Folgen Sie uns

Allgemein

Deutschland schuld an der Deflation? Der Ökonom Flassbeck und das fehlende Wort „Schulden“

Redaktion

Veröffentlicht

am

Von Markus Fugmann

Heiner Flassbeck zählt zweifellos zu den bekanntesten Ökonomen Deutschlands. Nun hat er in einer Art „Medienschelte“ die Kritik aus Deutschland an der EZB-Politik scharf zurück gewiesen. Tenor: Deutschland sei schuld an der Deflation in der Eurozone, niemand sonst!

Und das liest sich so:

„Was sich die deutschen Medien nicht trauen zu sagen, wir müssen es offen konstatieren: Es war vor allem Deutschland, dass dem Rest der Eurozone eine Politik der Senkung der staatlichen Ausgaben und eine Politik des Drucks auf die Löhne aufgezwungen hat, ohne zu bedenken, dass damit die Nachfrage in der Eurozone insgesamt zu schwach werden könnte. Deswegen ist Deutschland in erster Linie verantwortlich für die Deflation, die jahrelange Wachstumsschwäche und die Nullzinsen sowie die Enteignung seiner eigenen Sparer. Die EZB tut dagegen, was eine Notenbank tun kann, nämlich die Zinsen senken. Dass das nicht reicht, haben wir immer wieder gesagt..“

Flassbeck watscht in einem Parforce-Ritt die deutschen Medien ab, „Handelsblatt“, „FAZ“, „Welt“ – sie alle bekommen ihr Fett weg, alle ahnungslos, irgendwie bösartig, wenn sie die EZB kritisieren. Aber stimmt das wirklich, dass Deutschland schuld ist an der Deflation?

Klar: Die Merkel-Regierung hat lange darauf gedrungen, dass in Europa solide gewirtschaftet wird, man selbst ging mit gutem Beispiel voran und erzielte sogar einen leichten Überschuß, der Konjunktur in Deutschland sei Dank. Aber hat Deutschland wirklich die derzeitige Deflation verursacht mit seiner Politik? Flassbeck meint ja, und erkennt richtigerweise das Problem in der fehlenden Kreditnachfrage, nicht im Kreditangebot:

„Europa hat kein Kreditproblem, sondern ein Nachfrageproblem. Genau das dürfen aber die deutschen Leitmedien nicht sagen, weil das ja das Eingeständnis wäre, dass die deutsche Politik einschließlich großer Teile der Opposition und der meisten deutschen Chefredaktionen seit Jahren im Gleichschritt in die falsche Richtung marschiert sind.“

Dass Deutschland das eigentliche Problem sei, sehe nach Flassbeck auch Draghi so:

„Dass Draghi die Implementierung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes anmahnt, zeigt eindeutig, dass sich sein Appell vor allem an Deutschland richtet, das gemessen an den Regeln des Paktes den größten Spielraum hat, um expansive Politik zu betreiben, also die öffentlichen Defizite zu erhöhen, indem der Staat mehr ausgibt (für Investitionen) oder die Steuern senkt. Draghi fordert also indirekt die deutsche Regierung auf, die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone durch eine Ausweitung der Nachfrage zu unterstützen.“

Flassbeck möchte also Steuersenkungen und steigende öffentliche Verschuldung vor allem Deutschlands, damit dann am deutschen Wesen die Welt genesen könne. Aber irgendwie hat man den Eindruck, dass Flassbeck die Dinge sehr aus der deutschen Brille sieht: Deutschlands Politik schuld am Desaster, sodass nun nur Deutschland das wieder in Ordnung bringen könne. Ein bißchen sehr viel Deutschland in Flassbecks Kopf, sozusagen eine Art masochistischer Nationalismus!

Aber kein Wort davon bei Flassbeck, dass die Ursachen der Deflation wenn überhaupt nur zu einem minimalen Teil wirklich durch deutsches Verschulden zustande gekommen sind. Viel wichtiger sind die deflationären Wirkungen der globalisierten Internet-Ökonomie, die zu einem globalen Konkurrenzkampf und damit zu sinkenden Preisen führt. Der Trend geht stark zur Automatisierung – Maschinen ersetzen Menschen, weshalb Löhne nicht nachhaltig steigen, und ohne steigende Löhne keine Inflation.

