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Finanzstabilitätsbericht: Kreditausfälle beherrschbar – tatsächlich?

Bundesbank hält Banken für halbwegs gut gerüstet

Die Bundesbank hat ihren aktuellsten Finanzstabilitätsbericht veröffentlicht (hier in voller Länge auf 79 Seiten). Gerade jetzt wo eine massive Pleitewelle in der deutschen Wirtschaft droht, die auch zu einem massiven Problem für die Banken werden kann, sind die aktuellen Aussagen der Bundesbank sehr interessant. Schauen wir uns das mal genauer an.

Finanzstabilitätsbericht sieht im Großen und Ganzen eine beherrschbare Krise

Eine wichtige Aussage des für die Bankenaufsicht zuständigen Bundesbank-Vorstand Wuermeling aus der PK zum Finanzstabilitätsbericht möchte ich sinngemäß so wiedergeben: Die Banken werden im Durchschnitt die anstehenden Kreditverluste überstehen. Aber wo der Durchschnitt in Ordnung ist, gibt es Ausschläge nach beiden Seiten, und so kann es bei einzelnen Banken zu ernsthaften Schieflagen kommen, je nach Region und Art des Kreditportfolios, so sinngemäß seine Aussage. Die Bundesbank fordert aktuell die Banken vor allem dazu auf, die in den letzten Jahren geschaffenen Kapitalpuffer zu nutzen, damit die Kreditvergabe nicht ins Stocken kommt.

Für eine strauchelnde Konjunktur ist wohl nichts schlimmer als Banken, die ihre Kreditvergabe einschränken. Denn wenn das Eigenkapital knapp wird, müssen sie zwangsläufig weniger Kredit vergeben. Jeder Kredit wird mit einem kleinen Anteil an Eigenkapital hinterlegt, als Sicherheit. Denn fallen Kredite aus, müssen die Verluste aus dem Eigenkapital bedient werden. Also: Die Bundesbank hat Angst davor, dass Banken nach massiven Kreditausfällen (in Folge der anstehenden Pleitewelle) ihre Aktivität bei neuen Krediten einschränken könnten. Das wäre Gift für die angeschlagene Konjunktur.

Das Modell der Bundesbank in diesem Finanzstabilitätsbericht, mit dem man bevorstehende Kreditausfälle bei Banken berechnet hat, basiert laut Bundesbank auf Erfahrungen der Vergangenheit. Puhhhh, einmal kräftig durchpusten bitte. Wie will man in dieser Situation mit Erfahrungswerten von vergangenen Krisen arbeiten? Denn diese Krise ist offenkundig mit keiner anderen vorigen Krise vergleichbar. Dass zum Beispiel der Flugverkehr wochenlang vollständig einbricht, dass Reisebüros, Hotels und Restaurants quasi auf einen Umsatz von Null abstürzen, so was gab es in der Form noch nie. Wie kann man da mit Erfahrungswerten aus der Vergangenheit arbeiten? Die Bundesbank jedenfalls erwartet, dass die Kreditausfälle der Banken nicht schlimmer werden als während der Finanzkrise 2008 – auch gut sichtbar im Chart. Zitat Bundesbank:

Analog dem Verfahren, mit dem Insolvenzen geschätzt wurden (siehe Kasten „Gefahr steigender Insolvenzen durch die Corona-Pandemie“), wurde die künftige Entwicklung von Wertberichtigungen für Unternehmenskredite der Banken simuliert. Unter den Annahmen des Modells, die sich auf Erfahrungen der Vergangenheit stützen, dürften in den kommenden Quartalen die Wertberichtigungen stark zunehmen und im zweiten Quartal 2021 ihren höchsten Wert erreichen. Sie wären damit ungefähr so hoch wie während der globalen Finanzkrise. Im Modell sind jedoch die Auswirkungen der Stützungsmaßnahmen für den Unternehmenssektor nicht vollständig berücksichtigt. Dies liegt auch daran, dass kaum Erfahrungen dazu vorliegen, wie wirksam diese Maßnahmen sind. Insbesondere ist offen, inwieweit dadurch Wertkorrekturen lediglich verzögert werden.

Finanzstabilitätsbericht zeigt Grafik erwarteter Kreditausfälle

Eigenkapitalverluste der Banken sollen beherrschbar sein

Die Bundesbank hat anhand verschiedener Szenarien in diesem Finanzstabilitätsbericht prognostiziert, wie stark die Eigenkapitalquoten der Banken sinken würden, wenn Kreditausfälle zu Wertberichtigungen (Verluste abschreiben) führen. Gleich vorweg: Die Grundthese ist, dass die Lage in allen Szenarien für das gesamte Finanzsystem beherrschbar bleiben soll. Tja, „in Bundesbank we trust“? Zitat der Bundesbanker:

Unter den getroffenen Annahmen erhöhen sich die Wertberichtigungen im Jahr 2020 im Vergleich zum Wert des Jahres 2019 deutlich. Dabei fällt etwa die Hälfte der Wertberichtigungen bei den großen, systemrelevanten Banken an. Gleichzeitig erhöhen sich die Kapitalanforderungen aufgrund steigender risikogewichteter Aktiva signifikant. Die harte Kernkapitalquote des deutschen Bankensystems fällt in diesem Szenario um 0,8 Prozentpunkte. Da die Banken teils über reichlich Überschusskapital verfügen, kann das Bankensystem den Rückgang gut verkraften. Dies dürfte auch dann der Fall sein, wenn die Wertberichtigungsquoten deutlich stärker als im Basisszenario steigen.

Im strengen Stress-Szenario wird unterstellt, dass die Wertberichtigungsquoten bei Unternehmenskrediten auf das Maximum der jeweiligen Branche seit dem Jahr 2003 steigen. Die harte Kernkapitalquote würde dann um 2 Prozentpunkte sinken und wenige Banken gerieten in Schieflage.

In einem umfassenden Stress-Szenario wird zusätzlich unterstellt, dass Marktrisiken eintreten und die Immobilienpreise um 30% fallen. Das Bankensystem dürfte in diesem Szenario spürbar unter Druck geraten, da neben den Wertberichtigungsquoten bei Unternehmenskrediten auch in anderen Bereichen die Verluste zunehmen, etwa im Immobilienkreditgeschäft. Die risikogewichteten Aktiva steigen dann um rund 11%. Die aggregierte Eigenkapitalquote würde in diesem Szenario um 2,8 Prozentpunkte sinken. Es könnten in diesem sehr adversen Szenario zwar einige Banken in Schieflage geraten, insgesamt blieben die Auswirkungen auf
die Funktionsfähigkeit des Bankensystems aber begrenzt.



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