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Kein Putsch-Plan eines Generals, sondern „nur“ ein Euro-Austritt

FMW-Redaktion

Es liest sich wie der Plan von Generälen für einen Putsch um ein ganzes Land über Nacht unter Kontrolle zu bringen. Dabei handelte es sich „nur“ um einen Plan die Währung eines Landes über Nacht umzustellen. Der US-Ökonomen James Galbraith hat in seinem neuem Buch genau beschrieben, wie im Auftrag von Yanis Varoufakis der Plan für Griechenland bzgl. der Umstellung von Euro zurück zur Drachme aussehen sollte, und zwar über Nacht.

Varoufakis
Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. Foto: Jörg Rüger / Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Kurz nachdem Yanis Varoufakis 2015 Finanzminister wurde, rief er seinen alten in den USA lehrenden Professoren-Kollegen Galbraith an und bat ihn sofort nach Athen zu kommen, was dieser auch tat. Der Auftrag: Sofort einen Plan ausarbeiten zusammen mit einem kleinen Kreis von externen Mitarbeitern, wie Griechenland aus dem Euro austreten kann, wenn die Verhandlungen mit den Euro-Partnern scheitern und Griechenland kein frisches Geld mehr erhält. Galbraith nennt es den „Plan X“. So machte er sich dann unter strikter Geheimhaltung daran so einen Plan auszuarbeiten.

Der sah vor, dass die Regierung den Notstand ausruft und extreme Kapitalverkehrskontrollen einführt. Neben Armee und Polizei hätte die Regierung auch Angestellte im Öffentlichen Dienst und Beamte „mobil gemacht“. Alle zusammen hätten die öffentliche Sicherheit garantieren und die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen sollen. Die Zentralbank hätte man per sofort von der EZB gelöst und ihre Unabhängigkeit abgeschafft. Gleichzeitig hätte man alle privaten Banken „im Handstreich“ verstaatlicht. Das wäre wohl auch nötig gewesen, denn der Plan sah vor sofort alle in Griechenland laufenden Guthaben und Kredite auf Drachmen umzustellen. Der griechische Staat hätte seine Schuldenrestrukturierung dann sofort selbst in die Hand genommen, auf deutsch gesagt die dann in Drachmen laufenden Schulden einfach nicht zurückgezahlt.

Für staatliche Gehälter und Renten hätte der Staat dann jede Menge Schuldscheine ausgegeben, was letztendlich nichts anderes wäre als eine neue Währung. Ob die dann wirklich Drachme genannt worden wäre, ist ja relativ egal. Wichtig ist nur, wie groß das Vertrauen der Bevölkerung in diese Schuldscheine bzw. neue Währung gewesen wäre!? Wichtig ist bei so einem „totalen“ Plan: Mit einer abhängigen Zentralbank kann die Regierung sofort unendlich viele Schuldscheine/Drachmen drucken, was natürlich höchstwahrscheinlich zu einer deftigen Inflation führt. Was wären wohl die umgehenden Auswirkungen gewesen?

Armee, Polizei und Beamte hätten wohl bei den heimischen Bauern landwirtschaftliche Erzeugnisse für die Ernährung der Bevölkerung zwangsweise konfiszieren müssen. Denn welcher Bauer würde noch freiwillig für eine wohl wertlose Währung seine Waren hergeben? Das selbe sieht man nach einem allerdings jahrelangen Prozess in Venezuela. Dort sind die Supermarktregale derzeit leer. Scheinbar gibt es nichts mehr zu kaufen – die Menschen stehen den ganzen Tag vor den Läden Schlange, und leiden Hunger. Gestern wurde bekannt, dass mehrere hundert Personen die bewachte Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien „durchbrochen“ haben, nur um im Nachbarland Lebensmittel einzukaufen. Unglaublich, oder? In Griechenland hätte so ein Prozess anders als in Venezuela wohl nur ein paar Tage gedauert.

Auch würden wohl sofort nach so einer Währungsumstellung alle Menschen vor den Banken stehen und versuchen Euros abzuheben. Die gäbe es dann aber gar nicht mehr dank der Über Nacht-Umstellung aller Guthaben von Euros auf die Drachme. Deswegen geht so etwas auch nur unter völliger Geheimhaltung. Jetzt mag man so einen Plan aufs Schärfste kritisieren, noch dazu ausgearbeitet von Personen, die nicht einmal aus Griechenland stammen. Aber laut Galbraith hätte Varoufakis z.B. den griechischen Notenbankern nicht vertraut für die Ausarbeitung so eines Plans. Denn in der Tat wären die wohl als Teil des Eurosystems sofort zu Mario Draghi gerannt und hätten gepetzt. Auch hätte Varoufakis den griechischen Behördenmitarbeitern nicht getraut – man hätte hier evtl. hunderte Beamte für eine Plan-Ausarbeitung einweihen müssen, was eine Geheimhaltung unmöglich gemacht hätte.

Und ja, was wäre denn passiert ohne richtige Geheimhaltung? Es hätte wohl einen Bank Run gegeben, den keine einzige griechische Bank überlebt hätte. Jeder Grieche hätte nach Bekanntwerden so eines Plans wohl sofort versucht auch noch den letzten Euro von seinem Bankkonto zu retten und sich in bar auszahlen lassen. Bei der Radikalität so eines Plans mag man aus heutiger Sicht besser verstehen, warum der doch eigentlich extrem linke Ministerpräsident Alexis Tsipras lieber zähneknirschend alle Bedingungen der Euro-Gläubiger akzeptierte. Bleibt nur eine Frage: Warum beauftragt ein angeblich so qualifizierter Wirtschaftsprofessor wie Varoufakis einen befreundeten Wirtschaftsprofessor aus den USA mit so einer heiklen Sache? Hätte Varoufakis als Finanzminister nicht selbst so einen Plan entwerfen können? Ohne tägliche TV-Interviews und Home-Stories hätte er damals genug Zeit dafür gehabt.



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5 Kommentare

  1. 2015 wurde ja viel über eine mögliche Wiedereinführung der Drachme in den Medien spekuliert. So ganz geheim war das ja nicht. Der schöne Plan zeigt aber auch, dass er erhebliche Nebenwirkungen gehabt hätte und nur mit Gewalt durchsetzbar gewesen wäre.
    Eine Währungsreform funktioniert besser, wenn ich für das schlechte Alte etwas besseres Neues bekomme. Partielle Golddeckung dürfte in Griechenland ausscheiden, da die Bestände (damals war von 112 Tonnen die Rede) wohl nicht ausreichen und zudem längst verpfändet sein sollen. Also bleiben andere reale Werte (z.B. staatlicher Grundbesitz) zur Deckung übrig. Wenn aber das Vertrauen in den Staat allgemein zerstört ist, dann wird auch das wahrscheinlich nicht funktionieren.
    Ein Jahr später ist die Lage kein bisschen besser. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch in Italien, Portugal oder sogar Frankreich an ähnlichen Plänen gearbeitet wird. Deshalb wäre es am einfachsten, das auf dem Papier stärkste Land scheidet aus dem Euro aus. Eine Umstellung auf die DM würde keine Kapitalflucht auslösen und der Euro würde dann abwerten können.

  2. Sehr interessanter Bericht. Nur zu Ihren abschließenden Überlegungen möchte ich noch zwei Gedanken anfügen: Zum Einen könnte es durchaus auch für Varoufakis sprechen, dass er sich einen „unbeteiligten Dritten“ dazu holte, statt bei so einem Mammutprojekt nur der eigenen Kompetenz zu vertrauen.
    Zum Anderen hätte es natürlich auch ein Ablenkungsmanöver sein können. Während halb Europa über fehlende Krawatten, Home-Stories und mangelnden Arbeitseifer lästert, wird im Finanzministerium von verschwiegenen Freunden die Bombe gebastelt….

  3. So sieht eben die Blaupause einer Währungsreform aus, wie schon viele Male praktiziert. Sie schreiben hier, als wäre das eine konspirative Ungeheuerlichkeit. Dann freuen Sie sich mal auf das, was noch kommt. Dass der Bürger dabei „draufzahlt“, gehört zum „Zauber“ des Geldsystems.

  4. Varoufakis handelte im Auftrag des Premierministers. Er arbeitete mit Galbraith (und nicht nur mit ihm) einen Plan aus für den Fall, dass Griechenland widerrechtlich aus dem Euro gedrängt wird. Ebenso wie ein Verteidigungsminister einen Plan für den Fall einer Invasion in der Schublade haben muss. Das bedeutet nicht, dass er sie wünscht. Ebensowenig wünschte und wünscht sich Varoufakis den Grexit. Darüber hinaus ist dieser reißerische Text keine korrekte Wiedergabe der Berichte der Beteiligten, die Folgerungen fragwürdig.

  5. Interessanter Artikel! Meines Erachtens hätten die Erzeugnisse der Bauern Griechenlands nicht konfessiert werden müssen, da eine Bezahlung mit neuem Geld funktioniert, wie Beispiele aus der Vergangenheit bestätigen (Wörgl-Geld). Die Binnennachfrage lässt sich mit neuem Geld sofort beleben. Importe sowie Exporte sind das Problem, weil so ein Alleingang von den Euronachbarn sicher bestraft worden wäre mit Sanktionen… etc. Wir befinden uns eben in einem Finanzkrieg, bei dem alle Register gezogen werden.

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