Dazu kommt die Vergreisung der Gesellschaft: wer älter wird, investiert weniger, die Bevölkerung in Deutschland nimmt ab (es sei denn, die Flüchtlinge ersetzen die fehlenden Geburten), daher sinkt latent auch die Kreditnachfrage. Von alldem bei Flassbeck kein einziges Wort, sondern immer nur: böse deutsche Politik, die arme EZB tut was sie kann, ist aber hilflos, weil sie von der deutschen Politik so schmählich im Stich gelassen wird.

Und – das ist noch ärger – Flassbeck glaubt an das, was eigentlich nicht mehr glaubhaft ist: werden Steuern gesenkt, geben Leute mehr Geld aus, sodass die zunehmende Verschuldung durch wieder steigende Steuereinnahmen gegenfinanziert werden könne. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das ein Wunderglaube ist, der in der Realität nicht funktioniert!

Was ist das eigentliche Problem? Die überbordende Verschuldung von Staaten und Menschen. Wer verschuldet ist, muß Schulden zurück zahlen – und hat wenig Luft für neue Kredite. Das einzige, was wirklich nachhaltig gewachsen ist, sind die Schulden. Rückzahlung? Immer unwahrscheinlicher. Flassbecks Rezept: mehr Schulden machen, dann wird das schon irgendwie! Wird es nicht! Sondern die Schulden werden weiter steigen, das auf Pump finanzierte Wachstum nicht ausreichen, die Verschuldung nachhaltig wieder zurück zu führen. Im Grunde ist das, was Flassbeck vorschlägt, Keynes der ältesten Schule!

Man kann Deutschland durchaus Fehler vorwerfen. Aber die deutsche Position, dass Schulden nicht ewig wachsen können, ohne dass das System kollabiert, ist rationaler als Flassbecks Glauben an das Wunder-Wachstum durch Verschuldung. Wenn das vorwiegend aus angelsächsischer Ideologie entstammende Verschuldungs-System kollabiert sein wird, dürfte sich die von Flassbeck so scharf kritisierte deutsche Haltung als richtig erweisen!

9 Kommentare

9 Comments

  1. Avatar

    Juke

    16. März 2016 13:25 at 13:25

    Flassbeck hat an anderer Stelle auch andere Lösungen für das Deflationsproblem gegeben. Eine seiner Thesen ist, dass Inflation innerhalb einer Währungsunion nur noch über die Löhne gesteuert werden kann. Deutschland sei das einzige Land, dass sich an diese „Inflations-Vorgabe“ der Währungsunion nicht gehalten hat weil es über Jahre hinweg die Löhne bzw. Lohnstückkosten nicht so stark angehoben hat wie z.B. Frankreich oder andere Länder. Damit drückt es die Gesamtinflation der Eurozone und verschafft seinen Unternehmen einen Kostenvorteil. Es gibt dazu einige gute Vorträge auf YouTube. Nennt sich etwas reißerisch „Ende des Euro kommt 2017“. Deutschland müsste demnach also nicht Steuern senken oder sich weiter verschulden, sondern massiv die Löhne erhöhen.

  2. Avatar

    Wolfgang Koch

    16. März 2016 13:51 at 13:51

    Mutti hör die Signale!Sei endlich ein anständiges Mädchen&folge deinem „Bimbesdaddy“!Hau die Kohle raus,als gäb’s kein Morgen!Schaffe blühende Landschaften in Südeuropa.Pleitiert?Deutschland,ist der €uro gerettet&alles wird gut!Was sind schon mehrere Billionen Schulden in einer Galaxie von der keiner den Anfang,geschweige das Ende kennt?Ich bin immer noch praktizierender Monty-Pyton- Fan(Ältere werden ihn kennen&hoffentlich achten!),habe aber immer gedacht,dass er Satire verfilmt.Es beschleicht mich aber mehr&mehr die Gewissheit,dass es die ungeschminkte Wahrheit darstellt!Neuestes Werk:Die Ritter der €uronuss!Meine Bestände an Weihrauch&Myrrhe habe ich an die Weisen verkauft&nur das schnöde Gold behalten.Verpisst €uch ihr Anhänger der ultralockeren €urojudäischen Befreiungsfront!

  3. Avatar

    Uwe L

    16. März 2016 18:52 at 18:52

    das fehlende Wort Schulden

    der Beitrag geht inhaltlich fehl da er die wahre Ursache der hohen Staatsverschuldung seit 2007 nicht benennt.
    die Bankenrettung seit 2007 hat die Staatsschulden weltweit stark steigen lassen und damit das ganze Desaster ausgelöst. Und warum mussten diese vom Volk gerettet werden, weil die herrschenden Eliten für ihr Wohlstandsleben das Volk weiter abzocken müssen. So einfach ist das.

