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Inflation: Ab 2022 wird es spannend – doch nicht „vorübergehend“?

Die Inflation bleibt weiter hoch, die Notenbanken betreiben finanzpolitischen Zweckoptimismus

Inflation - doch dauerhaft?

Täglich erschrecken Wirtschaftsmeldungen über Lieferengpässe, Materialmangel, steigende Transport- und Produktionskosten, schlichtweg über das Schreckgespenst Inflation. Nichtsdestotrotz halten die Zentralbanken die derzeitige überschießende Teuerung für ein vorübergehendes Phänomen, welche im Wesentlichen auf Basiseffekten beruht. Was ist dran, an dem finanzpolitischen Zweckoptimismus?

Inflation: Die unterschätzte Teuerung

Wie konnte es zu so einer Fehleinschätzung der Ökonomen bei der diesjährigen Inflation kommen? Natürlich hat keiner eine Glaskugel und im Nachhinein ist man immer schlauer, aber die Lage für die Wirtschaft war im Frühjahr 2020 schon ganz extrem.

Man hat dies bereits wieder ein wenig vergessen: Über vier Milliarden Werktätige befanden sich weltweit zeitweise im Lockdown, die Wirtschaftsprognosen waren historisch derart negativ, dass in vielen Bereichen der Unternehmen die Notbremse gezogen wurde. Sparen wo es nur ging, bei allen Kapazitäten ob Produktion oder Investition, um das eigene Überleben zu sichern. Die Regierungen schürten gigantische Rettungspakete, die Notenbanken druckten ebensolche Geldsummen und in Deutschland wurde sogar die Mehrwertsteuer im Sommer gesenkt. Was natürlich zur Folge hat, dass es ein Jahr später erst recht zum Preisanstieg kommen muss. Zumal die Preisreduzierungen nicht ganz nachvollzogen wurden, die Anhebungen aber schon eher.

Dann kam der November 2020 mit der US-Wahl, der Reopening-Story, begleitet von der schnellsten Entwicklung eines Impfstoffs in der Geschichte.

Viele US-Familien wurden mit Helikopterchecks versorgt, die Arbeitnehmer mit einer noch nie gesehenen Arbeitslosenhilfe, was aktuell zur Folge hat, dass Viele auf eine gut dotierte Arbeitsstelle warten, um finanziell auf das Coronaniveau zu kommen.

Besonders ersichtlich wird die Lieferkettenprobkematik, wenn man sich nur den Langfristchart über die Auftragseingänge für langlebige Güter in den USA betrachtet.

Wer konnte diese historischen Spikes vorhersehen?

(2014 verzerrt durch große Luftfahrtaufträge).

Inflation Aufträge

Die Energiepreise, zumeist der Inflationstreiber Nummer eins

Die Preise für das ehemals „schwarze Gold“ waren 2020 infolge des Lockdowns in extreme Tiefen gefallen, auf 20 Dollar und hatten sich dann im Frühsommer des Jahres erholt, um für mehrere Monate im Bereich von 40 Dollar auf- und abzuschwingen. Von daher rührt der fast 100-prozentige Anstieg zum aktuellen Preis von 75 Dollar, aber nach dem Reopening der Wirtschaft ging es über viele Wochen mit dem Preis kräftig nach oben, so dass der Basiseffekt ab November gewaltig nachlassen wird, wie folgender Chart zeigt. Gesetzt den Fall, die Preise steigen in den nächsten Wochen nicht rasch in Richtung 100 Dollar.

Letztes markantes Tief war am 30. Oktober 2020.

Inflation und Ölpreis

Daher auch das Revival der Energiewerte im Jahr 2021:

Marathon Oil plus 92 Prozent
ConocoPhillios plus 83 Prozent
Occidental Petroleum plus 62 Prozent
ExxonMobile plus 40 Prozent

Und erst recht das Erdgas!

Wie schon mehrfach von Claudio Kummerfeld beleuchtet, die Gaspreisentwicklung, die vor allen Dingen in Großbritannien große Schwierigkeiten bereitet – plus 500 Prozent in einem Jahr. Bei den Briten beträgt der Gasanteil an der Energieversorgung ein Mehrfaches von hierzulande.

Inflation und Gaspreise

Einmal mehr die überragende Bedeutung der Energie bei der Berechnung der offizielen Inflation, also beim US-Verbraucherpreisindex CPI. Erschwerend kommt derzeit die politische Einflussnahme hinzu, durch Energiesteuern, die Veränderungen in der Energiewirtschaft, die aktuell sogar eine kleine Energiekrise ausgelöst hat. In vielen Ländern wird man sogar auf einen milden Winter hoffen.

Energiepreise Anteil an Inflation

Kommt die dauerhafte Inflation in 2022?

Das ist eine derzeit schwelende akademische Diskussion unter Ökonomen in den USA. So glaubt der renommierte Finanzwissenschaftler Steve H. Hanke von der Johns-Hopkins-University in Baltimore, an ein Timelag von bis zu zwei Jahren, zwischen der Geldmengenausweitung und dem Anstieg der Inflation. Diese ist in den USA seit dem letzten Jahr richtig nach oben geschossen, konkret von 15,4 auf 20,5 Billionen Dollar.

Der US-Wissenschaftler, der sich in Studien mit großen Sschüben der Inflation in den Emerging Markets auseinandergesetzt hat, glaubt auch an einen Rückgang der Inflation in den nächsten sechs Monaten, aber danach zu einem längeren Verharren auf den gerade gesehenen Niveaus.

Deutschlands langfristige Teuerungsrate, eine kleine Überraschung

Ungeachtet diverser Änderungen des Warenkorbes zeigt ein längerfristiger Chart der Inflation für Deutschland Überraschendes: Zu Zeiten der Deutschen Bundesbank lag die Inflationsrate im Schnitt bei drei Prozent. Seit der „geldpolitischen Machtübernahme“ durch die EZB – bei 1,4 Prozent. Ist das mit ein Grund, warum ein Inflationsanstieg über drei Prozent derzeit so ein Aufsehen erregt?

Deutsche Verbraucherpreise

Fazit

Aus den obigen Argumenten wird deutlich, dass die Entscheidung über einen dauerhaften Anstieg der Inflation noch nicht gefallen ist. Wenn Basiseffekte, ein Jahr nach dem Reopening schwächer werden, wenn das Weihnachtsgeschäft auf den Seewegen gelaufen ist. Und wenn klarer ist, ob die „labor shortage“ den Weg zu einer Lohn-Preis-Spirale bereitet hat.

Wieder einmal ist Vieles nicht voraussehbar: Werden Chinas Probleme die Weltwirtschaft schwächen, wird die gestiegenen Inflation die Verbraucher zum Konsumieren animieren oder zum Angstsparen wegen der niedrigen Zinsen? Oder wird die gigantische Geldmengenausweitung (+30 % in einem Jahr) nicht doch den Weg in die Gütermärkte finden und führt dies zu einer dauerhaften Entankerung der Inflationserwartungen?

Dies sind nur ein paar Fragen, aber eines war auch immer wieder der Fall: Inflation verlief stets in einem wilden Auf und Ab, begleitet vom so genannten Schweinezyklus. Denn in der Marktwirtschaft reagierten Marktteilnehmer auf Veränderungen von Angebot und Nachfrage, von Mangel und Überfluss, wenn es politisch möglich war!

Die Prognosen über die Dauer der Preisanstiege haben jedoch selten gestimmt – in der einen, wie der anderen Richtung.



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1 Kommentar

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