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Thomas Mayer: Notenbanken und der Torwart beim Elfmeter

Thomas Mayer - Notenbanken und der Torwart

Am 24. Februar 2022 (dem Tag, als Russland die Ukraine überfiel) war Thomas Mayer zu Gast bei BOOM & BUST.

Professor Mayer ist nicht irgendwer: Er war in herausgehobenen Positionen für den Internationalen Währungsfond (IWF), für Goldman Sachs, Salomon Brothers und die Deutsche Bank an den internationalen Finanzmärkten in New York tätig. Er war zuletzt Chefökonom der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. 2014 baute er für Flossbach von Storch in Köln das gleichnamige Research Institute auf, als dessen Gründungsdirektor er seitdem fungiert. Heute, nach nur 7 Jahren, besitzt das Flossbach von Storch Research Institute einen Ruf wie Donnerhall. Mayers Research Institut ist mittlerweile der maßgebliche Thinktank in Deutschland, wenn es um Fragen zur Währungspolitik geht, um Finanzen oder Anlagestrategien. Thomas Mayer hat mit seinem Institut den Vermögenspreisindex in die Finanzökonomie eingeführt. Das ist ein längst überfälliger Index, der die massiv steigenden Asset-Preise der letzten Jahre akribisch vermisst. Der Flossbach von Storch Vermögenspreisindex ist inzwischen aus keiner ernstzunehmenden makroökonomischen Analyse mehr wegzudenken.

„Monetärer Klimawandel“: Der Bundesbankwatcher Thomas Mayer im Glaskasten

Im Laufe der Sendung BOOM & BUST (Timecode 4:00ff.) wollte Markus Fugmann von Thomas Mayer wissen, welcher Handlungsspielraum für die Fed in Zeiten des „monetären Klimawandels“ überhaupt noch bleibe. Fugmanns Stichwort „monetärer Klimawandel“ (Timecode 5:40f.) schlug bei Prof. Mayer erkennbar ein und gab ihm Gelegenheit, den Unterschied zwischen den Zentralbanken alten Zuschnitts und der EZB von heute analytisch herauszuarbeiten. Der Bundesbank sei es in den 1990er Jahren darum gegangen, die Märkte möglichst auf dem falschen Fuß zu erwischen, während es der EZB heute darum gehe, die Entwicklung für die Märkten möglichst vorzuzeichnen (forward guidance). Dazu muss man wissen, das Thomas Mayer 1990 für Salomon Brothers in London als „Bundesbankwatcher“ tätig war. Mayer sollte möglichst exakt die Zinsbewegungen der Deutschen Bundesbank vorhersagen. Dazu saß er in einem kleinen Glaskasten, der aussah wie ein Aquarium, innerhalb eines weitläufigen Handelsraums, der im ersten Stock hoch über den Gleisen von Londons altehrwürdiger Victoria station lag.

Der Forecastmanager als Torwart

Etliche Tage vorher, wenn nicht gar Wochen, gab Thomas Mayer als Bundesbankwatcher seine Prognose ab. Fünf Minuten vor Bekanntgabe verließ er seinen Glaskasten, um inmitten des riesigen Handelsraums vor einem Reuters-Bildschirm, der erhöht auf einem Pult stand, die Zinsentscheidung der Bundesbank zitternd entgegenzunehmen – unter 100 Augenpaaren und mit feuchten Händen, wie er berichtet. Die bange Frage, ob er diesmal richtig lag oder sich geirrt habe, habe ihn jedesmal an ein Elfmeterschießen erinnert. Er sei sich vorgekommen wie ein Torwart: „Der Spieler – die Bundesbank – lief an“, täuschte die rechte obere Ecke an, um den Ball unversehens ins linke untere Eck zu knallen. So wie der Torwart beim Elfmeterschießen habe auch er – Mayer – meist ein Tor kassiert: „Ein Stöhnen ging dann durch den Raum, und ich ging gebeugten Schritts unter den missbilligenden Blicken des Publikums in meinen Glaskasten zurück.“

Konnte Mayer indes den Ball einmal halten – was selten genug vorkam – dann sei er durch den Handelsraum stolziert und habe sich an jedem Handelstisch beglückwünschen lassen. Mayer erzählt die aus mehreren Gründen philosophische Episode wunderbar leichtfüßig, schmunzelnd und selbstironisch auf Seite 220f. seines neuen Werks: „Inflationsgespenst – Eine Weltgeschichte von Geld und Wert„.

Prognosen seien schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, lautet ein alter ökonomischer Kalauer. Wohl wahr. Die Episode, die Thomas Mayer berichtet, ist jedenfalls viel hintergründiger, als man auf dem ersten Blick meint.



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