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Energiekrise: Ursachen und Folgen – gehen im Winter Licht und Heizung aus?

Die Energiekrise - Ursachen und Folgen

Begonnen hat die Energiekrise Europas damit, dass nach dem letzten langen und kalten Winter die meisten Versorger und Gashändler verhalten auf die hohen Preise reagiert haben – sie hatten gehofft, dass die Preise im Sommer wieder fallen werden.

Energiekrise: China und Indien kaufen und kaufen

China und Indien hingegen hatten bereits früh erkannt, dass sich ein Desaster am globalen Kohle- und Gasmarkt zusammenbrauen würde. Beide Länder hatten zur Versorgung ihrer Milliarden-Bevölkerung daher bereits frühzeitig im Sommer – völlig unüblich für diese Länder – mit dem Abschluss von Lieferverträgen für den Winter begonnen.

Anfangs gingen die Europäer noch davon aus, dass dies nur vorübergehend sei – tatsächlich aber haben asiatische Käufer jedoch den kompletten Sommer durchgehend gekauft, was die Europäer zuerst verunsicherte. Nachdem aber klar wurde, dass die North Stream 2-Pipeline nicht vor dem Winter operieren würde, Russland kein Gas mehr durch die Ukraine schickte und ein Feuer an einer Gaspumpstation die Pipeline-Flows der einzig verbliebenen Leitung zusätzlich reduzierte, brachen alle Dämme: Die Preise für Gas stiegen parabolisch von 20 EUR die MWh auf 75 EUR.

Energiekrise: Margin Calls verschärfen den Preisauftrieb

Zu diesem Zeitpunkt atmeten viele Händler erleichtert auf und dachten, dass der nie dagewesene Melt-up (und damit die Energiekrise insgesamt) vorüber sei. Tatsächlich begann aber einige Tage später erst der eigentliche, katastrophale Anstieg, nachdem die Börse ICE die Margin für die wichtigste Europäische Gas-Benchmark – TTF Dutch Gas – anhob.

Die Folge: ein massiver Margin-Call, der die größten Rohstoffhändler der Welt empfindlich traf, darunter Trafigura, Vitol, Mercuria und Gunvor, die alle ihre Kreditlinien bei Banken erhöhen mussten. Über Gunvor kursieren derzeit Gerüchte, dass durch die große Spread-Position (long Henry Hub, short TTF Gas) ein Mega-Margin Call von 6 Milliarden ins Haus stehen könnte, wodurch Gunvor Pleite wäre. Derzeit gehen LNG Broker und ein sehr gut vernetzter ehemaliger Gunvor-Trader jedoch davon aus, dass die Banken zu dem Unternehmen stehen werden. Prinzipiell ist der Trade auch profitabel, da Gas im US Golf günstiger angekauft wird, als nach Europa abzüglich Fracht verkauft wird. Lediglich die Hedges mit der erforderlichen Margin treiben die Unternehmen in ernsthafte Liquiditätsprobleme.

Mutmaßlich ist darunter auch der russische Gas-Gigant Gazprom – was auch daran ersichtlich wird, dass sich Putin letzte Woche vor die Weltöffentlichkeit gestellt und versprochen hat, dass Russland alles Erdenkliche gegen die explodierenden Gas- und Kohlepreise tun würde. Einen ersten Rücksetzer hat er dadurch bereits ausgelöst. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob dies von langer Dauer sein wird.

Energiekrise und die EU-Regulierung – gehen im Winter die Lichter und die Heizung aus?

In Sachen Energiekrise sind für den nächsten Monat nun insbesondere das Ergebnis der EU-Diskussionen über die Einführung von Preisgrenzen im Energiemarkt sowie der weitere Temperaturverlauf  entscheidend. Besonders letzterer könnte die allerletzten Hoffnungen von Europäischen Versorgern platzen lassen, da zumindest für die nächsten Wochen eine höhere Heiz-Nachfrage (Heating Degree Day) prognostiziert wird, als im langfristigen Mittel. Selbst im Idealfall eines kurzen und warmen Winters würden die Europäischen Gaslagerbestände auf das niedrigen Level des letzten Jahres zurückfallen. In diesem Fall würde Europe mit einem blauen Auge davonkommen. Danach sieht es aber derzeit leider nicht aus.

Geht der derzeitige Wettertrend die kommenden Wochen und Monate weiter und sollte sich der kalte und lange Winter des Vorjahres wiederholen, würden in Europa die Lichter und Heizungen ausgehen. Nach eigenen Berechnungen würden die Lagerbestände unter 200TWh fallen, was eine faktische Vollständige Entleerung des nutzbaren Lagerbestands darstellt (Gaslagerstätten können aus technischen Gründen nie vollständig geleert werden – 10-20% verbleiben dauerhaft, da ansonsten der Druck zu gering wird).

Die Politik als Haupt-Verursacher der Krise

Politiker – von ähnlicher Weisheit geprägt wie Notenbanker – möchten dies verhindern, in dem Preisgrenzen eingeführt werden. Dass die Politiker jedoch selbst durch verzögerte Genehmigungsprozesse von North Stream 2, einer Alles-Oder-Nichts-Wette auf Erneuerbare Energien (die derzeit im Niedrig-Wind-Jahr nicht liefern) und einer sozialistischen Steuerung des EU-Carbon-Markts die Hauptverursacher der Energiekrise sind, wird gerne vergessen.

