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Geopolitik und Inflation: It’s Energy, Stupid

Benzin zapfen an einer Tankstelle

Viel wird derzeit gerechnet und auch gerätselt, wie stark die Ukraine-Krise mit all ihren Auswirkungen die Wirtschaft in vielen Ländern beeinträchtigen könnte. Die Sanktionen erscheinen (bis gestern) im Hinblick auf die wirtschaftlichen Verflechtungen gering und beherrschbar zu sein und die USA mit ihrer energiepolitischen Autarkie am Unempfindlichsten. Wenn da nicht die Höhe des Ölpreises wäre, der auch für die USA gilt und der schon so manche Wirtschaftskrise ausgelöst hat.

Öl – und Benzinpreise, ein Thema für jede US-Regierung

Es wurde schon in zahlreichen Artikeln auf diesen Zusammenhang hingewiesen: Bei hohen Energiepreisen wächst im Lande der großen Energieverschwendung der Unmut des Volkes über die amtierende Regierung, dies ergibt sich schon aus dem Verbrauch von über 20 Millionen Barrel Öl in den USA – täglich. Das Land ist nach wie vor sehr abhängig von fossiler Energie, mit über 650 Pkw auf 1000 Einwohner ergibt dies einen unglaublich hohen Fahrzeugbestand, eine Kfz-Dichte, die man in den Milliardenstaaten China und Indien gar nicht erreichen könnte. Derzeit beträgt der Weltbestand an Autos: 1,38 Milliarden (live-Counter.com). Daher sind die USA sehr abhängig von den Ölpreisen, der große Inflationstreiber war im letzen Jahr eindeutig die Energie. Hierzu braucht man sich nur die Komponenten des US-Consumer Price Index vom Januar zu betrachten.

Jahr über Jahr Inflationsveränderung

Energie steht mit großem Abstand an der Spitze und damit auch der Transportsektor, aber auch die Neu- und Gebrauchtwagenpreise schossen durch die Decke. Gestern wurden die neuesten Benzinpreise aus den USA veröffentlicht und sie zeigen das Dilemma der Biden-Regierung. Schon wieder ein Anstieg von jeweils vier Cent (Normal und Super) auf Wochensicht, auf das höchste Niveau seit 2014. Damit ist man nur noch wenige Cent entfernt von den Höchstständen beim US-Sprit aus dem Jahre 2008. Die Verzweiflungsaktion des amtierenden US-Präsidenten vom November mit der Freigabe der strategischen Ölreserven der USA: Ein kleiner Haken und wirkungslos verpufft. Der Langzeitchart zeigt, was in der folgenden Rezession nach 2008 mit den Preisen geschah.

Veränderung der Benzinpreise seit dem Jahr 2000 Chart: Advisor Perspectives

Auch die Ölpreise waren wieder um knapp vier Prozent geklettert, bis zum Erhebungszeitpunkt.

Ölpreis-Kursverlauf

Am 10. März gibt es die neueste Ausgabe der US-Verbraucherpreise CPI, ein sehr bedeutsames Datum, welches entscheidend dafür sein könnte, ob die Federal Reserve bei ihrer Sitzung sechs Tage später die Zinsen um 0,25 oder um 0,50 Prozent anheben wird. Hier noch einmal die Inflationsgrafik seit 2000 mit den acht Komponenten des CPI. Dabei extra ausgeworfen Energie, welche als Faktor sowohl in Housing als auch in Transportation enthalten ist, mit stets großem Einfluss auf die „offizielle“ Inflationsrate.

Fed-Politik und die Energiepreise

Aus den obigen Charts lässt sich sofort die unglückliche Lage erkennen, in der sich die US-Regierung und die US-Notenbank befinden. 2020 und 2021 wurde Geld in die Wirtschaft geschleust, Rettungspakete geschnürt, um den Konsum aufrecht zu erhalten, es war die erste Rezession bei der US-Bürger mehr Geld in der Tasche hatten als vorher in der Phase des Wirtschaftsbooms. Aber damit ist es jetzt vorbei, die Inflation zwingt die Federal Reserve die Zinsen anzuheben, die so genannten „Financial Conditions“ sind im Vorlauf darauf bereits schon deutlich strenger geworden. Und für Rettungspakete gibt es gewiss keine Spielräume, angesichts der gegenwärtigen Lage.

Jetzt steigen die Kosten für Energie in den USA weiter und damit stellt sich die Frage: Können die steigenden Ölpreise die USA in eine Phase der Stagflation oder der Rezession treiben?Heute Morgen haben die Ölpreise nach den Vorfällen in der Ukraine die 100 Dollar-Marke überschritten, das Thema hat dramatisch an Brisanz.

Fazit

Nach wie vor hat Öl und Benzin eine zentrale Bedeutung für die US-Volkswirtschaft. Steigt der Preis für das ehemalige schwarze Gold über eine gewisse Schwelle hinaus, so war dies in der Vergangenheit sehr oft Auslöser für eine rezessive Wirtschaftsphase. Wird es auch diesmal soweit kommen oder bringen die nächsten Monate eine Entspannung auf dem Energiesektor? In jedem Fall werden die USA alles tun, um die Ölpreise nach unten zu bringen, oder verhindern, dass durch Sanktionen gegen Russland und auch gegen den Iran, die Preise weiter durch die Decke gehen. Im November warten die viel zitierten Midterm Elections, bei rekordhohen Benzinpreisen könnten viele Wähler ihren Unmut über die aktuelle Regierungspartei zum Ausdruck bringen.

Und was macht die OPEC+ aktuell? Sie verweigerte sich jüngst der Bitte Bidens die Ölproduktion zu erhöhen, als sich die Preise der 100-Dollarmarke näherten. Man sieht die Dollarzeichen in den Augen der jeweiligen Finanzminister, nach Corona werden Milliardenbeträge in die Staatshaushalte gespült. Bis eine Rezession dem Preisauftrieb ein Ende setzt und das Wehklagen wieder groß sein wird – so war es zumeist. Aber in diesem Zyklus kommt noch ein Faktor hinzu, die Abkehr von fossilen Brennstoffen, als kaum aufhaltbare Entwicklung.

Derweilen gilt aber derzeit noch: It’s energy, stupid! US-Präsident Biden in Nöten, zu allem Unglück ist der russische Staat auch noch Lieferant von Öl in die USA, mit einer Sorte aus dem Ural, die in ihrer Konsistenz dem Schweröl aus dem Maracaibo-Tiefland in Venezuela am nächsten kommt. Zuletzt 0,635 Millionen Barrel täglich (Daten der US-Behörde Energy Information Administration). Was für eine absurde Welt. Erst recht nach den jüngsten Ereignissen in der Nacht.

Inflation seit dem Jahr 2000
Chart: Advisor Perspectives



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4 Kommentare

  1. Wie würde dieser Warnhinweis wohl heute ausfallen?

    Strompreis, Energiewende: Eon warnt vor Stromabschaltungen

    https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/517630/Eon-Chef-warnt-vor-kontrollierten-Stromabschaltungen

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  2. Staatspräsident Wladimir Wladimirowitsch Putin erklärte einmal gegenüber Ministerpräsident a.D. Horst Seehofer, daß sowohl die Ukraine, als auch Russland in Sachen Minsk-Abkommen ihre Hausaufgaben zu erledigen haben. Wenn der 46. US-Präsident Joseph Robinette Biden nunmehr die russischen fossiles Erdöl mit Beimischung/Frittierfett-Importe reduzieren möchte, gelte/gilt es festzustellen, daß im Rahmen des JCPOA-Deal die Sanktionen gegen die iranische Ölindustrie vorläufig aufgehoben wurden, und Nicolas Maduro der rechtmäßige Präsident des OPEC+-Mitgliedslandes Venezuela ist.

    1. Aufgrund der Besetzung der Ölfelder im Nordosten Syriens entbehrt das Caesar-Gesetz jeder Grundlage.

  3. Während der Bundestag über die Ehe für alle abstimmte, haben sich andere
    den wichtigen Dingen des Lebens zugewandt. Und beim Blick in die
    Biografien der Mitglieder des aktuellen Bundessicherheitsrates denke ich mir:
    Respekt, kompetente Fachkräfte an der rechten Stelle. Ach so, nur so am Rande:
    Heute morgen hat Putin in der Rede mit WK3 dem gedroht, der der Ukraine zur
    Hilfe kommen möchte. Ob er das alles innenpolitisch übersteht, bezweifle ich aber.

    Vor Jahren begrüßte eine Hausfrau in Sibirien nahe der Grenze zu China in einer
    Doku, seit der Durchlässigkeit der Grenze gäbe es neuerdings frisches Obst und
    Gemüse, sowas hätte es früher nicht gegeben.

    Am Ende sammeln die Chinesen die russischen Reste auf, was für eine Perspektive.

    Heute morgen um 4:05 Uhr erinnerte ich mich an den 21. August 1968, als die SU
    mit einer halbe Million Soldaten Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei
    einmarschierte. Auch damals war es dunkle Nacht und ich hing am Radio, was für ein Déjà-vu und auch die politischen Parallelen sind eklatant.

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