  4. Avatar

    M.Schmidt

    16. März 2016 19:19 at 19:19

    Irgendwie witzig: man liest immer nur von Schulden. Die Vermögen, die dem gegenüberstehen, scheint es gar nicht zu geben?
    Desweiteren frage ich mich, warum die Banken ihre „Rettung“ nicht zurückzahlen müssen sondern weiterhin exorbitante Boni ausschütten können.
    Und Arbeitseinkommen wird weiterhin wesentlich höher besteuert als Kapitaleinkommen…..Das ganze System ist doch oberfaul!

  5. Avatar

    Fritz Huber

    16. März 2016 19:34 at 19:34

    Nun für Hrn. Flassbeck ist Deutschland auch Schuld, wenn in China ein Fahrrad umfällt – darum lebt er ja in Frankreich!

    Die guten Schüler müssen schlechter werden, damit die Schlechten nicht mehr so schlecht aussehen.

    Cui_bono – wem nützt die Schuldenmacherei? nur den Banken! Das Bruttosozialprodukt ist üblicherweise groß genug, um die Bedürfnisse eines Volkes abzudecken. Die Staaten kommen mehrheitlich nur durch die Zinslasten in Schwierigkeiten. Und woher kommt das Geld? aus Geldschöpfung der Banken aus dem Nichts.

    Abhilfe schafft man nur dadurch, dass die Länder wieder die Hoheit über das eigene Geld übernehmen – dann kostet das Geld auch keine Zinsen.

  6. Avatar

    Traumschau

    16. März 2016 21:11 at 21:11

    Herr Fugmann,
    sie haben sich einen kleinen Zipfel von Aussagen Flassbecks heraus genommen und meinen nun, diese seien jetzt die Position von Flassbeck! Das ist ein grandioser Irrtum! Aber der Reihe nach:
    1. „Flassbeck möchte also Steuersenkungen und steigende öffentliche Verschuldung vor allem Deutschlands, damit dann am deutschen Wesen die Welt genesen könne.“

    Flassbeck möchte Steuer-Erhöhungen – insbesondere für die Unternehmen und Reichen. Warum? Weil die Unternehmen in DE mittlerweile Nettosparer sind. Die Haushalte sparen, die Unternehmen sparen und Schäuble spart. Wer soll denn jetzt die Ersparnisse aufnehmen? Na, das Ausland natürlich! Unser mickriges Wachstum ist nur dadurch zustande gekommen, dass sich das Ausland jedes Jahr für über 200 Milliarden Euro verschuldet, um unsere Waren abzunehmen – Exportüberschüsse! Aber wir wollen ja kein Wachstum auf Pump, oder?
    Da unsere Nachbarn ja alle einem absurden Austeritätskurs unterworfen sind, ist es klar, dass nur DE durch öffentliche Investitionen die Situation für Europa ändern kann, wenn die anderen Sektoren in DE sparen. Und natürlich brauchen wir ein insgesamt höheres Lohnniveau, gerade bei den unteren Einkommensbeziehern!!

    2. „Es war vor allem Deutschland, dass dem Rest der Eurozone eine Politik der Senkung der staatlichen Ausgaben und eine Politik des Drucks auf die Löhne aufgezwungen hat, ohne zu bedenken, dass damit die Nachfrage in der Eurozone insgesamt zu schwach werden könnte.“
    Sie unterschlagen die zentrale Aussage Flassbecks, der unermüdlich darauf hinweist, dass die Lohnmoderation, also die Abweichung von der Goldenen Lohnregel (Produktivitätsfortschritt plus Zielinflationsrate), dazu geführt hat, dass wir das Inflationsziel der EZB von 1,9% immer unterlaufen haben. Dadurch haben wir einen Wettbewerbsvorteil gegenüber unseren Nachbarn erreicht: Diese haben sich zwar etwas zu hohe Löhne gegönnt, allerdings ist es deshalb falsch zu sagen, nur die anderen seien Schuld. Die Lohnstückkosten sind entscheidend! Die Auswirkungen dieser Politik sehen wir an unseren Exportüberschüssen, die dummerweise zugleich die Defizite, d.h. Schulden der anderen sind.
    Schauen sie sich doch mal die Finanzierungssalden der Sektoren der deutschen Volkswirtschaft an – dann wird alles sofort klar!

