Gas

Erdogan wittert Jahrhundertgeschäft Wie die Türkei mit der Gas-Krise in Europa Kasse machen will

Türkei Gas Europa

Während Russland den eingebrochenen Gas-Export nach Europa kompensieren will, setzt die Türkei große Hoffnungen darin, endlich das umzusetzen, was sie zu Südlichem Gas-Korridor und Turkish Stream bereits immer im Sinn hatte: Ein neues Jahrhundertgeschäft mit sprudelnden Einnahmen aus Europa über ein Gashandelszentrum könnte gerade jetzt die wirtschaftliche Wende am Bosporus und die Beliebtheit von Präsident Recep Tayyip Erdogan beflügeln. Ob diese Rechnung aufgeht, steht allerdings noch in den Sternen. Für Ugur Yasin Asal, Leiter der Abteilung für Politikwissenschaft und internationale Beziehungen an der Handelsuniversität Istanbul, ist schon einmal klar, dass russische Liefermengen für einen solchen Gashub allein nicht ausreichen.

Standort für internationalen Gas-Hub in der Türkei gesucht

Im Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in der kasachischen Hauptstadt Astana ging der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf den Vorschlag zur Einrichtung eines Gas-Hubs für Europa zunächst nicht explizit ein. Erst an Bord seines Flugzeuges äußerte er sich gegenüber Reportern öffentlich und erklärte: „Zusammen mit Herrn Putin haben wir unser Ministerium für Energie und natürliche Ressourcen und die zuständige russische Behörde angewiesen, zusammenzuarbeiten.“

Diese sollen nun ihm zufolge schnell alle Arbeiten erledigen, um am besten Standort ein Gas-Verteilzentrum einzurichten. Selbst nannte Erdogan Thrakien, das Gebiet am westlichen Bosporus, wo beide Stränge der Schwarzgasleitung Turkish Stream anlanden und erläuterte, dass aus dem nationalen ein internationales Handelszentrum werden könne.

Russland sucht Ersatz für Gas-Exportausfall in der Ostsee

Dass Russland eine möglichst schnelle Lösung sucht, um weggebrochene Gas-Exporte nach Europa zu kompensieren, scheint sich aufzudrängen. Im Vergleich zu früheren Jahren berichtet Gazprom im Monats- und Halbmonatstakt, wie es um den Gasexport bestellt ist. Zuletzt meldete der russische Konzern Mitte Oktober, dass der Export nach Europa und in die Türkei von Anfang Januar bis zum 15. Oktober sich auf 89,3 Milliarden Kubikmeter Gas belief. Bis Ende September waren 86,9 Milliarden Kubikmeter.

Das will heißen, dass Russland 2,4 Milliarden Kubikmeter Gas in der ersten Oktoberhälfte exportierte, von denen die Türkei offensichtlich rund die Hälfte abnahm. Die Lösung für den Exportausfall präsentierte Präsident Putin am 12. Oktober auf der Russischen Energiewoche noch vor seiner Abreise nach Astana zum Gipfel der Konferenz für Zusammenarbeit und Vertrauensbildende Maßnahmen in Asien.

„Wir könnten das verlorene Transportvolumen durch Nord Stream auf dem Grund der Ostsee in die Schwarzmeerregion verlagern“, so Putin. Dadurch würde die Haupttransportroute für Erdgas nach Europa durch die Türkei führen, und es entstehe dort der größte Gashub für Europa.

Darauf parierte Gazpromchef Alexej Miller in Fernsehinterviews, dass die Transportkapazitäten im Schwarzen Meer den weggefallenen Kapazitäten in der Ostsee entsprechen müssten. Die drei beschädigten Leitungsstränge von Nord Stream sind augenscheinlich derart zerstört, dass die Verlegung von neuen Röhren im Schwarzen Meer sich eher umsetzen setzen lässt. Die Schäden dokumentierten jüngst auch Aufnahmen einer schwedischen Zeitung.

Laut Miller liegen zudem aus dem Vorgängerprojekt South Stream ausgearbeitete Pläne vor. Waren einst vier Leitungsstränge mit einer Transportkapazität von 63 Milliarden Kubikmeter Gas geplant, die an die bulgarische Schwarzmeerküste führen sollten, sind es bei Turkish Stream jetzt nur zwei Leitungsstränge und somit nur die Hälfte des möglichen Transportumfangs im Jahr. Ein Leitungsstrang ist für die Versorgung der Türkei und der zweite zum Weitertransport nach Südosteuropa über Bulgarien und Serbien vorgesehen. Europäische Energiemarktrichtlinien und die Besetzung der Krim durch Russland im Jahr 2014 vereitelten South Stream letztlich, so dass die Türkei auf den Plan trat.

Nur Gas aus Russland reicht nicht

Es sei klar, dass Europa mittel- und langfristig Bedarf an Erdgas habe, erklärte Experte Asal von der Handelsuniversität Istanbul gegenüber Milliyet. Daher werde es nicht ausreichen, ein Gashandelszentrum nur auf Basis von russischem Gas einzurichten. Gas aus Aserbaidschan und Turkmenistan müsse ebenfalls in diesem Zentrum eingebunden sein, um es von dort nach Europa zu transportieren. Das sollte Aslan zufolge für die Türkei eine strategische Priorität sein, zumal Europa zwar Gas braucht, aber nach alternativen Routen sucht. Deswegen sollte sich dieses Zentrum nicht nur auf die Integration mit Russland richten, sondern als Teil der multidimensionalen Außenpolitik der Türkei auf langfristige und strategische Gewinne konzentrieren.

Zu Russland selbst merkte Asal an, dass Putin jedes Mal versuche, „die unterstützende Rolle der Türkei bei der Lösung der Krise zum Ausdruck zu bringen.“ Zugleich sei klar, dass Russland aufgrund des Ukraine-Krieges keinen alternativen Transportmechanismus in Belarus oder in einem anderen europäischen Land errichten könne, das indirekt an diesem Krieg beteiligt ist. Für Russland sei die Türkei daher ein grundlegender Partner, wenn Gaslieferungen nach Europa nach dem Krieg wieder einsetzen würden.

Lesen Sie auch

Europa setzt auf Kaukasus

Der französische Präsident Emanuel Macron wiegelte Putins Vorschlag zu einem Gas-Hub in der Türkei ab und erklärte Medien zufolge, dass es sinnlos sei, eine neue Infrastruktur zu bauen, die es erlaube, mehr Gas aus Russland zu importieren. Dagegen hat die Europäische Union im Juli mit Aserbaidschan längst ein Abkommen getroffen, um über den Südlichen Korridor mehr Gas beziehen zu können. „Dies wird dazu beitragen, Lieferengpässe bei russischem Gas auszugleichen und erheblich zur Versorgungssicherheit Europas beitragen“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum Abkommen in Baku im Juli. Es sei geplant, das Liefervolumen von über 8 Milliarden Kubikmeter im nächsten Jahr auf 12 Milliarden Kubikmeter Gas aus Aserbaidschan nach Europa anzuheben. In wenigen Jahren soll sich die Kapazität auf 20 Milliarden Kubikmeter erhöhen.

Dass Aserbaidschan seinen Beitrag leisten kann und will, bekräftigte Alijew anlässlich einer neuen Pipeline-Verbindung zwischen Griechenland und Bulgarien Anfang Oktober. So ständen weitere Gasfelder im Land vor der Aufnahme der Gasförderung. Wir haben bereits Gespräche mit unseren Partnern im Zusammenhang mit der Erweiterung von TANAP von 16 Milliarden auf 32 Milliarden und TAP von 10 Milliarden auf 20 Milliarden Kubikmeter aufgenommen, da ohne dies eine zusätzliche Versorgung schwierig sein wird, sagte Alijew. Selbst die Idee eine Gasleitung durch das Kaspische Meer zu verlegen, um Turkmenistan an den Südlichen Gaskorridor anzuschließen, ließ von der Leyen in ihrem Statement ebenfalls erneut anklingen. Insofern ist es für Asal ein logischer Schluss, Aserbaidschan und Turkmenistan für ein künftiges Gashandelszentrum mit ins Spiel zu bringen.

Die Türkei fährt zweigleisig

Eine Zusammenlegung mit russischen Transportoptionen ist in Europa indes eine Zumutung. Nahezu ungehört verhallten Worte vom russischen Vizepremier Alexander Nowak auf der Energiewoche: „Wenn es sich um Gaspipelines wie zum Beispiel Nord Stream oder Turkish Stream oder die Gaspipeline Jamal-Europa handelt, ist es offensichtlich, dass es in diesem Fall keine anderen Lieferanten außer Russland, außer Gazprom geben kann.“

Für die Türkei heißt das, das Russland Nord Stream 2 und Jamal-Europa noch in der Hinterhand hat. Beide Optionen bedeuten ein Abweichen von Prinzipien. Nord Stream 2 ist für Europa ein unakzeptables Zugeständnis. Bei Jamal-Europa müsste Russland von der eigenen Sanktionslinie abweichen. Doch sind Erklärungen unter Kriegsbedingungen schwer einzuschätzen, auch wenn sie für den Moment logisch erscheinen. Sich auf eine Seite zu versteifen, liegt vor diesem Hintergrund nicht im Interesse der Türkei. Sie will für Russland und Europa gleichermaßen attraktiv sein. Nur zweigleisig lässt sich Profit aus der europäischen Gas-Krise schlagen.



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

14 Kommentare

  1. Ich denke, dass Erdogan bei Weitem nicht den „Sonderaufschlag“ für Erdgas berechnen wird, den unsere amerikanischen „Freunde“ für die Lieferung von LNG-Gas berechnen. Der Gasweiterverkauf wird sich auch in Grenzen halten, denn alle 4 Pipelines bringen nur etwas mehr Gas ins Land, als N1 oder N2 jeweils bringen würden.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

    1. Schau einfach, wen sie hassen! Wenn ein deutscher Politiker einen ausländischen Politiker „Kanalratte“ nennt, dann kann dieser so schlecht nicht sein. Wenn seine Aussenpolitik von unseren Politikern verdammt wird, weil er vermitteln möchte (und es auch erfolgreich tut, siehe Getreideabkommen und Gefangenenaustausch), wenn seine Innenpolitik von unseren Politikern verdammt wird, er aber immer noch Zustimmungswerte hat, von denen unsere Politiker nur träumen können, wenn seine Wirtschaftspolitik von unseren Politikern verdammt wird, er jedoch alle Staatsschulden beim IWF* abbezahlte, wenn unsere Politiker zur übelsten Verleumdung greifen wie der damalige Bundesaußenminister & Vizekanzler Sigmar Gabriel samt dem damaligen Kanzlerkandidaten Martin Schulz ( https://www.merkur.de/politik/drohanrufe-gegen-gabriels-frau-steckt-wirklich-dahinter-zr-8625185.html ), ja dann wird es höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, was hier eigentlich wirklich läuft.

      *https://www.spotblue.com/de/news/turkey-pays-off-imf-debt-becomes-contributor/
      * https://www.vaybee.de/nachrichten/tuerkei-iwf-schulden-getilgt/

  2. Erdogan ist ein guter Mann!

    1. Erdogan ein guter Mann? Das glaubt wohl nur ein Türke.

  3. Beste Politiker aller Zeiten

  4. Wie wârs mit einer Danke an die Türkei! Statt euren Eifersuchtdrama!

  5. Erdogan’s Traum Europa mit russischem Gas zu versorgen wird nicht funktionieren, weil wir nur von freunden kaufen. Egal ob es zehn fache kostet. Hauptsahe, der Onkel Sam zu lieb zu unsere Kinder ist, werden wir immer bei Ihm sein.

    1. ihr werdet sterben vor Eifersucht, ihr kriegt sowieso nicht.

  6. warum so ein schwarzes Bild so dunkel und mit Mosche aller Spiegel Cover die Türkei Cover im böse halten.

  7. Egal woher Deutschland sein Gas kauft.
    Das umweltfreundlichste Gas ist die Pipeline und nicht Gas 10 Fach teurer aus den USA.
    Die Politiker müssen es ja nur auf den unmündigen dummen deutschen Bürger draufschlagen.
    Deutschland ist abhängig und die EU hat vorsichtig ausgedrückt unfähige ungewählte Personen die sich uneins sind und nichts großes zustande bringen (brachten) Außenpolitisch.
    Die jetzige Ampel ist der Oberkracher samt deren Wählenden.

  8. Warum habt Ihr für diesen doch sehr interessanten Artikel dieses düstere Foto ausgesucht? Ist etwa schon Halloween? Muss es immer ein negatives Framing sein, wenn es um die Türkei geht? Fragen über Fragen…

  9. Ist alles eine dicke Wette aufs Wetter,das steht fest. Schöne Grafik von der Bundesnetzagentur gesehen.
    Thema : Verschieden Szenarien über Gasmangellage ,mit zeitlicher Prognose ,sehr informativ.
    Da wisst ihr schon mal ,wann das Verlustrisiko steigt,wenn man kein privates autarkes Energiesystem vorhält.

    https://sciencefiles.org/2022/10/20/keine-einsparung-der-welt-kann-deutschland-vor-blackouts-retten-deshalb-wird-bei-der-ard-die-schuld-bereits-an-private-haushalte-verteilt/

  10. Schaut einfach, wen sie hassen! Wenn ein deutscher Politiker einen ausländischen Politiker „Kanalratte“ nennt, dann kann dieser so schlecht nicht sein. Wenn seine Aussenpolitik von unseren Politikern verdammt wird, weil er vermitteln möchte (und es auch erfolgreich tut, siehe Getreideabkommen und Gefangenenaustausch), wenn seine Innenpolitik von unseren Politikern verdammt wird, er aber immer noch Zustimmungswerte hat, von denen unsere Politiker nur träumen können, wenn seine Wirtschaftspolitik von unseren Politikern verdammt wird, er jedoch alle Staatsschulden beim IWF* abbezahlte, wenn unsere Politiker zur übelsten Verleumdung greifen wie der damalige Bundesaußenminister & Vizekanzler Sigmar Gabriel samt dem damaligen Kanzlerkandidaten Martin Schulz (https://www.merkur.de/politik/drohanrufe-gegen-gabriels-frau-steckt-wirklich-dahinter-zr-8625185.html), ja dann wird es höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, was hier eigentlich wirklich läuft.

    *https://www.spotblue.com/de/news/turkey-pays-off-imf-debt-becomes-contributor/
    * https://www.vaybee.de/nachrichten/tuerkei-iwf-schulden-getilgt/

  11. Die TANAP-Pipeline laeuft quer durch die Türkei! Möchte man mit dem Artikel etwa suggerieren, dass die Türkei nicht in Sachen TANAP mitmischt?

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage