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ETFs, Blackrock – und der Niedergang der USA: Gespräch mit Heike Buchter

Sind ETFs, ist Blackrock gefährlich? Wir sprechen darüber mit Heike Buchter, Korrespondentin der „Zeit“ in New York – und über den Niedergang der USA

Markus Fugmann

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ETFs sind zu einem dominierenden Anlagevehikel geworden an den Finanzmärkten – und nicht zuletzt mit diesen Produkten hat auch Blackrock einen Siegeszug erlebt. Nun warnt die „Zeit“-Autorin Heike Buchter in ihrem in zweiter, aktualisierter Auflage veröffentlichten Buch mit dem Titel „Blackrock. Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld“ nicht nur vor Problemen mit ETFs, sondern vor allem auch vor der wachsenden Macht des Konzerns Blackrock. Wir sprechen mit ihr über diese ETFs, die stetig zunehmende Macht von Blackrock – und den Niedergang der USA.

FMW: Frau Buchter, Sie leben schon lange in New York – wie beurteilen Sie die derzeitige Lage der Supermacht?

Heike Buchter: Als ich vor 20 Jahren in die USA kam, wollte ich ein dynamisches Land journalistisch begleiten. Jetzt aber, vor allem durch die Entwicklungen im Gefolge der Coronakrise, muß ich zusehen, wie dieses Land politisch und gesellschaftlich verwahrlost. Das TV-Duell zwischen Präsident Trump und seinem Herausforderer Joe Biden hat das, glaube ich, aller Welt vor Augen geführt. Daher könnte man sagen, dass ich jetzt eher den Niedergang journalistisch begleite.

FMW: Wird Donald Trump daher als US-Präsident abgewählt, oder unterschätzen die Demoskopen das Wählerpotential für Trump?.

Heike Buchter: Ich glaube schon! Man darf eines nicht vergessen: bis Februar schien die US-Wirtschaft sehr gut zu laufen. Die Coronakrise bedeutet für viele Menschen einen wirtschaftlichen Absturz – und viele trauen Trump eher zu als Biden, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Entscheidend wird diese Fragestellung sein: entweder „it´s the pandemic“ – oder „it´s the economy“.
Vor allem die Mittelschicht in den USA hat Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg, und das Vertrauen in Biden ist nicht allzu stark ausgeprägt, scheint mir. Biden verspricht zwar viel, aber diese Mittelschicht fürchtet eben auch, dass vor allem sie es sein wird, die das dann durch höhere Steuern bezahlen muß. Daher halte ich es für alles andere als sicher, dass Biden die Wahl wirklich gewinnt.

FMW: Trotz Coronakrise stiegen die Kurse seit März an der Wall Street deutlich an, unter anderem gerieben durch Käufe von ETFs, nachdem die Fed Billionen in die Märkte gepumpt hat – und dabei etwa den Marktführer im Bereich ETFs, Blackrock, als Broker für ihre Käufe nutzt. Was passiert da?

Heike Buchter: Der Wall Street ist es gelungen, sich als Too Big To Fail zu positionieren. Das heißt, die Notenbank sieht sich gezwungen, immer wieder als Retter in der Not einzugreifen. So auch im März, als die Finanzmärkte fast über Nacht das Risiko dieser Pandemie ernst nahmen.  Und dieser Eingriff rettete auch Giganten wie BlackRock. Auch wenn BlackRock-Chef Larry Fink empört reagiert, wenn man ihn darauf anspricht. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: die Fed beauftragt Blackrock als Broker für Käufe etwa von ETFs auf Anleihen, die wiederum Blackrock selbst auf den Markt gebracht hat. Das halte ich für eine problematische Konstellation. Auch wenn BlackRock auf die berühmten Trennwände zwischen Beratung und Anlage hinweist.

FMW: Warum aber kauft die Fed auch ETFs?

Heike Buchter: Die Fed wollte im März vor allem die Panik am Anleihemarkt stoppen – wäre diese Panik ungebremst weiter gelaufen, dann hätten wir Entwicklungen gesehen, die die Finanzkrise wie ein laues Lüftchen erscheinen lassen. ETFs sind aber im Anleihebereich immer wichtiger geworden, der Kreditmarkt basiert immer mehr auf diesen Derivaten – deshalb hat die Fed ja diesen erstaunlichen Schritt getan und mitgeteilt, dass sie auch Unternehmensanleihe-ETFs kaufen wird. ETFs waren also ein Ansatzpunkt für die Fed, den Anleihemarkt zu stabilisieren. Und das war natürlich extrem wichtig für Blackrock, nachdem zwischenzeitlich in der Panik viele Anleger ihr Geld aus diesen Anleihe-ETFs abgezogen hatten. Das Unternehmen hat die Krise erstaunlich gut weggesteckt: Kurz vor der Coronakrise verwaltete Blackrock sieben Billionen Dollar, dann fiel dieser Wert schnell auf sechs Billionen – jetzt sind es wieder über sieben Billionen Dollar. Blackrock wird damit weiter immer mächtiger – die Firma ist auch für die Fed unverzichtbar aufgrund ihres know-hows vor allem im Bereich Risikobewertung.

FMW: Worin sehen Sie die Probleme bei ETFs? Sind diese nicht eigentlich gerade für die „Main Street“ ein günstiges Vehikel?

Heike Buchter: Sicher. Aber viele wissen nicht, was da im Hintergrund abläuft. Der Preis eines ETFs muß ja möglichst kongruent mit seinem Basiswert (einem Index oder einer Anleihe) sein – und dafür braucht man Firmen, die durch Arbitrage den Kurs des ETFs an den Basiswert anpassen. Diese Firmen aber sind nicht reguliert und in jeder Hinsicht intransparent – und vor allem: sie müssen diese Arbitrage nicht zwingend leisten. Wir haben 2010 und 2015 zwei Flash-Crash gesehen, die viel mit ETFs zu tun hatten – eben weil diese Arbitrage nicht funktioniert hat, weil es für die ausführenden Firmen plötzlich zu risikoreich geworden war. Einer dieser Arbitrageure sagte mir: „Ich habe damals keine Preise mehr gesehen“. Also wollte er nicht handeln, weil das Risiko für ihn unkalkulierbar geworden war.

FMW: Blackrock wiederum lobt sich dafür, dass es im Corona-Crash im März keine wirklichen Probleme mit ETFs gegeben habe?

Heike Buchter: Es hat schon einige Probleme gegeben – aber man könnte sagen: die Fed hat durch ihr Eingreifen natürlich auch das Anlagevehikel ETFs gerettet, denn wäre der Crash weiter gelaufen, wären größere Probleme wohl unausweichlich gewesen. Aber entscheidend ist: Für mich hat das alles nicht mehr viel mit dem ursprüngliche Sinn von Börse zu tun: nämlich Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen. Es ist Finanzkapitalismus mit Casino-Charakter. ETFs verstärken diese Tendenz noch weiter durch die ihnen zugrunde liegenden Mechanismen, auch wenn sie für viele Privatanleger inzwischen die erste Wahl sind.

FMW: Was würden Sie ändern – was läuft falsch?

Heike Buchter: Zunächst einmal muß man feststellen, dass durch die Eingriffe der Notenbanken eine Art Notenbanken-Sozialismus entstanden ist, der die Reichen reicher macht, die Armen aber weiter unter Druck bringt. In New York etwa sieht man das durch den extremen Anstieg der Immobilienpreise und damit auch der Mietpreise – daher gibt es Unterkünfte, wo Menschen gewissermaßen im drei-Schichten-Modus sich ein Bett teilen.

Insgesamt habe auch ich kein Patentrezept, aber wir sollten uns folgende Fragen stellen: „was wollen wir“, „was brauchen wir“ und „wie kommen wir da hin“.
So oder so: die Finanzwirtschaft sollte wieder eine dienende Rolle spielen, statt wie derzeit die Denkweise auch in der Politik zu dominieren. Denn letztendlich bezahlen wir alle dafür, dass vor allem die Finanzindustrie immer wieder gerettet wird. Die Notenbanken wiederum sind das Opfer ihres eigenen Erfolges: die Finanzindustrie verlässt sich inzwischen vollständig auf die Notenbanken, daher müssen diese immer weitere Schritte gehen, um das bisherige Rettungswerk nicht in sich zusammen fallen zu lassen. Daher neigen die Märkte immer mehr zu Übertreibungen und Blasenbildungen, weil sie wissen, dass die Notenbanken dann wieder retten werden.

FMW: Abschließend gefragt – wie erleben Sie derzeit New York, die Stadt, in der Sie leben?

Heike Buchter: Der Schock durch die Coronakrise sitzt tief, die Stadt ist in einer extremen Krise: ich sehe jeden Tag drei Umzugswägen in der Gegend, in der ich wohne. Während der schlimmsten Phase im Frühjahr verliessen hunderttausende Menschen New York. Viele davon wohl für immer. Es droht eine regelrechte Stadtflucht. Dazu kommt, dass die Stadt ein Finanzloch in Höhe von zehn Milliarden Dollar hat. Wenn keine neuen Gelder aus Washington kommen, dann stehen hier auch bald die U-Bahnen still. Aber Trump wird dieses Geld nicht geben wollen. Der Präsident, für den in New York 2016 nicht einmal ganz 20 Prozent stimmten, hat das seiner Heimatstadt nie verziehen.
Die Coronakrise hat in New York, hat in den USA insgesamt die großen Schwachstellen aufgedeckt: vor allem das Gesundheitswesen und das Schulsystem. Auf New York, aber auch auf die USA insgesamt kommen jetzt harte Jahre zu!

 

Heike Buchter über ETFs, Blackrock - und den Niedergang der USA

Heike Bucher berichtet für die "Zeit" aus den USA

Heike Buchter, Foto: Campus

 

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Torsten

    4. Oktober 2020 10:56 at 10:56

    gutes Interview 👍

  2. Avatar

    Peter

    4. Oktober 2020 21:06 at 21:06

    Ebenso einfach „danke“… Wir brauchen solche wichtigen Texte /interwiews

  3. Avatar

    Chris

    5. Oktober 2020 13:48 at 13:48

    Sehr ausgewogen, danke.

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US-Wahl: Was passieren muß, damit Trump gewinnt!

Markus Fugmann

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Die US-Wahl rückt immer näher, laut Umfragen liegt Donald Trump derzeit recht deutlich hinter Joe Biden. Eines scheint klar: wenn Trump die US-Wahl gewinnen will, muß er zwingend den Bundeststaat Florida gewinnen – gewönne Biden in Florida, wäre ein Wechsel im US-Präsidentenamt praktisch sicher. Die Zwischenstände aus Florida werden also extrem wichtig – es gibt sogar einen kleinen Wahlbezirk in diesem Bundeststaat, der schon früh die Richtung anzeigen dürfte.

US-Wahl – das sind die Szenarien

Die US-Seite https://fivethirtyeight.com/ zählt zu den führenden Prognose-Quellen in den USA. Sie bietet ein interaktives Tool an, mit dem man Szenarien durchspielen kann: gewinnt etwa Biden den swing state Pennsylvania, dann hat das einen positiven Einfluß auch auf seine Sieges-Chancen auch in Nachbar-Bundestsaaten. Sehen Sie hier, was passieren muß, damit Trump gewinnen kann:

 

Und so ist die Lage in den USA unmittelbar vor der US-Wahl – es ist ein gespaltenes, zerrissenes Land, wie folgende ARTE-Dokumentation zeigt:

 

Was muß passieren, damit Trump die US-Wahl gewinnt?

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Banken: Es hagelt sensationell gute Quartalsergebnisse!

Claudio Kummerfeld

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Hochhäuser von Banken im Londoner Viertel Canary Wharf

Was ist das los? Gerade in der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten sollten sich die Banken doch in einer dramatischen Schieflage befinden? Denn Kreditausfälle müssten aus Quartalsgewinnen eigentlich Verluste machen und damit folglich das Eigenkapital der Banken angreifen? Dieses Szenario steht womöglich bevor, wenn die anstehende Pleitewelle Löcher in die Bücher der Banken reißt.

Aber noch ist es nicht soweit. Derzeit hagelt es sensationell gute Quartalszahlen von Banken weltweit. Vor allem fällt auf, dass gerade die Banken tolle Zahlen melden, die stark im Kapitalmarktgeschäft tätig sind, und eher weniger im Privat- und Firmenkundengeschäft mit Krediten, wo Probleme mit Kreditausfällen drohen, und wo die Banken sich derzeit mehr denn je mühen neue Kundeneinlagen abzuweisen – weil sie selbst sonst Strafzinsen zum Beispiel bei der EZB entrichten müssten.

Banken mit starkem Kapitalmarktgeschäft im Vorteil

Wie gesagt. Wer stark im Kapitalmarktsegment engagiert ist, der feiert die Krise. Zum Beispiel lässt sich derzeit viel Geld machen mit den globalen Schuldenorgien. Wo die Banken zum Beispiel in Europa in den Erstauktionen der staatlichen Schuldenagenturen Staatsanleihen aufkaufen, können sie mutmaßlich schön und entspannt Gewinn machen mit dem Weiterverkauf der Anleihen an die EZB am Sekundärmarkt. Auch in vielen anderen Bereichen des Kapitalmarkts war die letzten Quartale viel los. Man beachte in diesem Zusammenhang die sensationell guten Quartalszahlen von Goldman Sachs vom 14. Oktober. Der Quartalsgewinn konnte gegenüber dem Vorjahresquartal verdoppelt werden (hier die Details). Bei den anderen großen US-Banken gab es keine Katastrophen-Meldungen. Und dann am Dienstag dieser Woche meldete die Schweizer Großbank UBS ebenfalls eine Gewinn-Verdoppelung (hier die Details).

Barclays

Heute nun hat die britische Großbank Barclays ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Der Gewinn liegt mit 611 Millionen Pfund gut drei Mal so hoch wie erwartet, und auch dramatisch besser als im Vorjahr. Da war es noch ein Verlust von 292 Millionen Pfund – auch wenn man hier berücksichtigen muss, dass der Verlust aufgrund von Schadenersatzzahlungen an geschädigte Kreditnehmer zustande kam. Dennoch ist heute ein Gewinn, der drei Mal so hoch reinkommt wie erwartet, beachtlich. Außerdem hat Barclays wie viele andere Banken auch im dritten Quartal die Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle deutlich reduziert, nämlich auf 608 Millionen Pfund nach 3,7 Milliarden Pfund in den ersten sechs Monaten des Jahres.

Nordea

Bei der größten skandinavischen Bank Nordea könnte man glatt meinen, dass die Krise zeitlich auf den Kopf gestellt wurde. Auch hier gab es heute Quartalszahlen. Der operative Gewinn steigt binnen Jahresfrist von 875 Millionen auf 1,09 Milliarden Euro. Die Gründe für die guten Zahlen: Einerseits mehr Kreditvergabe-Volumen in der Krise – andererseits nicht mehr vorhandene Belastungen durch Schrottkredite (331 Millionen Euro Belastung im Vorjahresquartal). Dennoch erwartet Nordea für das Gesamtjahr Kreditausfälle von gut einer Milliarde Euro. Es klingt wie ein Witz, dass jetzt Belastungen durch Kreditausfälle weggefallen sind. Aber aktuell wirkt es noch schlüssig. Es werden weltweit auch mit Staatshilfen viele neue Kredite vergeben, wo die Kreditnehmer natürlich erstmal wieder liquide sind und auch die monatlichen Raten einige Zeit lang zahlen können.

Noch sieht es gut aus

Wenn die große Pleitewelle bei Unternehmen denn kommen sollte, dürfte sich die Lage für die Banken verdunkeln. Banken wie Goldman Sachs mit fast null klassischem Privatkundengeschäft könnten auch in einer Pleitewelle gut da stehen, weil man ja keine Kreditausfälle verkraften müsste. Und die deutschen Banken? Die Commerzbank meldet ihre Quartalszahlen am 5. November, die Deutsche Bank am 28. Oktober. Es ist möglich, dass sie schon vorab als Ad Hoc-Meldung ihre Finanzdaten berichten, wenn sie zu stark von den Erwartungen abweichen. Es könnte sein, dass auch die beiden deutschen Großbanken jetzt halbwegs akzeptable Zahlen melden, und dass die bitteren Verluste der Kreditausfälle erst noch anstehen, wenn die Pleitewelle wie von vielen Experten erwartet demnächst einsetzt. Aber es kann vielleicht noch einige Zeit dauern, bis eine Pleitewelle wirklich auf die Quartalszahlen der Banken durchschlägt. Denn bis die Bank wirklich einen Kredit als Verlust abschreibt, muss erstmal der Schuldner den Bach runtergehen, dann gibt es Verhandlungen über Umschuldungen usw. Also, kurzfristig könnten auch Deutsche Bank und Commerzbank noch akzeptable Quartalszahlen melden.

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Sahra Wagenknecht über die große Krise, und wie man sie lösen kann

Redaktion

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Sahra Wagenknecht hat den Ruf wirklichen wirtschaftlichem Sachverstand zu besitzen. Bei ihr kann man erkennen: Es wird nicht stumpf das sozialistische Lied abgespielt. Bei ihren Aussagen merkt man, dass sie das Gesamtbild im Blick hat und auch versteht. Natürlich kann und darf man über ihren Lösungsansatz für das große Gesamtproblem streiten. Aber auch ihren Lösungsansatz begründet sie inhaltlich nachvollziehbar.

Sahra Wagenknecht mit Bestandsaufnahme der Krise

In ihrem aktuellsten Video (am Ende dieses Artikels) wirft Sahra Wagenknecht die Frage auf, ob eine große Finanzkrise bevorsteht. Dafür arbeitet sie sich an vielen Ungleichgewichten und wirtschaftlichen Schieflagen ab, die in dieser Form in der Tat auch bestehen. So bespricht sie die gigantische Geldschwemme der Notenbanken, in der Europa verursacht durch die EZB. Diese sorge für einen riesigen Push bei den Aktienkursen. Profitieren würden vor allem die Reichen, die in großem Umfang Aktien besitzen. Der Kleinsparer, der sein Geld nur auf dem Sparkonto parkt, würde durch Nullzinsen (neuerdings immer öfters auch Negativzinsen) und Inflation laut Sahra Wagenknecht real jedes Jahr Geld verlieren.

Die Großkonzerne würden in der Coronakrise mit billigem Geld überschwemmt, so dass sie gar keine Probleme hätten durch diese Krise zu kommen (ja, dafür gibt es zahlreiche Beispiele). Gleichzeitig haben es laut Sahra Wagenknecht kleine Unternehmen und Unternehmer derzeit sehr schwer überhaupt an Geld zu kommen, um die Krise überleben zu können. Demnach seien die großen Konzerne die Krisengewinner, die kleinen Betriebe die Verlierer. Sahra Wagenknecht nennt in diesem Zusammenhang auch die Anleihekäufe der EZB, wo auch in großem Stil Unternehmensanleihen gekauft werden. Und hier geht es eben um Anleihen großer Unternehmen, und nicht um Schulden kleiner Betriebe, die eh keine Anleihen ausgeben.

Als weiteres Ungleichgewicht benennt Sahra Wagenknecht auch die Immobilienblase. Bei den niedrigen Zinsen lohne sich die große Spekulation, welche die Preise immer weiter nach oben treibe. Und letztlich beleuchtet sie die (von uns bei FMW oft angesprochene) steigende Bedrohung für das Bankensystem in Europa. Schon vor der Krise habe es laut Sahra Wagenknecht 600 Milliarden Euro Volumen an faulen Krediten bei Banken in Europa gegeben – jetzt drohe diese Summe auf 1,4 Billionen Euro zu steigen.

Problemlösung

Was sei nun die Lösung des Problems? Laut Sahra Wagenknecht seien immer neue Schulden und immer tiefere Zinsen nicht die Lösung des Problems. Die Wirtschaft könne auch nicht so kräftig ansteigen, dass Volkswirtschaft und Staat aus dem gigantischen Schuldenberg „herauswachsen“ könnten, wie sie es formuliert. Inflation sei auch keine Lösung, da hierbei die kleinen Leute mit ihren Sparguthaben enteignet würden. Die reichen Leute würden mit ihren Immobilien und Betriebsvermögen ihren Wohlstand behalten, während die kleinen Leute bei einer spürbaren Inflation den Preis bezahlen müssten.

Für Sahra Wagenknecht gibt es nur eine Lösung des Problems. Und da kommt natürlich die linke Politik wieder zum Vorschein. Man müsse die enorme angehäufte Schuldenlast restrukturieren, und zwar zu Lasten der wirklich Vermögenden. Dazu kann man anmerken: Das ist eine politische Frage, was man will. Diese Lösung kann man befürworten, oder eben auch nicht. Ansichtssache. Aber abgesehen davon: Die anderen Alternativen sind auch nicht berauschend. Man darf vermuten: So wie die aktuelle Merkel-Regierung wird wohl auch ein Nachfolger wie Herr Laschet keinen großen Wurf machen, sondern stillschweigend zusammen mit der EZB auf die Lösung setzen, die auch die Amerikaner seit Jahrzehnten praktizieren, wenn es um Problemlösungen geht. „Kick the can down the road“ – die Dose die Straße weiter runter kicken. Das Problem also in die Zukunft verschieben. Also jetzt immer neue Rettungsprogramme auflegen (letztlich finanziert durch die EZB, das neue EU-Schuldenprogramm uvm), – und diese Probleme darf irgendwer in ferner Zukunft abzahlen.

Sahra Wagenknecht
Sahra Wagenknecht. Foto: Ferran Cornellà CC BY-SA 4.0

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