Marktkommentare

Droht die Japanisierung Europas?

Notenbanker sind eine eigene Spezies: sie sind aufgrund ihrer Profession gezwungen, manchmal, sagen wir, nicht die Wahrheit zu sagen. Nun ist Mario Draghi, erzogen von Jesuiten, sicherlich unfähig zur Lüge – ganz klar. Aber manchmal ist es für einen Notenbanker besser, nicht die (ganze) Wahrheit zu sagen – da schon die Erwähnung von Deflationsgefahren psychologische Folgewirkung hat – und damit die Deflationsgefahr faktisch erhöht. Insbesondere wenn Draghi immer wieder betont, in Europa drohe keine Deflation etc. sollten jedoch die Alarmglocken klingeln.

Das Mantra „in Europa gibt es keine Deflation“ wird durch stetige Wiederholung leider nicht wahrer. Das musste einst auch der Gouverneur der Bank of Japan, Yasuo Matsushita feststellen, der im Januar 1998 jeden Hinweis auf eine kommende Deflation leugnete. Was dann passierte, ist hinlänglich bekannt: kurze Zeit später begann eine massive Deflation in Japan, die im Grunde bis heute andauert und derzeit durch eine waghalsige (langfristig zum Scheitern verurteilte) Politik des Ministerpräsidenten Abe bekämpft werden soll (Abenomics).

Die Parallelen zwischen Japan und der Eurozone liegen auf der Hand:

a) hoch verschuldete Banken (infolge geplatzter Immobilienblasen), die vom Staat gerettet werden mussten

b) rückläufige Kreditvergabe der Banken an die Privatwirtschaft

c) rückläufige Preise (in der Eurozone im Vergleich zum Vorjahr)

d) sinkende Lohnstückkosten, in der Eurozone insbesondere bei den Peripherie-Staaten

e) minimales Wachstum, wobei auch Japan nach dem Kollaps sich kurzzeitig erholte, um dann wieder einzubrechen – wie bald Europa?

f) und nicht zuletzt: Politik und Notenbanken, die deflationäre Tendenzen leugnen

Sowohl in Japan als auch in Europa sind schon die demografischen Verhältnisse grundsätzlich deflationär. In Europa kommt hinzu, dass die Banken ihre Bilanzen schrumpfen, ebenso die meisten Staaten der Eurozone nach der Finanzkrise. Alles reinweg deflationäre Faktoren, die gleichwohl offiziell nicht wahrgenommen werden.

Doch vermutlich spricht man bei der EZB hinter verschlossenen Türen mehr Klartext als in den offiziellen Verlautbarungen. Mal sehen, was wir morgen zu hören bekommen – so ganz offiziell natürlich..

 



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