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„Soll das Finanzamt seine Leute doch mal auf die Kanaren schicken“

Redaktion

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am

Von Stefan Kasper-Behrs

Wie fast jedes Jahr fliege ich mit meiner Familie nach Spanien auf die Kanaren. 2015 war es wieder soweit. Unser Reiseziel heißt Jandia auf Fuerteventura. Auf dem Weg zum Hamburger Flughafen spreche ich mit dem Taxifahrer über die Finanzkrise. Meine Frau verdreht die Augen. Ich bin noch nicht im Urlaubsmodus. Der Taxifahrer klagt über die völlige Kontrolle des Finanzamtes.

Kanaren2
Einkauf auf den Kanaren. Die Kasse steht eigentlich immer offen.

‘‘Jetzt können die vom Fiskus sich schon durch das Fiskaltaxameter jederzeit die Umsatzdaten ziehen. Nicht dass sie mich falsch verstehen, ich hab meine Steuern immer pünktlich bezahlt, aber diese Kontrolle schmeckt mir gar nicht! Sollen die doch mal ihre Leute vom Finanzamt nach Spanien, Griechenland oder Portugal zur Kontrolle schicken, als diesen Ländern immer mehr Geld in den Rachen zu werfen. Am Ende zahl ich doch als Taxifahrer die Zeche und sitz mir den Hintern hier wund. Aber was willst du machen, kannst doch wählen was und wen du willst. Wenn wir damals gefragt worden wären, ob wir den Euro haben wollen oder nicht, dann hätte ich NEIN gesagt! Dänemark, Schweiz und die Engländer wollten ihn doch auch nicht. Am besten Raus aus dem EURO und die D-MARK wieder. Den Export halten wir schon am Laufen! Am Ende sind doch die Deutschen sowieso immer die Doofen und werden reduziert auf den Zweiten Weltkrieg. ‘‘

Auf in den Urlaub

Hast du die Sonnencrem mit eingepackt, fragt meine Frau. Alles im Koffer, antworte ich. Und freut ihr euch schon? Frag der Taxifahrer meine Kinder. Beide nicken voller Vorfreude! Wo geht’s denn hin? Nach Fuerteventura.

Kanaren

28 Grad und ein starker Wind. Toller Strand. Wir sind angekommen! Gleich am ersten Tag geht es an den Strand, aber nicht ohne erst einmal entlang der Promenade an den Shops etwas einzukaufen. Zwei coole T-Shirts für unsere Mädchen. Ich bezahle. Dabei fällt mir wieder auf, dass die Kasse auf ist und der Verkäufer nichts in die Kasse tippt.

Ich erinnere mich an das letzte Jahr – wir waren 2014 auf Gran Canaria, da war es genauso. Immer das Gleiche. In fast allen Läden, wo man Sachen kaufen konnte, tippte keiner die Beträge in die Kasse. Die Registrierkassen waren permanent offen. Ich muss an den Taxifahrer aus Deutschland denken. Die nächsten Tage achtete ich ganz besonders auf die Läden beim Einkaufen. Lebensmittelgeschäfte haben wohl nicht die Möglichkeit, aber sonst waren es fast ausnahmslos kleinere Shops, die die Einnahmen in die offene Kasse legten. Unterm Strich wurde auf Fuerteventura ab und zu in diesen Läden die Einnahme eingetippt – auf Gran Canaria nahezu 100% nicht! Die Unternehmer (darf man die so nennen?) auf den Kanaren fühlen sich halt sicher und nicht kontrolliert.

