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US-Geopolitik Nancy Pelosi´s Reise nach Asien wird zum Balance-Akt

Ein US-Flugzeugträger nimmt Kurs auf Taiwan. China verstärkt seine Militärbasen an der Küste. Nancy Pelosi besucht Asien. Ein gefährlicher Balance-Akt.

Container mit Aufschriften China und USA

Die beabsichtigte Reise von Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, nach Taiwan, hat in der asiatischen Presse hohe Wellen geschlagen. Liest man die Schlagzeile der South China Morning Post (SCMP) vom 27. Juli, könnte man es wirklich mit der Angst zu tun bekommen. Dort steht, dass die USS Ronald Reagan, ein US-Flugzeugträger der „Nimitz-Klasse“ mit 5.680 Mann Besatzung, samt Geleitschutz den Hafen von Singapur am letzten Montag verlassen hat und Kurs Nordost nimmt.

Das wahrscheinliche Ziel der Reise: die Taiwan-Straße. Im gleichen Artikel steht, dass China seine küstennahen Militärbasen verstärkt und chinesische Marineeinheiten ihre Präsenz in der Taiwan-Straße erhöhen. Xi Jinping, chinesischer Staatspräsident, hatte US-Präsident Joe Biden in einem Telefonat letzte Woche noch davor gewarnt, in der Taiwan-Frage „mit dem Feuer zu spielen“. Denn China sieht Taiwan als zu China gehörend und strebt eine Wiedervereinigung an. Taiwan wird zwar offiziell von den USA nicht anerkannt, aber der 1982 unter Ronald Reagan erlassene „Taiwan Relation Act“ ist immer noch in Kraft und aktueller denn je. Der angekündigte Besuch von Nancy Pelosi wäre der höchste Amtsbesuch der USA seit 1995.

Der „Taiwan Relation Act“ von 1982 oder die sogenannten „Six Agreements“

Der „Taiwan Relation Act“ wurde 1982 unter US-Präsident Ronald Reagan erlassen und regelt vertragliche Vereinbarungen zur Außenpolitik beider Länder. Er ist in die Geschichtsbücher auch als die „Six Agreements“ eingegangen. Er bedeutet nicht zwangsläufig eine Militärintervention der USA im Falle einer gewaltsamen Annexion Taiwans durch China. Aber er verpflichtet die USA, Taiwan mit Waffenverkäufen zu unterstützen. Er schließt außerdem aus, dass die USA zwischen China und Taiwan schlichten und er besagt, dass die USA eine Hoheit Chinas über Taiwan formal nicht anerkennen werden. Die USA haben die Gültigkeit der Vereinbarungen lt. Wikipedia zuletzt 2004 bestätigt. Warum ist Taiwan so interessant für China und die USA?

Taiwan: Die geostrategische Lage und Microchips machen die kleine Insel zu einem begehrten Juwel

Die internationale Bedeutung Taiwans basiert auf zwei Fakten, die dem Inselstaat eine herausragende strategische Position im weltweit tobenden Wirtschaftskrieg USA gegen China verleihen. Erstens die geostrategische Lage: Taiwan ist die größte Insel der sogenannten „Ersten Inselkette“, die das Chinesische und das Gelbe Meer vom Pazifischen Ozean abtrennen. Taiwan liegt ca. 225 KM vom chinesischen Festland entfernt. Die „Erste Inselkette“ oder „First Island Chain“ umfasst eine Reihe Inseln, die sich wie eine Perlenkette aneinanderreihen und wie ein Schutzschirm wirken, um China vom Pazifik und seinen weltweiten Handelsrouten abzuschneiden. Die „First Island Chain“ spannt sich von Südkorea über Okinawa nach Taiwan und die Philippinen bis runter nach Malaysia. Sie ist zudem gespickt mit US-Militär-Stützpunkten.

Zweitens beheimatet Taiwan die Firma TSMC, den weltweit wichtigsten Halbleiter-Produzenten. TSMC stellt weltweit über 60 Prozent der qualitativ hochwertigen Microchips her und ist eine der wichtigsten Firmen der heutigen Zeit. Auf Finanzmarktwelt wurde über TSMC ausführlich berichtet. Auch eine erst kürzlich veröffentlichte, umfassende Studie „Vom Umgang mit Taiwan“ von der Stiftung Wissenschaft und Politik des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit kommt zu dem schlichten Ergebnis: „Der taiwanische Konzern TSMC ist in der globalen Halbleiterindustrie nahezu konkurrenzlos.“ Diese beiden Fakten verleihen Taiwan eine Bedeutung, die man diesem Inselstaat mit seinen 23,5 Millionen Einwohnen auf den ersten Blick nicht beimessen würde.

Warum besucht Nancy Pelosi die Länder im Indo-Pazifik?

Nancy Pelosi, die 82-jährige Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, hatte mit ihren Reiseplänen nach Taiwan für viel Aufregung gesorgt. Nachdem schon Xi Jinping scharfe Worte gegenüber US-Präsident Joe Biden ausgesprochen hatte, meldeten sich hochrangige amerikanische Militärs und äußerten hinter vorgehaltener Hand mit Engelszungen, die „Reise sei keine gute Idee.“ Nun twittert Nancy Pelosi ihre neue Reiseroute, und Taiwan wird, zum Glück, nicht mehr erwähnt. Sie schreibt:

Übersetzung: „Ich führe eine Kongressdelegation in den Indo-Pazifik, um Amerikas unerschütterlichen Beistand gegenüber unseren Alliierten und Freunden in dieser Region neuerlich zum Ausdruck zu bringen. In Singapur, Malaysia, Südkorea und Japan werden wir Meetings auf höchster Ebene führen, um unsere gemeinsamen Werte und Interessen in der Zukunft zu entwickeln.“

