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Konjunktur: Die abnehmende Bedeutung der Industrie

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Deutschland ist ein Exportland, ein Standort, dessen Konjunktur von seiner Industrie lebt. Könnte man meinen. Aber warum befindet sich unser Land nicht schon längst in einer Rezession, wenn der Industriesektor sich bereits seit Quartalen im Schrumpfungs-Bereich befindet – wie der Einkaufsmanagerindex Verarbeitendes Gewerbe mit seinen Werten tief in den 40-ern (September 41,4 Punkte) signalisiert? Zumal auch die letzten Produktionsziffern keine echte Rückkehr in den Wachstumsbereich signalisieren.

Ein paar Zahlen über das Bruttoinlandsprodukt und die Gewichtung in unserem Dax geben etwas Auskunft darüber.

 

Konjunktur – und der Blick auf die Gewichtung im Dax

Normalerweise müsste man davon ausgehen, dass im Autoland Deutschland die Konzerne VW, BMW, Daimler sowie der Zulieferer Continental oder der Stahlkonzern ThyssenKrupp eine sehr große Rolle sowohl für die Konjunktur als auch für den Dax spielen.

Weit gefehlt. Mittlerweile hat Adidas eine höhere Marktkapitalisierung im Dax als BMW und Daimler: 56 Milliarden Euro, im Vergleich zu 52 beziehungsweise 48 Milliarden Euro. Noch skurriler wird es bei der Betrachtung der Umsätze, denn während BMW in diesem Jahr auf 100 Milliarden Umsatz kommt und Daimler sogar auf 170 Milliarden, werden es bei Adidas gerade mal 23 Milliarden Euro.

Man traut der Automobilindustrie also nicht mehr viel zu, abzulesen an den einstelligen KGVs von unter 10, während die Dax-Bewertung als Ganzes bei nicht mehr ganz billigen 15 notiert. Im Übrigen musste der Stahlkonzern ThyssenKrupp infolge seiner geringen Marktkapitalisierung bereits den Leitindex verlassen. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die man in der Öffentlichkeit eigentlich gar nicht so richtig wahrgenommen hat: Konsum, Bau und Dienstleistung haben eine wesentlich höhere Bedeutung für unsere Volkswirtschaft erlangt, als der Industriesektor! Genau deshalb erfolgte auch noch nicht der Absturz der deutschen Konjunktur in die Rezession.

Hierzu noch ein paar Zahlen der Commerzbank, die diese Transformation untermauern:

Hatten die Autobauer im Jahr 2015 noch einen Börsenwert von 355 Milliarden Euro (am Dax mit einer Bewertung von gut 1,1 Billionen Euro), so ist diese zuletzt auf 212 Milliarden Euro zurückgefallen. Im Jahre 1987, bei der Einführung des Dax, lag der Anteil noch bei gut einem Drittel, jetzt nur noch bei 20 Prozent – selbst unter Miteinberechnung des Industrie-Giganten Siemens.

Großer Aufsteiger ist der Software-Konzern SAP – derzeit mit einer Marktkapitalisierung von bereits um die 150 Milliarden Euro. Dahinter befinden sich Unternehmen wie Linde, welches nach dem Kauf von Pixair aber kein reiner deutscher Konzern mehr ist, mit einer Marktkapitalisierung von um die 100 Milliarden. Das gilt auch für die Allianz. Kurzum: Es existiert derzeit keine Leitbranche mehr im Dax. Wir befinden uns im Umbau zu einer Dienstleistungsökonomie!

Vor knapp 50 Jahren lag der Anteil der Industrie in Deutschland (alle Börsensegmente plus Mittelstand) noch bei 48 Prozent, aktuell ist er auf 30,5 Prozent zum BIP gesunken.

 

Die westlichen Konkurrenzstaaten: was dominiert dort die Konjunktur?

Dass die gerade beschriebene Entwicklung nicht nur für Deutschland gilt, haben wir bei der Betrachtung der US-amerikanischen Konjunktur schon öfters festgestellt. Dort beträgt der Anteil der Industrie noch 17 % am gesamten BIP und liegt damit meilenweit hinter den Sektoren Konsum und Dienstleistung.

In Deutschland beträgt dieser Anteil, wie gerade erwähnt, derzeit um die 30 Prozent.

Ähnliche Transformationen sind auch in unseren Nachbarländern zu registrieren. In Frankreich wird das BIP von Konsum und Luxusgütern beherrscht (LVMH, LˋOreal), in Italien von Versorgern und Finanzfirmen und auch im Noch-EU-Land Großbritannien geben Finanzdienstleistungen, Energie und Pharma bei der Konjunktur den Ton an.

 

Fazit

Damit wird deutlich: Auch im einstigen Industrieland Deutschland vollzieht sich still und heimlich ein Wechsel, wie man ihn vor Jahren in der größten Wirtschaftsmacht, den USA, schon erleben konnte.

Damit stellt sich auch die Frage, ob man weiter den Industriesektor im Hinblick auf die Beurteilung des deutschen Konjunktur so heranziehen kann. Die Meldungen von „katastrophalen Zahlen“ aus dem Produktionssektor verlieren hier etwas ihre Validität zur Messung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Wobei man auch bei der Meldung von Rückgängen im niedrigen einstelligen Raten vielleicht nicht dieses Adjektiv verwenden sollte, denn welche Vokabel benutzt man denn im Falle einer sicher irgendwann wieder auftretenden echten Rezession?

Die Bedeutung der Industrie für die deutsche Konjunktur nimmt stetig ab

6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    Katja Wohmann

    11. Dezember 2019 11:16 at 11:16

    Das ist wiedermal nur die halbe Geschichte der Wahrheit. Bei der Bewertung der Industrie etc. hat man (wieder) einfach den Faktor Nachlaufzeit völlig übersehen, was eigentlich einem Journalisten im Börsenbereich nicht passieren dürfte.
    Bereits gehen tausende Arbeiter auf die Strasse (siehe auch Monday for Jobs) weil ihnen für die Zukunft keine sicheren Arbeitsplätze mehr garantiert werden können. Erst jetzt beginnt das Volk wie üblich darüber nachzudenken, wer ihnen dies alles eingebrockt hat, um dann Jahre später umso intensiver darauf zu reagieren. Wer glaubt das die Kollateralschäden durch die Gelddruckmaschine EZB nicht durchschlagen werden, der irrt sich gewaltig, Leider ist aber aufgrund der üblichen Verzögerungen stehts irrtümlich und frühzeitig die Meinung vertreten worden, das ja sehr gut aussehen und demzufolge ein Erfolg sei.
    Man bedenke einfach, dass bei der EZB noch keiner auf seinem Posten vorher einen Intelligenztest absolvieren musste und man einfach stillschweigend annimmt, die hätten die Weisheit aller Weisheiten intus, obwohl noch nie eine Notenbank dieser Welt, einen Kollaps wirklich je voraussah.

  2. Avatar

    Nachkriegsmodell

    11. Dezember 2019 12:50 at 12:50

    @ Katja Wohmann, sehr gut beschrieben, wenn die Hälfte der Leute ihren Arbeitsplatz verloren haben ,genügen denn anstelle von Adidas Schuhen für 100 Euro auch Schuhe aus einem Billiglohnland für 20 Euro.Die lebenswichtigen schlechtbezahlten Sektoren wie Handwerk, Landwirtschaft ,Lebensmittel u.s.w.
    werden in einer richtigen Krise wieder mehr Gewicht erhalten. Finanz- u.Dienstleistung sind nur Hilfssektoren u.werden heute stark überbewertet. Oder will jemand sagen ein Devisenhändler oder Hochfrequenzhändler
    ( Nullsummenspiel) würde irgendetwas produzieren.
    Ich erinnere mich noch an Aussagen meiner Eltern, dass in den Kriegsjahren der Bauer ,der Metzger u.der Bäcker privilegiert waren,weil sie an der Quelle der mit Lebensmittelmarken verteilten Versorgung waren.
    Auch die oft gehörte Aussage, dass in den USA die Landwirtschaft nur ca.1% vom BIP ausmache ,ist für mich unverständlich.Was ist da mit dem riesigen Maschinenpark u.all den Zulieferern ? Anders gefragt ,was würden 99% der Amis ohne ihre täglichen Burgers machen?
    Alles ist aus dem Ruder gelaufen, gedrucktes Geld, Milliarden von Buchgewinnen , Alles aufgeblasene Luftwerte , der Knall muss kommen, entweder bald oder später viel heftiger.

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