Kanaren als Sonderzone innerhalb Spaniens

Nach unserem Urlaub recherchierte ich ein bißchen und musste mich schon wundern, denn seit Januar 2000 existiert die Sonderzone ZEC (Zona Especial Canaria), die zunächst bis 31. Dezember 2008 von der EU genehmigt war, und im Januar 2007 von der EU bis ins Jahr 2019 verlängert wurde. Diese von der spanischen Zentralregierung und der Regionalregierung gegründete und dem spanischen Wirtschaftsministerium angegliederte Organisation hat zur Aufgabe, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Kanaren zu fördern und zu erweitern, damit sie nicht nur von den vorherrschenden Wirtschaftszweigen Tourismus und Bau abhängt. Deshalb gibt es sogenannte ZEC-Unternehmen, die sich zu bestimmten Investitionen und zur Schaffung von Arbeitsplätzen verpflichten, und somit beispielsweise von einem reduzierten Satz der spanischen Körperschaftsteuer von nur 4 Prozent profitieren können (normal in Spanien 30 Prozent).

Auf den Inseln Gran Canaria und Teneriffa ist eine Mindestinvestition von 100.000 Euro und die Schaffung von fünf Arbeitsplätzen Voraussetzung – auf den anderen Inseln mit geringerer Wirtschaft sind es 50.000 Euro und drei Neueinstellungen. Eine Hauptaufgabe der ZEC ist es, ausländisches Kapital auf die Kanaren zu holen. Bereits über 78 Prozent der Investitionen im Niedrigsteuergebiet stammen aus dem Ausland, davon über 13 Prozent aus Deutschland, was damit nach Spanien zum größten Investor unter den zugelassenen ZEC-Unternehmen wurde. Des Weiteren wird hier geregelt, dass die spanische Mehrwertsteuer auf den Inseln nicht gilt. Dafür wird die IGIC (Impuesto General Indirecto Canario), eine deutlich niedrigere Inselsteuer, erhoben. Hierbei handelt es sich um eine den Endverbraucher belastende indirekte Steuer, die der Mehrwertsteuer gleichkommt, mit einem generellen Steuersatz von 7 Prozent ab dem 1. Juli 2012. Auf dem Festland beträgt der Normalsatz 21 %. Das ist schon ein starkes Stück. Da können die Spanier ihre Waren mit einer 66% günstigeren Mehrwertsteuer gegenüber dem Festland anbieten und betrügen trotzdem!

Sinnlose Steuergeschenke

Ziel ist es, dass sich die Kanaren unabhängiger vom Tourismus machen. Ich frage mich, warum sie sich unabhängiger machen wollen? Sie sollten den Tourismus weiter fördern um Geld in die Kassen zu bekommen, damit sie das Festland unterstützen können. 66% weniger Mehrwertsteuer, und über 86% weniger Körperschaftsteuer.

Sobald der spanische Staat etwas über hat, kann er doch den Kanaren Kapital zur Unabhängigkeit vom Tourismus zur Verfügung stellen. Aber im Moment sehe ich andere Baustellen in Spanien. Viele Spanier kommen nach Deutschland und arbeiten in der Pflege. Gerade in der Altenpflege sind diese Arbeitskräfte aus Spanien in deutschen Pflegeheimen sehr begehrt. Das ganze läuft unter dem Titel „Pflegekräftemangel“. Der wahre Grund ist, dass die Betreiber der Pflegeheime lieber billige und teils leider auch nicht aus der Pflege kommende Spanier locken, als diesen Arbeitsplatz mit einer leistungsgerechten Bezahlung attraktiv zu machen. Für die Bankensanierung hatte Spanien 2012 von der EU einen Kreditrahmen von 100 Milliarden Euro bekommen. Davon nahm Madrid gut 40 Milliarden Euro in Anspruch.

Ich kann hier nur aus eigenen Erfahrungen berichten und freue mich auf Resonanz von Ihnen als Leser. Berichten Sie bitte von Ihren eigenen Erfahrungen. Sicher waren viele von Ihnen schon auf den Kanaren und haben auch ihre Erfahrungen gemacht. Ist es Ihnen auch aufgefallen, dass die Kassen in vielen Shops durchgehend geöffnet sind? Bitte berichten Sie auch von anderen europäischen Urlaubsländern wie z.B. Griechenland. Hat sich hier etwas getan?

Ich bin sehr gespannt!
Bis bald
Ihr Stefan Kasper-Behrs

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    Havlicek Heinz

    29. Juli 2015 10:52 at 10:52

    Hallo! Wir haben ähnliche Erfahrungen auf Kreta gemacht, es war kurz vor dem Referendum. Der Tourismus boomt ja und die Lokale sind überfüllt. Trotzdem, wenn Sie z.B. in eine Bar gehen und zwei Cocktails bestellen, bekommen Sie diese mit einem wunderschönen Kassabon über € 14,- auf den Tisch serviert. Wenn Sie länger sitzen und dann noch vielleicht zwei Toasts und weitere Getränke bestellen, bekommen Sie diese ohne Bons serviert. Beim Bezahlen kommt dann die Kellnerin mit einem kleinen Handblock, auf dem die gesamte Konsumation handschriftlich aufgelistet ist. Die wird addiert, Sie zahlen dann vielleicht 32 Euro und bekommen natürlich keinen weiteren Beleg. Im Klartext heisst das, mindestens die Hälfte des Umsatzes wird schwarz abgewickelt, und das ist in allen Lokalen so. Kontrolle gibt es offensichtlich keine.

  2. Avatar

    Canario

    29. Juli 2015 12:48 at 12:48

    Guten Tag,
    wenn ich solche „Berichte“ lese, dann wird mir schlecht. Das reiht sich nahtlos ans Bild Niveau und zeigt dass der Verfasser keine Ahnung hat.
    Das mit den offenen Kassen beobachte ich hier nicht, selbst auf dem Bauernmarkt wird korrekt abgerechnet und man kann sogar mit Karte bezahlen. Ich frage mich eher, warum der Herr keine Quittung verlangt hat, als im Nachhinein rumzuheulen?
    Die reduzierte Mwst. gilt nicht nur für die Kanaren sondern auch in anderen EU-Randzonen Gebieten und vor allem auf Inseln, da die Waren vom Festland hier unter hohen Kosten erst antransportiert werden müssen. Der Durchschnittslohn eines gut ausgebildeten Arbeiters liegt hier bei ca 1000 Euro im Monat.
    Ach was, es bringt nichts, man kann die Welt sehen, wie man sie sehen will. Fahren Sie doch besser nach Rügen.
    MFG

    • Avatar

      admin

      29. Juli 2015 15:34 at 15:34

      Vielen Dank für ihren Kommentar,

      wenn jemand anderer Meinung ist, würde ich ihn nicht mit „Das reiht sich nahtlos ans Bild-Niveau und zeigt dass der Verfasser keine Ahnung hat.‘‘ abtun.

      Letztes Jahr waren wir 2x zwei Wochen in Maspalomas auf GranCanaria und es war so wie ich Ihnen berichtet habe. Tatsächlich haben wir uns einmal, damit wir überhaupt was in der Hand haben, ein Quittung geben lassen.

      Wir haben auch beobachtet: Wenn andere Urlauber bezahlten, ging das Geld auch immer in die offene Kasse. An der Playa de Ingles war es auch so. Dieses Jahr in Fuerteventura war es nicht so schlimm wie auf Gran Canaria.Es handeltet sich immer um kleinere Shops! Die ganz großen haben normal abgerechnet. Aber es gibt halt überwiegend in den Einkaufsmeilen die Kleinen. Es ist unsere eigene Erfahrung, die wir gemacht haben!

      Auf dem spanischen Festland, von wo Sie uns sicher berichten, habe ich auch nie so etwas gesehen! Hier habe ich nie eine offene Kasse erlebt. Ich möchte auch zum Ausdruck bringen, das es die fehlende Kontrolle ist, die ich Kritisiere, denn nur wenn es die gibt, wird sich auch das Verhalten der Leute ändern.

  3. Avatar

    aLf

    29. Juli 2015 13:16 at 13:16

    Bin früher in meinem Sommerurlaub jedes Jahr auf die griechische Insel gefahren. Ab 2011 ist mir aufgefallen, dass es dort auch tatsächlich Quittungen existieren – sogar von den Taxifahrern gab´s eine ordentliche Rechnung – in den Jahren davor eigentlich nicht…

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EZB ebnet argumentativen Weg für lang anhaltende Rettungsmaßnahmen

Claudio Kummerfeld

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am

Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Seit der Finanzkrise 2008 veranstaltet die EZB ein Anleihekaufprogramm nach dem nächsten. Die Zinsen sinken im großen Bild gesehen immer weiter. Egal wie gut es der Konjunktur in der Eurozone zwischen 2008 und 2020 wieder ging. Die EZB druckte immer weiter Geld, kaufte immer weiter Anleihen. Länder wie Italien wurden mit EZB-Geld und immer weiter sinkenden Zinsen am Leben erhalten. Nach der Krise war vor der Krise.

Und nun, kommt nach der Coronakrise (die Impfstoffe kommen ja bald) wieder die nächste Krise, nämlich die Rettung der überschuldeten Unternehmen? Deswegen muss die EZB (wie es auch die Fed macht) zusammen mit den Regierungen der Mitgliedsstaaten immer weiter retten, retten und retten. Denn ja, wir wissen es alle. Mit gigantischen Kreditprogrammen, Zuschüssen, Kurzarbeitergeld uvm werden in Europa die Nöte der Coronakrise gemildert, und Probleme optisch versteckt. Am besten erkennt man das beim Thema Kurzarbeitergeld. In Deutschland wurde die ausgeweitete Funktion dieses Instruments erst letzten Freitag im Bundestag bis Ende 2021 verlängert – welch ein Zufall, bis zur Bundestagswahl kann die Kurzarbeit in ihrer jetzigen Form also weiterhin als neuer Dauerzustand für eigentlich arbeitslose Arbeitnehmer genutzt werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

EZB kommt mit „Nicht zu früh aufhören“-Argumentation

Aber zurück zur EZB. Die einfache wie auch clevere Aussage der EZB lautet am heutigen Montag (frei und sinngemäß zusammengefasst): „Wenn wir die Hilfen zu früh einstellen, gefährden wir den Erfolg“. Tja, und wann das Ende der Hilfen angebracht ist, das ist bei der EZB bekanntermaßen eine sehr dehnbare Ansichtssache (siehe Anleihekäufe seit 2008 bis heute – hier eine wunderschöne historische Übersicht zu dem Thema). Im Rahmen ihres heute veröffentlichten Finanzstabilitätsberichts hat die EZB auch einen einzelnen Artikel veröffentlicht, bei dem es um die „Bewertung von Schwachstellen von Unternehmen“ in der Eurozone geht.

Und die Schwachstelle scheint offenbar darin zu bestehen, dass EZB und Regierungen ihre Hilfsprogramme zu früh auslaufen lassen könnten. Man sieht die Probleme wohl auch vor allem beim Zugang zu Krediten und bei steigenden Finanzierungskosten. Die Unterstützung durch die Geldpolitik der EZB habe dazu beigetragen, die tatsächlichen Insolvenzen bisher unter Kontrolle zu halten. Staatliche Kreditgarantien und Konkursmoratorien hätten eine groß angelegte Welle Unternehmenspleiten verhindert. Aber eine beträchtliche Anzahl von Unternehmen könnte gezwungen sein Konkurs anzumelden, wenn diese Maßnahmen zu früh aufgehoben werden oder die Kreditvergabebedingungen der Banken verschärft werden, so die heutige Aussage der EZB. Tatsächlich deute die historische Ko-Bewegung des Anfälligkeitsindikators mit den Unternehmensinsolvenzen und dem BIP-Wachstum darauf hin, dass sowohl die Regierungspolitik als auch die niedrigen Fremdfinanzierungskosten dazu beigetragen hätten, die Auswirkungen der Verschlechterung des Gesundheitszustands der Unternehmen auf die tatsächliche Zahl der Insolvenzen zu dämpfen – auch wenn die Auswirkungen je nach Land, Sektor und Unternehmensgröße unterschiedlich seien.

Dieser neu entwickelte Indikator mache laut EZB deutlich, dass die Anfälligkeit des Unternehmenssektors auf ein Niveau gestiegen ist, das zuletzt während der Staatsschuldenkrise im Euroraum beobachtet wurde. Finanzierungsrisiken hätten sich dank verschiedener Unterstützungsmaßnahmen bisher nicht materialisiert, aber die Anfälligkeit der Unternehmen könne weiter ansteigen und ein Niveau erreichen, das während der globalen Finanzkrise beobachtet wurde. Insbesondere wenn die zweite Welle der Pandemie die wirtschaftliche Erholung zum Stillstand bringe und das Wachstum schwächer ausfällt als prognostiziert, könnte ein frühzeitiger Ausstieg aus den Stützungsmaßnahmen schließlich zu einem deutlichen Anstieg der Unternehmenskonkurse führen, mit Auswirkungen auf die Finanzstabilität auch für die Banken im Euroraum, so die EZB.

Aus Rettung wird Dauerzustand

Tja, haben sie es auch rausgelesen? Diese Aussagen (wie auch jüngst die Warnung von Christine Lagarde vor der Rezession) bieten die perfekte Vorlage, damit KfW-Kredite, Null- und Negatzvinsen, Kurzarbeitergeld, Anleihekäufe in Billionenhöhe etc immer so weitergehen, Jahr für Jahr. Nicht denkbar? Nochmal, ich möchte erinnern an die letzten zwölf Jahre seit der Finanzkrise! Natürlich sind viele Maßnahmen sicherlich gut und richtig wie die KfW-Kredite, Zuschussprogramme etc. Aber vor allem was die EZB da anrichtet mit ihren Kaufprogrammen und abgeschafften Zinsen. Diese Maßnahmen, wenn sie jahrelang immer weiter beibehalten werden, schaffen ein Gesamtumfeld, das nicht mehr ohne zinslose Kredite leben kann, und Staaten die nicht mehr ohne negative Anleiherenditen leben können. Man gewöhnt sich an diese schöne neue Welt sehr schnell – oder besser gesagt, man hat sich längst daran gewöhnt. Ein Ende dieser Geldpolitik der EZB, ist die überhaupt noch vorstellbar bei der Schuldenexplosion bei Staaten und Unternehmen? Entweder immer so weitermachen, oder man riskiert einen großen Knall.

EZB-Grafik zur Verwundbarkeit der Unternehmen
Grafik: EZB

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Coronavirus: Die Impfung und die praktischen Folgen

Deutschland rüstet sich für die ersten Impfungen gegen das Coronavirus. Aber was passiert nach erfolgreicher Impfung? Wie wird man mit den verschiedenen Gruppen im praktischen Leben umgehen?

Wolfgang Müller

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Deutschland rüstet sich für die ersten Impfungen gegen das Coronavirus. Impfzentren werden bereits für Mitte Dezember vorbereitet, obwohl noch gar kein Vakzin zugelassen ist. Die Politik macht Druck.

Mindestens 96 Corona-Impfzentren sollen allein in Bayern bis Mitte Dezember einsatzbereit sein. In jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt im Freistaat ist mindestens ein Impfzentrum geplant, so ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Donnerstag.

Aber was passiert nach erfolgreicher Impfung? Wie wird man mit den verschiedenen Gruppen im praktischen Leben umgehen? Darüber wird man bald diskutieren.

Coronavirus: Immunisiert oder nicht

Im Prinzip müsste es im neuen Jahr vier verschiedene Gruppen innerhalb der Bevölkerung geben: Menschen, die bereits eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben. Und dann die, die  registriert sind: eine diffuse Gruppe mit Bürgern, die selbst nicht genau wissen, ob sie vielleicht nicht schon infiziert waren, die große Gruppe derer, die sich noch vor der Infektion geschützt haben – und schließlich die Geimpften. Wie verfährt man in Zukunft mit den Menschen, die die Infektionskrankheit überwunden haben und die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit immun sind gegen die Krankheit und auch als Spreader des Coronavirus für die Mitmenschen wegfallen? Gibt es nach erfolgreicher Impfung so etwas wie einen Impfpass?

Der Impfpass, jetzt eine zweifelhafte Angelegenheit?

In Kürze, wenn die Zulassung des Impfstoffes vollzogen ist, wird es rasch zwei Gruppen von Bürgern geben, die annehmen können, die Krankheit bezwungen zu haben – die vormals Infizierten und die Geimpften. Nach dem Stand der Wissenschaft gilt eine rasche Wiederinfektion mit dem Coronavirus als unwahrscheinlich. Bei Abermillionen von Infektionen müsste dies schon aufgefallen sein. Die Zahl der Infizierten in Deutschland nähert sich der Ein-Millionen-Grenze (Ende dieser Woche?), die Dunkelziffer dürfte in Deutschland bei Faktor 3 bis 5, liegen, so die Annahme einiger Wissenschaftler aufgrund der Antikörpertests.

Jedenfalls wird die Zahl der „Immunen“ bald im Millionenbereich liegen. Während man den ehemals Infizierten nach langen Diskussionen keinen Immunitätsausweis zusicherte, so wird nach einer Impfung gegen Covid-19 sicherlich eine Impfbescheiningung ausgestellt werden, wie beim Impfpass nach jeder Standardimpfung.

Was wird passieren, wenn sich geimpfte Menschen sagen, „so jetzt bin ich geschützt, warum weiter eine Maske tragen?“ Nur eine von vielen praktischen Fragen.

Aber da beginnt bereits das Dilemma. Die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes sieht eine „Impf- und Immunitätsdokumentation“ vor. Was wird diese für Folgen haben? Eine Wiedergewährung von Mobilitäts- und Freiheitsrechten? Der Ethikrat ist bereits bei der Beratung der Problembereiche.

Wo könnte der Impfpass Anwendung finden?

Trotz aller ethischen Bedenken, werden Impfungen bei Reisen in fremde Länder empfohlen oder sind sogar Verpflichtung (z.B. gegen Gelbfieber in bestimmten afrikanischen Ländern). Wie werden asiatische Länder auf die Impfung reagieren, Staaten wie Taiwan, Vietnam, Thailand, Südkorea, Australien, Neuseeland, die die Infektion bisher erfolgreich eindämmen konnten? Könnte ein Impfausweis nicht Voraussetzung werden, dass man nach der Einreise von Menschen aus Risikogebieten keine 14-tägige Quarantäne absolvieren muss?

Gibt es aktuell vor einer Reise mit einem Kreuzfahrtschiff nicht bereits die Verpflichtung zu einem Corona-Schnelltest, in dieselbe Richtung laufen Bestrebungen im Luftverkehr?

Und was ist eigentlich mit den vielen Unternehmen aus den Corona-geschädigten Branchen, sei es der Kulturbereich, bei Messen, oder jeglichen Veranstaltungen (Fußball) mit größerem Publikumsverkehr? Werden diese sich für das ethisch etwas zweifelhafte Instrument Impfbescheinigung einsetzen, weil es ihnen sofort Luft zum Atmen bringen würde? Oder wird dies der Staat abwiegeln und versuchen, die Branchen mit immer weiteren Notgeldern über Wasser halten? Eines ist doch schon heute absehbar: Bei einer Bevölkerungszahl von 83 Millionen Menschen, abzüglich der bereits Betroffenen und den Impfverweigerern wird es lange dauern, bis all die Freiwilligen oder auch Zwangsläufigen (Pflegepersonal?) im großen Umfang gegen das Coronavirus geimpft sind.

Fazit

Sicher ist es noch etwas früh, sich über die praktischen Folgen einer Impfung Gedanken zu machen. Allerdings werden Regelungen kommen, ja vermutlich sogar gefordert werden. Schließlich steht manchem Unternehmer das Wasser bis zum Hals und man sehnt sich nach Kunden, nach Menschen, die kein Risiko in Sachen Coronavirus darstellen, für sich und für andere. Wann werden die Diskussionen über die neue Sachlage starten?

Was werden die praktischen Auswirkungen der Impfungen gegen das Coronavirus sein?

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Was den schwachen Goldpreis aktuell bewegt

Claudio Kummerfeld

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am

Ein Barren aus Gold

Der Goldpreis ist die letzten Tage ohne Stärke unterwegs. Eigentlich ist das merkwürdig, denn der US-Dollar schwächelt seit Tagen, und müsste Gold (das in Dollar gehandelt wird) daher doch eigentlich Auftrieb geben. Der Dollar-Index (Währungskorb des US-Dollar gegen andere Hauptwährungen) hat binnen einer Woche von 92,80 auf 92,18 Indexpunkte verloren.

Corona-Impfstoffe dämpfen Aufwärtstrieb im Goldpreis

Mit aktuell 1.865 Dollar sieht man, dass die seit Donnerstag letzter Woche kurz aufgeflackerte Erholung mit Anlauf Richtung 1.900 Dollar wieder verpufft ist. Eindeutig ist zu sehen, dass die Anleger, die über das Vehikel der ETF (Exchange Traded Funds, hier die Begriffserklärung) in Gold investieren, letzte Woche auf der Verkäuferseite waren mit gut 30 Tonnen. Der folgende aktuelle Chart der Commerzbank zeigt seit Jahresanfang in gelb den Goldpreis-Verlauf, und in schwarz die Gold-ETF-Bestände. Die Nachfrage schlafft derzeit ab.

Chart zeigt ETF-Bestände in Gold im Vergleich zum Goldpreis

Die letzte wie auch die vorletzte Woche waren die Kapitalmärkte gefangen im Fieber der Corona-Impfstoff-Hoffnung. Nach Biontech und Pfizer kam letzte Woche Moderna mit einem fertigen Impfstoff, und heute früh dann auch noch AstraZeneca. Daher laufen die Aktienmärkte auch heute zum Wochenstart erfreulich nach oben. Alles was die Märkte positiv stimmt für eine Erholung der Weltwirtschaft, schwächt tendenziell den „Sicheren Hafen“ namens Gold. Im Chart sehen wir den Goldpreis im Verlauf der letzten 30 Tage. Der große Absturz in der Mitte des Charts rührt her von der ersten Impfstoff-Meldung gegen das Coronavirus vom 9. November von Biontech und Pfizer.

Laut heutiger Aussage des Commerzbank-Analysten Carsten Fritsch dürfte der aktuelle Optimismus hinsichtlich der Impfstoffe dagegen sprechen, dass es schon in Kürze zu einem neuerlichen Run auf die Gold-ETFs kommt. Entsprechend gedämpft sei der kurzfristige Ausblick für den Goldpreis. Die spekulativen Finanzanleger seien seiner Meinung nach durch den Preisrutsch Mitte letzter Woche offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischt worden. Denn sie weiteten ihre Netto-Long-Positionen in der Woche zum 17. November auf gut 90.000 Kontrakte aus, nachdem sie diese in der Woche zuvor reduziert hatten. Entsprechend dürfte der Preisrückgang auf rund 1.850 Dollar letzten Mittwoch seiner Meinung nach auch durch spekulative Verkäufe begünstigt worden sein.

Mittel- und langfristig bergauf?

Bleibt es bei dem Szenario, welches wir letzte Woche schon erwähnten? Kurzfristig bleibt der Goldpreis trotz schwachem US-Dollar und dank der Corona-Impfstoff-Hoffnungen schwach? Aber mittel- und langfristig sieht man wieder Kurse über 1.900 Dollar und auch Richtung 2.000 Dollar? Das ist die Frage. Denn im großen Bild, da ist die Meinung der Notenbanker ja relativ eindeutig, wie man die letzten Tage und Wochen auch bei der EZB heraushören konnte. Die Geldpolitik (Anleihekäufe und Zinsen) wird noch sehr lange Zeit extrem locker bleiben, um die wirtschaftliche Erholung der Volkswirtschaften zu unterstützen. Also weiterhin Optimismus im größeren Bild für einen steigenden Goldpreis? Dieses Szenario bleibt vorhanden.

Chart zeigt Goldpreis-Verlauf in den letzten 30 Tagen

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