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Lockdown in Shanghai: Der Klang des Aprils

„Der Generalsekretär hat die Maßnahmen befohlen“

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Wäre nicht Lockdown, wäre es schöner April in Shanghai. Die Parks und Straßen erblühen. Es ist warm, aber nicht heiß. So trifft man sich in den Parks, schlendert entlang des Bundes am Huangpu. Hochzeitspare lassen sich fotografieren, hübsche und weniger hübsche Mädchen posieren am Wasser vor der Skylines Pudongs. Der Klang des Aprils ist besonders: Es ist der Klang der Leichtigkeit, bevor die Schwüle des Sommers einsetzt.

Lockdown in Shanghai – dieser April ist anders

Der Klang dieses Aprils ist anders. Keine Autos stauen sich auf den Hochstraßen in Shanghai. Keine Hupkonzerte. Keine Musik plärrt aus den unzähligen Ghettoblastern in den Parks und Plätzen, keine Tanzgruppen treffen sich allmorgendlich und -abends. Der Klang dieses April ist still. Und er ist schwarz-weiß.

„Klang des Aprils“ ist ein sechsminϋtiges Video, dass derzeit in Shanghai und China viral geht. Gezeigt wird ein Drohnenflug über Shanghai. Es beginnt in Farbe mit den Pressekonferenzen vor dem 18. März, weswegen es keinen Lockdown in Shanghai geben werde. Es folgen drei Kanonenschläge.

Das Video wechselt in schwarz-weiß, unterlegt ist es mit gedämpfter Musik in Moll. Es werden Mono- und Dialoge aus dem Lockdown in Shanghai eingespielt: Eine Mutter, die von ihrem Neugeborenen getrennt wird, weil sie in ein Quarantäne-Lager verlegt wird, ein Auslieferer, der sein Gemüse nicht abholen kann und sich beschwert, dass es kein Trinkwasser gibt und nicht genügend zu Essen, man hört Menschen, die von ihren Balkonen aus nach Essen verlangen, eine Krankenschwester, die weint und hofft, bessere Anweisungen zu bekommen, um den Menschen helfen zu können. Man hört einen Mann, der verzweifelt versucht, seinen Vater ins Krankenhaus zu bringen, Menschen beschreiben die Massenunterkϋnfte, ohne Betten, ohne Toiletten. Eine freiwillige Helferin, die sich weigert, eine Tür zu versiegeln, oder wie ein Hund tot geprügelt wird.

Der Klang des Sterbens

Es ist ein sechsminϋtiges Requiem auf Shanghai. „April“ heißt auf chinesische „Monat Vier“. „Vier“ und „Sterben“ sind im chinesischen Homophone, also Wörter, die gleich klingen, aber eine unterschiedliche Bedeutung haben, wie im Deutschen das Wort „Mutter“. So wird aus „Klang des April“ „Klang des Sterbens“.

Und es ist nicht nur ein einzelnes Video, sondern es hat Nachahmer gefunden. Einige leise, einige laut und wütend. Es sind manchmal nur Bilder, wie ein leeres Notenblatt, überschrieben mit „Sound of Silence“ und die Noten liegen auf einen Scherbenhaufen am Boden.

Beliebt sind auch Bilder mit dem Hashtag 404. „404“ ist die Fehlermeldung „Seite nicht gefunden“. Und auch „404“ spielt auf das Wort „sterben“ an. Die „Moments“ in WeChat, ähnlich der Timeline in Twitter, sind voll davon. Die chinesische Zensur kommt nicht hinterher, sie zu zensieren. Immer wieder werden sie erneut hochgeladen. Und auch wenn die Zensur die Videos löscht: Es bleiben die Thumbnails. Der Autor des Videos hat mittlerweile darum gebeten, es nicht mehr zu verbreiten. Seine Familie sei in Sorge um ihn. Die Behörden haben das Video mittlerweile als „Farbenrevolution“ gebrandmarkt. Hu Xijin, ehemaliger Chefredakteur und inoffizielles Sprachrohr der KP selbst, sah sich genötigt, das Löschen und die Zensur im Allgemeinen zu verteidigen: In China werden unpassende Kommentare zwar gehört, aber gelöscht, im Westen hingegen seien sie erlaubt, aber niemand hört einem zu.

Nähme man den Kommentar von Hu Xijin ernst, dann muß ma daran zweifeln, dass die Partei wirklich zuhört und hilft: Statt wirklich Erleichterungen zu schaffen, werden jetzt Stadtviertel in Shanghai mit Containern abgeriegelt. Ganze Wohnblöcke werden in Nachbarschaftsprovinzen verlegt, Eingänge von Häusern mit Wellblech abgedeckt, ganze Häuserzeilen mit Zäunen abgesperrt. Auch die Konsequenzen daraus werden sichtbar: In Pudong stand ein Hochhaus in Flammen. Da der Wohnblock mit einem Zaun abgesperrt war, konnte die Feuerwehr nicht löschen.

Zu Zeiten der Kulturrevolution gab es das geflügelte Wort: „Wenn Mao das wüsste“. In Shanghai kursiert das Wort: „Der Generalsekretär hat die Maßnahmen befohlen“. Ein Requiem ist ein Totengebet. Aber in einem Requiem ist auch immer die Hoffnung auf die Wiederauferstehung enthalten. Hoffen wir, dass Shanghai wieder aufersteht. Die Shanghaier werden aber nicht vergessen, wer für die Lockdown-Maßnahmen verantwortlich ist – auch wenn sich die Partei offenbar entschieden hat, weiterhin Xi Jinping zu folgen.



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