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Digitales EU-Musterland Estland denkt über staatliche Kryptowährung nach

FMW-Redaktion

Das am äußersten Rande der EU gelegene Estland hat nicht nur den Euro als Währung, sondern ist in Sachen Digitalisierung von Volkswirtschaft und staatlicher Verwaltung der absolute Vorreiter in der EU. Auch gibt es dort seit 2015 eine sogenannte e-Residency, also eine virtuelle Legitimierung als Bürger, auch wenn man gar nicht Este oder EU-Bürger ist. Man kann dann online in Estland Konten eröffnen, Firmen gründen uvm.

Der zuständige Verwalter des e-Residency-Programms Kaspar Korjus erwähnt aktuell, das bis dato bereits 22.000 virtuelle Bürger aus 138 Ländern e-Residents geworden sind. Die wöchentliche Rate neuer Anträge sei derzeit höher als die Geburtenrate in Estland. Korjus bringt nun in einem aktuellen Blogpost die Einrichtung einer eigenen staatlich erstellten Kryptowährung für Estland ins Spiel. Um es vorweg zu sagen: Die Tatsache, dass Estland mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern so klein ist, macht es wohl auch einfacher auf kurzen Entscheidungswegen solche Innovationen durchzuboxen!

Korjus bringt die Gründung (man nennt es auch Neuschürfung?) der digitalen Währung „Estcoin“ ins Spiel. Er schreibt, dass der Estcoin durch die estische Regierung verwaltet werden könne. Durch das e-Residency-Programm könnten Nutzer weltweit Zugang zu Estcoins erhalten. Sie könnten ins Leben gerufen werden durch ein sogenanntes „Initial Coin Offering (ICO)“, was so ähnlich klingt wie die Erstausgabe bei Aktien (Initial Public Offering oder IPO). Mit dem Angebot von Estcoins könne man noch mehr Menschen aus dem Ausland für die e-Residency begeistern, so Korjus.

Interessant dürfte die Frage sein, ob sich die EZB einmischen würde, wenn ein Mitglied des Eurosystems, dessen Währung der Euro ist, auf einmal eine eigene offizielle neue Währung kreiert. Denn wenn ein Staat so einen Estcoin herausgibt, wäre das ja quasi (irgendeine) Art neuer Währung. Das könnte die EZB nicht ganz so lustig finden. Bisherige von Privatleuten gebastelte Kryptowährungen betrachten Notenbanker in Europa nicht als wirkliche Währungen oder Wertaufbewahrungsmittel, sondern eher als obskure unsichere Spekulationsobjekte. Das könnte sich bei so einem staatlichen kreierten Konstrukt ändern.

Korjus träumt von 10 Millionen e-Residents, die zu den 1,3 Millionen realen Einwohnern hinzukommen, um Estcoins zu nutzen. Er vergleicht die staatliche Ausgabe von Estcoins mit der bisherigen Investition von Anlegern in Staaten, womit er wohl Anleihen meint. In dem Fall wäre es eine andere noch undefinierte Art von Investment. Das wäre beim Gelddrucken der EZB ungefähr so, als würde dieses Geld von Anlegern kommen, die im Gegenzug das frisch gedruckte Euros erhalten. Korjus möchte also quasi Anleger zu Investoren in das Land machen, also eine Art von Eigenkapital.

Nur die Anleger erhalten keine „Aktienanteile“ am Land Estland, sondern eben digitale Münzen der Kryptowährung Estcoin, die einen gewissen Wert darstellen sollen. Der Gründer der zweitwichtigsten existierenden Kryptowährung Etherum namens Vitalik Buterin habe ein konkretes Feedback gegeben um das Projekt anzutreiben. Laut Korjus könne Estland das eingesammelte Geld beispielsweise verwenden in einer Art Staatsfonds, wie es Norwegen sehr erfolgreich tue.

Estland könne mit dem Geld die weitere Transformation des Landes in eine noch digitalere Zukunft vorantreiben, und beispielsweise in künstliche Intelligenz investieren. Estcoins könnten dann auch als reales Zahlungsmittel für öffentliche und private Bereiche genutzt werden, und eventuell auch als global akzeptierte Währung existieren, so Korjus. Dazu meinen wir grundsätzlich: Ein mehr als interessantes Konzept, weil der Staat auf eine ganz neue Weise Geld einnimmt. Statt Schuldenaufnahme verkauft man quasi Eigenkapital, ohne dass der Eigenkapitalkäufer dafür irgendwelche Mitbestimmungsrechte am Staat erwirbt.

Nur wie wir vorhin schon meinten: Da dies ganz konkret eine neue staatlich kreierte Währung sein soll, dürfte die EZB davon wenig begeistert sein. Denn die Währungspolitik Estlands wird in Frankfurt gemacht! Das wäre mal eine ganz neue und hochinteressante Diskussion zu dem Thema, die man zwischen den Esten und den EZB-Direktoren mal in einer Live-Talkrunde zeigen sollte!


Ein Bitcoin Wechselautomat, aufgenommen an der SIBOS 2014 in Boston. Foto: Martin E. Walder / Wikipedia (CC BY-SA 3.0)



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