 Mio. Chinesen wurden schon geimpft), ebenso Russland. In Indien sind 750 Millionen Menschen unter 25 Jahre alt, ein ähnliches Verhältnis dürfte auch für den Milliardenkontinent Afrika gelten. Und wie viele Menschen werden sich einer Impfung verweigern?

Zur Frage, warum BioNTech/Pfizer schneller waren: Pfizer sei100-mal größer als Moderna, man habe vorher noch nie eine Studie mit 30.000 Menschen durchgeführt. Zudem wurde das Vakzin gemeinsam mit der US-Gesundheitsbehörde NIH entwickelt und mit staatlichen Stellen dauere es etwas länger, sich untereinander abzustimmen.

Der US-Staat hat Moderna mit einer Milliarde Dollar unterstützt, aber man brauche das Geld, um im kommenden Jahr eine Milliarde Impfstoffdosen herzustellen. Für die Beschaffung von Grundmaterialien.
Zum Impfstoffpreis: Man werde zwischen 25 und 37 Dollar aufrufen, je nachdem, wie viel die Regierungen bei Moderna bestellen. Damit liege man im Bereich wie bei einer Grippeimpfung, die zwischen 10 und 50 Dollar kostet. Das sei ein fairer Preis, wenn man bedenkt, wie hoch die Kosten für das Gesundheitssystem sind, wenn ein Mensch schwer an Covid-19 erkrankt. Die teuerste Impfung der Welt sei derzeit Pfizers Impfstoff Prevnar gegen Pneumokokken mit 300 Dollar je Dosis.
Zur Dauer der Impfung: Das hänge davon ab, wie viele Impfstoffe das Rennen machen. Wenn es beim Impfstoff von BioNTech und Moderna bliebe, würde es bis zum nächsten Sommer dauern, bis allein die Menschen in Europa und den USA geimpft sind. Für den Rest der Welt würde es vermutlich bis Ende 2022 dauern.
Bemerkung: Reichlich optimistisch, so viele Menschen (mehr als eine halbe Milliarde, auch wenn sich viele verweigern) innerhalb von sechs Monaten zu impfen.

Zur Hektik bei der Notzulassung: Bancel betrachtet jede Morgen die Zahlen der John-Hopkins-Universität. Es gebe täglich weltweit 11.000 Coronaopfer und dies dürfte sich im nächsten Monat noch steigern. Die Impfung habe bereits bewiesen, dass sie wirke und sicher sei. mRNA werde innerhalb von 48 Stunden nach der Impfung im Körper abgebaut, das Lipid als Trägerstoff ebenfalls. Danach sei man geschützt vor Covid und den teilweise schlimmen Langzeitfolgen. Deshalb sei seine Entscheidung klar.

Beim Vergleich mit Biontech-Chef Ugur Sahin: Bancel bezeichnet sich selbst als nicht besonders guten Verkäufer. Was er aber könne sei komplizierte Wissenschaft einfach zu erklären. Zum Beispiel warum mRNA die größte medizinische Revolution seit der Erfindung von kleinen Molekülen wie Aspirin sei.
Zum Stand der Genforschung: Man lebe im Zeitalter der Sequenzierung. Es würde nur fünf Dollar und ein paar Stunden Zeit kosten, bis man das Genom eines Virus entschlüsselt habe, dank mRNA habe man jetzt die Möglichkeit, sehr schnell wirksame Medikamente zu machen. Dies katapultiere die analoge Medizin in das Zeitalter der Digitalisierung. Dieser Erfolg sei aber nicht über Nacht gekommen, wie viele Leute denken. BioNTech und Moderna arbeiten daran seit zehn Jahren.
Bei der ultimativen Frage nach dem eigenen Impfzeitpunkt sagt Bancel: Er könne es gar nicht abwarten, hätte das gern schon vor Monaten getan, denn er wolle sein altes Leben zurück.

Fazit

Egal, wie man die Aussagen eines Unternehmensvorstands zum eigenen Produkt bewertet. Es ist schon erstaunlich, wie konkret die Informationen zu dem Jahrhundertprojekt Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 bereits gediehen sind. Sollte es tatsächlich keine gravierenden Nebenwirkungen des Impfstoffes geben, so könnte man tatsächlich von einer Normalisierung der Verhältnisse im Hinblick auf die Pandemie bereits im Jahre 2021 rechnen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre es ein neuer Meilenstein in der Entwicklung des medizinischen Fortschritts der Menschheit. Noch ist Vieles im Konjunktiv.

Erfüllen die Impfstoffe von BioNTech oder Moderna die hohen Erwartungen?

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Warum für Deutschland im Winter eine technische Rezession ansteht

Claudio Kummerfeld

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Leere Restaurants im zweiten Lockdown befeuern die Rezession

Die Industrie liefert wieder, und China als Abnehmer deutscher Waren hilft kräftig mit bei der Erholung der Konjunktur. Aber es ist klar. Die Dienstleistungen vermasseln derzeit der deutschen Wirtschaft die tiefgreifende Erholung. Die Rezession steht bevor oder startet wohl gerade wieder, und das Bruttoinlandsprodukt könnte schrumpfen. Und das nicht nur, weil die Dienstleistungen wie Gastronomie wegen dem aktuellen „kleinen“ Corona-Lockdown zu großen Teilen gar nicht stattfinden. Nein, da ist noch ein Faktor, der auf den ersten Blick übersehen werden kann.

Bevorstehende Rezession befeuert durch höhere Mehrwertsteuer

Eine aktuell womöglich schon gestartete technische Rezession für diesen Winter dürfte ab Anfang Januar verschärft werden. Denn ab 1. Januar wird die seit Juli 2020 geltende Mehrwertsteuersenkung wieder rückgängig gemacht. Dann dürften die Verbraucherpreise wieder steigen. Wer schon lange Zeit vor hatte einen neuen Fernseher, Küche, Auto oder sonstige hochpreisige Einrichtungsgegenstände anzuschaffen, hat dies wohl schon in den letzten Monaten getan, und dabei nette Mehrwertsteuerbeträge gespart. Umso kräftige dürfte der Konsumrückgang ab Januar ausfallen. Oder darf man mutmaßen, dass die Politik in Berlin dem noch schnell entgegenwirkt, und die Mehrwertsteuer bis zum Sommer 2021 auf reduziertem Niveau belässt? Die Kurzarbeiter-Regelung hat man ja schließlich auch gerade erst bis Ende 2021 verlängert.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, bringt es in einer aktuellen Kurzanalyse auf den Punkt. Warum er sich gerade jetzt äußert? Heute um 10 Uhr wurde mit dem ifo-Index das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer veröffentlicht (hier die Details). Er fiel von 92,5 auf 90,7 Punkte. Die Zahlen waren zwar leicht besser als gedacht, aber eben doch schlechter als im Vormonat. Wie der Chart (geht bis 2016 zurück) zeigt, geht es aktuell wieder leicht bergab mit dem Geschäftsklima in Deutschland.


source: tradingeconomics.com

Experte spricht von bevorstehender technischen Rezession

Deutschland droht eine technische Rezession, das Winterhalbjahr wird hart. Das kann durch die robuste Entwicklung in der Industrie kaum verhindert werden. Erst die wärmeren Temperaturen im Frühling und die Impfungen werden die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen, so Jörg Krämer. Ein Monat Lockdown koste fast ein Prozent Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt. Krämer erwartet eine technische Rezession im Winterhalbjahr, auch wenn sich das verarbeitende Gewerbe super halte. Im folgenden Chart der Commerzbank sehen wir, wie die Industrie in gelb weiter ansteigt, während die Dienstleistungen wieder abschmieren.

Chart zeigt Tendenz der Rezession dank schwachen Dienstleistungen

Laut Jörg Krämer ist ein Abwärtstrend bei den Corona-Neuinfektionen noch nicht erkennbar. Die Bundesländer dürften den Lockdown nach seiner Meinung bis mindestens Weihnachten verlängern und die Kontaktbeschränkungen verschärfen. Sehe man von möglichen Lockerungen rund um Weihnachten ab, dürfte der Lockdown mindestens bis Ende Dezember gelten. Weil die kalte Jahreszeit die Infektionen begünstigt, erwarte man, dass Restaurants, Kneipen, Hotels, Fitness-Center etc auch während des ersten Quartals überwiegend geschlossen bleiben.

Basierend auf dem Anteil der betroffenen Branchen an der gesamten Wertschöpfung drücke ein Monat Lockdown das quartalsweise Bruttoinlandsprodukt wie gesagt um fast 1 Prozent. Entsprechend dürfte laut Jörg Krämer das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um 2 Prozent schwächer ausfallen als ohne Lockdown – es werde vermutlich schrumpfen. Das dürfte die robuste Entwicklung in der Industrie nicht verhindern. Auch im ersten Quartal, das ohnehin durch die Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar belastet wird, sei kaum mit einem Plus zu rechnen. Deutschland drohe eine technische Rezession. Die Wirtschaft gehe durch ein hartes Winterhalbjahr, bevor die wärmeren Temperaturen und die Impfungen die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen.

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