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Die unterschätzte Gefahr Diesel als weltweit wichtigster Treibstoff droht knapp zu werden

Diesel als weltweit wichtigster Treibstoff droht knapp zu werden. Russlands Exporte werden bald fehlen. Hier dazu eine Analyse.

Diesel tanken an einer Tankstelle

Spricht irgendjemand in der europäischen Politik derzeit über die drohende Gefahr einer Diesel-Knappheit? Nein, alles dreht sich um das Thema Gas. Und bei Diesel guckt man nicht so genau hin, weil die Belieferung mit Öl auf dem Weltmarkt ja kein Problem ist, auch ohne Russlands Lieferungen. Aber „Öl“ ist ja erst einmal nur Rohöl. Aber was, wenn ohne Diesel-Lieferungen aus Russland eben nicht genug Raffinerie-Kapazitäten in Europa und an der Ostküste der USA vorhanden sind, um genug Diesel herzustellen? Jahrelanger Abbau von Kapazitäten und zu wenig neue Investitionen könnten ein Problem werden. Man hatte sich eben darauf verlassen, dass ausländische Kapazitäten (wie die Raffinerien in Russland) die globale Versorgung sicherstellen.

Und nun steht man global vor einem möglichen Problem. Denn ähnlich wie bei neuen LNG-Infrastrukturen, so kann auch eine Öl-Raffinerie zur Herstellung von Benzin und Diesel nicht mal eben über Nacht gebaut werden. Wir hatten in den letzten Monaten bereits über eine heraufziehende Problematik berichtet. Man bedenke: Ab Februar treten die Diesel-Sanktionen der EU gegen Russland in Kraft (hier eine Übersicht aller Sanktionen). Jetzt liegen neue Analysen Bloomberg vor. Man liefert aktuell die Aussage, dass der weltweit wichtigste Treibstoff droht knapp zu werden. Kein Kraftstoff sei für die Weltwirtschaft so wichtig wie Diesel. Er treibt Lastwagen, Busse, Schiffe und Züge an. Er treibt Maschinen für das Baugewerbe, die Industrie und die Landwirtschaft an. Er wird zum Heizen von Häusern verbrannt. Und angesichts des hohen Erdgaspreises wird er mancherorts auch zur Stromerzeugung verwendet.

Drohende Knappheit bei Diesel

In den nächsten Monaten wird fast jede Region der Erde mit der Gefahr einer Diesel-Knappheit konfrontiert sein, und das zu einer Zeit, in der Versorgungsengpässe auf fast allen Energiemärkten der Welt die Inflation verschärft und das Wachstum abgewürgt haben, so Bloomberg. Die Auswirkungen könnten enorm sein und sich auf alles auswirken, vom Preis eines Truthahns zu Thanksgiving bis hin zu den Verbraucherrechnungen für das Heizen der Häuser im Winter. Allein in den USA werden die steigenden Kosten für Diesel die Wirtschaft um 100 Milliarden Dollar belasten, so Mark Finley, ein Energiestipendiat am Baker Institute of Public Policy der Rice University. „Bei allem, was in unserer Wirtschaft bewegt wird, ist Diesel im Spiel“, sagte Finley. „Dinge zu bewegen ist eine Sache. Dass Menschen erfrieren können, ist eine andere.

In den USA sind die Vorräte an Diesel und Heizöl auf dem niedrigsten Stand, der in den letzten vier Jahrzehnten für diese Jahreszeit ermittelt wurde. Auch Nordwesteuropa sieht sich mit einem geringen Puffer konfrontiert – die Vorräte werden voraussichtlich in diesem Monat einen Tiefstand erreichen und dann bis März noch weiter sinken, kurz nachdem Sanktionen gegen Russland in Kraft treten, die Europa von den russischen Seelieferungen für Diesel abschneiden werden. Die globalen Exportmärkte sind so eng geworden, dass ärmere Länder wie Pakistan vom Markt ausgeschlossen werden, da die Lieferanten nicht genügend Ladungen buchen können, um den eigenen Bedarf des Landes zu decken.

„Dies ist sicherlich die größte Dieselkrise, die ich je erlebt habe“, sagte Dario Scaffardi, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des italienischen Ölraffinerieunternehmens Saras SpA, der seit fast 40 Jahren in der Branche tätig ist. Diesel auf dem Spotmarkt des New Yorker Hafens, einer wichtigen Benchmark, ist in diesem Jahr um etwa 50 % gestiegen. Der Preis erreichte Anfang November 4,90 $ pro Gallone, etwa doppelt so viel wie im Vorjahr.

Noch aussagekräftiger ist der Aufschlag, den Dieselkraftstoff verlangt. Die Spreads für den Kraftstoff weiten sich sowohl gegenüber Rohöl aus, was ein Zeichen dafür ist, wie knapp die Raffineriekapazitäten sind, als auch gegenüber Lieferungen, die für eine spätere Auslieferung vorgesehen sind, was unterstreicht, dass die Händler verzweifelt versuchen, Diesel jetzt zu bekommen. In Nordwesteuropa kosten Diesel-Futures etwa 40 $ pro Barrel mehr als Brent, gegenüber einer fünfjährigen saisonalen Norm von nur 12 $. New Yorker Diesel-Futures für die Lieferung im Dezember werden etwa 12 Cent höher gehandelt als die für Januar. Im letzten Jahr betrug der Aufschlag zu dieser Zeit weniger als einen Cent.

Was ist die Ursache für die Verknappung?

Weltweit sind die Raffineriekapazitäten laut Bloomberg stark eingeschränkt. Das Angebot an Rohöl ist bereits ziemlich knapp. Aber der Engpass ist noch viel akuter, wenn es darum geht diesen Rohstoff in Kraftstoffe wie Diesel und Benzin zu verwandeln. Das ist zum Teil auf die Pandemie zurückzuführen, nachdem die Abschaltungen die Nachfrage zerstört und die Raffinerien gezwungen haben, einige ihrer unrentabelsten Anlagen zu schließen. Aber auch die sich abzeichnende Abkehr von fossilen Brennstoffen hat die Investitionen in diesem Sektor gedämpft. Seit 2020 ist die Raffineriekapazität in den USA um mehr als 1 Million Barrel pro Tag zurückgegangen. Auch in Europa haben Unterbrechungen des Schiffsverkehrs und Arbeiterstreiks die Raffinerieproduktion beeinträchtigt.

Diesel-Reserven an der US-Ostküste

Mit der sich abzeichnenden Abkehr der Europäischen Union von russischen Lieferungen könnten die Dinge noch viel dramatischer werden. Europa ist mehr als jede andere Region der Welt auf Diesel angewiesen. Rund 500 Millionen Barrel pro Jahr werden per Schiff geliefert, wobei etwa die Hälfte davon in der Regel in russischen Häfen verladen wird, wie Daten von Vortexa Ltd. zeigen. Die USA haben auch die Einfuhren aus Russland gestoppt, das im letzten Winter ein wichtiger Lieferant für die Ostküste war.

Im Hintergrund läuft auch eine Marktstruktur ab, die als Backwardation bekannt ist, bei der die Prämien für Lieferungen mit sofortiger Lieferung höher sind als für längerfristige Lieferungen. Diese Spanne war nicht nur ungewöhnlich groß, sondern die Backwardation hat auch ungewöhnlich lange gedauert. Diese backwardierte Marktstruktur bietet den Anbietern einen Anreiz, jetzt zu verkaufen, anstatt das Produkt zu halten und Lagerbestände aufzubauen.

Notfallprotokolle in den USA

In den USA hat die Verknappung an der Ostküste bereits dazu geführt, dass die Lieferanten rationieren und Notfallprotokolle einleiten, und der Winter hat noch nicht einmal begonnen. Der Nordosten, der am dichtesten besiedelte Teil der USA, in dem die Temperaturen in einem strengen Winter oft unter dem Gefrierpunkt liegen, ist auch am meisten auf Heizöl angewiesen, um die Häuser warm zu halten. (Diesel und Heizöl sind in den USA dasselbe Produkt, das nur anders besteuert wird). Selbst im günstigsten Fall werden die Verbraucher dort in diesem Winter mit den höchsten Energierechnungen seit Jahrzehnten konfrontiert werden. Die Regierung hat ihre Schätzung für den Anstieg bereits fast verdoppelt und geht davon aus, dass Familien, die auf Heizöl angewiesen sind, 45 % mehr als im letzten Winter zahlen müssen, während sie im Oktober noch von 27 % ausgegangen war.

Heizölpreis in Neu England

Zwar ist ein länger anhaltender, flächendeckender Dieselmangel in den USA unwahrscheinlich, da das Land ein Nettoexporteur des Kraftstoffs ist. Aber örtlich begrenzte Ausfälle und Preisspitzen werden wahrscheinlich häufiger auftreten, insbesondere an der Ostküste, wo ein Mangel an Pipelines zu großen Engpässen führt. Die Region ist in hohem Maße von der Colonial-Pipeline abhängig, die häufig überlastet ist. Ein jahrhundertealtes Schifffahrtsgesetz, der so genannte Jones Act, erschwert die Beförderung einheimischer Kraftstoffe zusätzlich und ermutigt die Produzenten an der Golfküste, Exporte der Versorgung des heimischen Marktes vorzuziehen.

Große Delle

Ab Anfang Februar verbieten die EU-Sanktionen russische Lieferungen auf dem Seeweg. Diese russischen Lieferungen mit Diesel müssen irgendwie ersetzt werden, wenn die Wirtschaft in Europa so weiterlaufen soll wie bisher. Wie und ob dies geschehen wird, ist bislang unklar. Die Winterkälte wird auch die Probleme in Europa verschärfen. Nach Angaben des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie Ltd. werden die Lagerbestände im Nordwesten im März, dem Monat nach Inkrafttreten der EU-Sanktionen, voraussichtlich auf 211,9 Millionen Barrel sinken. Das wäre der niedrigste Stand seit den Aufzeichnungen im Jahr 2011.

Während die Frist für die EU-Sanktionen gegen Russland immer näher rückt, importiert Europa immer noch große Mengen an Diesel aus Russland. Außerdem bezieht es große Mengen aus Saudi-Arabien, Indien und anderen Ländern. Infolgedessen erreichten die Importe auf dem Wasserweg im Oktober den höchsten Stand seit mindestens Anfang 2016, wie aus den von Bloomberg zusammengestellten Daten von Vortexa hervorgeht.

Diesel-Flüsse von Europa an die US-Ostküste

In Deutschland kam es bereits zu Engpässen, da niedrige Pegelstände des Rheins die Lieferungen behinderten und die Produktion drosselten, während Raffinerien in den Nachbarländern Ungarn und Österreich ebenfalls unter erheblichen Störungen litten. In Frankreich wurde die Produktion durch eine Reihe von Streiks im Zusammenhang mit Lohnfragen gedrosselt. „Wenn Russland kein Lieferant mehr ist, bedeutet das eine große Delle im System, die nur schwer zu beheben sein wird“, sagte Scaffardi, der ehemalige CEO von Saras.

Ärmere Länder leiden

Durch die weltweite Treibstoffknappheit ist es für Exporteure wie China und Indien profitabler geworden Ladungen in Länder in Europa zu schicken, die hohe Aufschläge zahlen können. Nach Angaben des Branchenberaters FGE werden die Treibstoffexporte aus China bis zum Jahresende um 500.000 Barrel pro Tag auf fast 1,2 Millionen Barrel steigen. Es bleibt abzuwarten, ob dies ausreichen wird um die globale Versorgungslücke bei Diesel zu schließen, und in der Zwischenzeit leiden darunter ärmere Länder, die sich die explodierenden Preise nicht leisten können.

Das klamme Sri Lanka kann sich die internationalen Kraftstoffpreise kaum leisten und ist nicht in der Lage, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen, so der Energieminister des Landes. Thailand hat eine Steuersenkung auf Diesel-Kraftstoff verlängert, um die Verbraucher vor den steigenden Preisen zu schützen. Die Regierung rechnet mit Einnahmeverlusten in Höhe von 551 Mio. USD durch diese Maßnahme. Vietnam will Notmaßnahmen ergreifen und unter anderem seine Zentralbank dazu nutzen, mehr Kredite für inländische Kraftstoffhersteller zu vergeben, um das Angebot zu erhöhen. Die Dieselknappheit hat der Weltwirtschaft geschadet“, so Amrita Sen, Forschungsleiterin bei Energy Aspects Ltd. „Um die Dieselknappheit zu beheben, bedarf es letztlich neuer Raffineriekapazitäten“.

FMW/Bloomberg



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5 Kommentare

  1. Na, dann fahren wir eben mit Rapsöl

  2. Naja, wer das russische Öl nicht haben will, der muss eben teuren Diesel (aus russischem Öl) aus den Ländern kaufen, die russisches Öl importieren.
    In Italien laufen die Raffinerien schon auf Hochtouren, damit die Amis wenigstens etwas Diesel bekommen können.
    Aber wartet mal ab, wenn die Sanktionen greifen.
    Die Russen werden dann nicht weniger Öl verkaufen, es wird nur teurer.
    Sollten wir aber doch schon kennen.
    Der Rubel muss rollen, denn der Krieg kostet viel Geld.
    Und er rollt ja auch.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  3. Diesel ist ein Abfallprodukt von Benzin. Es wird jede Menge Kohle damit verdient.
    Diesel ist nicht knapp er wird so gemacht.

    Die Analysten, Raffinerien, und sogenannten Experten wie der Verfasser dieses Berichtes verbreiten Angst, Panik, Verunsicherung.
    Beim tanken ist es gerade etwas entspannter und sofort kommen die Hysteriker aus der Deckung.
    Wie gehabt, der Bürger zahlt die Zeche

    1. Diesel ist knapp, weil es mit Heizöl gleich ist, und in etwa mit Kerosin.

    2. @Theo Mohr
      elementarer Krampf,
      Diesel ist weder Abfallprodukt an sich, noch von Benzin.
      Benzin und Diesel werden wie Bitumen, Kerosin und Methan, in der Raffinerie aus Rohöl fraktioniert. also getrennt. Das geschieht durch erhitzen des Rohöls auf über 400°. Der Dampf steigt nach oben, kühlt isch dabei ab und je nach Temperatur fällt dabei Bitumen, Diesel + Heizöl, Kerosin, Leichtbenzin und Methan aus. In dieser Reihenfolge

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