Große Emittenten von CO2 müssen nämlich in der EU für jede Tonne, die sie ausstoßen, eine Erlaubnis (EU Allowance, EUA) kaufen. Angenehmerweise werden diese Erlaubnisse von der EU-Kommission in täglichen Auktionen versteigert, wodurch die Einnahmen direkt für die nächsten EU-Projekte ver(sch)wendet werden können. Auffallenderweise wurde der EUA-Markt jüngst durch öffentliche Reden und Änderungen der Auktionsmenge so manipuliert, dass sich der Preis innerhalb von einem Jahr von 20 auf 60 EUR/Tonne verdreifacht hat – ganz zur Freude von großen Banken und Hedge Fonds, die durch die gute Vernetzung in Brüssel bereits rechtzeitig massive Long-Positionen aufgebaut hatten. Glücklich ist auch die EU, da sich die Einnahmen innerhalb kurzer Zeit verdreifacht haben und man den Geldsegen auch noch als Klimarettung verkaufen kann. Fantastisch, nicht wahr?

Die Kostenlawine in Form von gestiegenen Strompreisen – von 4 auf 18 Cent/KWh – wird Verbraucher und Industrie stark treffen. Für das kommende Jahr ist eine Erhöhung der Strompreise von 30-50% nahezu garantiert, wodurch die in Deutschland jetzt schon weltweit höchsten Strompreise noch weiter steigen werden, um in absehbarer Zeit die 40 Cent-Marke zu durchbrechen.

Die Industrie leidet bereits derzeit erheblich unter den massiv gestiegenen Kosten, wie nicht nur die Veränderung der Industrieproduktion Deutschlands von -4% zeigt. Die bereits in den letzten Monaten stark gestiegenen Kosten für Strom, CO2, Öl, Metall und Frachtkosten von 12% yoy (PPI) werden sehr wahrscheinlich weiter steigen – und es ist offensichtlich, dass die derzeitige Kostenerhöhung für den Verbraucher von 4.1% (CPI) massives Nachholpotential hat. Eine Inflationsrate von 10% innerhalb von sechs Monaten ist deshalb wahrscheinlich – und die Notenbanken haben keine Möglichkeit dies zu bremsen, während die Kostenexplosion die Wirtschaft bereits jetzt schon deutlich abkühlt.

Willkommen in der Stagflation!

Hinweis der Redaktion: der Autor ist Carbon-Trader bei Cargill, einem der größten Rohstoff-Händler der Welt



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10 Kommentare

  1. Danke für diese TOP Analyse! EU FOREVER!! (Ironie)

  2. Sehr, sehr guter Artikel.
    Herzlichen Dank.

  3. Merkel, von der Leyen und Lagarde ruinieren Europa durch ihre politacal Correctness. Frauen haben in solchen Entscheiderpositionen nichts verloren, die sollen besser weiter den Kalender vom Chef führen und Kaffee kochen.

  4. Pingback: Knipst uns die EU im Winter Licht und Heizung aus? – Die Situation

  5. @ Bo Frost, hurra die Klimaerwärmung ist nur transitory und es wird wieder kälter.

  6. Der Artikel beschreibt gut die Nachteile des CO2-Zertifikatehandels. Da kann eben spekuliert und gezockt werden, inklusive Manipulation und Vorteilnahme durch Insiderwissen. Bei einem einheitlichen CO2-Preis (Steuer) wäre das nicht möglich. Die Idee einer CO2-Bepreisung ist nach wie vor zielführend und mit die beste Waffe. Und wenn die Energiepreise weltweit in die Höhe schiessen, leidet zumindest nicht die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes darunter, und alle Länder würde es gleich hart treffen. Bei höheren Energiepreisen könnte man auch über ein temporäres Aussetzen der CO2-Steuer bzw. des Zertifikatehandels nachdenken, zumal ja das Ziel „Hohe Kosten für fossile Energie“ erreicht wäre. Mehr als ein marktwirtschaftlicher Anreiz zur CO2-Reduzierung soll so ein CO2-Preis ja nicht sein.

  7. Der Artikel erklärt nicht, warum es eigentlich zu einem Preisanstieg bei Energie (Öl, Gas) gekommen ist, sondern hat nur beschreibenden Charakter. Es bleibt unklar, warum die Energiepreise eigentlich steigen. Fundamental gibt es doch keine echten Gründe. Durch Corona und Lieferketten-Problemen eingeschränkte Wirtschaftstätigkeiten weltweit. Eine Eiszeit ist auch noch nicht zu sehen und auch kein Versiegen der Öl- und Gasreserven. Der ganze Preisanstieg stinkt nach reiner Preistreiberei von Spekulanten, etc. Nachdem dies bei Immobilien und Aktien weltweit ausgereizt ist, geht es nun bei der Asset-Klasse Energie weiter. Die Frage ist, was danach dran ist. Wahrscheinlich Gold..

  8. Die CO2-Steuer, die euphemistisch „Bepreisung“ genannt wird, hat mit Klima gar nichts zu tun. Das wird uns nur eingeredet. Sie dient einzig und allein dazu, zusätzliches Geld der Steuerzahler in die Staatskasse zu spülen.
    Aber die Verblödung schreitet zügig voran.

  9. Pingback: Strompreis explodiert => wegen Energiewende in den Blackout – Die Situation

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