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Türkei: Aktien, Anleihen und Lira im Sturzflug – was ist da los?

Redaktion

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Am kommenden Wochenende sind Kommunalwahlen in der Türkei. Und offenbar versucht Präsident Erdogan „noch mal schnell“ mit allen Mitteln irgendwas zu tun, damit zum Beispiel die Lira nochmal kurz ansteigt. Die ganze Gemengelage wirkt relativ chaotisch. Kurz am Rande: Wohl um der Volksseele etwas Gutes zu tun, ist Recep Tayyip Erdogan ganz aktuell eingefallen die weltberühmte Hagia Sophia in Istanbul wieder in eine Moschee zurückverwandeln, wie er es in einem TV-Interview sagte. Die zum Weltkulturerbe gehörende Hagia Sophia ist seit 1934 ein Museum. Tja, damit kann man die Volksseele mal einen kurzen Augenblick aufputschen?

Aber sonst? Die finanzielle und volkswirtschaftliche Lage in der Türkei wird schlechter und schlechter (Arbeitslosigkeit, Inflation). Daher muss Präsident Erdogan durchaus davon ausgehen, dass es am Wochenende eine Niederlage für ihn geben könnte. Also muss irgendwas gemacht werden? Hauptsache irgendwas machen? Wer genau welche Anweisung gegeben hat, ist für Außenstehende unklar zu beurteilen. Fakt ist, dass der Staatsapparat aktuell rotiert. Und das gefällt den Märkten überhaupt nicht.

Da wären zum Beispiel die in Finanzkreisen zahlreichen Aussagen, dass türkische Banken erst einmal ausländischen Banken keine Lira mehr leihen. Bis kurz nach der Kommunalwahl soll diese Praxis offenbar beibehalten werden. Als das offenkundig wurde an den Märkten, schoss der Zins für Übernachtkredite in türkischer Lira durch die Decke auf 700%.

Die türkische Zentralbank hatte vor Kurzem ihre eigentlich standardmäßig wöchentlich durchgeführten Refinanzierungsgeschäfte für Privatbanken eingestellt. Kredite erfolgen derzeit nur über höher verzinste Finanz-Vehikel der Zentralbank. Türkische Privatbanken stehen laut zahlreichen Aussagen aus Finanzkreisen unter Druck des Staates derzeit keine Lira an ausländische Partnerbanken anzubieten. Und diese Woche hatte Präsident Erdogan den „bösen Spekulanten“ den Kampf angesagt, die gegen die Lira spekulieren. Man kenne ihre Namen und werde gegen sie vorgehen.

Ganz aktuell sagt er, dass Spekulanten (die gegen die Türkei spekulieren) gebändigt werden müssten. Er  wisse, dass das wahre Problem der Türkei bei den Zinssätzen liege. Und bei den Schwankungen in der türkischen Lira gehe es darum die Türkei in die Enge zu treiben, so Erdogan. Ja, ja, das ist alles eine große ausländische Verschwörung gegen die Türkei und den Präsidenten Erdogan, dazu noch garniert durch inländische bösartige Spekulanten, um die man sich kümmern muss. Richtig?

Das Resultat dieser Aktivitäten und Aussagen so kurz vor der Kommunalwahl? Der Markt präsentiert die Quittung. Denn Anleger sind Fans von politischer Stabilität und Verlässlichkeit. Das finden sie in der Türkei momentan wohl nicht vor. So sind die Absicherungsprämien (Credit Default Swap) gegen einen Zahlungsausfall türkischer Staatsanleihen (Volumen 10 Millionen Dollar) in wenigen Tagen um 100.000 auf über 400.000 Dollar gestiegen.

Der türkische Aktienindex BIST 100 hat in den letzten zehn Tagen 11,5% an Wert verloren.

Die Rendite für die zehnjährige türkische Staatsanleihe ist binnen einer Woche von 15,5% auf 18,5% gestiegen.

Und die türkische Lira? Haben die dubiosen Maßnahmen ihren Kurs kurz vor der Wahl hochgepusht? Nein, der Markt war unterm Strich stärker. Im Chart sieht man Euro vs Lira seit dem 19. März. Erst schwächelte der Euro, dann aber steht er stärker da gegen die Lira als noch am 21. März. Also erst Mal Pustekuchen mit der Lira-Aufwertung.