Die „Chip 4“ Allianz zwischen den USA, Taiwan, Südkorea und Japan

Nancy Pelosi ist eine klare Befürworterin des letzte Woche beschlossenen „Chips and Science Act“, der die Halbleiter-Fertigung in den USA fördern wird und viel Geld für Forschung und Entwicklung vorsieht. Zudem streben die USA die sogenannte „Chip 4“ oder „Fab4“ Allianz an, ein wirtschaftlicher Zusammenschluss von Japan, Südkorea, Taiwan und den USA im Bereich Chipproduktion. Ziel dieser Allianz ist es, China immer weiter von der weltweiten Halbleiter-Wertschöpfungskette auszugrenzen und die eigene Versorgung sicher zu stellen. Wie bereits bei Finanzmarktwelt ausführlich berichtet, sind Microchips eines der wichtigsten Bausteine unserer modernen Wirtschaftsordnung und Lebensweise. Und sie sind auch ein Hauptaspekt im weltweiten Wirtschaftskrieg der USA gegen China und von Sanktionen betroffen. Hier liegt sicher das Hauptanliegen von Nancy Pelosi, nämlich Südkorea und Japan von einem Beitritt in die „Chip4“ Allianz zu überzeugen.

Südkorea ist Chinas wichtigster Speicherchip-Produzent

Ein Beitritt Südkoreas in die „Chip4“ Allianz wird für das Land sicher nicht folgenlos bleiben. China ist der größte Importeur von Speicherchips „made in Südkorea“. Die Konzerne Samsung Electronics und SK Hynix unterhalten sogar eigene Fabrikationsstätten in China, um den stetig steigenden Bedarf für Halbleiter-Produkte zu decken. Chips aus Südkorea gehören zu den besten der Welt, Samsung Electronics baut aktuell die technisch hochwertigsten Chips. Durch die wirtschaftliche Verflechtung zwischen China und Südkorea profitieren beide Länder, denn China kann dank Zugang zur neuster Chip-Technologie in der weltweiten Halbleiter-Wertschöpfungskette ganz oben mitmischen. Zudem hilft die lokale Präsenz der beiden Chip-Giganten China sicherlich bei seinen Bemühungen, eine unabhängige Halbleiter-Produktion im eigenen Land aufzubauen. Im Gegenzug unterhält Südkorea gute Wirtschaftsbeziehungen zu seinem unmittelbaren Nachbarn China. Es droht eine zweite Taiwan-Frage, die nur mit viel diplomatischem Geschick gelöst werden kann.

Wie wird China auf die neuen Reisepläne von Nancy Pelosi reagieren?

Um die „rote Linie“ echt wirken zu lassen, die Präsident Xi Jinping in der Taiwan-Frage gegenüber Joe Biden ausgesprochen hatte, verlegte die chinesische Armee (PLA – People´s Liberation Army; Volksbefreiungs-Armee) bereits Anfang des Monats eine Reihe neuster Kampfjets auf den Longtian Flugplatz an die Küste zum Gelben Meer. Von dort aus beträgt die Flugzeit sieben Minuten bis zur Hauptstadt Taipeh in Taiwan. Zudem beheimatet der Luftstützpunkt auch alte J-6 Maschinen, die zu Drohnen umgebaut wurden. Im Ernstfall könnten hunderte dieser unbemannten Jets von insgesamt vier Flugfeldern, in Entfernungen von 200 bis 400 Km zu Taiwan, eingreifen.

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Wie China reagieren wird, wenn Südkorea der „Chip4“ Allianz beitritt, wird noch zu beobachten sein. Allerdings werden dort keine „roten Linien“ überschritten, falls es zu einem Beitritt kommen sollte. China wird aber weiterhin seine ganze Kraft dafür einsetzen, seine Halbleiter-Industrie auf den neusten Stand der Technik zu bringen. Dies ist ein ambitionierte Aufgabe und erfordert neben technischem Know-how auch Fingerspitzengefühl in der Diplomatie, schließlich ist die weltweit aufgestellte Halbleiter-Industrie bei weitem noch nicht entflechtet. Und alle zwei bis drei Jahre erfordert der technische Fortschritt neue Investitionen, um das Niveau zu halten. Die Welt kann nur hoffen, dass bei allen Abwägungen der Politiker und Militärs eine Welt in Frieden immer noch rentabler ist als ein neuer Kriegsschauplatz im Indo-Pazifik.

Wie reagieren die Aktienkurse von Samsung Electronics, SK Hynix und TSMC auf die politischen Spannungen?

Wirft man einen Blick auf die letzten drei Monate, fällt auf, dass alle drei genannten Werte schlechter als der NASDAQ 100 und der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) abschneiden. Die Spannungen zwischen den beiden Supermächten und die von chinesischer Seite oft als Provokation empfundenen diplomatischen Unternehmungen der USA in der Region Indo-Pazifik haben einen bremsenden Einfluss auf die Aktienkurse. Genauso könnte sich aber ein Ende der Reise wieder befreiend auf die Kurse auswirken, denn alle drei genannten Konzerne arbeiten hochprofitabel.

Samsung im Vergleich zum Nasdaq-Index

Kursdaten aus https://de.tradingview.com

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1 Kommentar

  1. Mein Gott, welcher Trottel hat ihr denn die Rede geschrieben.

    Annalena Baerbock verspricht Taiwan Unterstützung bei möglichem Überfall durch China – DER SPIEGEL

    https://www.spiegel.de/ausland/annalena-baerbock-verspricht-taiwan-unterstuetzung-bei-moeglichem-ueberfall-durch-china-a-bd14bf74-dddd-4eab-9c09-f7c6d4bc2c4a

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