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Nach Zinsanhebung um 75 Basispunkte gestern Abend Powell signalisiert: Rezession könnte Preis sein für Abwürgen der Inflation

Die Aussagen von Fed-Chef Jerome Powell zeigen: Die Rezession dürfte der Preis sein für weniger Inflation. Hier dazu Details und Analysen.

Die Federal Reserve (Fed) hat gestern Abend die Zinsen um 0,75 Prozentpunkte angehoben (hier dazu die wichtigsten Aussagen von Jerome Powell in Stichpunkten). Ist das so schnelle Anheben der Zinsen schon zu viel des Guten? Denn wird damit nicht die Konjunktur in den USA zu stark abgewürgt? Die Hypothekenzinsen in den USA haben jüngst bereits die Marke von 6 Prozent überschritten, das höchste Niveau seit 2008. Die Stimmung am US-Immobilienmarkt hat sich bereits dramatisch verschlechtert. Warum ist das Niveau der Zinsen in den USA wohl deutlich wichtiger als in Deutschland? Die US-Volkswirtschaft lebt vom Konsum im Einzelhandel und am Häusermarkt (Häuser werden in den USA fast so konsumiert wie Autos in Deutschland). Anders ist das in Deutschland, wo die Volkswirtschaft zu guten Teilen von Produktion und Export lebt. Steigen die Zinsen schnell an, kann der brutal auf Pump finanzierte Konsumrausch in den USA nicht mehr wie üblich aufrechterhalten werden.

Viele Amerikaner brechen unter der Schuldenlast zusammen, die Konjunktur rutscht in die Rezession. Es ist gut möglich, dass man in den USA nun genau vor diesem Szenario steht. Aber die Frage lautet: Ist eine ausufernde Inflation in den USA (derzeit 8,3 Prozent) nicht noch viel schlimmer als eine ansteigende Arbeitslosigkeit und Rezession? Man schaue dazu nur mal in die Türkei, wo die Inflation inzwischen 80 Prozent erreicht hat. Manche Ökonomen würden sagen „Hauptsache alle in Arbeit, dafür nehmen wir eine hohe Inflation in kauf“. Aber ufert sie erstmal aus, ist eine hohe Inflation nur schwer wieder einzufangen. Die Fed unter ihrem Chef Jerome Powell scheint sich entschieden zu haben, was wichtiger ist.

Fed-Chef Powell und seinen Kollegen nehmen Rezession als Preis für Eindämmung der Inflation in Kauf

Mitglieder der Fed haben laut Bloomberg ihr bisher deutlichstes Signal gegeben, dass sie bereit sind, eine Rezession als „notwendige Gegenleistung“ für die Wiedererlangung der Kontrolle über die Inflation zu tolerieren. Die geldpolitischen Entscheidungsträger, denen vorgeworfen wird, das Ausmaß des Inflationsproblems in den USA zu spät erkannt zu haben, bemühen sich mit Nachdruck den Rückstand aufzuholen. Sie haben die Zinssätze am Mittwoch zum dritten Mal in Folge um 75 Basispunkte angehoben und prognostizieren eine weitere Straffung um 1,25 Prozentpunkte bis Jahresende.

Das war restriktiver als es von Wirtschaftswissenschaftlern erwartet wurde. Darüber hinaus senkten die Notenbanker ihre Wachstumsprognosen, hoben den Ausblick für die Arbeitslosigkeit an, und der Fed-Vorsitzende Jerome Powell sprach wiederholt von einer schmerzhaften Verlangsamung, die notwendig sei, um den Preisdruck einzudämmen, der auf dem höchsten Stand seit den 1980er Jahren liege. „Powells Eingeständnis, dass das Wachstum eine Zeit lang unter dem Trend liegen wird, sollte als Notenbanksprache für ‚Rezession‘ übersetzt werden“, sagte Seema Shah von Principal Global Investors. „Die Zeiten werden von nun an noch härter werden.“

Einschätzungen der Fed für eine Rezession

Um es klar zu sagen: Die Fed-Mitglieder gehen nicht ausdrücklich von einer Rezession aus. Aber Powells Rhetorik, dass die Zinserhöhungen für Arbeitnehmer und Unternehmen schmerzhaft sein könnten, hat sich laut Bloomberg in den letzten Monaten zunehmend verschärft. Am Mittwoch sagte Powell in seiner Pressekonferenz nach der Sitzung, dass eine sanfte Landung mit einem nur geringen Anstieg der Arbeitslosigkeit eine „große Herausforderung“ darstellen würde.

„Niemand weiß, ob dieser Prozess zu einer Rezession führen wird, und wenn ja, wie stark diese Rezession ausfallen würde“, sagte Powell vor Reportern, nachdem die Fed die Zielspanne für ihren Leitzins auf 3 % bis 3,25 % angehoben hatte. „Die Chancen auf eine weiche Landung werden wahrscheinlich in dem Maße abnehmen, wie die Geldpolitik restriktiver oder länger restriktiv sein muss. Nichtsdestotrotz sind wir entschlossen, die Inflation wieder auf 2 % zu senken“.

Diese nüchterne Einschätzung steht in krassem Gegensatz zu der von vor sechs Monaten, als die Fed-Mitglieder erstmals damit begannen, die Zinssätze von nahe Null anzuheben, und die Stärke der Wirtschaft als etwas Positives hervorhoben – etwas, das die Menschen vor den Auswirkungen einer sich abkühlenden Wirtschaft schützen würde. Mit ihren pessimistischeren Prognosen zur Arbeitslosigkeit räumt an laut Bloomberg bei der Fed nun implizit ein, dass die Nachfrage auf allen Ebenen der Wirtschaft gedrosselt werden muss, da sich die Inflation als hartnäckig und weit verbreitet erwiesen hat.

Der Median der 19 Fed-Vertreter geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr auf 4,4 % steigen und bis 2024 auf diesem Niveau bleiben wird, ausgehend von einer derzeitigen Rate von 3,7 %. Aber selbst dieses neue Niveau könnte noch zu niedrig sein. Fast alle Teilnehmer gaben an, dass die Risiken für ihre neuen Prognosen eher nach oben gerichtet seien. Sie gingen davon aus, dass die Zinssätze in diesem Jahr 4, 4 % und 2023 4,6 % erreichen würden, bevor sie 2024 auf 3,9 % sinken würden.

Neue Dot Plots der Fed

„Wir haben immer verstanden, dass die Wiederherstellung der Preisstabilität bei einem relativ bescheidenen Anstieg der Arbeitslosigkeit und einer sanften Landung eine große Herausforderung sein würde“, sagte Powell am Mittwoch. „Wir müssen die Inflation hinter uns bringen. Ich wünschte, es gäbe einen schmerzlosen Weg, das zu tun. Den gibt es aber nicht.“ Die Besorgnis der Fed-Vertreter über ihre Fähigkeit, die Inflation zu senken, zeigt sich auch in anderen Prognosen. Selbst bei einem neuen Zinserhöhungspfad geht die Fed davon aus, dass die Inflation bis 2025 nicht auf ihr 2 %-Ziel sinken wird. Wenn sie insgeheim vermuten, dass dies bedeutet, dass das Risiko einer Rezession steigt, dann sagen sie das nicht laut.

„Ich denke, dass sie verstehen, dass das Risiko steigt, auch wenn es immer noch nicht ihr Ziel ist“, sagte Laura Rosner-Warburton, leitende US-Ökonomin bei der Forschungsfirma MacroPolicy Perspectives LLC in New York. „Ob es zu einer sanften Landung kommt oder nicht, entzieht sich ihrer Kontrolle und hängt von Faktoren wie der Verbesserung des Angebots ab, auf die sie sich nicht verlassen und auf die sie nicht warten können.“

Powell erklärte den Reportern mehrmals, dass ein weicherer Arbeitsmarkt notwendig sein könnte, um die Nachfrage ausreichend zu senken. Er wies aber auch auf höhere Sparquoten und mehr Geld auf staatlicher Ebene hin, was darauf hindeutet, dass die US-Wirtschaft immer noch recht stark ist, eine „gute Sache“, die sie widerstandsfähiger gegen einen erheblichen Abschwung machen würde.

Erwartungen für weitere Zinsanhebungen

„Es hat noch nie einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um ein halbes Prozent ohne eine Rezession gegeben“, sagte Roberto Perli, Leiter des Bereichs Global Policy Research bei Piper Sandler & Co. „Daher ist es sehr wahrscheinlich. Sie wissen das. Die Geschichte zeigt, dass so etwas normalerweise nicht passiert“. Perli rechnet mit einer weiteren Anhebung um 75 Basispunkte im November, gefolgt von einer Anhebung um einen halben Punkt im Dezember. Eine Reihe von Wirtschaftsexperten hat am Mittwoch ihre Prognosen für den Höchststand der Fed-Zinsen angehoben.

Die Bank of America rechnet nun mit einer Anhebung um 75 Basispunkte im November, 50 Basispunkte im Dezember und zwei Anhebungen um je einen Viertelpunkt Anfang 2023, womit der Leitzins der Fed in den Zielbereich von 4,75 % bis 5 % käme. Die Ökonomen der Societe Generale SA rechnen Anfang 2024 mit einer „leichten Rezession“. Die Ökonomen der Goldman Sachs Group Inc. erhöhten ihre Prognose für das Tempo der Zinserhöhungen der Fed.

Stephen Stanley, Chefvolkswirt bei Amherst Pierpont Securities, erhöhte seine Endzins-Prognose auf 5,25 % und sagte, er halte die Inflationsprognosen der Fed nicht für realistisch und es bedürfe einer stärkeren Straffung, um das Preiswachstum zu bremsen. Ich sehe die erste Hälfte des nächsten Jahres als eine tückische Zeit für die Fed“, schrieb Stanley in einem Vermerk.

Unabhängig davon, ob die Fed letztlich bei ihrer aktuellen Prognose von 4,6 % stehen bleibt oder höher geht, wird ihre straffere Politik laut Bloomberg-Chefvolkswirtin Anna Wong zu einem Stellenabbau führen. Eine Anhebung der Zinssätze auf 4,5 % würde etwa 1,7 Millionen Arbeitsplätze kosten, und Zinssätze von 5 % würden 2 Millionen Arbeitsplätze weniger bedeuten, sagte sie.

Powell räumte ein, dass die Zinsen möglicherweise höher ausfallen müssten als derzeit erwartet. „Wir haben aufgeschrieben, was wir für einen plausiblen Pfad für die Federal Funds Rate halten“, sagte er. „Der Weg, den wir tatsächlich beschreiten, wird ausreichend sein. Er wird ausreichen, um die Preisstabilität wiederherzustellen.“

FMW/Bloomberg

Fed-Chef Jerome Powell
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1 Kommentar

  1. könnte ? Könnte ? Könnte ?

    Sie wollen die Nachfrage abwürgen, ja logisch wird weniger Nachfrage zu weniger Jobs führen und zu weniger BIP und somit zur Rezession, was heisst hier könnte, wenn es nicht so kommt hat die FED vorher umgesteuert und wird ergo auch Nachfrage und somit Inflation nicht mehr bekämpfen können, eines führt zum anderen ?

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