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Erdbeben in Zeitlupe: Der Anstieg der US-Renditen – Geld wird immer teurer

Gestern verbuchten US-Staatsanleihen den größten Abverkauf seit der Wahl von Donald Trump. Warum?

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Der Abverkauf

 

Gestern verbuchten US-Staatsanleihen den größten Abverkauf seit der Wahl von Donald Trump – also seit fast zwei Jahren. Am heutigen Donnerstag setzte sich das fort, die 10-jährige US-Staatsanleihe stieg auf 3,23% und damit auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2011. Dazu stiegen die US-Staatsanleihen mit 2-jähriger, 5-jähriger und 7-jähriger Laufzeit auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise.

 

 

(Rendite der 5-jährigen US-Staatsanleihe mit Ausbruch nach oben; Chart: northmantrader.com; durch anklicken vergrößern)

Das alles bedeutet: (Dollar-)Geld wird teurer – und das ist für die Aktienmärkte mehr und mehr ein Problem, schließlich war die Rally seit der Finanzkrise im Wesentlichen eine durch die Notenbanken ausgelöste Liquiditäts-Party mit kostenlosem Geld.

 

Warum steigen die Renditen so stark?

Was ist der Grund für den so heftigen Anstieg der US-Renditen? Auffallend war zunächst, dass vor allem die Renditen für länger laufende US-Staatsanleihen wie die 10-jährige US-Anleihe und die 30-jährige Anleihe besonders stark nach oben gingen – womit sich die zuletzt immer flachere US-Zinskurve wieder deutlich versteilte (gut für Banken!). Damit wird ein Argument in Frage gestellt, das durchaus einige Plausibilität hat: dass die Renditen nach oben gehen, weil das Wachstum der US-Wirtschaft so stark ist. Aber wenn die Stärke der US-Wirtschaft die Fed zu Zinsanhebungen zwingt (aus Sicht der Märkte), dann hätten eher die kürzer laufenden Anleiherenditen (etwa die der 2-jährigen US-Anleihe) eigentlich stärker anziehen müssen (was aber gestern nicht der Fall war).

Klar: ist eine Wirtschaft stark, steigen in der Regel die Renditen für Staatsanleihen, die eine Art Kompensation bieten müssen im Vergleich zu anderen Investments, etwa in Wachstums-Werte am Aktienmarkt. Aber gestern zogen besonders die Inflations-bereinigten Renditen stark an (bei der 10-jährigen Anleihe gestern auf 0.986%), und das bedeutet: aus Sicht der Märkte hat die Unsicherheit über das weitere Vorgehen der Fed zugenommen, die Märkte fordern nun einen Ausgleich für ihre steigenden Inflationserwartungen auch im längeren Zeitfenster – daher der Anstieg der längerfristigen Renditen und die Versteilung der US-Zinskurve.

 

Wenn die Nachfrage geringer und das Angebot größer wird..

Dazu kommen aber noch andere Faktoren! Etwa die Pensionsfonds von US-Unternehmen, die bis zum Ende der Frist – Mitte September – vor allem 30-jährige US-Staatsanleihen kauften, weil sie dieses Investment steuerlich absetzen konnten im Gefolge der US-Steuerreform. Nach Ablauf der Frist aber, das zeigen Daten der Deutschen Bank, haben diese Käufe durch US-Pensionsfonds stark nachgelassen – wodurch eine bedeutende Käufer-Gruppe wegfällt.

Dazu kommt, das hat gestern PIMCO-Legende Bill Gross thematisiert, die Zurückhaltung ausländischer Käufer aus Europa und Japan. Deren Hedging-Kosten wären zuletzt stark gestiegen (sie müssen sich immer höher verzinste und damit „teurere“ Dollars leihen, um die Anleihen zu kaufen), was die Renditerwartungen dieser Investoren fast komplett auffresse:

Gestern Abend goß Fed-Chef dann noch mehr Öl ins Feuer: es sei noch ein weiter Weg, so Powell, bis man die Geldpolitik der Fed nicht mehr als „unterstützend“ („accommodative“) bezeichnen könne. Subtext: wir müssen noch oft die Zinsen anheben, bis der Zinssatz „neutral“ ist (also weder die Konjunktur unterstützend noch bremsend). Man müsse, so Powell weiter, die Zinsen sogar wohl über die neutrale Rate anheben:

„interest rates are still accommodative, but we’re gradually moving to a place where they’ll be neutral – – not that they’ll be restraining the economy. We may go past neutral. But we’re a long way from neutral at this point, probably.”

 

Die Schuldenparty der Trump-Administration

 

All das spricht für zahlreiche Zinsanhebungen der Fed in den nächsten Quartalen. Faktisch hat Powell wohl nur zwei Möglichkeiten: entweder er bekämpft die absehbar immer stärkere Inflation und bereitet damit den Aktienmärkten ein echtes Problem. Oder die Fed sieht zu, wie die Inflation überschießt – um dann umso herber reagieren zu müssen (genau davor hatte gestern Fed-Mitglied Loretta Mester gewarnt).

Und so dürfte der Anstieg der US-Renditen weiter gehen – und das obwohl die Short-Quote bei Investoren extrem hoch ist (man spekuliert also massenhaft auf weiter steigende US-Renditen, was die Gefahr von großen Schieflagen in sich birgt). Andererseits aber sorgt die Trump-Regierung für einen massiven Anstieg der US-Verschuldung, der durch die Neu-Emission von US-Staatsanleihen refinanziert werden muß. Faktisch kommt also immer mehr Angebot auf den Markt, und die Nachfrage kommt kaum hinterher. Wenn aber das Angebot stärker zunimmt als die Nachfrage, fallen die (Anleihe-)Preise und die Renditen steigen schlicht weiter..

 

The Federal Reserve in Washington D.C. Photo: Dan Smith, Rdsmith4, and another Author / Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    Marcus

    4. Oktober 2018 14:55 at 14:55

    Generell muss man aber sagen, das die Renditen zwischen der 3- und der 30-jährigen auch nicht so meilenweit auseinander liegen. Bei der 2jährigen ist es etwas anders, die liegt meiner Ansicht weiter weg von der Spanne 3- 30-jährige. Wie auch immer, zu beobachten ist das vor allem am langen Ende die Renditen recht stark anziehen. In Japan konnte man zuletzt auch beobachten, das die BoJ mittlerweile vor allem am langen Ende deutlich weniger kauft als vorher.

    Ich denke, momentan haben wir einen Trend hin zu einer steileren Renditekurve.

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    Marko

    4. Oktober 2018 19:40 at 19:40

    Markus,

    alles schön und toll ! Akzeptiert !

    Aber: so ist das nun mal im Leben, solange die EZB nichts macht…. 😀

    Viel Spaß mit den (höheren) Renditen in USD !

    Und ich finde das eigentlich gut, dass hier mal ein wenig „Schwung in die Bude kommt“ – diese „Billigstzinsen“ müssen ein Ende finden, nach 10 Jahren ? 😀

    Nach Lehman, die deutschen Sparer wurden lange genug „über den Tisch gezogen“ ? Hätte natürlich ein paar Auswirkungen auf den Immobilienmarkt….

    “ Aber wenn die Stärke der US-Wirtschaft die Fed zu Zinsanhebungen zwingt (aus Sicht der Märkte), dann hätten eher die kürzer laufenden Anleiherenditen (etwa die der 2-jährigen US-Anleihe) eigentlich stärker anziehen müssen (was aber gestern nicht der Fall war).“

    ?!? Der Amiladen muss doch sowieso die Zinsen erhöhen ? Da viel zu „billig“ ?

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    Marko

    4. Oktober 2018 19:53 at 19:53

    Der US-Laden wird gnadenlos seine 08/15 Politik durchziehen, d.h. 0,25 %, jeweils zum Quartal, damit die Menschen Lehamn „vergessen“. Das müssen „die“ machen, und zwar „dosiert“…

    Der US-Laden hätte ein ziemlich hohes Interesse, dass unser EZB-Bundesbankbeamtenladen da mitziehen würde ? Das würde ich so sehen ?

    Das ist ganz normal, hat gar nix mit dem Wirtschaftswachstum zu tun, die möchten die Zinsen „hochfahren“…

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    Mlehgm

    8. Oktober 2018 09:18 at 09:18

    An einem Vortrag vor einem Unternehmerkongress soll der Schweizer NSB CEO ausgeführt haben, dass man keinerlei Grenzen einhalten müsse mit Geld in den Markt pumpen. Einerseits habe man damit ein Werzeug ohne Grenzen in der Hand und anderseits gibt es auch keine Gläubiger gegenüber der Nationalbank die ihr Geld zurückverlangen könnten.
    Als kaufen die Staaten (China lässt grüssen) mit gedrucktem Geld alles auf der Welt auf, was ihnen strategisch wichtig erscheint. Dies ist bei dem westlichen Kapitalismus geradezu ein Kinderspiel. Ob die Aktienkurse irgendwann fallen oder nicht, ist dabei nicht von Bedeutung, weil es eben keine echten Gläubiger gibt für das selbst geruckte Geld.
    Interessant ist dabei, dass dann die Arbeiterschaft in diesen Konzernen mit der Dividendenerwirtschaftung dieses wertlose Geld in echte Werte umwandeln würden. Kann man sich eine noch grössere Sklavenhaltung der arbeitenden Bevölkerung überhaupt noch vorstellen? Wohl kaum oder?

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Anleihen

Deutsche Staatsanleihen – das Interesse lässt nach

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Die Flucht in vermeintliche Sicherheit hatte im vergangenen Jahr schon unglaubliche Entwicklungen auf dem Markt für Staatsanleihen ausgelöst – besonders deutsche Staatsanleihen waren gefragt. Über ein Viertel der weltweiten Staatsbonds (17 Billionen Dollar) notierte daher im negativen Bereich. Diese Summe hat sich in den letzen Wochen wieder der 10 Billionen-Dollar-Marke genähert. Als einer der sichersten Häfen waren die deutschen Staatsanleihen gefragt, mit kurzzeitig negativer Verzinsung in allen Laufzeiten – bis zur 30-jöhrigen Staatsanleihe. Doch inzwischen hat sich doch einiges geändert, wie die jüngsten Emissionen zeigen.

Deutsche Staatsanleihen – Unterdeckung

Der Renditeanstieg bei deutschen Staatsanleihen schreitet voran. Während man zum Höhepunkt der „Kurshausse“ bei den deutschen 10-jährigen Bunds Anfang September 2019 noch eine Verzinsung von minus 0,74 Prozent akzeptierte, sind es aktuell nur noch minus 0,21 Prozent. Aber mehr noch: Bei der Emission neuer 30-jähriger deutscher Staatsanleihen am Mittwoch kam es zu einer Unterdeckung, sprich die Nachfrage fiel geringer aus als das Angebot des deutschen Staates. Man hatte 1,5 Milliarden Euro angeboten, die Nachfrage belief sich aber nur auf 1,2 Milliarden Euro. Dies war auch schon vor Wochenfrist der Fall, als es für eine neue 10-Jährige auch schon zu wenig Nachfrage gab.

Mit dem Rückgang der Negativrendite zeigt sich damit ein Trend: Der Hunger der Investoren auf deutsche Staatsanleihen mit einem Nullkupon hat nachgelassen, die Schwelle für die Negativverzinsung liegt derzeit bei einer Laufzeit von 14 Jahren. Bisher wurden viele Papiere, die eine Negativverzinsung geboten hatten, sehr zur Verwunderung mancher Beobachter gekauft – einfach auch aus dem Grund, weil man bei weiter nachgebenden Zinsen schöne Kursgewinne einfahren konnte. Dies scheint aber jetzt vorbei zu sein, der Kauf von Anleihen mit Negativverzinsung und langer Laufzeit könnte sich wegen der Duration zu einem waghalsigen Geschäft entwickeln.

Fazit

Die Angst vor einem weiteren Absacken der Konjunktur hat nachgelassen, die Kurse deutscher Staatspapiere haben nachgegeben und den spekulativen Anlegern sehr viel Geld gekostet. Was wird erst die österreichische 100-Jährige an Kursverlusten eingefahren haben? In Deutschland wird die Diskussion um die Abkehr von der schwarzen Null auch immer lauter, es werden nicht nur von der EZB von Deutschland staatliche Investitionsprgramne gefordert, auch Maßnahmen gegen den Klimawandel könnten zur Emission neuer Papiere führen. Also doch ein langsamer Zinsanstieg? Dies würde aber (kurzfristig) die Anleihen noch einmal unattraktiver zu den Dividendenpapieren machen – TINA könnte nochmals einen kleinen (letzten?) Schub bekommen.

 

Deutsche Staatsanleihen waren zuletzt weniger gefragt - wohl nicht zur Freude von Bundesfinanzminister Scholz

Olaf Scholz. Foto: Christoph Braun CC0

 

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Anleihen

Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit: Das sind die Gründe ihres Booms!

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Negative Zinsen haben einen Boom für 100-jährige Anleihen ausgelöst. Denn das sind eine der letzten verbliebenen Bastionen positiver Zinsen. Der Nachteil: Die Zinsen sind trotz der langen Laufzeit erstaunlich niedrig und für 100 Jahre festgeschrieben. Gibt es in der Zwischenzeit Inflation oder geht der Schuldner pleite, haben Sie als Anleger Pech gehabt!

Die Bundesrepublik Deutschland beschränkt sich bis jetzt auf eine maximale Laufzeit von 30 Jahren bei neu emittierten Anleihen. Die Rendite liegt dabei derzeit bei nur 0,31%. Angesichts dieser historischen Niedrigzinsen haben aber bereits einige andere staatliche und private Emittenten begonnen, Anleihen mit 100-jähriger Laufzeit auszugeben. Die Zinsen sind dabei zwar deutlich höher als bei 30-jähriger Laufzeit, aber im historischen Maßstab niedrig. Der Emittent sichert sich damit das derzeit niedrige Zinsniveau für die kommenden 100 Jahre, während Anleger deutlich höhere Zinsen bekommen, als es bei Anleihen mit kürzerer Laufzeit möglich wären.

So erzielen Sie überproportionale Kursgewinne bei weiter fallenden Zinsen!

Solange die Zinsen weiter sinken, können Anleger sogar überproportionale Kursgewinne mit den lang laufenden Anleihen erzielen. Denn Kurse und Renditen sind bei Anleihen negativ miteinander gekoppelt. Anleihen des gleichen Emittenten mit gleicher Laufzeit haben stets die gleiche Rendite. Eine im Jahr 2005 herausgegebene Anleihe der Bundesrepublik Deutschland mit Fälligkeit im Jahr 2030 wirft pro Jahr 6,25% Zinsen ab. Eine neue Anleihe mit Fälligkeit im Jahr 2030 bringt hingegen nur noch 0% Zinsen. Wäre der Kurs beider Anleihen gleich, würden alle Anleger die Anleihe aus dem Jahr 2005 kaufen, die 6,25% Zinsen abwirft. Dadurch steigt der Kurs dieser alten Anleihe. Derzeit müssen Sie für diese alte Anleihe 165,81% des Nennwerts bezahlen.

Sie bezahlen also heute 1.658,10 Euro, bekommen aber nur auf 1.000 Euro 6,25% Zinsen und im Jahr 2030 auch nur 1.000 Euro Rückzahlung. Alle Zahlungsströme zusammengerechnet ergibt das ein Nullsummenspiel: 0% Rendite. Genauso wie die heute neu emittierte Anleihe mit 0% Zinsen und 10 Jahren Laufzeit.

Sinken also die Zinsen am Markt, müssen die Kurse bereits emittierter Anleihen steigen, um die niedrigere Marktrendite zu reflektieren. Je länger die Restlaufzeit einer Anleihe und je höher deren Zins ist, umso stärker steigen die Kurse, um die sinkende Marktrendite zu reflektieren. Es ist dieser Effekt, der die überdurchschnittlich gute Rendite von Anleihefonds und Rentenversicherungen in den vergangenen Jahren erzeugte.

Doch es ist nur ein temporärer Effekt. Bis zur Endfälligkeit der Anleihen sinkt der Kurs wieder auf 100%. Rentenfonds haben also heute eine gute Performance, dafür in den kommenden Jahren eine schlechtere. Mit möglichst lang laufenden Anleihen kann dieser Effekt noch ein wenig in die Zukunft verschoben werden. Denn bei den Langläufern wie den 100-jährigen Anleihen sind die Kursgewinne exorbitant, solange die Zinsen weiter fallen. Eine im September 2017 mit 2,1% Zinsen herausgegebene Anleihe Österreichs erzielte bis heute fast 61% Kursgewinn. Denn der Marktzins für 100-jährige Anleihen Österreichs sank in diesen nicht einmal 30 Monaten von 2,1% auf 1,04%.

Eine vor zehn Monaten herausgegebene 100-jährige Anleihe Nordrhein-Westfalens bringt es auf 36,7% Kursgewinn. Und behält der Wirtschaftswissenschaftler, über den ich gestern berichtete, Recht, dann wird diese Entwicklung auch noch in den kommenden Jahrzehnten weitergehen. Denn er geht davon aus, dass bis zum Ende des Jahrhunderts auch die Mehrheit der lang laufenden Anleihen weltweit negative Renditen aufweisen wird.

Langläufer-Anleihen haben auch große Risiken!

Die Sache hat nur zwei Haken:

1)
Kehrt sich der Zinstrend wider Erwarten um, werden diese Anleihen überproportionale Kursverluste aufweisen, um den steigenden Marktzinsen zu folgen.
2)
Geht der Emittent in diesem für Menschen unüberschaubaren Zeitraum pleite, ist das Geld zum Großteil bis vollständig verloren.

Und so sicher auch Emittenten wie Österreich oder Deutschland wirken, sie sind es nicht. In den vergangenen 102 Jahren fiel das Deutsche Kaiserreich, es gab Hyperinflation, den 2. Weltkrieg, die DDR entstand und ging unter. Wer eine Deutsche 100-jährige Anleihe im Jahr 1918 zeichnete, weil er von sinkenden Zinsen in den kommenden 100 Jahren ausging, hatte also gleich mehrmals die Chance, damit all sein Geld zu verlieren.

Wie schnell das gehen kann, erleben gerade diejenigen Anleger, die erst Ende Dezember 2017 100-jährige Anleihen Argentiniens zeichneten. Die warfen schon damals 7,125% Zinsen ab. Heute liegt die Rendite schon bei 15,6% und der Kurs sank um 52,5%! Denn die Bonität Argentiniens wird heute, kaum mehr als zwei Jahre nach der Emission, deutlich schlechter eingeschätzt.

Der morbide Charme von Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit

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Anleihen

Zinsen fallen – und zwar seit Jahrhunderten

Die Zinsen fallen in ihrer Tendenz schon seit dem Jahr 1300!

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Es klingt unglaublich, was eine wissenschaftliche Langzeit-Studie des Harvard-Wissenschaftlers Paul Schmelzing zutage gebracht hat: Die Zinsen fallen in ihrer Tendenz schon seit dem Jahr 1300, aber jetzt ist ein kritischer Punkt erreicht.

Die aktuellen Niedrigzinsen

In vielen Wirtschaftsmedien wird seit Monaten die Frage diskutiert, welch unsinniges Niveau die Zinsen weltweit angenommen haben. Viele Ökonomen führen die jetzige Zinssituation auf geldpolitische Fehlentscheidungen der letzten Jahre beziehungsweise Jahrzehnte (Japan) zurück. Auf Negativzinsen ist unser ganzes Geldsystems sicherlich nicht vorbereitet, aber der Trend zu immer niedrigeren Zinsen ist uralt, wie die wissenschaftliche Arbeit des Harvard-Wissenschaftlers Paul Schmelzing nachweist: seine Datensätze zur Zinslandschaft reichen bis ins frühe 14. Jahrhundert zurück.

Die historische Entwicklung der Zinsen

Schmelzings erste Zinsdaten stammen bereits aus dem Jahre 1311, aus den italienischen Stadtstaaten Venedig, Genua und Florenz, die als erste Institutionen die Möglichkeit boten Geld verzinslich anzulegen – zu wahrlich fürstlichen Konditionen. Die Auflistung der historischen Zinsdaten ergeben ein umfassendes Bild der Kreditgeschichte in den westlichen Ländern, sogar unter Berücksichtigung des realen Zinsniveaus, also unter Einberechnung der Inflationsraten. Schmelzing kommt hierbei zu dem Ergebnis, dass es nicht erst seit dem 20. Jahrhundert einen Trend zu niedrigeren Zinsen gibt, sondern dass dieser Trend schon mindestens 500 Jahren alt ist. Dabei sei es auch egal, welches Land man hier in die Betrachtung einbeziehe.

Für das gesamte 20. Jahrhundert kommt der Autor auf eine Realverzinsung langfristiger sicherer Anlehen, zum Beispiel die der US-Treasuries von zwei Prozent. Im 19. Jahrhundert lag der reale Zins nach seinen Berechnungen bei 3,4 Prozent, im 17. Jahrhundert bei 4,6 Prozent und noch einmal 200 Jahre vorher waren es 9,1 Prozent gewesen.

Aktuell ragen insbesondere Deutschland und Japan (aber auch die Schweiz) mit einem extrem gesunkenen Zinsniveau heraus. Im Bereich der zehnjährigen Bundesanleihen muss man einen jährlichen Wertverlust oder eine Minusverzinsung von 0,2 Prozent in Kauf nehmen. Vor einem Jahrzehnt gab es noch drei Prozent plus. Noch negativer wird es bei Einbeziehung der Realverzinsung: Anfang 2010 gab es mit mit den Zehnjährigen noch einen 2,5 Prozent-Vermögenszuwachs erzielen, heute ist es ein Minus von 1,3 Prozent p.a.

Die Erklärung für das sinkende Niveau der Zinsen

Als Erklärung für das tendenziell sinkende Zinsniveau wird die Zahl der Konflikte zwischen Staaten herangeführt, die seit Jahrhunderten zurückgeht. „Es gibt einen Trend zu fallenden Renditen auf Staatsanleihen, teilweise weil die Welt reicher und sicherer geworden ist“, glaubt Moritz Schularick, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn. Heute seien die Staaten stabiler als in der frühen Neuzeit. „Im 16. Jahrhundert war die Welt doch um einiges volatiler.“ Also seien die Risikoprämien auf Staatsanleihen deshalb rückläufig.

Daran ändere auch die Kriegssituation im 20. Jahrhundert nichts, diese haben den Trend auch nur vorübergehend unterbrochen. Allerdings könnte der Zusammenschluss westeuropäischer Staaten in einer großen Euro-Zone einen Einfluss haben, warum der Zins in Europa verschwindet. (Persönliche Anmerkung: Seit einigen Jahren hat die EZB-Politik aber einen weitaus größeren Einfluss). Der Autor begründet dies damit, dass Staaten seltener darauf angewiesen sind, Geld aufzunehmen, um einen Krieg für sich zu entscheiden.

Das Problem der Minuszinsen

Allerdings lässt sich diese Entwicklung nicht so einfach in den Minusbereich fortschreiben. Professor Thomas Mayer sieht auch einen Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg der westlichen Zivilisation in den letzten Jahrhunderten und dem Fall der Zinsen. Aber auch die steigende Lebenserwartung könnte für ihn eine Rolle spielen, da sich die Gegenwartspräferenz relativ zur Zukunftspräferenz verringere. Je älter Menschen werden, desto leichtherziger können sie erspartes Geld vorübergehend weggeben – und desto weniger dringlich wird die Aufnahme von Kredit innerhalb einer eng begrenzten Lebensspanne. Mit der Alterung der Gesellschaft senke sich die Waagschale zugunsten der Schuldner und damit für die Staaten.

Aber nach seiner Ansicht könne der Preis des Geldes in einem unmanipulierten Markt gleichwohl nicht dauerhaft unter Null fallen. „Wenn man Zins als Zeitpräferenz versteht, dann darf die Reihe nicht in den Bereich von Null- und Negativzinsen extrapoliert werden.“ Solange das menschliche Leben endlich und Zeit für jeden Menschen ein knappes Gut sei, könne der Preis der Zeit nicht null oder negativ werden. Die Marktwirtschaft ist, wie wir an den Vorsorgesystemen erkennen, nicht auf eine längere Nullzinsphase vorbereitet.

Fazit

Was könnte man aus diesen Argumenten schlussfolgern?

Eine uralte Weisheit: Das Wichtigste für eine Gesellschaft und deren Wirtschaft ist Frieden und Wohlstand für die Masse der Bevölkerung.

Aber auch: Die niedrigen Zinsen könnten nicht nur ein vorübergehendes Phänomen von staatlichen Versäumnissen verursachter und von den Notenbanken umgesetzter Geldpolitik sein. Dies träfe dann ganz besonders Sparmeister Deutschland mit seinen Bürgern, die derzeit nicht weniger als 2,4 Billionen Euro auf nicht verzinslichen Geldkonten parken.

Die Zinsen sind, wie eine wissenschaftliche Untersuchung gezeigt hat, seit Jahrhunderten rückläufig

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