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Ölpreis nach OPEC-Desaster – trügerischer Optimismus?

Öl-Pumpe in der Wüste

Der Ölpreis hat eine wilde Woche hinter sich. Nachdem die OPEC es an drei vollen Verhandlungstagen nicht geschaffte hatte sich auf eine Fördermengenausweitung ab August zu einigen, wurde die Tagung am Montag auf unbestimmte Zeit verschoben. Damit bleibt offiziell erst mal alles beim Alten, und ab August gibt es keine Fördermengenausweitung. Was für den Ölpreis auf den ersten Blick eine tolle Nachricht ist, erweist sich auf den zweiten Blick als echtes Problem. Denn nun könnten die OPEC-Mitglieder womöglich chaotisch auf eigene Faust ihre Fördermengen für Öl raufschrauben.

Ölpreis steigt wieder dank guten Lagerdaten

Und so fiel WTI-Öl seit Dienstag von 76,94 Dollar im Hoch auf 70,77 Dollar am gestrigen Donnerstag. Sicherlich war auch mal technischer Verkaufsdruck mit dabei nach mehr als einem Jahr durchgehender Anstiege im Ölpreis. Aber seit gestern Nachmittag steigt der Ölpreis wieder. Von 71,92 Dollar steigt WTI-Öl bis jetzt auf 73,59 Dollar. Dies liegt an den gestern Nachmittag um 17 Uhr veröffentlichten Daten zu den Öl-Lagerbeständen in den USA (wir berichteten).

Die Bestände für Rohöl sanken im Wochenvergleich um 6,9 Millionen Barrels – das war die 7. Woche in Folge mit deutlich sinkenden Lagerbeständen (ein Balken in der Grafik steht für 1 Woche). Aber auch toll für die Öl-Bullen: Die Benzinbestände in den Lagertanks sanken um 6,1 Millionen Barrels. Ebenfalls erfreulich ist die gestrige Meldung der US-Energiebehörde Energy Information Administration, dass die Benzinproduktion für die Tankstellen in den USA erstmals überhaupt über das Level von 10 Millionen Barrels pro Tag gestiegen ist, nämlich auf 10,6 Millionen Barrels pro Tag.


source: tradingeconomics.com

Eugen Weinberg hebt Prognose an

Das bedeutet für den Markt? Die Euphorie bei Öl ist wieder da, denn diese Daten zeigen, dass die Nachfrage nach Öl groß ist. Die Weltwirtschaft erholt sich in raschen Schritten, also kann auch der Anstieg im Ölpreis weitergehen? In diese Euphorie reiht sich heute auch Eugen Weinberg von der Commerzbank ein, Deutschlands vielleicht bester Rohstoffexperte. Er sagt aktuell nämlich, dass die starke weltweite Nachfrageerholung nach Öl gepaart mit einer disziplinierten Einhaltung der Produktionsvereinbarung seitens der OPEC die Commerzbank dazu veranlasst habe, die Prognose für den Ölpreis für die nächsten Monate nach oben anzupassen.

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Man rechne in der zweiten Jahreshälfte 2021 mit einem Brent-Ölpreis von durchschnittlich 75 USD je Barrel, auch weil man nicht mit einem Zerwürfnis innerhalb der OPEC+ und nicht mit einer schnellen Rückkehr der iranischen Ölexporte rechnen. Doch dürften allerspätestens im nächsten Jahr die Länder der Produzentenallianz das bislang noch zurückgehaltene Angebot wieder in den Markt geben und sich auch der Nachfrageanstieg verlangsamen. Daher sollte der Brent-Ölpreis im 1. Halbjahr 2022 wieder auf ca. 70 USD je Barrel sinken, bevor er gegen Ende des nächsten Jahres wieder auf 75 USD je Barrel steigt, so Eugen Weinberg.

Vorsicht!

Ich möchte dazu kritisch anmerken: Auch wenn Eugen Weinberg das Szenario rund um die OPEC optimistisch sieht. Man sollte nicht vergessen, dass das OPEC-Treffen nur verschoben wurde (ohne neuen Termin). Und es ist doch kaum anzunehmen, dass Saudi-Arabien und einige andere Länder einfach so zusehen werden, wie der Irak oder andere Mitglieder des Kartells planlos in Eigenregie die eigene Öl-Förderung erhöhen, weil die OPEC zu keiner Einigung für mehr Ölförderung in der Lage ist. Denn dieses Chaos-Szenario droht.

Irgendetwas müsste (eigentlich) passieren. Entweder das Chaos, wo jeder munter drauf los mehr fördert – oder es gibt (wann auch immer) doch noch eine Einigung im Kreise der OPEC. So oder so – man müsste doch eigentlich annehmen, dass die Golfstaaten, Russland und andere Öl-Fördernationen in den nächsten Monaten mehr Öl fördern möchten, weil sie die globale Unterversorgung mit Öl vor Augen haben. Ob ein blinder Optimismus für einen weiter steigenden Ölpreis da angebracht ist, möchte ich deswegen bezweifeln.

Kursverlauf im Ölpreis seit dem 30. Juni
Kursverlauf im WTI-Ölpreis seit dem 30. Juni.



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1 Kommentar

  1. Die OPEC als Kartell ist schon lange tot, nach außen wird nur der Schein gewahrt. Ist ja irgendwo logisch das viele Öl fördernde Länder mit der Produktion rauf wollen: Man will vom „hohen“ Ölpreis profitieren den Absatz ankurbeln um so mehr Geld einzunehmen. Und auch Saudi Arabien ist darauf angewiesen, und wie Sie richtig schreiben, werden die bestimmt nicht zuschauen wenn andere Länder handeln sollten.

    Zudem möchte ich noch einen weiteren Punkt ansprechen der meiner Meinung nach relevant sein wird: Die Fracking Industrie! Gerade in der derzeitigen Preisspanne ist für viele das Fracking wieder profitabel, so das man davon ausgehen kann, das in Zukunft auch hier wieder mehr Angebot auf den Markt kommen wird. Dann wird Saudi Arabien wieder die Taktik wiederholen müssen, über massive Förderausweitung die Fracker aus dem Markt zu drängen.

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