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Schweden: Warum liberale Corona-Maßnahmen die Wirtschaft nicht schützen

Schweden Nationalflagge

Seit Wochen steht Schwedens liberale, andere nennen es lasche, Reaktion auf das Coronavirus im weltweiten Fokus der Medien. Im Vergleich zu zum Beispiel Italien oder Spanien, aber auch Dänemark und Norwegen, blieben Bürger und Wirtschaft in Schweden weitestgehend unbehelligt. Das führt zwar zu einem deutlich stärkeren Anstieg der Fallzahlen als zum Beispiel in den nordischen Nachbarstaaten. Schwedens Wirtschaft half es jedoch nicht. Die leidet genauso unter dem Coronavirus wie die anderen Volkswirtschaften Europas. Schwedens Finanzministerin verkündete am Dienstag, dass das Land mit einer um 7% schrumpfenden Wirtschaft in diesem Jahr rechne. In Deutschland rechnet man hingegen (noch) mit nur einem 6,3-prozentigem Rückgang der Wirtschaftsleistung, obwohl die Einschränkungen hier merklich umfangreicher waren und sind als in Schweden. Die Neuverschuldung des schwedischen Staates ist bereits jetzt die höchste seit 30 Jahren.

Schweden bleibt trotz Coronakrise Schulden-Musterschüler – staatlicherseits

Trotz Coronakrise und hoher Neuverschuldung bleibt Schweden übrigens im internationalen Vergleich ein geradezu vorbildliches Land. Das Finanzministerium rechnet mit einem Anstieg der Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt auf nur 45% bis 2021 nach den Maastricht-Kriterien. Derzeit sind es knappe 36%. Zum Vergleich: in Deutschland sind es derzeit 60%, in der Eurozone 84% und in den USA 107%.

Der Privatsektor ist in Schweden so hoch verschuldet wie in wenigen anderen Ländern

Das Schuldenproblem hat in Schweden nicht der Staat, sondern der Privatsektor. Die Schuldenquote der privaten Haushalte beträgt 85,5% des Bruttoinlandsprodukts. In Deutschland sind es nur 54,4%. Selbst die chronisch auf Pump lebenden US-Amerikaner kommen nur auf 75,4%. Ich erinnere mich daran, dass ich schon vor 10 Jahren Artikel über Schweden las, die sich Wohnungen kaufen und planen, ihr Leben lang nur die Zinsen zu bezahlen. Tilgung war, und ist noch heute, ein Fremdwort. In Relation zum durchschnittlichen Jahreseinkommen ist ein Schwede mit 162% verschuldet. Zur Zeit der Finanzkrise waren es nur 132%. Damit ist die Schuldenlast eines schwedischen Haushalts fast doppelt so hoch wie die eines deutschen.

Nehmen wir die Unternehmen noch hinzu, dann lastet auf dem privaten Sektor eine Schuldenlast von 280% des Bruttoinlandsprodukts. In Deutschland sind es 154%, in den USA 197%. Die Schuldentragfähigkeit ist jedoch das erste, was in einer Wirtschaftskrise leidet. Wer sinkende Einkommen und Umsätze verzeichnet, ist schnell nicht mehr in der Lage, fällige Kreditraten zu bezahlen. Je höher die Verschuldung ist, umso schneller zeigt sich das Problem. Und in Schweden dürfte dieses Problem weite Bevölkerungsschichten und einen Großteil der Unternehmen sehr bald betreffen. Dass die Zentralbank angesichts der aufgetürmten Schulden und der sich abzeichnenden Rezession so standhaft an ihrer im Dezember begonnenen Zinspolitik festhält, erstaunt.

Das Coronavirus kann Schwedens Schuldenpyramide zum Einsturz bringen

Schweden ist eines der wenigen Länder, die noch keine Zinssenkung durchführten. Seit dem 11. März sind weltweit 97 Zinssenkungen vorgenommen worden, keine einzige Zinserhöhung. Schwedens Leitzins ist mit 0% jedoch weltweit gesehen immer noch einer der niedrigsten. Die Reichsbank erhöhte den Leitzins am 19. Dezember von -0,25% auf 0%. Ursache dafür war vor allem öffentlicher Druck, weil die schwedische Krone gegenüber anderen Währungen abwertete.

Dass Schweden selbst gänzlich ohne Corona-Schutzmaßnahmen massiv von den Maßnahmen der anderen Staaten betroffen sein würde, hätte sich jeder verantwortliche Politiker und Zentralbanker denken können. Denn Schweden steht auf Platz 5 der am stärksten weltweit vernetzten Volkswirtschaften. 46% des schwedischen Bruttoinlandsprodukts stammt aus dem Export, fast genauso viel wie in Deutschland. Damit ist das Land auch in besonderem Maße abhängig von der Wirtschaftsentwicklung seiner Handelspartner. Eine Annahme der schwedischen Finanzministerin sollten sich alle Aktionäre, die Aktien auf dem aktuellen Top-Niveau für fair bewertet halten, hinter die Ohren schreiben. Nämlich die Annahme, dass Schweden keine schnelle Erholung seiner Wirtschaft sehen werde. Was für Schweden gilt, wird auch für Deutschland, Europa und den Rest der Welt gelten. Etwas anderes ist in hoch vernetzten Volkswirtschaften auch nicht möglich. Entweder alle erholen sich vergleichbar schnell oder keiner.



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2 Kommentare

  1. Artikel gut, Headline ein wenig reißerisch. Muss das sein? Es war niemals das Ziel Schwedens, seine Wirtschaft zu schützen. Ein Land, dass vom Export abhängig ist kann unmöglich denken, dass es fröhlich weiter wirtschaften kann, wenn die Welt in den Lock-down geht. Die Headline impliziert etwas anderes. Schade. Die wirkliche Antwort darauf, warum Schweden keinen angeordneten Lock-down, dafür aber einen auf Freiwilligkeit basierenden Lock-down macht, liegt in der Mentalität der Menschen begründet: https://maikevandenboom.de/schwedischer-sonderweg-heisst-freiheit-vertrauen-verantwortung/

  2. Pingback: Corona: Schweden Deutschland - Deliberation Daily

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