    3. Flassbeck hat noch sehr viel mehr zum Gesamtkomplex (Finanzmärkte, Währungssystem, Industrie 4.0, etc.) gesagt, was ich aber nicht alles ausführen möchte – es gibt ja genügend Vorträge von Flassbeck bei YT.

  7. Avatar

    Steven

    17. März 2016 16:22 at 16:22

    Wann wurden denn in Deutschland steuern gesenkt und damit bewiesen das die Gegenrechnung nicht funktioniert ????

    Also bitte FMW … Warum gehört h.f. wohl zu den bekanntesten dt Ökonomen(erster Satz!) …weil es so schlecht ist ?!

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      17. März 2016 16:25 at 16:25

      @Steven, vielleicht nicht in Deutschland, aber in anderen Ländern durchaus..
      Ich spreche Flassbeck doch nicht ab, Qualität zu haben, halte aber seine Gegenvorschläge überwiegend für eher altmodisch und extrem-keynesianisch..

      • Avatar

        Steven

        17. März 2016 16:57 at 16:57

        Das weis ich nicht . Behaupte aber mal ganz plump in diesen Ländern ist gleichzeitig ..wenn nicht sogar vorweg gehend , die Arbeitslosigkeit gestiegen (explodiert ). Da bringen dann auch Steuersenkungen nichts .

        Dann stimmt es wieder das die gegenrechnung nicht funktioniert .
        :)

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

US-Wahl: Was passieren muß, damit Trump gewinnt!

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Die US-Wahl rückt immer näher, laut Umfragen liegt Donald Trump derzeit recht deutlich hinter Joe Biden. Eines scheint klar: wenn Trump die US-Wahl gewinnen will, muß er zwingend den Bundeststaat Florida gewinnen – gewönne Biden in Florida, wäre ein Wechsel im US-Präsidentenamt praktisch sicher. Die Zwischenstände aus Florida werden also extrem wichtig – es gibt sogar einen kleinen Wahlbezirk in diesem Bundeststaat, der schon früh die Richtung anzeigen dürfte.

US-Wahl – das sind die Szenarien

Die US-Seite https://fivethirtyeight.com/ zählt zu den führenden Prognose-Quellen in den USA. Sie bietet ein interaktives Tool an, mit dem man Szenarien durchspielen kann: gewinnt etwa Biden den swing state Pennsylvania, dann hat das einen positiven Einfluß auch auf seine Sieges-Chancen auch in Nachbar-Bundestsaaten. Sehen Sie hier, was passieren muß, damit Trump gewinnen kann:

 

Und so ist die Lage in den USA unmittelbar vor der US-Wahl – es ist ein gespaltenes, zerrissenes Land, wie folgende ARTE-Dokumentation zeigt:

 

Was muß passieren, damit Trump die US-Wahl gewinnt?

weiterlesen

Aktien

Banken: Es hagelt sensationell gute Quartalsergebnisse!

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Hochhäuser von Banken im Londoner Viertel Canary Wharf

Was ist das los? Gerade in der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten sollten sich die Banken doch in einer dramatischen Schieflage befinden? Denn Kreditausfälle müssten aus Quartalsgewinnen eigentlich Verluste machen und damit folglich das Eigenkapital der Banken angreifen? Dieses Szenario steht womöglich bevor, wenn die anstehende Pleitewelle Löcher in die Bücher der Banken reißt.

Aber noch ist es nicht soweit. Derzeit hagelt es sensationell gute Quartalszahlen von Banken weltweit. Vor allem fällt auf, dass gerade die Banken tolle Zahlen melden, die stark im Kapitalmarktgeschäft tätig sind, und eher weniger im Privat- und Firmenkundengeschäft mit Krediten, wo Probleme mit Kreditausfällen drohen, und wo die Banken sich derzeit mehr denn je mühen neue Kundeneinlagen abzuweisen – weil sie selbst sonst Strafzinsen zum Beispiel bei der EZB entrichten müssten.

Banken mit starkem Kapitalmarktgeschäft im Vorteil

Wie gesagt. Wer stark im Kapitalmarktsegment engagiert ist, der feiert die Krise. Zum Beispiel lässt sich derzeit viel Geld machen mit den globalen Schuldenorgien. Wo die Banken zum Beispiel in Europa in den Erstauktionen der staatlichen Schuldenagenturen Staatsanleihen aufkaufen, können sie mutmaßlich schön und entspannt Gewinn machen mit dem Weiterverkauf der Anleihen an die EZB am Sekundärmarkt. Auch in vielen anderen Bereichen des Kapitalmarkts war die letzten Quartale viel los. Man beachte in diesem Zusammenhang die sensationell guten Quartalszahlen von Goldman Sachs vom 14. Oktober. Der Quartalsgewinn konnte gegenüber dem Vorjahresquartal verdoppelt werden (hier die Details). Bei den anderen großen US-Banken gab es keine Katastrophen-Meldungen. Und dann am Dienstag dieser Woche meldete die Schweizer Großbank UBS ebenfalls eine Gewinn-Verdoppelung (hier die Details).

