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Hintergrund

Jetzt reichts!

Markus Fugmann

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Der Westen blamiert sich auf ganzer Linie – und verrät dabei seine wichtigsten Prinzipien..

Irgendwie habe ich momentan das Gefühl, in der falschen Welt zu leben. Den Kalten Krieg kenne ich noch aus meiner Jugend, als wir den Atomkrieg zwischen den USA und der damaligen UdSSR ebenso so fürchteten wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Beides ist zum Glück nicht passiert, aber dennoch hat die aktuelle Entwicklung in der Ukraine-Krise erhebliches Eskalationspotential. Es geht jetzt nicht mehr nur um einen Konflikt mit Russland, sondern mit den Schwellenländern insgesamt – wie die Solidaritätsbezeugungen Chinas und Indiens für Russland verdeutlichen!

Und das ist, das muss man einfach mal klar sagen, vorwiegend die Schuld des Westens! Und das vorwiegend aus zwei Gründen: erstens fehlt jede Empathie für die geostrategischen Interessen Russlands, das sich vom Westen vor allem seit dem NATO-Beitritt Polens und der baltischen Staaten eingekreist fühlt. Wären die Amerikaner in einer ähnlichen Lage wie Russland derzeit, dürfte ihre Reaktion nicht abweichen von dem, was Russland derzeit tut – zumal das russische Argument, die vorwiegend russische Bevölkerung auf der Krim und der Ostukraine schützen zu wollen, nicht wirklich sehr weit hergeholt ist.

Der zweite Grund aber ist noch entscheidender: der Westen verrät seine eigenen Prinzipien. Auch wenn es unangenehm ist: Janukowitsch war demokratisch gewählt, vorwiegend von der russischen Bevölkerung in der Ukraine. Dass der Westen den Umsturz in Kiew vorbehaltlos bejubelt, während auf der Krim der Wille der Bevölkerungsmehrheit irrelevant ist, ist schwer zu begründen. Nimmt man Demokratie wirklich ernst, muss man eben auch die Mehrheitsmeinung akzeptieren – und zwar nicht nur, wenn es gerade mal ins eigene Konzept passt!

Der Westen hat nur ein einziges, dünnes Argument, um seine Position zu begründen: die territoriale Integrität der Ukraine. Aber die Ukraine in ihrer heutigen Form ist ein Kunst-Produkt der Nachkriegszeit, die Verbindungen zu Russland dagegen reichen weit ins Mittelalter. Nicht zufällig hieß die erste Staatsbildung auf dem Terrain der heutigen Ukraine „Kiewer-Rus“.

Die Ukraine in ihrer heutigen Staatsform ist – angesichts des Konflikts – ohnehin schon Geschichte. Es ist eine Illusion des Westens zu glauben, dass nach allem was passiert ist, die Ukraine einfach so weiterbestehen könnte. Wenn der Westen seine ureigensten Prinzipien ernst nehmen will, muss er letztlich auch den Willen der Krim-Bevölkerung und der Ostukraine ernst nehmen – und zulassen, dass beide Gebiete sich mehr oder minder direkt an Russland anschließen. Wenn die Leute zu Russland wollen, muss man sie lassen. Was hat der Westen auf der Krim oder der Ostukraine zu verlieren? Nichts!

Deshalb kann eine Lösung nur so aussehen: der Westen akzeptiert, dass die Krim und die Ostukraine sich in irgendeiner Form an Russland anschließen. Bedingung: keine russischen Truppen auf diesem Terrain einerseits, der Schutz der Minderheitsbevölkerung auf der Krim (Tartaren und Ukrainer) und in der Ostukraine (Ukrainer) andererseits. Damit bekommt Russland seine Pufferzone gegen den Westen und die NATO – das ist auch die berechtigte Forderung Moskaus.

Andererseits akzeptiert Russland, dass in der Westukraine freie Wahlen staatfinden, die vermutlich zu einer prowestlichen Regierung und einem Staat Westukraine führen. Auch hier: Minderheitenschutz der russischen Bevölkerung einerseits, keine NATO-Mitgliedschaft der Westukraine andererseits.

Der Westen muss jetzt ganz schnell von seinem hohen Ross absteigen und sich an seine Grundwerte erinnern: Selbstbestimmungsrecht der Völker. Und endlich Schluß machen mit dem unerträglichen Messen mit zweierlei Maß: Kiew ist gut, Moskau ist böse, hier ist Demokratie gut, dort schlecht.

Ich jedenfalls fühle mich von unseren westlichen Politikern in der Ukraine-Krise extrem schlecht vertreten – geht es Ihnen auch so?

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    HRK

    14. März 2014 13:11 at 13:11

    etwas polemisch teilweise aber passend dazu das folgende Video:
    https://www.youtube.com/watch?v=sdrBMRSFqOg

  2. Avatar

    MatB

    14. März 2014 14:10 at 14:10

    “In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.”
    //Egon Bahr SPD

  3. Avatar

    Amadeo

    15. März 2014 07:57 at 07:57

    Ganz genau so wie sie sehe ich das auch.

  4. Avatar

    Alexandra Bader

    15. März 2014 10:06 at 10:06

    Mir geht es genauso, und ich werde auch gerne auf meiner Webseite zu diesem Kommentar verlinken. Ich kann nicht mehr hören, wie „der Westen“ behauptet, es gäbe in der Ukraine eine Regierung – was als diese bezeichnet wird, sind Putschisten, darunter auch Neonazis. Die EU erkennt also einen Putsch an und will Sanktionen gegen Russland, ein Land, das sich zum Völkerrecht und zur Europäischen Menschenrechtskonvention bekennt, ein Land, das damit auch die Werte der EU und deren Verträge ernst nimmt, während Obamas Pudel Angie und alle anderen sie verraten. Die EU ist daher Geschichte, und das vor Wahlen zum EU-Parlament.

  5. Avatar

    Martin1

    18. März 2014 16:20 at 16:20

    Sehr richtig Herr Fugmann!
    So geht es mir auch.

    Aber noch etwas anderes wird offenbart: Der deutsche Journalismus ist in der Krise! Einer Glaubwürdigkeitskrise, aus der er von selbst nicht mehr heraus kommt.
    Es kann nicht angehen, dass sämtliche Leitmedien Deutschlands unisono das Gleiche, von den USA Vorgegebene berichten.

    Dem N-TV ist heute sogar der Kragen geplatzt, als Bürger die „Unverschämtheit“ hatten, sich in der Redaktion darüber zu beschweren, dass gewisse Europa-kritische Vorgänge nicht berichtet werden.
    ( http://www.n-tv.de/politik/Die-Maer-vom-Referendum-in-Venedig-article12478666.html )

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finanztreff

Beste aller Welten eingepreist! Videoausblick

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten – kein Risiko, nirgends..

Markus Fugmann

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Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten: die Fed werde ihnen nicht mehr weh tun, es werde einen tragfähigen Deal zwischen den USA und China geben, dazu auch eine Lösung im US-Budgetstreit (heute muß sich Trump entscheiden, ob er den Kompromißvorschlag annimmt oder nicht). Gleichzeitig sind die US-Indizes so überkauft wie seit Ende 2016 nicht mehr (als damals nach einem ersten Schock über die Wahl Trumps eine massive Rally eingesetzt hatte). All das kann noch extremer werden – aber die Vergangenheit lehrt: lange geht so eine Vertrauensseligkeit nicht gut. Der Dax hinkt den US-Märkten weiter hinterher..

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Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

Markus Fugmann

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Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

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am

Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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