Die türkische Zentralbank versucht übrigens gegen die Währungsabwertung anzukämpfen, in dem sie mit Devisenreserven die Lira kauft. Das gelang bisher offenbar nicht, aber die Devisenreserven sinken. Alleine laut offiziellen Angaben sanken sie zuletzt binnen einer Woche von 28,5 auf 24,7 Milliarden Dollar. Laut FT-Kalkulationen sanken sie alleine im Monat März um 1/3.

Die Lage in der Türkei bleibt für den Kapitalmarkt und für Privat-Zocker spannend. Unsicher, unklar, undurchsichtig, aber spannend.

Türkei Präsident Erdogan
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Ein Kommentar

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  1. Avatar

    Devisionaer

    28. März 2019 22:58 at 22:58

    Man hatte die Story ja beinahe schon wieder vergessen aber da ist die Lira-Krise wieder. Wird wohl nach der Wahl erst richtig los gehen der Run, wenn dann paar Jahre keine Wahlen mehr anstehend und man sich auch für nichts rechtfertigen muss. Am Beispiel der Türkei kann man leider sowieso gut beobachten, wie eine schleichend stärker werdende Autokratie versucht, dem internationalen Wirtschaftsmarkt in einem kapitalistischen System Herr zu werden. Wenig erfolgreich aber sehr bemüht….

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Italien: Wirtschaftskrise zu Ende, oder was? Und was machen die Anleihemärkte?

Claudio Kummerfeld

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Italien-Flagge in Rom

Erst am 31. August berichteten wir von den jüngsten BIP-Daten aus Italien für das zweite Quartal. Die Wirtschaftsleistung in Italien war im Vergleich zum 1. Quartal um 12,8 Prozent abgestürzt. Im Jahresvergleich zum zweiten Quartal 2019 war es ein Absturz von 17,7 Prozent. Dies ist laut Trading Economics der stärkste Einbruch der Wirtschaftsleistung in Italien seit den 60er-Jahren gewesen. Jüngst gab es staatliche Schätzungen zum BIP-Einbruch in Italien für das Gesamtjahr. Man schätzt einen Rückgang von 9 Prozent. Der italienische Wirtschaftsminister sagte, dasss das dritte Quartal sehr gut werden wird. Und wenn es auch im vierten Quartal ein bescheidenes Wachstum gebe, dann könne man das erwartete BIP-Minus von neun Prozent nach oben revidieren.

Industriedaten aus Italien

Und dann vor einer Woche wurden von den staatlichen Statistikern in Rom die jüngsten Daten zur Industrieproduktion im August veröffentlicht. Was für eine Überraschung. Das übelst gebeutelte Italien feiert (zumindest gemäß dieser Daten) ein Comeback. Die Industrieproduktion stieg im August im Vergleich zu Juli um satte 7,7 Prozent, während ein Plus von lediglich 1 Prozent erwartet wurde. Im Durchschnitt der letzten drei Monate stieg sie im Vergleich zum Durchschnitt der vorigen drei Monate um 34,6 Prozent. Aber noch deutlich wichtiger ist, dass sie im Jahresvergleich zu August 2019 nur noch um 0,3 Prozent gesunken ist. Damit kann man sagen, dass die Industrie in Italien das Corona-Tal verlassen hat.

Heute nun haben die amtlichen Statistiker die wichtigen Auftragseingänge für die Industrie in Italien veröffentlicht. Sie sind eigentlich noch wichtiger als die aktuellen Umsätze, denn die Aufträge zeigen, was in den nächsten Monaten passieren wird. Und auch hier sieht es gut aus. Die Aufträge stiegen im August im Monatsvergleich um 15,1 Prozent, und im Jahresvergleich um 6,1 Prozent. Geht man also davon aus, dass die Industrie über den Berg ist, dann heißt das was? Da man anhand der BIP-Daten aus dem zweiten Quartal erahnen kann, dass auch das dritte Quartal im Jahresvergleich noch im Minus liegen wird, dürften die Dienstleistungen in Italien noch spürbar zurückliegen, anders als die Industrie. Das ist verständlich. Der Tourismus fehlt dem Land.


source: tradingeconomics.com

Italien im Märchen-Zustand bei Anleiherendite

Den Kapitalmarkt interessiert das nicht. Die EZB flutet dermaßen alles und jeden mit frisch gedrucktem Geld, so dass die Anleihekurse steigen, auch die für Italien. Vor allem große Spekulanten am Anleihemarkt dürften kaufen, um sie dann später zu (hoffentlich?) höheren Kursen an die EZB zu verkaufen. Denn die will ja unbedingt kaufen bis der Arzt kommt. Steigende Anleihekurse bedeuten für den Käufer automatisch eine geringere Rendite auf sein Investment. Die Anleiherendite ist zugleich auch eine Risikoprämie für den Anleger. Je höher das Risiko, dass der Schuldner (Italien) nicht zurückzahlt, desto höher normalerweise die Rendite. Aber wie man sieht… keine Spur von Risiko? Nein, das Risiko ist da, nur kauft die EZB ohne Ende, was die Kurse treibt und die Renditen runter drückt. Die Rendite für zehnjährige italienischen Staatsanleihen sieht man hier im Verlauf seit April. Damals noch im Hoch bei 2,17 Prozent, so ist sie erst gestern auf ihr Rekordtief bei 0,63 Prozent gefallen (aktuell 0,68 Prozent).

Rendite für zehnjährige Staatsanleihen aus Italien

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Olaf Scholz schreitet voran bei der Bevormundung kleiner Geldanleger

Claudio Kummerfeld

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Olaf Scholz hat unlängst öffentlich verkündet, dass er persönlich in Sachen Geldanlage nur auf das gute alte Sparbuch setzt. In Frankfurt wie in Berlin wird womöglich (!) hinter vorgehaltener Hand schon getuschelt, ob er selbst überhaupt Fachkenntnis hat, was Aktien und Derivate überhaupt sind, und wie sie funktionieren? Anders wäre es nicht zu erklären, dass er jüngst zum Beispiel versuchte ein Gesetz zu ändern, demnach zukünftig nicht mehr aller Verluste bei Derivategeschäften mit Gewinnen verrechnet werden können. Dann hätten Privatanleger nach Steuern auf Börsengewinne insgesamt sogar Verluste machen können! Aber zum Glück hat der Bundesrat letzten Freitag diesen Steuerirrsinn von Olaf Scholz fürs Erste blockiert (mehr dazu hier).

Aber ein Olaf Scholz lässt sich ja nicht beirren. Wie das Handelsblatt berichtet hat (hier nachzulesen), plant er schon den nächsten Angriff auf Privatanleger, die in Sachen Geldanlage nicht ausschließlich auf das Nullprozent-Sparbuch setzen möchten. Es gibt ja nicht nur die „normalen“ Anleihen von Staaten, Banken, Industrieunternehmen, und kleinen Mittelständlern. Auch viele kleine Unternehmen begeben Anleihen. Und bei manchen Unternehmen ist die Ausfallwahrscheinlichkeit (keine Rückzahlung bei Ende der Anleihelaufzeit) höher als bei Staaten oder großen Konzernen.

Nachranganleihen sind ganz was Böses?

Und was passiert automatisch bei einer höheren Ausfallwahrscheinlichkeit? Die Rendite für die Anleger wird raufgesetzt, damit sie Interesse haben diesem bestimmten Unternehmen oder dieser bestimmten Bank Geld zu leihen. Je höher das Risiko, desto höher die Rendite – der normale Marktmechanismus! Er trifft in der Regel zu bei sogenannten „Nachranganleihen“. Bei Zahlungsschwierigkeiten des Anleihe-Emittenten werden zunächst die „normalen“ Gläubiger befriedigt. Wie das Wort Nachrang es schon sagt, werden die Eigentümer von Nachranganleihen erst ganz als letzte befriedigt, wenn es überhaupt noch Geld zu verteilen gibt.

Dementsprechend tragen die Eigentümer von Nachranganleihen das höchste Risiko, werden aber wie gesagt dafür in der Regel auch mit höheren Renditen belohnt. Und jetzt kommt die Bevormundung des Olaf Scholz ins Spiel. Sind die kleinen Privatanleger sozusagen die unwissenden Kinder, die vom Papa beschützt werden müssen vor dieser schlimmen und grausamen Welt? Denn Olaf Scholz plant mit einer Novelle des Wertpapierhandelsgesetz eine Mindeststückelung von 50.000 Euro für Nachrangdarlehen einzuführen. Dies würde also bedeuten, dass Kleinanleger, die vielleicht bisher 10.000 oder 20.000 Euro in Nachrangdarlehen investieren möchten, dies nicht mehr tun könnten.

Olaf Scholz, der Retter der Kleinsparer

Und warum Olaf Scholz das tut? Viele Anleger würden offenbar Nachrangdarlehen für genau so sicher wie ein Sparbuch halten. Er will also den Anleger vor sich selbst schützen, und ihm den Zugang zur breiten Palette von Geldanlagemöglichkeiten berauben. Und das in einer Zeit, wo Kleinanleger verzweifelt auf der Suche sind nach Anlagealternativen zu dem Sparbuch, dass garantiert Nullzinsen bringt, und oft sogar Verluste (nach Inflation).

Eines ist klar: Die Lehman-Krise hat gezeigt, dass in der Tat vielen Anlegern in Deutschland nicht klar war und immer noch nicht klar sein wird, welches Finanzprodukt welche Risiken beinhaltet. Aber sollte der Gesetzgeber Kleinanlegern daher den Zugang zu solchen Produkten komplett verweigern? Nein! Denn das ist staatliche Bevormundung! Wichtiger wäre eine glasklare Pflicht zur Risikoaufklärung durch die Verkäufer dieser Produkte – und zwar so, dass das Risiko einfach verständlich und unübersehbar ist! Zum Abschluss die Frage: Warum verbietet Olaf Scholz denn nicht sogenannte Bonus-Zertifikate oder Garantie-Zertifikate etc?

Denn auch diese Produkte sind Inhaber-Schuldverschreibungen mit Ausfallrisiko, während den Anlegern mit Worten wie „Garantie“ eine Art von Sicherheit vorgegaukelt wird. Aber herje, würde die Bankenlobby sich bei drohenden Einschränkungen für solche Produkte an Staatssekretär Kukies wenden, der selbst vorher bei Goldman Sachs für Derivate zuständig war? Frage: Was möchte Olaf Scholz dem „unbeholfenen“ Bürger als nächstes verbieten?

Olaf Scholz
Olaf Scholz. Foto: Olaf Kosinsky CC BY-SA 3.0 de

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Anleihen

Größte US-Terminbörse bringt Watch Tool für US-Staatsanleihen heraus

Claudio Kummerfeld

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Die größte Terminbörse der USA, die CME Group, bietet der Öffentlichkeit bereits das viel beachtete CME FedWatch Tool an (hier einsehbar), bei dem man Wahrscheinlichkeiten ablesen kann, wie die nächsten Zinsschritte der US-Notenbank Federal Reserve aussehen werden. Jetzt bringt man ein weiteres hochinteressantes Tool an den Start, das frei zugänglich eine gute Informationsquelle darstellen kann für alle, die sich für den gigantischen Markt für US-Staatsanleihen interessieren, den größten Anleihemarkt der Welt. Es ist das „CME TreasuryWatch Tool“ (hier klicken).

Man findet hier zum Beispiel einen exakten Chart über den Verlauf der Fed-Bilanz, und wie sie sich zusammensetzt, zum Beispiel US-Staatsanleihen, hypothekenbesicherte Anleihen usw. Die im Tool zu sehenden kleinen Fenster kann man natürlich alle auch vergrößern um die Detailfunktionen besser nutzen zu können. So sieht man im neuen CME TreasuryWatch Tool zum Beispiel auch eine Übersicht der vergangenen und anstehenden Anleiheauktionen des US-Finanzministeriums, sowie auch deren Volumen. Auch sieht man die wichtigen Prozentsätze für Anleiherenditen in den verschiedenen Laufzeiten. Es ist darüber hinaus ein Event-Kalender für die wichtigsten ökonomischen Veröffentlichungen rund um US-Staatsanleihen vorhanden, so zum Beispiel wichtige Konjunkturdaten, US-Wahlen, Inflationsdaten uvm. Auch werden interessante Links zu wichtigen Institutionen bereitgestellt, die für das „Universum“ der US-Staatsanleihen interessant sind.

Die Zentrale der CME in Chicago
Die Zentrale der Chicago Mercantile Exchange. Foto: Matt Griffin CC BY-SA 2.0

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