Barclays

Heute nun hat die britische Großbank Barclays ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Der Gewinn liegt mit 611 Millionen Pfund gut drei Mal so hoch wie erwartet, und auch dramatisch besser als im Vorjahr. Da war es noch ein Verlust von 292 Millionen Pfund – auch wenn man hier berücksichtigen muss, dass der Verlust aufgrund von Schadenersatzzahlungen an geschädigte Kreditnehmer zustande kam. Dennoch ist heute ein Gewinn, der drei Mal so hoch reinkommt wie erwartet, beachtlich. Außerdem hat Barclays wie viele andere Banken auch im dritten Quartal die Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle deutlich reduziert, nämlich auf 608 Millionen Pfund nach 3,7 Milliarden Pfund in den ersten sechs Monaten des Jahres.

Nordea

Bei der größten skandinavischen Bank Nordea könnte man glatt meinen, dass die Krise zeitlich auf den Kopf gestellt wurde. Auch hier gab es heute Quartalszahlen. Der operative Gewinn steigt binnen Jahresfrist von 875 Millionen auf 1,09 Milliarden Euro. Die Gründe für die guten Zahlen: Einerseits mehr Kreditvergabe-Volumen in der Krise – andererseits nicht mehr vorhandene Belastungen durch Schrottkredite (331 Millionen Euro Belastung im Vorjahresquartal). Dennoch erwartet Nordea für das Gesamtjahr Kreditausfälle von gut einer Milliarde Euro. Es klingt wie ein Witz, dass jetzt Belastungen durch Kreditausfälle weggefallen sind. Aber aktuell wirkt es noch schlüssig. Es werden weltweit auch mit Staatshilfen viele neue Kredite vergeben, wo die Kreditnehmer natürlich erstmal wieder liquide sind und auch die monatlichen Raten einige Zeit lang zahlen können.

Noch sieht es gut aus

Wenn die große Pleitewelle bei Unternehmen denn kommen sollte, dürfte sich die Lage für die Banken verdunkeln. Banken wie Goldman Sachs mit fast null klassischem Privatkundengeschäft könnten auch in einer Pleitewelle gut da stehen, weil man ja keine Kreditausfälle verkraften müsste. Und die deutschen Banken? Die Commerzbank meldet ihre Quartalszahlen am 5. November, die Deutsche Bank am 28. Oktober. Es ist möglich, dass sie schon vorab als Ad Hoc-Meldung ihre Finanzdaten berichten, wenn sie zu stark von den Erwartungen abweichen. Es könnte sein, dass auch die beiden deutschen Großbanken jetzt halbwegs akzeptable Zahlen melden, und dass die bitteren Verluste der Kreditausfälle erst noch anstehen, wenn die Pleitewelle wie von vielen Experten erwartet demnächst einsetzt. Aber es kann vielleicht noch einige Zeit dauern, bis eine Pleitewelle wirklich auf die Quartalszahlen der Banken durchschlägt. Denn bis die Bank wirklich einen Kredit als Verlust abschreibt, muss erstmal der Schuldner den Bach runtergehen, dann gibt es Verhandlungen über Umschuldungen usw. Also, kurzfristig könnten auch Deutsche Bank und Commerzbank noch akzeptable Quartalszahlen melden.

weiterlesen

Allgemein

Sahra Wagenknecht über die große Krise, und wie man sie lösen kann

Redaktion

Veröffentlicht

am

Von

Sahra Wagenknecht hat den Ruf wirklichen wirtschaftlichem Sachverstand zu besitzen. Bei ihr kann man erkennen: Es wird nicht stumpf das sozialistische Lied abgespielt. Bei ihren Aussagen merkt man, dass sie das Gesamtbild im Blick hat und auch versteht. Natürlich kann und darf man über ihren Lösungsansatz für das große Gesamtproblem streiten. Aber auch ihren Lösungsansatz begründet sie inhaltlich nachvollziehbar.

Sahra Wagenknecht mit Bestandsaufnahme der Krise

In ihrem aktuellsten Video (am Ende dieses Artikels) wirft Sahra Wagenknecht die Frage auf, ob eine große Finanzkrise bevorsteht. Dafür arbeitet sie sich an vielen Ungleichgewichten und wirtschaftlichen Schieflagen ab, die in dieser Form in der Tat auch bestehen. So bespricht sie die gigantische Geldschwemme der Notenbanken, in der Europa verursacht durch die EZB. Diese sorge für einen riesigen Push bei den Aktienkursen. Profitieren würden vor allem die Reichen, die in großem Umfang Aktien besitzen. Der Kleinsparer, der sein Geld nur auf dem Sparkonto parkt, würde durch Nullzinsen (neuerdings immer öfters auch Negativzinsen) und Inflation laut Sahra Wagenknecht real jedes Jahr Geld verlieren.

Die Großkonzerne würden in der Coronakrise mit billigem Geld überschwemmt, so dass sie gar keine Probleme hätten durch diese Krise zu kommen (ja, dafür gibt es zahlreiche Beispiele). Gleichzeitig haben es laut Sahra Wagenknecht kleine Unternehmen und Unternehmer derzeit sehr schwer überhaupt an Geld zu kommen, um die Krise überleben zu können. Demnach seien die großen Konzerne die Krisengewinner, die kleinen Betriebe die Verlierer. Sahra Wagenknecht nennt in diesem Zusammenhang auch die Anleihekäufe der EZB, wo auch in großem Stil Unternehmensanleihen gekauft werden. Und hier geht es eben um Anleihen großer Unternehmen, und nicht um Schulden kleiner Betriebe, die eh keine Anleihen ausgeben.

Als weiteres Ungleichgewicht benennt Sahra Wagenknecht auch die Immobilienblase. Bei den niedrigen Zinsen lohne sich die große Spekulation, welche die Preise immer weiter nach oben treibe. Und letztlich beleuchtet sie die (von uns bei FMW oft angesprochene) steigende Bedrohung für das Bankensystem in Europa. Schon vor der Krise habe es laut Sahra Wagenknecht 600 Milliarden Euro Volumen an faulen Krediten bei Banken in Europa gegeben – jetzt drohe diese Summe auf 1,4 Billionen Euro zu steigen.

Problemlösung

Was sei nun die Lösung des Problems? Laut Sahra Wagenknecht seien immer neue Schulden und immer tiefere Zinsen nicht die Lösung des Problems. Die Wirtschaft könne auch nicht so kräftig ansteigen, dass Volkswirtschaft und Staat aus dem gigantischen Schuldenberg „herauswachsen“ könnten, wie sie es formuliert. Inflation sei auch keine Lösung, da hierbei die kleinen Leute mit ihren Sparguthaben enteignet würden. Die reichen Leute würden mit ihren Immobilien und Betriebsvermögen ihren Wohlstand behalten, während die kleinen Leute bei einer spürbaren Inflation den Preis bezahlen müssten.

Für Sahra Wagenknecht gibt es nur eine Lösung des Problems. Und da kommt natürlich die linke Politik wieder zum Vorschein. Man müsse die enorme angehäufte Schuldenlast restrukturieren, und zwar zu Lasten der wirklich Vermögenden. Dazu kann man anmerken: Das ist eine politische Frage, was man will. Diese Lösung kann man befürworten, oder eben auch nicht. Ansichtssache. Aber abgesehen davon: Die anderen Alternativen sind auch nicht berauschend. Man darf vermuten: So wie die aktuelle Merkel-Regierung wird wohl auch ein Nachfolger wie Herr Laschet keinen großen Wurf machen, sondern stillschweigend zusammen mit der EZB auf die Lösung setzen, die auch die Amerikaner seit Jahrzehnten praktizieren, wenn es um Problemlösungen geht. „Kick the can down the road“ – die Dose die Straße weiter runter kicken. Das Problem also in die Zukunft verschieben. Also jetzt immer neue Rettungsprogramme auflegen (letztlich finanziert durch die EZB, das neue EU-Schuldenprogramm uvm), – und diese Probleme darf irgendwer in ferner Zukunft abzahlen.

Sahra Wagenknecht
Sahra Wagenknecht. Foto: Ferran Cornellà CC BY-SA 4.0

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage

Wenn Sie diese Webseite weiter verwenden, stimmen Sie automatisch der Verwendung von Cookies zu. Zur Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen