Folgen Sie uns
jetzt kostenfrei anmelden für das DAX-Signal

Anleihen

Erdbeben in Zeitlupe: Der Anstieg der US-Renditen – Geld wird immer teurer

Gestern verbuchten US-Staatsanleihen den größten Abverkauf seit der Wahl von Donald Trump. Warum?

Veröffentlicht

am

Der Abverkauf

 

Gestern verbuchten US-Staatsanleihen den größten Abverkauf seit der Wahl von Donald Trump – also seit fast zwei Jahren. Am heutigen Donnerstag setzte sich das fort, die 10-jährige US-Staatsanleihe stieg auf 3,23% und damit auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2011. Dazu stiegen die US-Staatsanleihen mit 2-jähriger, 5-jähriger und 7-jähriger Laufzeit auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise.

 

 

(Rendite der 5-jährigen US-Staatsanleihe mit Ausbruch nach oben; Chart: northmantrader.com; durch anklicken vergrößern)

Das alles bedeutet: (Dollar-)Geld wird teurer – und das ist für die Aktienmärkte mehr und mehr ein Problem, schließlich war die Rally seit der Finanzkrise im Wesentlichen eine durch die Notenbanken ausgelöste Liquiditäts-Party mit kostenlosem Geld.

 

Warum steigen die Renditen so stark?

Was ist der Grund für den so heftigen Anstieg der US-Renditen? Auffallend war zunächst, dass vor allem die Renditen für länger laufende US-Staatsanleihen wie die 10-jährige US-Anleihe und die 30-jährige Anleihe besonders stark nach oben gingen – womit sich die zuletzt immer flachere US-Zinskurve wieder deutlich versteilte (gut für Banken!). Damit wird ein Argument in Frage gestellt, das durchaus einige Plausibilität hat: dass die Renditen nach oben gehen, weil das Wachstum der US-Wirtschaft so stark ist. Aber wenn die Stärke der US-Wirtschaft die Fed zu Zinsanhebungen zwingt (aus Sicht der Märkte), dann hätten eher die kürzer laufenden Anleiherenditen (etwa die der 2-jährigen US-Anleihe) eigentlich stärker anziehen müssen (was aber gestern nicht der Fall war).

Klar: ist eine Wirtschaft stark, steigen in der Regel die Renditen für Staatsanleihen, die eine Art Kompensation bieten müssen im Vergleich zu anderen Investments, etwa in Wachstums-Werte am Aktienmarkt. Aber gestern zogen besonders die Inflations-bereinigten Renditen stark an (bei der 10-jährigen Anleihe gestern auf 0.986%), und das bedeutet: aus Sicht der Märkte hat die Unsicherheit über das weitere Vorgehen der Fed zugenommen, die Märkte fordern nun einen Ausgleich für ihre steigenden Inflationserwartungen auch im längeren Zeitfenster – daher der Anstieg der längerfristigen Renditen und die Versteilung der US-Zinskurve.

 

Wenn die Nachfrage geringer und das Angebot größer wird..

Dazu kommen aber noch andere Faktoren! Etwa die Pensionsfonds von US-Unternehmen, die bis zum Ende der Frist – Mitte September – vor allem 30-jährige US-Staatsanleihen kauften, weil sie dieses Investment steuerlich absetzen konnten im Gefolge der US-Steuerreform. Nach Ablauf der Frist aber, das zeigen Daten der Deutschen Bank, haben diese Käufe durch US-Pensionsfonds stark nachgelassen – wodurch eine bedeutende Käufer-Gruppe wegfällt.

Dazu kommt, das hat gestern PIMCO-Legende Bill Gross thematisiert, die Zurückhaltung ausländischer Käufer aus Europa und Japan. Deren Hedging-Kosten wären zuletzt stark gestiegen (sie müssen sich immer höher verzinste und damit „teurere“ Dollars leihen, um die Anleihen zu kaufen), was die Renditerwartungen dieser Investoren fast komplett auffresse:

Gestern Abend goß Fed-Chef dann noch mehr Öl ins Feuer: es sei noch ein weiter Weg, so Powell, bis man die Geldpolitik der Fed nicht mehr als „unterstützend“ („accommodative“) bezeichnen könne. Subtext: wir müssen noch oft die Zinsen anheben, bis der Zinssatz „neutral“ ist (also weder die Konjunktur unterstützend noch bremsend). Man müsse, so Powell weiter, die Zinsen sogar wohl über die neutrale Rate anheben:

„interest rates are still accommodative, but we’re gradually moving to a place where they’ll be neutral – – not that they’ll be restraining the economy. We may go past neutral. But we’re a long way from neutral at this point, probably.”

 

Die Schuldenparty der Trump-Administration

 

All das spricht für zahlreiche Zinsanhebungen der Fed in den nächsten Quartalen. Faktisch hat Powell wohl nur zwei Möglichkeiten: entweder er bekämpft die absehbar immer stärkere Inflation und bereitet damit den Aktienmärkten ein echtes Problem. Oder die Fed sieht zu, wie die Inflation überschießt – um dann umso herber reagieren zu müssen (genau davor hatte gestern Fed-Mitglied Loretta Mester gewarnt).

Und so dürfte der Anstieg der US-Renditen weiter gehen – und das obwohl die Short-Quote bei Investoren extrem hoch ist (man spekuliert also massenhaft auf weiter steigende US-Renditen, was die Gefahr von großen Schieflagen in sich birgt). Andererseits aber sorgt die Trump-Regierung für einen massiven Anstieg der US-Verschuldung, der durch die Neu-Emission von US-Staatsanleihen refinanziert werden muß. Faktisch kommt also immer mehr Angebot auf den Markt, und die Nachfrage kommt kaum hinterher. Wenn aber das Angebot stärker zunimmt als die Nachfrage, fallen die (Anleihe-)Preise und die Renditen steigen schlicht weiter..

 

The Federal Reserve in Washington D.C. Photo: Dan Smith, Rdsmith4, and another Author / Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

5 Kommentare

5 Comments

  1. Marcus

    4. Oktober 2018 14:55 at 14:55

    Generell muss man aber sagen, das die Renditen zwischen der 3- und der 30-jährigen auch nicht so meilenweit auseinander liegen. Bei der 2jährigen ist es etwas anders, die liegt meiner Ansicht weiter weg von der Spanne 3- 30-jährige. Wie auch immer, zu beobachten ist das vor allem am langen Ende die Renditen recht stark anziehen. In Japan konnte man zuletzt auch beobachten, das die BoJ mittlerweile vor allem am langen Ende deutlich weniger kauft als vorher.

    Ich denke, momentan haben wir einen Trend hin zu einer steileren Renditekurve.

  2. Marko

    4. Oktober 2018 19:40 at 19:40

    Markus,

    alles schön und toll ! Akzeptiert !

    Aber: so ist das nun mal im Leben, solange die EZB nichts macht…. 😀

    Viel Spaß mit den (höheren) Renditen in USD !

    Und ich finde das eigentlich gut, dass hier mal ein wenig „Schwung in die Bude kommt“ – diese „Billigstzinsen“ müssen ein Ende finden, nach 10 Jahren ? 😀

    Nach Lehman, die deutschen Sparer wurden lange genug „über den Tisch gezogen“ ? Hätte natürlich ein paar Auswirkungen auf den Immobilienmarkt….

    “ Aber wenn die Stärke der US-Wirtschaft die Fed zu Zinsanhebungen zwingt (aus Sicht der Märkte), dann hätten eher die kürzer laufenden Anleiherenditen (etwa die der 2-jährigen US-Anleihe) eigentlich stärker anziehen müssen (was aber gestern nicht der Fall war).“

    ?!? Der Amiladen muss doch sowieso die Zinsen erhöhen ? Da viel zu „billig“ ?

  3. Marko

    4. Oktober 2018 19:53 at 19:53

    Der US-Laden wird gnadenlos seine 08/15 Politik durchziehen, d.h. 0,25 %, jeweils zum Quartal, damit die Menschen Lehamn „vergessen“. Das müssen „die“ machen, und zwar „dosiert“…

    Der US-Laden hätte ein ziemlich hohes Interesse, dass unser EZB-Bundesbankbeamtenladen da mitziehen würde ? Das würde ich so sehen ?

    Das ist ganz normal, hat gar nix mit dem Wirtschaftswachstum zu tun, die möchten die Zinsen „hochfahren“…

  4. Mlehgm

    8. Oktober 2018 09:18 at 09:18

    An einem Vortrag vor einem Unternehmerkongress soll der Schweizer NSB CEO ausgeführt haben, dass man keinerlei Grenzen einhalten müsse mit Geld in den Markt pumpen. Einerseits habe man damit ein Werzeug ohne Grenzen in der Hand und anderseits gibt es auch keine Gläubiger gegenüber der Nationalbank die ihr Geld zurückverlangen könnten.
    Als kaufen die Staaten (China lässt grüssen) mit gedrucktem Geld alles auf der Welt auf, was ihnen strategisch wichtig erscheint. Dies ist bei dem westlichen Kapitalismus geradezu ein Kinderspiel. Ob die Aktienkurse irgendwann fallen oder nicht, ist dabei nicht von Bedeutung, weil es eben keine echten Gläubiger gibt für das selbst geruckte Geld.
    Interessant ist dabei, dass dann die Arbeiterschaft in diesen Konzernen mit der Dividendenerwirtschaftung dieses wertlose Geld in echte Werte umwandeln würden. Kann man sich eine noch grössere Sklavenhaltung der arbeitenden Bevölkerung überhaupt noch vorstellen? Wohl kaum oder?

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Anleihen

Ohhh Wunder: EUGH urteilt, dass EZB-Anleihekäufe rechts sind – hier die Begründung im Wortlaut

Veröffentlicht

am

Sind die EZB-Anleihekäufe verbotene Staatsfinanzierung? De facto sind sie es, denn die EZB ist ein bedeutender Gläubiger zum Beispiel von Italien. Fraglich ist, ob sich Rom ohne die EZB in den letzten Jahren hätte neu verschulden können. Aber was der normale Menschenverstand sagt, und was ein Gericht sagt, das ist ja nicht immer ein und das selbe!

AfD-Gründer Bernd Lucke und der Euro-Kritiker Hans-Olaf Henkel hatten unter anderem die Klage angestoßen, die nun in Luxemburg verhandelt wurde vor dem Europäischen Gerichtshof (EUGH). Laut Lucke sei die EZB mit Abstand der größte Gläubiger der Eurostaaten. Somit finanziere die EZB die Staatsverschuldung in ungeheurem Ausmaß. Die EZB habe diese Anleihekäufe mittlerweile zu einem Teil ihres normalen geldpolitischen Instrumentariums erklärt.

Das dürfe nicht sein. Und ja, so sehen wir das auch, zusammen mit unzähligen Experten. Aber was soll´s. In der Realpolitik zählt sowas nun mal nicht. Da muss eben die eine staatliche Institution Geld drucken, um es der anderen staatlichen Institution in die Hand zu drücken, damit sie sich selbst als Staatsgebilde aufrecht erhalten kann. Hier die beiden aktuellen Headline-Aussagen des EUGH, zum ganz frisch verkündeten Urteil.

Das Programm PSPP der EZB zum Ankauf von Staatsanleihen an den Sekundärmärkten verstößt nicht gegen das Unionsrecht

Es geht nicht über das Mandat der EZB hinaus und verstößt nicht gegen das Verbot der monetären Finanzierung

Die EZB überschreite also nicht ihr Mandat, so der EUGH. Also kann die EZB de facto alles, wirklich alles was sie will, als notwendig erklären im Sinne ihres Mandats? Offenbar ja!?! Hier die gesamte Begründung des EUGH im Wortlaut (lesenswert):

Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Zentralbanken der Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist, bilden das Europäische System der Zentralbanken (im Folgenden: ESZB) und betreiben die Währungspolitik der Union. Vorrangiges Ziel dieser Währungspolitik ist nach den Verträgen der Union die Gewährleistung der Preisstabilität. Seit 2003 hat das ESZB dieses Ziel dahin konkretisiert, dass mittelfristig Inflationsraten von unter, aber nahe 2% gewährleistet werden sollen.

In Anbetracht verschiedener Faktoren, die das Risiko eines mittelfristigen Rückgangs der Preise im Kontext einer Wirtschaftskrise, mit der ein Deflationsrisiko einhergeht, wesentlich erhöht haben, legte die EZB am 4. März 2015 ein Programm zum Ankauf von Staatsanleihen an den Sekundärmärkten (im Folgenden: PSPP2) auf, um wieder zu einer Inflationsrate von unter, aber nahe 2% zu gelangen.

Nach Auffassung der EZB erleichtert der massive Ankauf von Staatsanleihen nämlich den Zugang zu Finanzierungen, die dem wirtschaftlichen Wachstum dienen, indem er den Rückgang der Realzinssätze fördert und die Geschäftsbanken dazu anhält, mehr Kredite zu gewähren. So soll mit dem PSPP eine Lockerung der monetären und finanziellen Bedingungen einschließlich derjenigen für private Haushalte und nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften bewirkt werden, um insgesamt den Konsum und die Investitionsausgaben im Euro-Währungsgebiet zu fördern.

Das PSPP sieht vor, dass jede nationale Zentralbank notenbankfähige Wertpapiere von zentralen, regionalen oder lokalen öffentlich-rechtlichen Emittenten des eigenen Hoheitsgebiets kauft, wobei die Ankäufe nach dem Schlüssel für die Kapitalzeichnung der EZB verteilt werden. Der Anteil der nationalen Zentralbanken am Buchwert der Ankäufe beträgt 90 %, der der EZB 10 %. Am 12. Mai 2017 betrug das Volumen des PSPP 1 534,8 Mrd. Euro. Für das PSPP war ursprünglich eine Laufzeit bis Ende September 2016 vorgesehen. Diese Laufzeit wurde später mehrfach verlängert.

Mehrere Gruppen von Privatpersonen erhoben beim Bundesverfassungsgericht (Deutschland) Verfassungsbeschwerden gegen verschiedene Beschlüsse der EZB, die Mitwirkung der deutschen Bundesbank an der Umsetzung dieser Beschlüsse oder ihre behauptete Untätigkeit im Hinblick auf diese sowie die behauptete Untätigkeit der Bundesregierung und des Deutschen Bundestags im Hinblick auf diese Mitwirkung und auf diese Beschlüsse.

Diese Gruppen von Privatpersonen machen im Wesentlichen geltend, dass die fraglichen Beschlüsse der EZB zusammen betrachtet einen ultra vires ergangenen Rechtsakt darstellten, da sie die Verteilung der Kompetenzen zwischen der Europäischen Union und den Mitgliedstaaten missachteten, weil sie nicht vom Mandat der EZB gedeckt seien, und gegen das Verbot der monetären Finanzierung verstießen. Außerdem verletzten die Beschlüsse das im Grundgesetz niedergelegte Demokratieprinzip und beeinträchtigten dadurch die deutsche Verfassungsidentität.

Das Bundesverfassungsgericht weist darauf hin, dass es den Verfassungsbeschwerden stattgeben müsse, falls das PSPP über das Mandat der EZB hinausgehe oder gegen das Verbot der monetären Finanzierung verstoße. Dies gelte auch, falls die sich aus dem PSPP ergebende Verlustverteilung das Budgetrecht des Deutschen Bundestages beeinträchtige. Das Bundesverfassungsgericht hat daher beschlossen, den Gerichtshof zur Gültigkeit des PSPP am Maßstab des Unionsrechts zu befragen.

Mit Urteil vom heutigen Tag stellt der Gerichtshof fest, dass die Prüfung der vom Bundesverfassungsgericht vorgelegten Fragen nichts ergeben hat, was die Gültigkeit des PSPP beeinträchtigen könnte. Zum einen stellt der Gerichtshof fest, dass das PSPP nicht über das Mandat der EZB hinausgeht. Dieses Programm fällt in den Bereich der Währungspolitik, in dem die Union für die Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist, eine ausschließliche Zuständigkeit hat, und achtet den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

Das PSPP soll dazu beitragen, dass sich die Inflationsraten mittelfristig wieder einem Niveau von unter, aber nahe 2 % annähern. Es ist nicht ersichtlich, dass die vom ESZB vorgenommene Konkretisierung des Ziels der Gewährleistung der Preisstabilität, nämlich mittelfristig Inflationsraten von unter, aber nahe 2% zu gewährleisten, mit einem offensichtlichen Beurteilungsfehler behaftet ist und den durch die Verträge der Union festgelegten Rahmen überschreitet.

Der Gerichtshof weist darauf hin, dass eine währungspolitische Maßnahme nicht allein deshalb einer wirtschaftspolitischen Maßnahme gleichgestellt werden kann, weil sie mittelbare Auswirkungen haben kann, die auch im Rahmen der Wirtschaftspolitik angestrebt werden können. Um Einfluss auf die Inflationsraten zu nehmen, muss das ESZB vielmehr zwangsläufig Maßnahmen ergreifen, die gewisse Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben, die – zu anderen Zwecken – auch im Rahmen der Wirtschaftspolitik angestrebt werden könnten.

Würde dem ESZB jegliche Möglichkeit verwehrt, solche Maßnahmen zu ergreifen, wenn ihre Auswirkungen vorhersehbar sind und bewusst in Kauf genommen werden, dann wäre es ihm in der Praxis verboten, die Mittel anzuwenden, die ihm durch die Verträge zur Erreichung der Ziele der Geldpolitik zur Verfügung gestellt sind; dies könnte insbesondere im Kontext einer Wirtschaftskrise, mit der ein Deflationsrisiko einhergeht, ein unüberwindbares Hindernis für die Erfüllung der ihm nach dem Primärrecht obliegenden Aufgabe darstellen. Außerdem geht aus dem Primärrecht eindeutig hervor, dass die EZB und die nationalen Zentralbanken grundsätzlich auf den Finanzmärkten tätig werden können, indem sie auf Euro lautende börsengängige Wertpapiere endgültig kaufen und verkaufen.

Nach den Angaben, über die der Gerichtshof verfügt, ist nicht ersichtlich, dass die wirtschaftliche Analyse des ESZB, derzufolge das PSPP unter den monetären und finanziellen Bedingungen des Euro-Währungsgebiets geeignet war, zur Erreichung des Ziels der Gewährleistung der Preisstabilität beizutragen, einen offensichtlichen Beurteilungsfehler aufweist. Das PSPP geht nach seinem Grundgedanken nicht offensichtlich über das zur Erhöhung der Inflationsrate Erforderliche hinaus. Insbesondere erweist sich, dass die Gefahr einer Deflation durch den Einsatz der anderen Instrumente, über die das ESZB verfügte, nicht abgewendet werden konnte. Die Leitzinsen waren auf ein Niveau festgesetzt, das sich der in Betracht kommenden Untergrenze näherte, und das ESZB hatte bereits seit mehreren Monaten ein Programm zum massiven Ankauf von Wertpapieren des Privatsektors durchgeführt.

Zu den Anwendungsmodalitäten des PSPP stellt der Gerichtshof fest, dass dieses Programm nicht selektiv ist und nicht den besonderen Finanzierungsbedürfnissen bestimmter Mitgliedstaaten des Euro-Währungsgebiets Rechnung trägt. Es erlaubt nicht den Kauf von Wertpapieren, die ein hohes Risiko aufweisen, und sieht strenge Ankaufobergrenzen pro Emission und Emittent vor. Zudem räumt es dem Ankauf von Anleihen privater Wirtschaftsteilnehmer Vorrang ein. Es erscheint nicht offensichtlich, dass ein Programm für den Erwerb von Staatsanleihen von geringerem Umfang oder kürzerer Dauer genau so wirkungsvoll und schnell wie das PSPP eine vergleichbare Entwicklung der Inflation hätte gewährleisten können, wie sie vom ESZB angestrebt wird, um das von den Verfassern der Verträge festgelegte vorrangige Ziel der Währungspolitik zu erreichen.

Außerdem hat das ESZB die verschiedenen beteiligten Interessen so gegeneinander abgewogen, dass tatsächlich vermieden wird, dass sich bei der Durchführung des PSPP Nachteile ergeben, die offensichtlich außer Verhältnis zu den verfolgten Zielen stehen. Insbesondere hat es die Risiken, denen der beträchtliche Umfang der im Rahmen des PSPP getätigten Wertpapierankäufe die Zentralbanken der Mitgliedstaaten gegebenenfalls aussetzen konnte, gebührend berücksichtigt und war der Ansicht, dass eine allgemeine Verlustteilungsregel nicht einzuführen sei.

Zum anderen stellt der Gerichtshof fest, dass das PSPP nicht gegen das Verbot der monetären Finanzierung verstößt, das dem ESZB untersagt, einem Mitgliedstaat Kreditfazilitäten zu gewähren. Die Durchführung dieses Programms hat nicht die gleiche Wirkung wie der Ankauf von Anleihen an den Primärmärkten und nimmt den Mitgliedstaaten nicht den Anreiz, eine gesunde Haushaltspolitik zu verfolgen.

Das PSPP ist mit Garantien versehen, die sicherstellen, dass ein privater Marktteilnehmer beim Erwerb von Anleihen eines Mitgliedstaats nicht sicher sein kann, dass das ESZB diese in absehbarer Zeit tatsächlich ankaufen wird. Der Umstand, dass die Modalitäten des PSPP den Erwerb eines erheblichen Volumens von Anleihen öffentlich-rechtlicher Körperschaften und Einrichtungen der Mitgliedstaaten auf makroökonomischer Ebene vorhersehbar machen, kann einem konkreten privaten Marktteilnehmer keine solche Gewissheit verschaffen, dass er faktisch wie eine Mittelsperson des ESZB für den unmittelbaren Erwerb von Anleihen von einem Mitgliedstaat agieren könnte.

Des Weiteren erlaubt dieses Programm den Mitgliedstaaten nicht, ihre Haushaltspolitik festzulegen, ohne zu berücksichtigen, dass die Kontinuität der Durchführung des Programms mittelfristig keineswegs gewährleistet ist und sie daher im Fall eines Defizits nach einer Finanzierung auf dem Markt zu suchen haben werden, ohne von der Lockerung der Finanzierungsbedingungen profitieren zu können, die die Durchführung des PSPP möglicherweise bewirkt.

Außerdem sind die Auswirkungen des PSPP auf den Anreiz, eine gesunde Haushaltspolitik zu verfolgen, durch die Begrenzung des monatlichen Gesamtvolumens der Ankäufe von Wertpapieren des öffentlichen Sektors, die Subsidiarität des PSPP, die Verteilung der Ankäufe zwischen den nationalen Zentralbanken anhand des Schlüssels für die Kapitalzeichnung der EZB, die Ankaufobergrenzen pro Emission und Emittent (die bewirken, dass nur ein geringer Teil der von einem Mitgliedstaat ausgegebenen Anleihen vom ESZB im Rahmen des PSPP erworben werden kann) und die hohen Zulassungskriterien (die auf einer Bonitätsbeurteilung beruhen) beschränkt.

Zudem steht das Verbot der monetären Finanzierung weder dem Halten von Anleihen bis zur ihrer Endfälligkeit noch dem Ankauf von Anleihen mit negativer Endfälligkeitsrendite entgegen.

EUGH-Urteil über EZB-Anleihekäufe
Der EUGH in Luxemburg. Foto: Cédric Puisney CC BY 2.0

weiterlesen

Anleihen

Aktuell: Kommt ein Deal zwischen der EZB und Italien?

In den letzten Tagen war die italienische Regierung ja erstaunlich handzahm – jetzt zeichnet sich ab, warum..

Veröffentlicht

am

In den letzten Tagen war die italienische Regierung ja erstaunlich handzahm – man sei bereit, das Defizitziel zu senken – das bekräftigte heute aktuell auch Armando Siri, der ökonomische Berater des eigentlich starken Mannes Italiens, Matteo Salvini. Man könne von 2,4%, auf 2,2% oder 2,3% gehen (von derzeit noch 2,4%), so Siri.

Woher kommt diese plötzliche Kompromißbereitschaft? Nun, dafür – darauf verdichten sich aktuell die Hinweise – gibt es wohl ein sehr konkretes „Zuckerl“ für Italien! So gibt es sich verdichtende Gerüchte, dass die EZB für Italien das sogenannte „OMT“ (Outright Monetary Transactions) wieder aufleben lassen könnte. Zur Erinnerung: das OMT-Programm wurde im Jahr 2012 in Kraft gesetzt, kurz nach den vielleicht wichtigsten Worten der Finanzgeschichte von Mario Draghi im Juli 2012, als er sagte, die EZB „..is ready to do whatever it takes to preserve the Euro. And believe me, it will be enough.“

Formal muß ein Land dieses OMT durch die EZB beantragen, sich dabei aber an die Vorgaben der Notenbank halten. Die EZB kauft dann Anleihen des Landes am Sekundärmarkt – also von den Banken, nicht von dem jeweiligen Staat selbst! Das wäre natürlich für die italienischen Banken, die vollgesogen sind mit italienischen Staatsanleihen (sie besitzen derzeit kanpp mehr als ein Viertel aller italienischen Anleihen und haben ihren Anteil in den letzten Monaten noch einmal deutlich aufgestockt, während „Ausländer“ ihre Bestände um 3% reduziert hatten, laut Angaben der italienischen Notenbank) ein Segen!

Bislang ist das OMT noch nie umgesetzt worden – es diente mit Einführung auf dem Hochpunkt der Eurokrise 2012 vor allem zur Beruhigung der Märkte, als letzter Anker, wenn alles wegdriftet. Dass die EZB nun offenkudnig überlegt, erstmals das OMT in die Praxis zu überführen mit Italien, zeigt, wie schwer die Lage des Landes wirklich ist..


By World Economic Forum – Cropped from File:Mario Draghi World Economic Forum 2013.jpg, original source Flickr: Special Address: Mario Draghi, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24229287

weiterlesen

Anleihen

Die Alles-Blase: Warum die Verschuldung der US-Unternehmen implodieren und das Vermögen der Amerikaner schrumpfen wird!

„Man muß notwendige Grausamkeiten möglichst früh begehen“ – und warum es verhängnisvoll ist, wenn Notenbanken genau das verhindern wollen..

Veröffentlicht

am

Die Wohlstandsillusion

Die Notenbanken haben mit ihrer Geldpolitik, die auf das Platzen der US-Immobilienblase reagierte, zunächst einmal den „Karren aus dem Dreck“ gezogen. Federführend war dabei der damalige Fed-Chef Ben Bernanke, der als der große Kenner der Großen Depression aus den 1930er-Jahren galt (und gilt). Seine Schlußfolgerung war: wir müssen die Märkte mit Liquidität fluten, um einen Zusammenbruch wie in den 1930er-Jahren zu verhindern (genau das taten damals die Notenbanken nicht).

Diese Reaktion ist verständlich – aber langfristig wohl verhängnisvoll. Denn sie läßt eine Lebensweisheit außer acht, die da lautet: „Man muß notwendige Grausamkeiten möglichst früh begehen“! Wer immer nur darauf erpicht ist, Schmerzen zu vermeiden (etwa durch den Konsum von Medikamenten), der arbeitet nur am Symptom, nicht aber an der Ursache. Die Ursache aber ist, dass der Westen über seine Verhältnisse lebt – und sich das aber nicht eingestehen will und mithilfe der Notenbanken eine Wohlstandsillusion aufrecht erhält, die dauerhaft nicht aufrecht zu erhalten ist.

Ja: ein Zusammenbruch wie damals ab dem Jahr 1929 ist bitter – aber eben auch eine notwendige Bereinigung des Systems, die dann zu einer Gesundung eben dieses Systems führen kann. Zwar blühte damals der politische Extremismus im Gefolge der Wirtschaftskrise (mit der extremsten Form im deutschen Nationalsozialismus) – aber die extremistischen Tendenzen nehmen derzeit auch klar erkennbar zu. Und das trotz des verzweifelten Versuchs, die Wohlstandsillusion aufrecht zu erhalten, trotz der Tatsache, dass es sehr vielen Menschen im Westen materiell so gut geht wie noch nie.

 

Das Platzen einer Illusion – ein Unfall in Zeitlupe

Aber das wird wohl nicht so bleiben – und genau das spüren viele Menschen. Denn das Platzen der Wohlstandsillusion ist eigentlich kaum zu verhindern, sondern nur künstlich noch etwas aufschiebbar. Dass auch die Finanzmärkte derzeit so verunsichert sind, liegt daran, dass die Notenbanken nun ihre aktive Mitarbeit an der „Alles-Blase“ aufgekündigt haben – und damit völlig unklar ist, wie es weiter gehen soll.

Im Folgenden möchten wir Ihnen zwei (englischsprachige) Videos an Herz legen, beide von Jesse Colombo. Im ersten Video zeigt er, dass das Vermögen der Amerikaner im Vergleich zum BIP der USA so hoch ist wie noch nie – aufgrund der „Alles-Blase“. Die Amerikaner sind die großen Profiteure dieser Alles-Blase, weil sie vor allen an den explodierenden Finanzmärkten aktiv waren und sind (hier mehr dazu). Seit der Finanzkrise ist das Vernögen der Amerikaner um 46 Billionen Dollar gestiegen, hat sich also seitdem mit 83% fast verdoppelt. Und das kann auf Dauer nicht so bleiben:

Das gilt auch für die Verschuldung der US-Unternehmen – das ist vermutlich die Blase, deren Platzen dann die nächste Finanzkrise auslösen wird, wie Jesse Colombo zeigt:


Von Frank Liebig – Archiv Frank Liebig, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61315444

weiterlesen

Anmeldestatus

Online-Marketing

Online-Marketing hier bei uns! Ihr Unternehmen / Pressefach auf finanzmartwelt.de = Effektives Online-Marketing
Höchst personalisierbare Strategien
Faire Preise
Pressefächer und Meldungen
Content relevante Artikel und mehr
Jetzt informieren

Meist gelesen 30 Tage

Wenn Sie diese Webseite weiter verwenden, stimmen Sie automatisch der Verwendung von Cookies zu. Zur Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen