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EZB-Zinsanhebung verpufft Lagarde-Überraschung: Warum die Euro-Bullen nicht zu optimistisch sein sollten

Wer nach der gestrigen deutlichen Zinsanhebung der EZB bullisch für den Euro ist, sollte vorsichtig sein. Hier dazu eine Analyse.

Euro-Geldscheine

Devisenhändler, die für den Euro jetzt einen weiteren kräftigen Anstieg sehen, sollten vielleicht doch nicht zu viel Optimismus an den Tag legen – oder zumindest Vorsicht walten lassen. Man schaue auf die gestrige Entscheidung der EZB, auf die gestrige Reaktion des Devisenmarkts, auf eine interessante Expertenaussage, auf die nächste Zinsanhebung von Madame Lagarde, und auf die Fed!

EZB erhöht Leitzins überraschend deutlich – und der Euro reagiert kaum

Seit Dienstag dieser Woche kamen Gerüchte auf die EZB könne statt den fest angekündigten 25 Basispunkten den Leitzins doch gleich um 50 Basispunkte anheben. Daraufhin konnte der Euro gegen den US-Dollar von Dienstag bis Donnerstag Mittag um gut 50 Pips zulegen. Dann kam es gestern wirklich so. Christine Lagarde überraschte mit 50 statt 25 Basispunkten Anhebung in allen drei Zinssätzen. Der Euro machte zunächst einen kleinen Freudensprung, um kurz darauf wieder zu fallen. Bis heute früh hat sich auf der Aufwärtsseite nichts mehr getan. Von Dienstag bis jetzt sehen wir im EURUSD unterm Strich ein Plus von 70 Pips auf aktuell 1,0211. Das ist nicht die Welt bei so einem kräftigen Zinsschritt.

Top-Experte erläutert das „Vorziehen“ der September-Zinsanhebung

Eigentlich war von Christine Lagarde für die gestrige Zinsentscheidung der EZB nur ein Schritt von 25 Basispunkten vorgesehen. Und für die nächste Zinsentscheidung im September hatte man bislang 25 oder 50 Basispunkte angedeutet. Es scheint so zu sein, dass die EZB einen Teil dieser später angedachten Zinsanhebung lediglich auf die gestrige Entscheidung vorgezogen hat – so dass also unterm Strich bis inklusive September die Zinsen gar nicht stärker angehoben werden als angedacht.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, hat genau dies gestern in seiner Analyse zur Zinsentscheidung der EZB angesprochen. So sagte er, Zitat: „Diese Ankündigung eines großen Zinsschritts für September hat die EZB heute nach der überraschenden Zinsanhebung um 50 Basispunkte zurückgenommen. Stattdessen sagte sie nur, dass der Zinsschritt im September von den Daten abhänge. Außerdem habe Christine Lagarde mehrfach konjunkturelle Abwärtsrisiken betont, die mit dem Ukraine-Krieg, den gedrosselten Gaslieferungen etc. zusammenhängen. Alles in allem erwarten wir deshalb für September eine Zinserhöhung um nur 25 Basispunkte. Bei dem heutigen Zinsschritt um 50 Basispunkte handelt es sich also um ein bloßes Vorziehen. Man sieht den vorläufigen Zinshöhepunkt im Frühjahr nächsten Jahres unverändert bei 1,5 Prozent.“

Szenario für den Euro – wichtiger Blick auf die Fed

Bereits nächste Woche Mittwoch wird die Federal Reserve ihre nächste kräftige Zinsanhebung vornehmen. Aufgrund der viel höher als erwartet gemeldeten Inflation in den USA im Monat Juni (9,1 Prozent statt 8,8 Prozent Erwartung) darf man von einem erneut sehr kräftigen Zinsschritt der Fed ausgehen, der bei 75 oder 100 Basispunkten liegen wird. Es könnte sein, dass im Verhältnis von Fed zu EZB und US-Dollar zu Euro dieser winzige jüngste Anstieg der europäischen Gemeinschaftswährung schon wieder aufgefressen wird, weil der US-Dollar nach der Fed-Entscheidung nächste Woche zulegt.

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Auch für die nächste EZB-Entscheidung im September kann man vermuten: Es werden nur 25 Basispunkte Anhebung, wie von Dr. Jörg Krämer vermutet. Die Begründungen hat Christine Lagarde bereits gestern mitgeliefert in Form der anstehenden „konjunkturellen Abwärtsrisiken“. Wenn die EZB die nächsten Monate insgesamt deutlich schwächer agiert als die Fed (und danach sieht es weiterhin aus), könnte der Euro gegenüber dem US-Dollar weiterhin zur Schwäche neigen.

Kursverlauf von Euro vs US-Dollar in den letzten 12 Monaten Kursverlauf von Euro vs US-Dollar in den letzten 12 Monaten.



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