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Liebe Staatenlenker, bitte reformiert diese OECD

Die "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" (OECD) mit Sitz in Paris, ein Zusammenschluss von 35 meist wohlhabenden Staaten, ist eine Art Mini-Uno, größere G20 mit ständigem Bürobetrieb, oder eine Art...

FMW-Redaktion

Die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) mit Sitz in Paris, ein Zusammenschluss von 35 meist wohlhabenden Staaten, ist eine Art Mini-Uno, größere G20 mit ständigem Bürobetrieb, oder eine Art zwischenstaatlicher Think Tank, oder auch Plauder-Runde für Ökonomen, die Empfehlungen herausgeben – man kann auch andere Bezeichnungen dafür finden. Wichtig ist: Wenn eine Studie, eine Meinung oder eine These versehen wird mit dem Hinweis „laut OECD“, gewinnt sie an Glaubwürdigkeit und dient als Bezugsquelle für Entscheidungen von Politikern. Auch wir haben uns schon gelegentlich auf OECD-Daten bezogen, zum Beispiel auf ihre Tochterorganisation die „Internationale Energie-Agentur“ (IEA), wenn es um den Ölmarkt geht.

Aber wenn man sich eine aktuelle Veröffentlichung der OECD ansieht, möchte man sagen: Liebe Staatenlenker, die ihr quasi die Chefs der OECD-Ökonomen seid: Bitte reformiert diese OECD, oder sonst schafft sie bitte ab. Denn was da herauskommt, kann man freundlich gesagt als „wenig hilfreich“ bezeichnen. So titelt „Spiegel Online“ heute „Flüchtlinge in Deutschland sind oft überqualifiziert“. Das ist wie gesagt die Headline. Gerade in Zeiten von „mehr Transparenz“ und besserer Medienarbeit im Sinne einer objektiven Berichterstattung führt so eine Headline, wenn man den Artikel nicht liest, in die Irre. Liest man nur die Überschrift und die ersten Zeilen, entsteht der Eindruck, dass die jetzt in Deutschland ankommenden Flüchtlinge überqualifizierte Facharbeiter sind, die mit minderwertigen Jobs versorgt werden, keine Bildungsprobleme haben, oder zumindest relativ problemlos zu integrieren sind – was natürlich zu begrüßen wäre!

Aber was sagt uns die Bezugsquelle, das von der OECD veröffentlichte Papier? Die Kernaussage lautet:Der Anteil überqualifizierter Flüchtlinge in Deutschland soll bei ca 71% liegen, in der EU im Schnitt bei 60%. Also arbeiten sie folglich in Jobs die sie unterfordern. Wäre dem wirklich so, würde hier immens viel Wissen auf der Strecke bleiben! Aber wie haben die OECD-Mitarbeiter die Zahl errechnet, haben wir uns gefragt. Man hat Daten bis zum Jahr 2014 erhoben (also völlig veraltet). Die Qualifikationen der Flüchtlinge wurden geschätzt basierend auf ihren „formalen Abschlüssen“ in Relation zu der Tätigkeit, die sie jetzt ausüben. Auch haben laut OECD weniger als 50% der Flüchtlinge fortgeschrittene Sprachkenntnisse des Landes, in dem sie arbeiten.

Ganz ehrlich: Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Aber sind vor allem Zeugnisse oder Qualifikationsnachweise im Bereich Industrie aus einigen Flüchtlingsländern vergleichbar mit denen in Deutschland? Und die deutsche Sprache dürften weit weniger Flüchtlinge sprechen als Englisch oder Französisch – denn beides sind Kolonialsprachen, die in vielen Herkunftsländern gängige Zweitsprachen sind.

Wir wissen nicht, ob die aktuell zu uns kommenden Flüchtlinge in Deutschland über oder unterqualifiziert sind – das weiß ja noch nicht mal die Bundesagentur für Arbeit. Aber wenn ich diese OECD-Aussagen lese, und wenn ich dann noch sehe, dass die deutschen Presseorgane mit so einer Headline heute Schlagzeilen produzieren, kann einem gleich ganz anders werden. Denn der Eindruck entsteht, dass „die“ Flüchtlinge in einfachen Jobs ihr Dasein fristen, obwohl sie viel bessere Qualifikationen haben. Zwangsläufig muss man in so einem Artikel verallgemeinern, aber so ist es nun mal. Die Qualifikationen aus ihren Heimatländern sind qualitativ meistens wohl nicht vergleichbar mit denen in Deutschland, da seien wir bitte mal ehrlich. Und oft gibt es gar keine oder nur sehr gering vorhandene Kenntnisse der deutschen Sprache. Dass man unter solchen Voraussetzungen nicht sofort in hochbezahlten Jobs landet, ist nachvollziehbar.

Dass man seitens der OECD mit statistischen Veröffentlichungen den Eindruck erweckt Flüchtlinge würden großflächig benachteiligt, ist nicht in Ordnung. Was soll das? Wenn die Daten eh schon zwei Jahre alt sind, und dann noch so wenig verwendbar sind, und wenn man bedenkt, dass die große Flüchtlingswelle erst nach 2014 kam, warum veröffentlicht man so etwas überhaupt? Es verfälscht den Blick auf die aktuelle Realität. Geholfen ist mit so einer Headline niemandem, wenn es darum geht eine wirklich nützliche Integrationsarbeit zu leisten! Man könnte zum Beispiel auf die Idee kommen der Großteil der Flüchtlinge ist ausreichend qualifiziert, und braucht keine umfangreichen Bildungsmaßnahmen mehr. Dann kann man sich nur noch auf die vermeintliche Benachteiligung im Berufsalltag konzentrieren… das führt aber an der Realität vorbei. Helfen tun Sprachförderung, Schulbildung und Berufsbildung! Und die OECD? Braucht man die wirklich, wenn sie zwei Jahre alte Zahlen und darauf basierende völlig sinnfreie „Analysen“ veröffentlicht? Wohl kaum!



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2 Kommentare

  1. Die OECD muss ja gut Wetter machen über Spiegel Online, da der Mehrheit so langsam zu dämmern beginnt das doch nicht alle die hochqualifizierten „Fachkräfte von Morgen“ sind. Und ohne fundierte Deutschkenntnisse in Wort und Schrift stellen die Migranten sowieso langfristig keinen Mehrwert dar.

    Zudem gebe ich Ihnen Recht, das die OECD abgeschafft gehört! Diese Plauerrunde ist genau so unnützig wie die G20, und die G7. Viel heiße Luft, aber nix Konkretes.

  2. Die Presse tut sich mit solch einem Artikel keinen Gefallen.
    Es ist ja wohl klar, dass da gleich wieder das Wort Lügenpresse aufkommen wird und anscheinend scheint es hier sogar der Wahrheit zu entsprechen. Man verliert also mit solch einem Artikel nur Glaubwürdigkeit, was in heutiger Zeit sicher nicht clever ist (siehe Wahlausgang Meck-Pomm).

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