Norwegens größte Bank fordert Staat auf Bargeld abzuschaffen

FMW-Redaktion

Der Chef der größten norwegischen Bank DNB Trond Bentestuen sagte letzte Woche zum Portal VG Norwegen solle endlich das Bargeld völlig abschaffen. Die offizielle Begründung: 50 Milliarden norwegische Kronen (5,3 Milliarden Euro) seien in bar im Umlauf, und die norwegische Notenbank habe nur über 40% davon die Kontrolle bzw. könne nur bei 40% des Bargelds nachvollziehen, wie es verwendet wird. Von den anderen 60% des Bargelds zirkuliere laut Bentestuen viel in Schwarzmarktgeschäften, u.a. Geldwäsche.

Es gäbe viele Gefahren und Nachteile beim Bargeld, und die müsse man durch die Abschaffung von Bargeld beseitigen. Natürlich würde es einige Zeit dauern so etwas ganz umzusetzen so Benestuen – aber das norwegische Finanzministerium lehnte die Forderung jedenfalls erst einmal ab.

Aber da war doch mal was? Die Diskussion in ganz Europa kochte in den letzten Monaten wieder mal hoch. Bargeld ist längst überflüssig, bringt viele Verwaltungskosten mit sich, dazu die Geldfälschung, Drogenhandel und und und. Viele Probleme könnte man in der Tat mit der Abschaffung von Bargeld lösen oder zumindest extrem einschränken. Der Drogenhandel und der dazu gehörende Geldfluss würde so nicht beseitigt, aber zumindest drastisch erschwert.

Aber wo lägen denn die Vorteile für den Staat? Der Staat könnte beim Einführen einer Finanztransaktionssteuer tatsächlich jede, aber auch jede Finanztransaktion im Land nachvollziehen und besteuern! Zweitens: Der Staat bzw. die Notenbank kann die Geldmenger perfekt regulieren. Haben die Leute ihr Bargeld unterm Kopfkissen, müsse man in jede Wohnung stürmen und schauen wer wie viel Bargeld besitzt. Bei rein elektronisch vorhandenem Geld ist alles transparent auf Bankkonten nachvollziehbar, und über die Geldmenge kann viel effektiver Inflation/Deflation gesteuert werden. Drittens: In der Tat wird die Verbrechensbekämpfung vereinfacht. Neben Drogenhandel und Geldwäsche wird auch Schwarzarbeit deutlich schwieriger, und insg. dürfte das Steueraufkommen steigen.

Aber der wohl entscheidendste Vorteil für einen Staat wäre: Ein „Bank run“ könnte ganz einfach nicht mehr stattfinden. Gerät „das Volk“ in Panik weil die Banken den Bach runtergehen und will sein Geld abziehen, braucht die Regierung einfach nur die Banken anweisen den Zahlungsverkehr einzustellen. Da durch Abschaffung des Bargelds ja kein Bargeld mehr abgehoben werden kann, kommen die Kunden dann nicht mehr an ihr Geld und müssen beten, dass die Guthaben bei der Bank sich nicht in Rauch auflösen. Der Staat muss kaputte Banken wg. panikartigen Geldabflüssen nicht mehr mit Notkrediten versorgen. Er muss Banken „nur noch“ bei den Problemen helfen, die tatsächlich die ursprüngliche Krise ausgelöst haben, wie z.B. faule Immobilienkredite, oder wenn die Bank sich im Eigenhandel verzockt hat etc.

Klingt alles nicht so toll wenn es um das Thema „Mündiger Bürger“ geht.

Zwei Tage nach der Forderung des DNB-Chefs verkündeten norwegische Regierungsmitglieder die norwegische Krone habe jetzt genug abgewertet um die Wirtschaftskrise durch den schwachen Ölpreis durchzustehen. Norwegen hängt am Öl. Man hat bereits neben einer schwächeren Währung Rekordbeträge aus dem Staatsfonds abgezweigt um damit die Wirtschaft zu stimulieren. Die Notenbank hat den Leitzins letztes Jahr von 1,5 auf 0,75% halbiert – man stehe bereit für eine weitere Senkung.

Norwegen als Volkswirtschaft hängt offiziell irgendwo um die 20% am Öl, tatsächlich aber komplett. 30.000 Beschäftigte hat die Industrie schon direkt entlassen, die indirekten Entlassungen dabei noch gar nicht mitgezählt. Das ist nicht wenig bei einem Land mit nur 5 Millionen Einwohnern. Was wenn… was wenn der Ölpreis sich nicht schnell erholt? Skandinavien und ganz besonders Norwegen hat so hohe Lohnkosten, dass kein ausländischer Investor hier neue „klassische“ Industrieproduktion ansiedeln würde. Was wenn es im Rahmen dieser Abhängigkeit zu einem Crash kommt und die Beschaulichkeit plötzlich dahin ist? Da hilft das Nichtvorhandensein von Bargeld dem Staat enorm weiter. Der Bürger kann sein Geld dann nicht mehr in Sicherheit bringen. Aber Stand heute alles reine Verschwörungstheorie!

In Skandinavien ist die Bevölkerung der Abschaffung des Bargelds nicht abgeneigt. Ein viel größerer Anteil alltäglicher Einkäufe (auch Kleinstbeträge) wird ohne Bargeld bezahlt. Wenn jetzt schon mal die größte Bank des Landes diese Forderung in den Raum stellt, genügen in den nächsten Monaten oder Jahren noch ein paar weitere Forderungen bzw. Diskussionen, und ohne große Proteste könnte diese Umstellung in Norwegen über die Bühne gehen. Das ist alles ganz toll und phantastisch, aber nur so lange Staat und Banken wirklich höchst verantwortungsvoll handeln und die Wirtschaft des Landes gesund bleibt.

Gerät eine Volkswirtschaft in einer schwere Krise, und/oder geraten die Banken dieses Landes in eine Schieflage, wie wollen Bürger dann ihr Geld retten, wenn der Zahlungsverkehr wie in Griechenland eingestellt wird? Man ist als Bürger dem Staat dann völlig ausgeliefert. Wie gesagt: So lange es der Volkswirtschaft und den Banken gut geht, ist das alles total super mit der Abschaffung von Bargeld!



Kommentare

Norwegens größte Bank fordert Staat auf Bargeld abzuschaffen — 11 Kommentare

  1. Meiner Meinung nach wird in diesem Artikel zu stark auf die Vorteile und zu wenig auf die Nachteile eingegangen. Man könnte fast schon meinen ein Lobbyist der Norwegischen Bank hätte den Artikel verfasst. Ich lese eure Artikel sehr gerne und stimme dennen in der Regel immer zu aber dieser hier gehört zu den schlechteren.

  2. „Neben Drogenhandel und Geldwäsche wird auch Schwarzarbeit deutlich schwieriger, und insg. dürfte das Steueraufkommen steigen.“

    Obgleich ich auf der nebenschwingenden Ebene im Artikel Ironie, bisweilen auch Sarkasmus feststellen mag, so wird mir bei obig erwähnter Aussage dennoch etwas unwohl: alles genannte kann damit nicht wirklich unterbunden werden, denn Warentauschgeschäfte oder gegen Gefälligkeiten sind dann damit auch nicht mehr nachvollziehbar. Das Maximum der Gefühle wäre eine (leichte) Verkomplexierung, aber Betrüger sind für gewöhlich recht kreativ und gut in ihrer Sache – die finden Wege. Bargeldabschaffung nützt da folglich gar nichts.
    Vermutlich trat jedoch in diesem Satz die eigentlich erwartete Überspitzung nicht ganz offensichtlich zu Tage. (da fehlt noch etwas Übung 😉 )

    Nebenbei ließen sich hingegen auch noch Systemkritiker viel leichter ausschalten – ein Klick, und schon herrscht wieder Ordnung in der digitalen Geldbörse. Alles natürlich immer nur ein „Fehler vom Amt“, welcher erst wieder bewiesen sei, wobei sie dafür dennoch bitte ihrer eigenen Anwaltskosten vorstrecken müssen – ach ich vergaß: das geht ja gar nicht mehr. So ein Pech aber auch.

  3. Das wäre die totale Überwachung durch Banken und
    dem Staat. Da dann nur noch mit der Karte
    bezahlt wird steht auch alles auf der Rechnung.
    Alkoholkonsum, Raucher, Konfektionsgröße,
    das geht bis zur Tampon Größe der Ehefrau.
    Der Banker kann sogar feststellen ob die Frau
    Schwanger ist sobald der Tampon Konsum auf der
    Rechnung nicht mehr gegeben ist. Der Michel kann dann
    genauestens gelenkt werden durch palzierte Werbung
    wir das Kaufverhalten gesteuert. Da unsere “ Freunde die USA“ mit unseren
    Geheimdienste auch das Telefon abhören und das Internet
    so oder so überwacht wird sind wir dann die absoluten
    Vollpfosten die nur noch zum Arbeiten da sind, und den Reichen ein tolles Leben bescheren sollen. Das ist leider heute schon der Fall
    aber dann noch gläserner und lenkbarer als man es sich
    vorstellen kann, alles nur noch per Knopfdruck.

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