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Deutsche Konjunktur: Signale trüben sich ein – und doch erwartet man einen Aufschwung zu Jahresende

Beinahe im Wochenrhythmus trüben sich Indikatoren für die deutsche Konjunktur ein – und dennoch gehen Konjunkturforscher von einer Rückkehr des Wachstums aus

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Es ist ein Phänomen, für das ich keine triftige Erklärung habe. Beinahe im Wochenrhythmus trüben sich Indikatoren für die deutsche Konjunktur ein, werden Gewinnwarnungen herausgegeben, Wachstumsraten reduziert und dennoch gehen Konjunkturforscher und Wirtschaftsinstitute von einer Rückkehr des Wachstums zum Ende des Jahres aus.

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Deutsche Konjunktur: Aktuelle Einschätzungen

Es häufen sich Gewinnwarnungen und Absenkungen der Jahresprognosen bei Konzernen. Dazu gab die Industrie bereits den Abbau von tausenden Stellen in naher Zukunft bekannt: BASF, BMW, Daimler, Ford, Lufthansa, Siemens, ThyssenKrupp, um nur einige zu nennen. Kaum ein Unternehmen aus den Bereichen Automobilindustrie plus Zulieferer und Maschinenbau blieb davon bisher unberührt. Der Handelskonflikt, der jetzt schon über ein Jahr andauert, hinterlässt in der deutschen Konjunktur immer tiefere Spuren . Hierzu ein paar Statements von deutschen Konjunkturforschern:

„Das zweite Halbjahr hat begonnen, und von der allgemein erwarteten Belebung der Konjunktur in Deutschland ist nichts zu sehen“, kommentierte Commerzbank-Konjunkturexperte Ralph Solveen die Lage. Chinas Schwäche und der Strukturwandel führen dazu, dass Maschinenbauer und Chemieindustrie sich beklagen, dass sich Kunden aus der Autobranche mit Bestellungen zurückhalten.

Ein gemischtes Bild für die deutsche Konjunktur sieht der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher: „Wir sollten in Deutschland nicht in Panik über die sich abschwächende wirtschaftliche Entwicklung verfallen. Die Grundlage der deutschen Wirtschaft ist nach wie vor sehr solide.“ Die Stärke sei nach wie vor der Bauboom und die Konsumfreude. Die konjunkturelle Schwäche führe allerdings zur Verunsicherung bei den Menschen, „damit zu weniger Konsum und dadurch wiederum zu weniger Wachstum“, so Fratzscher. Die Bundesregierung sollte sich darauf vorbereiten und ein nachhaltiges Investitionsprogramm beschließen, um einen langfristigen Impuls zu setzen.

Viel skeptischer hingegen die Einschätzung für die deutsche Konjunktur des Ifo-Konjunkturchefs Prof. Dr. Timo Wollmershäuser. Für ihn gibt es bereits „erste Anzeichen, dass sich die Industrieschwäche auch auf andere Wirtschaftsbereiche überträgt“. Die Stimmung bei den industrienahen Dienstleistern, etwa in der Logistik, habe sich bereits deutlich eingetrübt. Die Auftragsbücher vieler Unternehmen würden noch eine zeitlang reichen, aber sollten keine nennenswerten Neubestellungen eingehen, müssten Hersteller ihre Produktion drosseln. Das habe dann auch Folgen für die Beschäftigten.

Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts ist die Zahl der Industrieunternehmen, die mit Kurzarbeit rechnen, gestiegen: 3,8 Prozent der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe haben Kurzarbeit eingeführt, 8,5 Prozent rechnen damit in den kommenden drei Monaten. Das wäre ist der höchste Wert seit 2013. Allerdings bemerkt der Leiter des Bereichs Konjunkturforschung und -prognosen auch: Derzeit rechne das Ifo-Institut aber damit, dass sich die Industrie gegen Ende des Jahres allmählich wieder erhole.

Auch der Chef der Bundesarbeit für Arbeit, Detlef Scheele, schlägt in dieselbe Kerbe. Er sieht die konjunkturelle Situation anders als vor 10 Jahren. Er gehe davon aus, dass sich dieEintrübung der deutschen Konjunktur über drei, vier Quartale hinzieht und es dann wieder aufwärts geht.

Fazit

Warum also geht man von einer sich erholenden Wirtschaft im letzten Quartal 2019 aus? Es gibt keine griffige Erklärung, allenfalls ein paar erste Stabilisationszeichen und einen stark steigenden Baltic Dry Index. Ein Sammelindex und Frühindikator für die Frachtraten und die Preise von Vorprodukten, wie Kohle, Eisenerz, Zement, Kupfer, Kies, Dünger und Getreide. Zumeist also Güter, die für die Herstellung von Waren erforderlich sind, die erst Monate später als fertige Produkte auf den Markt kommen.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt man, wohl zurecht, aber aus den Augen sollte man den Vogel (Baltic Dry Index) dennoch nicht lassen.

 

Erholt sich die deutsche Konjunktur wirklich im 2.Halbjahr?

Beispielbild für Stahlproduktion. Foto: Omzfoundry Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

11 Kommentare

11 Comments

  1. Avatar

    Quintus

    15. Juli 2019 12:33 at 12:33

    @Wolfgang Müller
    Ranzentier hatte bereits einen interessanten Link zum BDY gepostet:
    http://www.wolfgang-matejka.com/2019/07/09/auf_den_meeren_ist_was_los

    Herr Matejka jedenfalls erläutert anhand einiger relevanter Fakten, weshalb wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht die sonst üblichen Schlüsse aus diesem Index ziehen dürfen.
    Der Shanghai Containerindex wäre diesbezüglich vielleicht aufschlußreicher?
    https://www.nok21.de/2019/07/11/containerschiff-stimmungsschwankungen-im-ratengefuege-teil-3/
    Allerdings sieht es auch hier nicht gerade rosig aus….

  2. Avatar

    Hesterberg

    15. Juli 2019 12:46 at 12:46

    Vielleicht schlägt der Baltic Dry Index aufgrund von Hamsterkäufen aus. Bevor Alle Alles mit Zöllen bewehren, kauft man schnell noch mal richtig günstig ein und legt es sich lieber auf Halde. Danach fällt der Index dann völlig in sich zusammen. OK, ich gebe zu, auf ein solches Szenario kommen nur waschechte Bären. :-)

  3. Avatar

    Gixxer

    15. Juli 2019 12:51 at 12:51

    Was sich mir hier nicht ganz erschließt, ist die Tatsache, dass der Anstieg des Baltic Dry Index nun als positiv gesehen wird, wohingegen der Rückgang vorher unbeachtet blieb.

    Dies ist in etwa so wie die Tatsache, dass nun eine Zinssenkung für den Juli nach der Rede Powells eingepreist wird, obwohl vorher schon zu 100% eine erwartet wurde.
    Was zeigt uns das?
    Es ist mal wieder soweit: Alles positive wird positiv gesehen, gerne auch mehrmals, aber alles negative wird ausgeblendet.

    • Avatar

      daulini

      15. Juli 2019 14:03 at 14:03

      Keine 2h hat es gedauert und der Markt hat die “guten” Nachrichten von 10.00 Uhr vergessen.

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    Wolfgang M.

    15. Juli 2019 12:59 at 12:59

    @Quintus. Danke für die Infos. Den Wolfgang Matejka- Kommentar hatte ich schon gelesen. Aber das erklärt für mich die Sache trotzdem nicht. Die Katastrophe in Brasilien ist schon ein halbes Jahr her. Der Shanghai Index SCFI ist vom 24. Juni und da stand der Baltic Dry Index bei 1239 Punkten. Heute steigt er schon wieder um 2,7 Prozent auf von 1816 auf 1865 Punkte. In eineinhalb Monaten um 1000 Punkte! Eigenartig.
    Viele Grüße

    • Avatar

      Ranzentier

      15. Juli 2019 22:11 at 22:11

      …vielleicht sogar selber geschrieben…;—)

  5. Avatar

    Quintus

    16. Juli 2019 06:53 at 06:53

    @Wolfgang
    Peter Sand, Chief Shipping Analyst bei Bimco sieht die Ursache des ungewöhnlichen Anstiegs des BDI darin:

    Sand erinnerte daran, dass seit dem 1. März 2018 der BDI von einem gewichtsgleichen Index für Capesize, Panamax, Supramax und Handysize auf eine Gewichtung von 40% auf Capesize und 30% auf jeden der Panamax- und Supramax-Zeitcharter-Durchschnitte umgestellt wurde und nicht mehr den Durchschnitt der Handysize-Zeitcharter beinhaltet.

    http://www.seatrade-maritime.com/news/europe/baltic-dry-index-can-no-longer-reflect-dry-bulk-shipping-performance-bimco.html

    Gruß
    Quintus

  6. Avatar

    Beobachter

    16. Juli 2019 07:42 at 07:42

    Diese Indexe sind doch alle unverlässlich, da verlasse ich mich lieber auf den FHSLI.
    ( Fugmann- Hamburg- Schiff -Looking-Index )

    • Avatar

      Wolfgang M.

      16. Juli 2019 09:25 at 09:25

      Hallo @Beobachter. Der FHSLI dürfte Ihnen als Bär aber auch nicht gefallen, hat denn nicht Markus Fugmann kürzlich von einer Zunahme der Containerzahlen berichtet?😃
      Gruß

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    Wolfgang M.

    16. Juli 2019 09:07 at 09:07

    @Quintus. Danke für die Info. Diese Umstellung erklärt natürlich einiges. Allerdings stammt die Analyse vom 12. Juni und seither ist der Index um weitere 50 Prozent gestiegen, in einem Monat. Seit gestern ist der BDI um weitere 3,3 Prozent gestiegen (1928 Punkte) nach 2,7 Prozent am Vortag. Was wird denn da befördert, was so einen Preisanstieg generiert?
    Eine Erklärung habe ich in einem Schweizer Wirtschaftskommentar gefunden. Der Indexanstieg sei möglicherweise auf den Kohlebedarf Chinas zurückzuführen, allerdings nicht aus konjunkturellen Gründen, sondern wegen des Stromverbrauchs aufgrund des heißen Sommers (Klimaanlagen). Außerdem sollen viele Aufträge wegen der möglichen Zollanhebungen vorgezogen worden sein. Klingt für mich aber nicht vollkommen schlüssig.
    Viele Grüße

  8. Avatar

    Beobachter

    16. Juli 2019 16:44 at 16:44

    @ Wolfgang M. Könnte auch sein dass die Amis u.die Chinesen ihre Lager vollstopfen, da niemand weiss ob u.wann u.wieviele Zölle noch kommen werden. Auf kurzfristige Daten zu schauen ist verlorene Zeit.
    Ich wiederhole, um eine stärkere Rezession zu bekämpfen braucht es ca. 5 % Zinssenkung u.das ist nicht mehr möglich. @ Michael hat kürzlich bestätigt,dass das genau bei den letzten 2 Krisen gemacht wurde.
    ( googeln : In den USA sind Negativzinsen Tabu)
    Meine Wette, niemand kann Wirtschaftszyklen verhindern, vor allem nicht Trump.

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Coronakrise: EU-Kommission erwartet Einbruch von -8,7% – Italien dramatisch

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Aufgrund der Coronakrise wird die Wirtschaft innerhalb der Eurozone um -8,7% zurück gehen – so die jüngste Prognose der EU-Komission. Damit sieht die EU-Komission die Entwicklung noch skeptischer als in ihrer Prognose aus dem Frühjahr, als man noch mit -7,7% rechnete. Etwas optimistischer ist nun allerdings der Ausblick auf die dann nach der Coronakrise (sofern es keine zweite Welle gibt, siehe unten) folgende Erholung. So heißt es bei der EU-Kommision im Wortlaut:

“Die EU-Wirtschaft wird in diesem Jahr aufgrund der Coronavirus-Pandemie trotz der raschen und umfassenden politischen Reaktion sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene eine tiefe Rezession durchmachen. Da die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Pandemie langsamer gelockert werden als in unserer Frühjahrsprognose angenommen, werden die Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit im Jahr 2020 stärker sein als erwartet.

In der Sommerprognose 2020 wird davon ausgegangen, dass die Wirtschaft des Euro-Währungsgebiets 2020 um 8,7 % schrumpfen und 2021 dann um 6,1 % wachsen wird. Die Wirtschaft der EU insgesamt dürfte 2020 um 8,3 % schrumpfen und 2021 um 5,8 % wachsen. Der für 2020 prognostizierte Abschwung könnte also deutlich ausgeprägter sein als noch im Frühjahr vorhergesehen: Damals lagen die Prognosen bei minus 7,7 % für das Euro-Währungsgebiet und minus 7,4 % für die EU insgesamt. Gleiches gilt für die Erholung im kommenden Jahr, die der Sommerprognose zufolge etwas schwächer ausfallen dürfte als im Frühjahr angenommen.”

Bislang sieht die EU-Komission also nicht gerade eine von den Aktienmärkten bereits eingepreiste “V-Erholung” nach der Coronakrise – geht aber dennoch davon aus, dass der Tiefpunkt bereits überschritten sein dürfte:

“Erste Daten für Mai und Juni deuten jedoch darauf hin, dass das Schlimmste überstanden sein könnte. Es wird erwartet, dass die Erholung in der zweiten Jahreshälfte an Schwung gewinnt, aber unvollständig bleibt, und dass sich die Lage in den Mitgliedstaaten uneinheitlich darstellt.

Der Schock für die EU-Wirtschaft ist insofern symmetrisch, als die Pandemie alle Mitgliedstaaten getroffen hat. Jedoch dürften – sowohl im Hinblick auf den Produktionsrückgang 2020 als auch auf die Erholung 2021 – große Unterschiede zutage treten. Diese Uneinheitlichkeit wird der Sommerprognose zufolge stärker ausgeprägt sein als noch im Frühjahr erwartet.”

All diese Prognosen basieren jedoch auf der Annahme, dass es keine zweite Welle der Corona-Infektionen geben wird:

“Ausmaß und Dauer der Pandemie und der möglicherweise notwendigen künftigen Eindämmungsmaßnahmen sind nach wie vor nicht absehbar. Die Prognose beruht auf der Annahme, dass die Maßnahmen weiter gelockert werden und es nicht zu einer zweiten Infektionswelle kommt. Es besteht ein erhebliches Risiko, dass der Arbeitsmarkt sich langfristig schlechter entwickelt als erwartet und Liquiditätsengpässe für viele Unternehmen dazu führen, dass ihre Zahlungsfähigkeit gefährdet wird.”

Auffallend ist, dass die Entwicklung in Deutschland nun seitens der EU-Kommission nun sogar (gegen den Trend!) etwas weniger negativ eingeschätzt wird als noch in der Frühjahrsprognose – während wohl Italien am stärksten von der Coronakrise mit -11,2% betroffen sein wird:

Die Prognose der EU-Kommission für die Wirtchaften der vercshiedenden Länder in der Coronakrise

All das dürfte die Fliehkräfte in der Eurozone noch verstärken. Die Tendenz zeigt etwas, das für die Coronakrise generell zu gelten scheint: die Schwachen (hier: Länder) leiden deutlich stärker als die Starken. Ob und wie lange dieses Auseinanderklaffen beim Wohlstand der Länder und Gesellschaften zu kitten ist, muß sich noch erst zeigen..

Die Coronakrise verstärkt ie Fliehkräfte in der Eurozone

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Europa

Industrieproduktion: Hurra, es geht aufwärts (inklusive tatsächliche Lage)

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Schon gestern konnte man bei den Auftragseingängen der Industrie bundesweit freudige Medienberichte lesen (tja, aber nicht bei uns). Denn die Meldungen von 10 Prozent Steigerung bei den Auftragseingängen machten die Runde. Das stimmt zwar auch, aber halt eben nur im Vergleich von einem Monat zum nächsten. Um zu sehen, ob sich die Industrieproduktion aber wirklich schon von der Coronakrise erholt hat, ist (nach unserer kleingeistigen Meinung) der Vergleich zum selben Monat im Vorjahr sinnvoll, und nicht der Monatsvergleich.

Und genau wie gestern bei den Auftragseingängen wird es wohl auch heute Jubelmeldungen in den großen Medien geben. Denn die Industrieproduktion ist im Mai gegenüber April um 7,8 Prozent gestiegen (erwartet +10 Prozent), so die staatlichen Statistiker. Aber auch hier zeigt der Vergleich zu Mai 2019, dass die Industrieproduktion immer noch satte 19,3 Prozent niedriger ausfällt. Auch die folgende Grafik, die bis 2012 zurückreicht, zeigt das Tal, aus dem die Industrie (offiziell ausgedrückt “Produktion im Produzierenden Gewerbe”) noch herausklettern muss.

Die Statistiker beziffern das noch aufzuholende Volumen in der Industrieproduktion genau. So sagen sie heute, dass der Produktionsindex seit dem Beginn der Coronakrise mehrere Monate in Folge gefallen sei. Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen, sei die Produktion im Mai 2020 um 19,0 Prozent zurückgegangen. Neben dem Jahresvergleich ist in diesem Sonderfall auch diese Betrachtungsweise (Vergleich zu Februar, vor dem Ausbruch der Krise) eine nach unserer Meinung sinnvolle Betrachtung der Lage, und nicht immer der Monatsvergleich, mit dem man schnelle und einfache Jubelmeldungen bringen kann!

Der Chart zeigt die Industrieproduktion seit 2012

Hier weitere Aussagen vom Statistischen Bundesamt im Wortlaut:

Im Vergleich zum Vormonat ist die Industrieproduktion (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) im Mai 2020 um 10,3 % gestiegen, sie liegt jedoch noch 22,5 % unter dem Niveau vom Februar 2020. Innerhalb der Industrie nahm die Produktion von Vorleistungsgütern um 0,1 % ab. Bei den Konsumgütern stieg die Produktion um 1,4 % und bei den Investitionsgütern um 27,6 %. Außerhalb der Industrie lag die Energieerzeugung 1,7 % höher als im Vormonat. Die Bauproduktion stieg um 0,5 %. In der Automobilindustrie ist die Produktion – nach einem sehr niedrigen Produktionswert im April 2020 – im Mai wieder deutlich angestiegen. Sie liegt aber noch knapp 50% niedriger als im Februar 2020.

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Autoindustrie im Keller – ist die Lage wirklich so düster?

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Die Autoindustrie steckt derzeit tief im Keller: Es waren schockierende Zahlen vom Verband der Automobilindustrie für das Autoland Deutschland, die der Verband der Automobilindustrie am Freitag für das bisherige Produktionsjahr 2020 präsentierte. Man muss schon Jahrzehnte in die Vergangenheit blicken, um auf ähnliche Produktionsziffern zu kommen. Aber gibt es bei starken Einbrüchen nicht auch eine zweite Seite der Medaille?

Autoindustrie: Die Zahlen des Verbandes für Deutschland

Bereits am Freitag hatte FMW über diese Zahlen berichtet: Ein Rückgang der der Pkw-Zulassungen im ersten Halbjahr um 35 Prozent auf 1,21 Millionen Pkw.

Auch im Juni gab es noch keine große Verbesserung für die Autoindustrie – laut Kraftfahrt-Bundesamt wurden immer noch 32,3 Prozent weniger Autos zugelassen als im Vorjahresmonat. Spielte hier der erhöhte Mehrwertssteuersatz (bis 30.Juni) noch eine Rolle?

Für das Gesamtjahr rechnet der Automobilverband mit etwa 2,8 Millionen verkaufter Pkw in Deutschland, was einem Minus von 800.000 Autos gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Und für die Welt?

Die Zahlen für die ersten fünf Monate zeigen auch einen happigen Einbruch der Pkw-Zulassungen:

Europa minus 43 Prozent, China minus 27 Prozent und die USA mit minus 23 Prozent.
Aber auch für das Gesamtjahr soll es ein annus horribilis für die Automobilindustrie werden:

  • China minus 2 Millionen auf 19 Millionen Pkw
  • USA minus 3 Millionen auf 13,9 Millionen
  • Europa minus 3,8 Millionen auf 12 Millionen Autos
  • Für die Welt-Pkw-Produktion hieße das einen Rückgang um 17 Prozent auf 65,9 Millionen Einheiten gegenüber dem Vorjahr.

Auch wenn es im zweiten Halbjahr eine Entspannung geben sollte, so reicht dies natürlich nicht aus, um den Einbruch der Autoindustrie infolge des Lockdowns ausgleichen zu können. Natürlich alles unter der Prämisse, dass es zu einer Eindämmung von Covid-19 in den Industrieländern kommt.

Die Bewertung der Zahlen

Wie so oft bei Zahlen aus der Realwirtschaft, so auch in der Autoindustrie: Vor Einbrüchen wird das Bild lange Zeit schön gemalt, und wenn es dann zu heftigen Einschnitten kommt, mit Entlassungen, malt man den Zukunftsteufel an die Wand, allein schon um Umstrukturierungen und Entlassungen zu begründen.

Für die Börse sind aktuelle Konjunkturzahlen oft Schnee von gestern. Wer sich mit Aktienmärkten über einen längeren Zeitraum beschäftigt, wird realisiert haben, dass man mit Pressemeldungen am Markt für eine Anlageentscheidung wenig anfangen kann. Das Allermeiste steckt schon in den Kursen drin, was zählt ist die langfristige Perspektive. Diese ist nunmal unsicher und kann nicht einmal von Firmeninsidern zuverlässig prognostiziert werden. Deshalb bin ich immer etwas skeptisch, wenn von Verbänden Daten, gespickt mit Prognosen, präsentiert werden. Das gilt auch für die Autoindsutrie.

Könnte es nicht sein, dass der Automobilverband mit seiner Präsidentin Hildegard Müller (ehemalige Staatsministerin im Bundeskanzleramt) und ihrem Lamento deutlich machen will, wie wichtig zum Beispiel eine staatliche Abwrackprämie wäre, allein um Arbeitsplätze zu sichern? Könnte da nicht etwas Frustration dahinter stehen, nachdem der Bundestag vor Wochen eine solche Unterstützung abgelehnt hat? Klar:  wie leben im Zeitalter des automobilen Umbruchs mit großen Kosten, aber auch mit großen Unsicherheiten.

Der Automobilbestand als Ganzes

Der Weltfahrzeugbestand hat bereits die unglaubliche Zahl von 1,3 Milliarden Kfz erreicht, erst vor zehn Jahren hat man die Miliardengrenze überschritten. Da das Durchschnittsalter der Fahrzeuge kaum über 20 Jahre erreichen dürfte, läge damit die Zahl der Verschrottungen bei bis zu 40/50 Millionen Einheiten pro Jahr. Klar kann man in einer Krise die Autos etwas länger nutzen –  aber wie lange?

Das bedeutet, dass hierdurch ein großer Ersatzbedarf entsteht, auch wenn es in China erhebliche Überproduktion gegeben hat, aber schließlich ging dort der Fahrzeugabsatz jetzt schon bald drei Jahre hintereinander nach unten.

Die Entwicklungsländer streben nach Motorisierung, in welcher Form auch immer. Und gerade in Coronazeiten wurde das Auto als persönlicher Schutzraum entdeckt. Millionen Menschen führen gerade Urlaubsreisen mit dem Kfz durch.

Fazit: Die Lage der Autoindustrie ist perspektivisch gar nicht so düster

Desto stärker der Einbruch im Jahr 2020, desto größer der Nachhol- und Ersatzbedarf 2021/22. Außer Covid-19 siegt auf ganzer Linie und die Erholung der Wirtschaft 2021 erweist sich als zu frühe Hoffnung. Der deutsche Pkw-Bestand von über 47 Millionen zugelassener Pkw jedenfalls hatte schon im Jahr 2019 ein Durchschnittsalter von 9,5 Jahren. Und das ist ein Hoffnungszeichen für die Autoindustrie!

„Zurück ins Jahr 1975“, lautete eine Schlagzeile in der Welt, die aktuellen Kfz-Zahlen betreffend. Gerade das zeigt aber, welcher Nachholbedarf sich in rascher Zeit aufbauen wird, gerade wenn man sich an diese Zeit verkehrstechnisch erinnern kann (in Deutschland 19,8 Millionen zugelassene Pkw – oder gar an die Zahl der damals lebenden Menschen und den Grad der Motorisierung!

Wenn man jetzt das Argument anführt, die Menschen hätten doch erhebliche finanzielle Einbußen wegen Corona durch Arbeitslosigkeit und Verdienstausfälle: Sicher, jedoch wird bereits ein Großteil der Fahrzeuge geleast und auf Kredit gekauft – im Jahr 1975 war es genau anders herum, da wurden die Pkw in der Masse bar bezahlt. So düster also sieht es doch gar nicht aus für die Autoindustrie..

Ist die Lage der Autoindustrie wirklich so düster?

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