Folgen Sie uns

Hintergrund

Muster oder Gesetzmäßigkeiten schwerer Finanzkrisen

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Guido Lingnau erforscht den Zusammenhang zwischen Demografie und den Entwicklungen an den Finanzmärkten – siehe dazu unser Interview mit Guido Lingnau unter dem Titel „Auch die sicheren Häfen sind in Gefahr„.
Folgender Text ist ein Kapitel-Ausschnitt seines neuen Buches „Auch die sicheren Häfen sind in Gefahr“ – die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des FinanzBuch Verlags:

Muster oder Gesetzmäßigkeiten schwerer Finanzkrisen

Wenn es starke Länder wie Japan oder die USA treffen kann, dann kann
es auch alle anderen Länder treffen. Wenn die Wirtschaft und die Immobilienmärkte
in Japan seit mittlerweile 25 Jahren auf einem absteigenden
Ast balancieren, warum dann nicht zukünftig auch in Deutschland?
Wenn das Platzen einer Immobilienblase immer wieder zu nachhaltigen
und gravierenden Folgen für ein Land und dessen Finanz- und Immobilienmärkte
führt, ja sogar das ganze soziale Gefüge zerstören kann, dann
sollten wir uns ernsthaft fragen, wann und wo solche Krisen in Zukunft
entstehen könnten. Wir sollten die Ursachen der Entstehung und Entwicklung
solcher Krisen unter die Lupe nehmen und nach Gemeinsamkeiten
suchen. Die Muster, die wir dabei finden, könnten wir nutzen, um
die nächsten schweren Immobilien- und Bankenkrisen zu erkennen, bevor
sie großen Schaden in unserem Vermögen anrichten können.

In Kapitel 2 haben wir gesehen, dass die wirklich schlimmen Finanzkrisen
sehr oft im demografischen Frühherbst stattfanden, jeweils gut 40
Jahre nach einem nachhaltigen und mindestens 10-prozentigen Geburtenrückgang.
Zuvor gab es jeweils einen lang anhaltenden Wirtschaftsboom,
der in Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten mündete.
Zuerst platzte meist die Aktienmarktblase, und während die Wirtschaft
langsamer als erhofft wieder auf die Beine kam, wurden Innovationen
und Reformen vernachlässigt. Stattdessen wurde die wenig innovative
Baubranche gefördert – Eigenheimförderung, sozialer Wohnungsbau,
Infrastrukturprojekte, Konjunkturprogramme – und das Geld billig
gemacht. Die Immobilienpreise stiegen dadurch wieder, ohne dass der
Anstieg wirtschaftlich untermauert war. Zu hohe Preise und ein Überangebot
an Wohnraum führten zum Platzen der Immobilienblase und danach
zu einer schweren Finanzkrise. Das Muster könnte also lauten: Ein
langer Wirtschaftsboom führt zu Übertreibungen. Wenn dann die Babyboomer
40 werden und die Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten
platzen, kommt es zu schweren Finanzkrisen.

Aber lässt sich daraus eine eindeutige Gesetzmäßigkeit konstruieren? Es
gibt sicherlich viele Anzeichen dafür, dass es im Rahmen bestimmter demografischer
Strukturen immer wieder zu bestimmten Entwicklungen kam. Aber nicht immer
folgt gut 40 Jahre nach einem nachhaltigen Geburtenrückgang eine schwere Finanzkrise.

In Spanien und Irland waren die Babyboomer für eine Immobilienkrise
eigentlich viel zu jung, und trotzdem litten gerade diese beiden Länder
der Eurozone besonders heftig unter der großen Finanzkrise. Der Grund
hierfür dürfte in der für Spanien und Irland ungeeigneten Niedrigzinspolitik
der Europäischen Zentralbank zwischen 2004 und 2007 liegen.
Denn zeitgleich zum Boom in diesen beiden Ländern kämpfte Deutschland
mit einer langwierigen wirtschaftlichen Schwächephase. Die EZB
entschied sich, die deutschen Bedürfnisse nach möglichst niedrigen Zinsen
stärker zu berücksichtigen als den Ruf der Boom-Länder nach konjunkturdämpfenden
Maßnahmen, wohl wissend, dass dies sehr negative
Auswirkungen für Spanien, Irland oder auch Griechenland haben könnte.
Die damaligen Boom-Länder hätten sich mit höheren Steuern vor zu
hohen Kapitalzuflüssen schützen müssen, was sie aber nicht taten. Eine
von der Politik und damit vom direkten Wählerwillen relativ unabhängige
Notenbank kann allem Anschein nach eher vor Blasen und einer Überhitzung
der Wirtschaft schützen als nationale Regierungen.

Dass eine Immobilienblase nicht immer eine systemrelevante Finanzkrise
auslösen muss, zeigen derzeit die Niederlande und Dänemark. Beide
Länder leiden recht leise. Auch sie haben seit einigen Jahren mit rückläufigen
Immobilienpreisen zu kämpfen und müssen Banken retten, während
die Wirtschaft nicht richtig in Fahrt kommt. Beide Länder befinden
sich demografisch in der problematischen Zone, hatten aber keine richtig
große Immobilienblase. Ob die große Krise dort noch kommt, ist nicht
ausgemacht, aber es sieht nicht danach aus.
Deutschland ist es sogar gelungen, eine eigene schwere Finanzkrise zu
vermeiden. Die deutsche Volkswirtschaft litt zwar auch unter den Krisen
in den USA, Irland und Spanien, aber aufgrund ihrer eigenen Stärke
konnte sie diese Herausforderung meistern.
Es gibt sie also, die Ausnahmen von unserem beschriebenen Muster der
sich langfristig anbahnenden schweren Finanzkrise, deren Keim 40 Jahre
zuvor durch einen Babyboom gelegt wird, die sich sukzessive durch einen
wirtschaftlichen Aufschwung und die Bildung von Blasen an den Aktien-
und Immobilienmärkten aufbaut und die dann mit dem Platzen der
Blasen abrupt ausbricht. Für diese Ausnahmen lassen sich aber Gründe
finden. Überdies sind sie zahlenmäßig sehr überschaubar. Ausnahmen
bestätigen die Regel, so heißt es. Eine Regel ist zudem keine Gesetzmäßigkeit
im naturwissenschaftlichen Sinne.

Es lohnt sich aber dennoch, diese Regel zu beachten und sich auf die Suche
nach Ländern zu begeben, deren Babyboomer jetzt um die 40 Jahre
alt sind und in denen in den letzten Jahren die Immobilienpreise stark angestiegen
sind. Und tatsächlich finden wir eine ganze Reihe von Ländern,
auf die diese Merkmale zutreffen.

Der wahrscheinlichste Kandidat für die nächste schwere Finanzkrise ist
sogar ein ganz schwerer Brocken. Es ist der zuletzt wichtigste Wachstumsmotor
der Weltwirtschaft: China. Dort finden wir jetzt alle Kriterien
gleichzeitig: Die Babyboomer sind Anfang 40, eine Immobilienblase hat
sich gebildet, die Politik der Notenbank ist lax, der Staat hat wiederholt
Konjunkturpakete geschnürt und seine Verschuldung extrem gesteigert.

Hier klicken und kommentieren

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

finanztreff

Beste aller Welten eingepreist! Videoausblick

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten – kein Risiko, nirgends..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten: die Fed werde ihnen nicht mehr weh tun, es werde einen tragfähigen Deal zwischen den USA und China geben, dazu auch eine Lösung im US-Budgetstreit (heute muß sich Trump entscheiden, ob er den Kompromißvorschlag annimmt oder nicht). Gleichzeitig sind die US-Indizes so überkauft wie seit Ende 2016 nicht mehr (als damals nach einem ersten Schock über die Wahl Trumps eine massive Rally eingesetzt hatte). All das kann noch extremer werden – aber die Vergangenheit lehrt: lange geht so eine Vertrauensseligkeit nicht gut. Der Dax hinkt den US-Märkten weiter hinterher..

Werbung: Gratis in Aktien und ETFs investieren. Null-Provision, Null-Aufwand! Erhalten Sie eine Gratisaktie im Wert von bis zu 100€

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

weiterlesen

Hintergrund

Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

weiterlesen

Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage