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Kanada wird vom Ölpreis stramm Richtung Rezession gezogen

Von Claudio Kummerfeld

Kanada schlittert mit voller Wucht Richtung Rezession. Nicht nur, dass der Ölpreis die ganze Provinz Alberta in einen Abwärtsstrudel zieht – auch der Rest des Landes wird als „nachgelagerte“ Industrie mit gezogen.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Kanada ist im 1. Quartal 2015 um 0,1% gefallen (auf Jahresbasis hochgerechnet -0,6% im 1. Quartal laut „Statistics Canada„). Nicht viel mag man meinen, aber es ist das schlechte Ergebnis seit der 2008er-Krise, es ist im negativen Bereich, und im Vorquartal stieg es noch um 0,6%. Banken und Analysefirmen hatten mit einem Anstieg im 1. Quartal um 0,3% gerechnet. Verwunderlich, dass niemand bei diesem Ölpreis-Crash mit einen Rückgang rechnete. Die Grafik zeigt die durchweg positiven Entwicklungen des BIP in den letzten Jahren, und am Ende den Absturz. Die Balken zeigen das BIP, der Strich die Inlandsnachfrage, die im Gleichschritt abstürzt (-0,4%). Der Präsident der kanadischen Notenbank Stephen Poloz nannte die Zahlen „grausam“. Vielleicht stand er wie viele andere so sehr im Wald, dass er ihn vor lauter Bäumen nicht mehr sehen konnte.

Kanada BIP Q1 2015
Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in Kanada seit 2010.
Grafik: Statistics Canada

Die Lagerbestände der Unternehmen haben sich im 1. Quartal um 11,6 Milliarden kanadische Dollar erhöht, gegenüber einem Anstieg von 8,5 Milliarden im Vorquartal. Auch das zeigt: Die Unternehmen produzieren noch, können ihre Waren aber nicht absetzen und lagern sie daher ein. Ewig geht auch das nicht gut – irgendwann muss Geld in die Kasse. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen gingen sogar schon im zweiten Quartal in Folge zurück, nämlich um 0,3% (Vorquartal -0,4%).

Jetzt zeigt sich die negative Seite bei rohstoffreichen Ländern, die sich auf ihren Rohstoffvorräten ausruhen und die Wirtschaft nicht diversifizieren. Gehen die Preise der Rohstoffe in den Keller, hat die ganze Volkswirtschaft ein Problem. Bei Kanada kommt erschwerend hinzu, dass der Prozess der Ölgewinnung aus Ölsand, wie er in Kanada praktiziert wird, so ziemlich die weltweit teuerste Methode ist um Öl zu gewinnen. Die ganze Branche in Kanada arbeitet derzeit defizitär. Dementsprechend werden Arbeiter entlassen und Förderanlagen stillgelegt. Nachgelagert verlieren Spediteure, Stahlhersteller, Ausrüster etc ebenfalls Aufträge und müssen Arbeiter entlassen.

Die allgemein gültige Definition einer Rezession geht so: geht die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) eines Landes zwei Quartale in Folge zurück, ist dies der Start einer Rezession. Und Kanada hat im 1. Quartal diese rückläufige Entwicklung hingelegt. Alle Daten lassen den Schluss zu, dass das 2. Quartal diese Tendenz bestätigt. Das einzige, was für einen raschen Umschwung sorgen könnte, wäre eine Explosion des Ölpreis auf z.B. 90 oder 100 US-Dollar – und dort müsste er erst mal einige Zeit bleiben. Das könnte große Ölkonzerne wie BP veranlassen ihre Förderanlagen in Alberta hochzufahren und neu zu investieren. Aber danach sieht es nicht aus. Vor allem die OPEC-Länder fluten den Weltmarkt weiter mit extrem billig produziertem Öl.



Quelle: Statistics Canada



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1 Kommentar

  1. Wenn ein Land mit einem großen Ölunternehmen zu vergleichen wäre, dann sicherlich Canada.

    Die Ausrichtung zur Gewinnung von Energie von Öl über Gas bis zu Ölsand gab dem Land viele gute Jahrzehnte. Nun wären also die sieben mageren dran. Daran verwundert nichts, bei dem Zusammenhang von Kalkulationsbasis und Investment.

    Schon die großen Ölunternehmen von Exxon bis Shell zu den Begleitern Schlumberger pp sowie auch der zweiten Reihe in Gas und Alternativen sollten sich allesamt bereits beim Durchbruch des Fracking in USA näher rückender Abschreibungen auf ihre am viel zu hohen Ölpreis ausgerichteten Kalkulationen ausgesetzt sehen. Vor einigen Jahren bereits war daher manch Kenner dabei short.

    Es folgte der zweite Gang mit der Reaktion der Saudis, nämlich die Preisr4eduktion, besser: Beibehalt der hohen Produktion bei relativ geringerem Verbrauch.
    So folgte ein weiterer Preiseinbruch, mit dem weitere nun schon dramatische Verluste der alten Freunde des Öls einhergingen. Da machte sich der zweite short bezahlt.

    Kein Wunder also, daß die lieben Freunde in Canada nun mit leiden dürfen.

    Nebenbei: Eine weitere Folge ist, daß die Kosten des EEG, welches allein auf Subventionen der Steuerzahler beruht, astronomisch ansteigen – wir alle, darin Leidensgenossen der Canadier, verarmen mittlerweile mit merkelschem System. Denn auch sie kalkulierte mit sehr viel höheren Energiekosten. Die Pleite wird allein damit verhindert, daß der Steuerzahler verstärkt einspringt. Wie schon beim Euro pp.

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